Jahrgang 2002 Nummer 37

Fleißbildchen – die »Guatln« der Schulkinder

Noch heute sind sie begehrte Belohnungen für braves Schülerverhalten







»Ohne Fleiß kein Preis« – das war schon immer so und wird so bleiben. Wer ernten will, muss säen, das weiß nicht nur der Landwirt, sondern auch der Einzelhändler, der Firmenmanager oder die Krankenschwester. Nur dann, wenn sie Engagement und Energie einbringen, können sie erwarten, dass bei ihrer beruflichen Tätigkeit etwas für sie herauskommt. Erfolg drückt sich für den Berufstätigen nicht nur in klingender Münze aus, sondern auch in Anerkennung und Lob. Beides ist nicht weniger wichtig als der ausgezahlte Lohn für investierte Leistung.

Nehmen und Geben

Schon die Schulkinder erfahren dieses Prinzip des Nehmens und Gebens. Was sie – für »gute Leistungen« - erhalten, macht sie froh, stimmt sie glücklich, lässt sie stolz sein, spornt sie an. Lehrerinnen und Lehrer wussten es schon immer und wissen es noch heute, dass mit Belohnung (des Guten) mehr zu erreichen ist als mit Bestrafung (des Minderen). Bevor sie aber mit den Ziffernnoten und verbalen Beurteilungen ihrer Schützlinge – und das nicht nur zu Zeugniszeiten, wie alle wissen – aufwarten, locken sie, namentlich die Kinder in der Grundschule, mit Fleißbildchen, Fleißkärtchen, Fleißzetteln und Gutstempeln. Solche Zeugnisse des Lernfleißes nehmen die Kinder viel lieber in Empfang als die Halbjahres- oder Jahreszeugnisse mit ihren endgültigen Fixierungen.

Bonbons der Schulkinder

Fleißbilletts waren und sind noch heute die Bonbons der Schulkinder. Der Lehrerin, dem Lehrer sind sie nicht leicht zu entlocken gewesen: Erst für fünf oder gar zehn »gute« Aufsätze oder schön geschriebene Diktate (fehlerfreie, das versteht sich von selbst) gab es ein Fleißbild. Gefiel es, war des Kindes Sammelleidenschaft geweckt. Es wollte mehr von diesen »süßen« Bildchen mit den hübschen Sprüchlein darauf – und siehe da, es lernte künftig lieber, strengte sich mehr an, war eifriger bei der Sache. Mit keinem Geldstück war aufzuwiegen, was so ein Fleißbildchen an Lohn bedeutete. In Mäppchen und Schachteln wurden sie aufbewahrt, manche vielleicht wurden sogar in eigene Fleißheftchen geklebt. Hergegeben wurde kein einziges. Auch nicht der besten Freundin, und wenn diese noch so bettelte. Denn so ein Fleißbildchen war ein ganz persönliches »Geschenk« der Lehrperson oder auch des Katecheten, der natürlich Heiligenbildchen verteilte, fromme Motive mit viel Inbrunst und brennenden Herzen Jesu oder Mariens…

Bohatta-Bildchen

Eine wahre Fundgrube für Fleißbildchen des vorigen Jahrhunderts stellt das graphische Werk der unermüdlich tätigen, 1900 in Wien geborenen und mit 92 Jahren dort gestorbenen Ida Bohatta-Morpurgo dar. Mit 19 Jahren hatte sie begonnen, Bücher für verschiedene Verlage zu illustrieren, darunter Lesefibeln, Lieder- und Geschichtensammlungen. 1926 begann Ida Bohatta-Morpurgo für den Münchner Ars sacra Verlag des Josef Müller zu arbeiten, was genau ein halbes Jahrhundert anhalten sollte. Neben Bilder-, Märchen- und Hausbüchern von Ludwig Richter, Bachlechner, Huber-Sulzemoos, aber auch Moritz von Schwind wurden der emsigen, geradezu fabrikmäßig und immer wieder seriell arbeitenden Ida Bohatta-Morpurgo die populären englischen zeitgenössischen Künstlerinnen C. M. Barker und Beatrix Potter zum Vorbild. Auch war sie an Ernst Kreidolfs feiner Naturbeobachtung und anthropomorphisierender Tierdarstellung interessiert. Fast so berühmt wie die kleinformatigen, 120 x 146 großen »Bohatta-Bücher« wurden die »Bohatta-Bildln«, die ausschließlich bei Ars sacra erschienen und in die Tausende gingen. Sie sind relativ leicht an der Signatur IBM zu identifizieren. Die Motive der Ida Bohatta-Morpurgo waren durchweg religiös, sie spiegeln aber auch die Harmonie in der Zwergen- und Kleintierwelt und fangen besonders gern putzige Alltagsszenen aus dem Kinderleben ein. Die Künstlerin erfand selbst die Texte, die unter die Zeichnungen gesetzt wurden. Meist appellieren sie an des Empfängers Wohlverhalten, Glaubenstreue und Mitmenschlichkeit, aber auch an Gebet und anhaltende Strebsamkeit, Sittsamkeit und Aktivität. Gottes- und Tierliebe sowie Schonung der unberührten Natur gehören ebenso in das Erziehungsprogramm wie Mahnung zu Lerneifer und schulischem Fortschritt durch eigene Bemühung und moralisch integre Lebensführung in Elternhaus, Klassenzimmer und Freundeskreis.

