Jahrgang 2005 Nummer 28

Festival Folklorique Mondial

Eine Reise mit dem Fanderl Wastl zum Weltvolksmusiktreffen 1953 in Biarritz/Pamplona

»Die vier vom Gamsstadl« (v. li.: Heindlmeier, Döllerer, Fanderl, Witter)

»Die vier vom Gamsstadl« (v. li.: Heindlmeier, Döllerer, Fanderl, Witter)
Das »Fanderl-Trio«: Bertl Witter, Wastl Fanderl, Leo Döllerer

Das »Fanderl-Trio«: Bertl Witter, Wastl Fanderl, Leo Döllerer
»Du kost a net französisch?« fragte der Wastl den Karl und schwenkte einen Brief vom »Syndicat d’Initiative« in Biarritz, in welchem der »Chef du groupe allemagne« mit der Anrede »Monsieur le President« gefragt wurde, wann eintreffend wie viel männliche/weibliche Teilnehmer wie viel Einzel-/Doppelzimmer benötigen würden.

Der Wastl kam nach grober Zählung auf 17 Teilnehmer, die laut Auftrag des Auswärtigen Amtes als offizielle Gruppe die Bundesrepublik Deutschland vertreten sollten. Karl beantwortete das Schreiben und gab den Antwortbrief gleich nebenan im Stadtpostamt als Eilbrief auf.

Als alles erledigt war, erfuhr Karl, dass das »Festival folklorique« ein »Sechstage-Fest« werden sollte, 3 Tage im französischen Baskenland (Biarritz/Bayonne) und 3 Tage im spanischen Baskenland (Pamplona). 20 Gruppen aus »vieler Herren Länder« würden teilnehmen.

»Du könntest doch als Dolmetscher mitfahren« meinte der Wastl. Karl entschied sich sofort, sagte zu, regelte seine einwöchentliche Abwesenheit vom Geschäft und fuhr am nächsten Tag mit dem Zug nach München, um beim französischen und beim spanischen Konsulat das notwendige Visum zu erlangen. Mit dem vorgelegten brieflichen Auftrag des Auswärtigen Amtes an den Fanderl Wastl ging alles glatt. Zusammen mit zwei Münchner Klarinettisten konnte Karl gegen Mittag am vereinbarten Treffpunkt in den »Wiedl-Bus« zusteigen.

Der »Wiedl-Bus« vom Reisebüro Wiedl in Traunstein war ein älterer Bus mit 16 Sitzplätzen. Es waren 18 Fahrgäste, dazu kamen Koffer und Musikinstrumente von Zithern, Hackbrett über Akkordeons bis zur Bassgeige. Zum Glück gab es im schmalen Gang kleine Klappsitze (ohne Lehne), die im Wechsel benutzt wurden.

Wer alles mitfuhr? Der Wastl mit seiner Frau Lisl (Hackbrett) und dem Schwiegervater Thomas Mayer (Zither). Die »Vier vom Gamsstadl«, zu denen mit dem Wastl der Witter Bertl, der Döllerer Leo und der Heindlmeier Schorsch gehörten. Drei Bergener Trachtler und drei Trachtlerinnen bildeten die Tanzgruppe. Der Reischl Hans (Zither) war mit, zwei Klarinettisten waren dabei und Karl als Dolmetscher.

Alle waren sich klar darüber, dass sie zu einem großen Ereignis fuhren. Alle ertrugen die Enge und viele Unzulänglichkeiten mit viel Geduld und gegenseitiger Rücksichtnahme. Alle waren Willens mit guten musikalischen Leistungen und korrektem Auftreten ein gutes Bild der Bundesrepublik Deutschland und zugleich der bayerischen Heimat abzugeben. Alles sahen es auch als große Ehre an, dass sie – wenn sie das auch mit leichtem Schmunzeln feststellten – mit dem »Präsidenten Wastl« nach Frankreich fahren durften.

Karls Vorschlag für die Reiseroute wurde akzeptiert: Hinfahrt über Straßburg, Belford nach Lyon, von da rhoneabwärts südlich hinunter bis fast Marseille, am Nordrand der Pyrenäen entlang nach Westen bis Biarritz am Atlantik.

Drei Tage und zwei Nächte war die Truppe unterwegs. Im engen »Wiedl-Bus«! Über Landstraßen und durch geschwindigkeitsbeschränkte Ortsdurchfahrten. Es gab ja noch keine Autobahn in Frankreich. Die Teilnehmer vertrieben sich die Zeit mit Schauen, mit Gesprächen, mit Rätselraten à la Lembke. Der Wastl konnte zwei Stunden lang erzählen, ausfragen, kommentieren, um dann für längere Zeit wieder »abzutauchen«.

