Jahrgang 2002 Nummer 52

Fünfhundert Jahre »Salzburger Stier«

Das akustische Wahrzeichen Salzburgs wurde renoviert

Die Bildkarte »Salzburger Stier« von Ulf Seidl gibt die allgemein verbreitete Ansicht über die Entstehung des Hornwerkes auf der Festung wieder.
So sah der Künstler Franz Kulstrunk 1897 das Hornwerk.
Früher musste das Instrument mit der Hand bedient werden.
Der niederländische Experte J. Haspels brachte das alte Hornwerk wieder in Schwung.
Bei der Renovierung mussten viele der alten Pfeifen erneuert werden.

Seit Ende Oktober ist das Hornwerk der Festung Hohensalzburg, bekannt als der Salzburger Stier, nach langer Pause wieder dreimal täglich zu hören. Das orgelähnliche Instrument war seit dem Jahre 1995 wegen dringender Reparaturarbeiten außer Betrieb. Ausschlaggebend für die lange Pause waren nicht in erster Linie die hohen Reparaturkosten von rund

350 000 Euro, sondern die schwierige Suche nach Experten, die das akustische Wahrzeichen der Mozartstadt wieder in Schwung bringen konnten.

Der Salzburger Stier soll von Erzbischof Leonhard von Keutschach im Jahre 1502 – also vor 500 Jahren – in Auftrag gegeben worden sein. Anlass dazu war einer Sage nach ein Aufstand der Salzburger Bürger gegen ihren geistlichen Landesherrn, der sich vor den Aufrührern auf der Festung Hohensalzburg in Sicherheit bringen musste. Nach der Niederschlagung der Revolte ließ der Erzbischof das Hornwerk installieren, um den Salzburger Bürgern Tag für Tag mit Nachdruck zu demonstrieren, dass er der Herr der Stadt sei, dessen Stimme jeder Bürger ohne Widerrede zu folgen habe.

Ursprünglich hatte der Salzburger Stier weder eine Spielvorrichtung noch eine Walzenorgel für verschiedene Melodien, sondern bestand nur aus dem Windkasten, dem Blasebalg und 138 Pfeifen, die bei Betätigung des Blasebalges einen vielfach verstärkten F-Dur-Dreiklang erzeugten. Der 24-fache Terzchor färbt den Dreiklang hornartig brüllend, um ihn tragfähig zu machen. Durch die Ähnlichkeit mit dem Brüllen eines Stieres nannte man das Hornwerk deshalb den Salzburger Stier.

Das Instrument hatte ursprünglich sicher eine Signalfunktion. Es ertönte täglich morgens um vier Uhr zu der Zeit, wenn die Bürger damals aufzustehen pflegten – und am Abend nach dem Aveläuten um 19 Uhr, wenn das Tagewerk beendet war und auf Straßen und Plätzen Ruhe einkehren sollte. Nach dem Lokalhistoriker Franz Valentin Zillner sah der Tagesablauf in Salzburg früher so aus: »Man stand zeitig auf, ging in die Sechs- oder Sieben-Uhr-Messe, speiste um 11 Uhr zu Mittag, der gewöhnliche Spaziergang war ums Tor, man ging bei einem Stadttor hinaus und beim nächsten wieder herein. Besuchte man ein Wirtshaus, so war man spätestens beim Aveläuten wieder zuhause. Wer länger blieb, hatte entweder einen besonderen Anlass oder galt für einen Nachtschwärmer. Um 10 Uhr (22 Uhr) lag nur mehr der Dämmerschein der Stadtbeleuchtung für kurze Zeit auf der alten Felsenstadt und hier und da verriet der matte Schimmer eines Nachtlichts die Schläfer.«

Später, wahrscheinlich um das Jahr 1640, wurde zusätzlich zum Hornwerk eine Walzenorgel angeschafft, die getrennt vom »Horn« gespielt werden kann. Auf der Walze ist das dem Tonumfang entsprechende Stück mit Eisenstiften eingeschlagen. Wenn die Walze über ein Schwungrad gedreht wird, öffnen die Stifte über kleine Hebel die Pfeifenventile und lösen dadurch den Ton aus. Ursprünglich spielte die Walzenorgel nur den sogen. Alten Choral im Umfang von nur drei Verszeilen, dessen Komponist unbekannt ist. Möglicherweise war es überhaupt kein Choral, sondern ein altes Kirchenlied. Alle Versuche, die Herkunft der Melodie zu ermitteln, sind bisher ergebnislos verlaufen.