Sinnige Sprüche

Die folgenden Sprüche auf Fleißbildchen finden sich bei Ida Bohatta-Morpurgo und anderen Autor(inn)en, die die beliebten »Guatln der Schulkinder« herstellten und mit ihrer Massenproduktion nicht schlecht verdienten:

Mutterliebe, Muttertreu
Wird an jedem Morgen neu.
Lehren, wehren, nähren ist
Ihr Geschäft zu jeder Frist.
*
Die Welt ist voll von Gottessegen,
Willst du ihn haben, er ist dein,
Du brauchst nur Hand und Fuß zu regen,
Du brauchst nur fromm und gut zu sein.
*
Am Rosenstrauch, am Rosenstrauch,
da zählt Herr Jesus alle Tag
die Knospen zart, die Knospen fein,
ob eine neue blühen mag.
Und jede Knospe freut ihn so
in seiner Himmelsgüte –
sag schnell ein liebes, sanftes Wort,
– dann wird es eine Blüte.
*
Einst hab die zehn Gebote ich
Auf Sinai gegeben,
Sie gelten auch, mein Kind, für dich,
Nach ihnen sollst du leben. –
So lern den Katechismus gern
Und thu nach meinen Lehren,
Dann will ich dir des Glückes Kern
und einst mein Reich gewähren.
(Cordula Peregrina)
*
Ein Kind, das fromm Gehorsam übt,
Die Eltern und die Lehrer liebt,
Das sanft ist und bescheiden,
Das steht in Gunst bei Gott dem Herrn,
Das haben alle Engel gern –
Und jeder sieht’s mit Freuden.
(Cordula Peregrina)

Viele Fleißbildchen blieben textlos oder wurden lediglich mit einem kurzen Sinnspruch, einer Lebensweisheit oder Redewendung versehen: »Erst die Arbeit – dann das Spiel«. Manchen rührenden oder lustigen Szenen, zu denen die Kinder sich Geschichten ausdenken konnten, sind lediglich begleitet vom Motto »Lob der Handarbeit« – »Lohn des Fleißes« – »Dem besonderen Fleiße« – »Zur Belobung« – »Sehr zufrieden«.

Hauchbildchen

Sind die meisten der massenhaft hergestellten und verbreiteten Fleißbilder aus Papier, gibt es auch welche aus einer Art farbiger, bedruckter Gelatine, die so genannten Hauchbildchen. Legt man sie auf die warme Handfläche, rollen sie sich zusammen, was sie rasch tun, wenn man sie anhaucht. Auch Andachtsbildchen und Scherzbildchen bestehen aus diesem durchscheinenden Material, das bei Alt und Jung beliebt war.

Wenn hier vor allem Ida Bohatta-Morpurgo – ihre Bildchen sind noch heute an Schreibwaren- und Buchladenkassen zu haben – als Bildautorin eine hervorragende Stellung einnahm, so ist nicht gesagt, dass es noch weitere Künstlerinnen und Künstler gab, die sich auf dem Gebiet des gedruckten Fleißbildchens hervortaten. Zu nennen sind insbesondere Franz Graf Pocci, Berta Hummel und nicht zuletzt die derzeit in ihrer Wahlheimatstadt München wiederentdeckte Ruth Schaumann. Leider steckt die Erforschung dieser Spezies populärer Druckgrafik erst in den Anfängen.

Schätze der Sammler

Dem sammelnden Kind und dem bewahrenden Erwachsenen war es ziemlich egal, wie diese beliebten Produkte, die es kostenlos gab, kunstgeschichtlich einzuordnen sind. Allein die attraktiven Objekte, die sich leicht verstauen ließen und relativ wenig Platz beanspruchten, waren für sie von Interesse. Kein Wunder, dass in so manchem Nachlass einer alten Dame – die Mädchen waren schon seit jeher fleißiger und strebsamer – ein Packen Fleißbilder gefunden wurde. Denn die Schätze aus der (gewiss nicht immer nur »seligen«) Kinderzeit wurden gehütet und sorgsam verwahrt. Sammler haben längst ihre Freude an den reizvoll gestalteten, unendlich vielfältig, bewusst anrührend gemachten Kindergaben. Sie sind ihnen Dokumente für Kinderfreundlichkeit, erinnern an eigene Kindertage u nd lassen sie schmunzeln über so viel Naivität und – auch Kunstverstand. Beides vereinen die Fleißkärtchen – oder wie immer die »Lohnzettel« regional unterschiedlich genannt werden – in schönster Einfachheit.

Die einen werden für »allgemeinen Fortgang«, die anderen für »gutes Betragen« ausgefertigt. Es gibt Fleißbildchen für gute Leistungen in einzelnen Lehrgegenständen – bis hin zum Violinunterricht. Die Motive sind passend gewählt, da ist der Bienenkorb, Symbol des Fleißes schlechthin, da sind aber auch der »fleißige« Sänger unter den Vögeln oder die »fleißig« blühende Nelke zu sehen. Geduldige Kinderszenen, Märchenepisoden oder ruhig-friedliche Landschaften bilden die Fleißzettel ab. Ihre Sinnsprüche sind erfüllt von guten Ratschlägen und moralisierenden Lebensweisheiten.

Nachbemerkung: Die hier gezeigten Fleißbildchen stammen aus der Sammlung des Verfassers. Sie wurde nicht systematisch aufgebaut und beschränkt sich im Grunde auf Zufallsfunde bei Antiquaren, Trödlern und Flohmarkthändlern.

HG



37/2002