In der Frühe gab’s Morgenwäsche am Fluß. Nach einem »Café noir« im Eck-Cafée, zwischen Franzosen mit Baskenmütze und an der Oberlippe angeklebter »Gauloises«. Dann ging die Reise weiter.

»Du, schau mal des Taferl an!« machte Karl eines Morgens den Wastl aufmerksam. Auf dem damals in Frankreich üblichen Betonortsschild, einem breiten Oval über einem geschwungenen Fuß, stand der Ortsname »TAFEY«. Wastl reagierte prompt: »Mei, die Franzosen schaug o! Müaßen di net auf des Tafei »TAFEY« naufschreibn, dass ma woaß, dass des Tafei a Tafei is!!« Am Abend des dritten Tages kamen die übermüdeten Reisenden an, belegten das Quartier im 1. Stock eines kleinen Familienhotels mit baskischem Namen und schliefen, schliefen, schliefen.

Nach dem späten Frühstück gab es einen ersten Termin für Aufnahmen für Rundfunk und Film. Trachtler und Musikanten stellten sich dem Ansinnen und wurden mit Prädikaten »admirable, formidable, magnifique« bedacht.

Beim geschlossenen, aber zwanglosen Gang durch die Stadt gab es eine Überraschung: Eine Gruppe von 6 Mann mit bekannten Gesichtern tauchte auf: Hans Seidl, damaliger Leiter der Abteilung Volksmusik beim bayerischen Rundfunk. Im Gefolge der Kiem Pauli und die Waakirchner Sänger.

Frostige Begrüßung und Erklärung: Die Gruppe hatte sich durch Vermittlung von Hans Seidl die Reise per D-Zug vom BBC in London finanzieren lassen. Die erste Ablehnung des Vorschlags zur Mitwirkung durch den Wastl, mit der Bemerkung »Mein Programm steht!«, wich der Erkenntnis, dass man – wenn schon im Ausland gemeinsam auftreten sollte. Der »Präsident Wastl« gab der Gruppe einen Gesprächstermin, in dem das gemeinsame Auftreten festgelegt wurde. Da war Karl nicht mit dabei. Zu dem Gespräch brauchten die Gruppen ja keinen Dolmetscher.

Am späten Nachmittag war Auftritt aller Gruppen im Stadion von Bayonne (38 km von Biarritz entfernt). Engländer, Iren, Spanier, Italiener, Jugoslawen, Griechen, Türken, ein indisches Gamelan-Orchester gaben ihr Bestes. Die deutsche Gruppe wäre gleich am Anfang dran gewesen. Nach dem französischen Alphabet kam »Allemagne« noch vor den Engländern mit »Angleterre«. In letzter Minute musste die Darbietung verschoben werden. Eine der Bergener Trachtlerinnen hatte ihr weißes Spitzenhösel im Hotel vergessen und konnte doch nicht im rosa Schlüpfer beim Steirischen den Rock hochdrehen. Was tun?

Schneller Entschluss: Karl fuhr mit dem zugeteilten Verbindungsmann, einem Elsässer, mit dessen DKW, Vorkriegsmodell, Pappdeckelkarosserie und Kulissenschaltung am Armaturenbrett die gut 30 km nach Biarritz, um im Hotel das Höserl zu holen. Mit Bravour zog der Fahrer den DKW mit Voderradantrieb in die Kurven der staubigen Schotterstraße, die Hinterräder rutschten quer in den Kurven und hinterließen eine kilometerlange Staubfahne. Im Hotel stürmten die zwei Helden in das Zimmer im 1. Stock, in welchem die Damen untergebracht waren, rissen die Koffer auf, fanden das Spitzenhöserl und stürmten mit der Trophäe an der Wirtin vorbei, die den Überfall nur händeringend mit »Oh la-la, mon Dieu!« kommentieren konnte, zurück nach Bayonne. Das Spitzenhöserl wurde hinter der Tribüne angezogen und der Auftritt konnte stattfinden.