Im Jahre 1753 erhielt der Salzburger Hoforgelmeister Johann R. Egedacher den Auftrag, das Hornwerk mit einer neuen Walze und für jeden Monat des Jahres mit einer anderen Melodie auszustatten. Die Liedsätze lieferten Hofkapellmeister Johann Ernst Eberlin mit fünf Stücken und der Hofkomponist Leopold Mozart mit sechs Stücken. Für den zwölften Monat sollte wieder der »Alte Choral« verwendet werden.

Bei späteren Renovierungen der Walze kam es wiederholt zu Veränderungen der Musikstücke. Zeitweise erklangen von der Festung herab Opernmelodien, aber auch die »Österreichische Volkshymne« von Joseph Haydn und das »Mailied« von Wolfgang Amadeus Mozart. Nach dem »Anschluss#« im Jahre 1938 wurde der Salzburger Stier in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt, weil der Gauleiter die bisherigen Melodien als unpassend empfand. An ihre Stelle traten zwei im Dritten Reich gerne gesungenen Lieder: »Heilig Vaterland« nach dem Text des von 1935 bis zu seinem Tode im Jahre 1962 in Bergen lebenden Dichters Rudolf Alexander Schröder und »Jugend, wie tragen die Fahnen« nach dem Text des Nazi-Barden Herybert Menzel. Aber schon im Jahre 1943 demontierte man das Hornwerk wegen möglicher Bombenangriffe und brachte es im Keller der Festung in Sicherheit, wo es leider durch eingedrungenes Wasser schwer beschädigt wurde. Im Zuge der Sanierung 1946 bekam das Werk eine neue Walze mit der Österreichischen Bundeshymne, dem Freimaurer Bundeslied und dem Weihnachtslied »Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will.« Aber Bedienungsfehler und unsachgemäße Reparaturen beschädigten das Spielwerk, der Einbau eines Motors und einer Zeituhr schufen neue Probleme.

Eine gründliche Überholung des gesamten Hornwerks und die Erneuerung aller wesentlichen Teile einschließlich der Walze war nicht länger aufzuschieben – zu diesem Ergebnis kam im Jahre 1993 das Gutachten einer Kommission von Vertretern des österreichischen Bundesdenkmalamtes, der Universität Salzburg und der Festungsverwaltung. Eine niederösterreichische Orgelbaufirma erhielt den Auftrag für den Bau einer neuen Balganlage und die Restaurierung der Pfeifen, für die Wiederherstellung der Spielmechanik und ide Bestiftung einer neuen Walze wurde der Direktor des Utrechter Musikinstrumenten-Museums Dr. Jan L. Haspels, ein international anerkannter Fachmann für mechanische Musikinstrumente gewonnen. Zur Bestreitung der Kosten trugen auch Spender aus vielen Ländern bei, deren Namen auf einer Plakette in der Nähe des Hornwerks verzeichnet sind.

Mit dem Salzburger Stier besitzt Salzburg eine der letzten noch heute funktionsfähigen spätgotischen Orgeln der Welt und das älteste mechanische Musikinstrument, das regelmäßig gespielt wird. Bei der Auswahl der Melodien für die neue Walze haben sich die Fachleute ganz bewusst für die historische Liedfolge aus dem Jahre 1763 entschieden mit dem Alten Choral und den Tonsätzen von Ebertin und Leopold Mozart.

So erklingt nun von der Festung Hohensalzburg um sieben, um elf und um 18 Uhr täglich nach dem Glockenspiel – abgesehen von den Wintermonaten – wieder dieselbe Musik, die schon Wolfgang Amadeus Mozart vor 250 Jahren durch seine Kinder und Jugendjahre begleitet hat.

JB



52/2002