Als erster ging Karl mit der Fahne der Bundesrepublik Deutschland, vom Wastl mit der Anrede geehrt »Krummer Hund und Fahneträger«. Der Auftritt der Deutschen Gruppe – made in Bavaria – wurde mit großem Beifall bedacht, aber den größten Beifal löste Schorsch Heindlmeier aus, als er den schweren Bauerntisch samt Zither und Hackbrett, gehend freihändig über die Stufen der Holztreppe trug und auf das Podium stellte. Am Sonntagvormittag war großer Festzug. Die Gruppe war geschlossen dabei. Musik im Marschieren! Karl fungierte als Akkordeonspieler. Der Zug ging über die Hauptstraße von Biarritz. Diese mündete in einen Straßentunnel, an dessen Ende, bei freiem Blick auf den Atlantik, ein großes Ehrenmal errichtet war. »Musik aus!« bedeutete man uns. Wir gaben das Signal an die hinter uns marschierenden Engländer weiter. Für jede der 22 Gruppen hielt man einen Riesen-Gladionenstraß bereit, damit die den Gefallenen der Kriege zu erweisende Ehrung mit einem Blumenstrauß belegt werden konnte. Ohne Zögern schob man den Kiem Pauli nach vorn, der als der Älteste, im dunkelgrauen Lodenanzug mit langer Hose, den Gladiolenstrauß ernst und würdevoll niederlegte. Es gäbe noch viel zu berichten. Ein Bad im Atlantik in einer ruhigen aber durch Schiffsteer verunreinigten Bucht. Bei Besuchen in der Stadt brauchte es einige Mühe, selbstbewusst aber höflich und verbindlich aufzutreten. Die Reaktionen reichten von Vorwürfen bis zur Versicherung ausdrücklicher Sympathie. Bei den Kontakten zu den anderen Gruppen waren es die Basken, die Bretonen und die Iren, zu denen die Beziehungen sehr freundlich waren. Sollten da vielleicht gewisse Wesenszüge der Volksstämme eine Übereinstimmung herbeigeführt haben?

Am nächsten Tag ging’s über die Pyrenäen ins spanische Pamplona. Von den 22 Gruppen aus vielen Nationen durften 21 Gruppen mit. Die Jugoslawen wurden ausgeschlossen, weil sie einen Sowjetstern in ihrer Fahne hatten. Sie mussten in Frankreich bleiben und durften nicht ins Franco-Spanien hinein. In den Pyrenäen waren Strafgegangene beim Bau von Grenzbefestigungen eingesetzt. Der zur Verfügung gestellte Bus durfte mit Ausnahmegenehmigung die Pyrenäen direkt überqueren.

In diesem Bus waren auch Bretonen, da deren Bus eine Panne hatte. Ähnlich wie die Bayern im Deutschen Vaterland ihre Eigenständigkeit betonen, so tun es die Bretonen in Frankreich. Ein bretonischer Volksmusikant erläuterte, sein Großvater habe immer nur von »les Etrangers« (die Fremden) gesprochen, wenn von den Franzosen die Rede war.

In Pamplona wurden die Männer in einem Priesterseminar, die vier Frauen in einem Kloster untergebracht. Nachmittags war Stierkampf in der Arena, abends Volksmusik aus aller Welt. Beim Stierkampf erhielten die Teilnehmer Schattenplätze. Die hätten das Dreifache gekostet als Plätze in der Sonne, wenn die Karten hätten bezahlt werden müssen. Sechs Stiere und drei Toreros waren aufgeboten zum grausamen Spiel. Der Wastl und seine Lisl erhoben sich und verließen die Arena, nachdem der erste Stier mit Pferden aus der Arena geschleift wurde. »Es g’langt«, war ihrem Gesichtsausdruck zu entnehmen. Die Bergener Trachtler hielten aus. »Wos san dös für ao?« meinte der »Bocher« mit Blick auf die Reiter, die hoch auf dem mit schweren Decken gepolsterten Ross dem Stier Lanzen mit bunten Bänder in den Rücken stießen. »Bandilleros!«, erklärte Karl.

»Hob i glei denkt, dass des a Bande is!«

Als der Stier, vom Hetzen und vom Blutverlust geschwächt schon fast in die Knie ging, bevor der Torero ihm den Todesstoß versetzte, meinte der »Bocher«: »iatzt werd er scho ganz toagig in die Schragn!«

In der gleichen Arena war abends Auftritt aller Volksmusikgruppen. Das Programm lief ohne Störung ab. Es war ja schon erprobt und wurde in voller, nicht endenwollender Länge dargeboten. Das Abendessen, besser Nachtessen, war auf 1 Uhr (nachts) angesetzt und wurde aber erst um 2 Uhr serviert; für die Frauen im Kloster, für die Männer, im Priesterseminar. Nach dem Essen, so etwa um 3 Uhr, erklärten die Bergener Trachtler: »iatzt geh ma in d’Stodt und kaufen uns a Hoibe!«

Um 4 Uhr früh hörte man draußen im Flur Gesang. Karl stieß den Reichl Hans an, der neben ihm schlief: »Hans, des san die unsern, müassn di si aufführn?« Auf dem Flur standen etwa zwanzig Priesterseminaristen im schwarzen langen Talar und mit »Don Camillo-Hüten« und sangen ein Ständchen: »Stihille Nacht, ... eilige Nacht .....« und das mitten im Juli! Es war halt das einzige deutsche Lied, dass sie konnten und mit dem sie große Freude bereiteten. Die Trachtler schlichen auf Zehenspitzen vorbei und gingen in ihre Bettten. Pamplona ade! Nach einem Abschiedsjodler für die Wirtin vor ihrem Hotel von den »Vier vom Gamsstadl« traten alle von Biarritz aus die Rückfahrt an. Nach Karls Vorschlag über Bordeaux, Chartres, Rambouillet, Buc, Paris.

Als Karl von Chartres erzählte, kam der Einwurf »zwegn dem sam ma do net auf Frankreich g’fahrn, um a Kirch ozchaugn!« Die Zweifler verstummten, als sie die gewaltige, großartige Architektur der gotichen Kathedrale sahen und den zu demütig frommer Andacht zwingenden Inneraum betraten. Einen Raum, in dem sich die Blicke auf die hohen dämmrig-bunten Fenster und die Gedanken zu Gott erheben können.

Schloss Rambouillet war im Krieg von einem Stab der deutschen Wehrmacht besetzt. Es war auch zur Besichtigung freigegeben. »Ob wir das Schloss werden anschauen können?«, war die Frage. Der bescheidene Wiedl-Bus fuhr in die Einbuchtung vor der Toreinfahrt. Vor dem hohen schmiedeeisernen Tor standen zwei Wachen, Angehörige der »Garde national«, mit weißen Lackriemen schräg über der Brust, schwer bewaffnet und mit allen Insignien hoheitlich-martialischer Darstellung. Auf die höflich-skeptische Frage, ob das Schloss besichtigt werden könne, kam die Antwort: »Mais non, monsieur! C’est le President du Republique, qui habit la!« – »Wos hot der g’sogt?« wollte der Wastl wissen. »Nei derfn ma net, do wohnt da Präsident vo Frankreich.«

»Ah sooo!«. Der Wastl neigte sich halb aus dem Fenster und sprach zum Posten: »Ja, wann des so is, Manschkerl, na sogst deim Präsidenten an schöna Gruß vom Präsidenten Wastl!«

Der Bus fuhr wieder an. Nach Buc bei Versailles zur »Ferme Les Loges«, wo Karl im Krieg drei Jahre hatte verbringen müssen. Alle wurden von den damaligen Quartiersleuten gut aufgenommen, zuvorkommend behandelt und konnten sich vorm Paris-Besuch etwas frisch machen.

Wastl’s Auftrag: Karl soll den Reiseteilnehmern in zwei Stunden Paris zeigen! Oh je! Das ist auch für einen alten Pariskenner eine fast unlösbare Aufgabe. Aber gehen wir’s an!

Busparken am Place de la concorde. Ging damals noch! Mit der Metro zum Etoile. Der Arc de Thriomphe schon im Scheinwerferlicht. Grab des unbekannten Soldaten! Marsch abwärts über die Champs Elysées am Tivoli vorbei, zwei Metrostationen weit. Mit der Metro zum Place Blanche, über die berühmte Freitreppe fast im Laufschritt zur Sacre Coeur, zum Montmartre und zum Place Pigalle an Straßenportraitisten und Cafées mit Musette-Musik vorbei. »Wastl, wos san des für Tänz?« fragten die Bergener Trachtendirndln, die in »dances« richtig »Tänze« vermutet hatten, aber »DANCES NUS« nicht recht deuten konnten. »Dös san Nuss-Tänz, do tanzen’s auf die Nussen«, belehrte Wastl die ihm Anvertrauten. Die frage nach Betrachten entsprechender Bilder »Wieso muaß ma si naked ausziagn, wamma auf die Nussen tanzen mecht ???« blieb unbeantwortet.

Mit der Metro zur Opera, vom Café de la Paix am Eck über den Boulevard des Capucines zur St. Madeleine, am Maxim vorbei zum Place de la Concorde.

Nach dem Aufwecken des Busfahrers vollzog sich die Heimreise, die lang und anstrengend über den Schwarzwald nach München führte, wo die Reise bei einem Weißwurstfrühstück mit Münchner Bier und einer Pressekonferenz mit der Süddeutschen Zeitung ihr offizielles Ende fand.

KF



28/2005