Jahrgang 2005 Nummer 15

Erinnerungen an die »Schusterbude«

Mit Franz Xaver Lindlacher wurde ein Stück Grassauer Wirtschaftgeschichte zu Grabe getragen





Im Alter von 92 Jahren verstarb vor kurzem Franz Xaver Lindlacher, der Inhaber der ehemaligen »Schusterbude« von Grassau, einer Schuhfabrik, die etlichen Grassauern Arbeit gab. Sein Lebenswerk aber existiert in der bestens ausgestatteten Schusterkammer im Museumsgebäude am Torfbahnhof weiter. Der Vorsitzende des Vereins für Industrie- und Technikgeschichte, Claus-Dieter Hotz, ließ die Erinnerungen an Franz Xaver Lindlacher in einem Gespräch mit der Redaktion wieder wach werden.

Hotz bezeichnete den Lindlacher, der Ehrenmitglied des Vereins war, als einen Mann, der sich um seine Mitmenschen und um die Heimat verdient gemacht habe. Aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrt, habe der gelernte Schuhmachermeister einen Arbeitsplatz bei der damaligen Schuhfabrik »Beutin« im Grassauer Oberdorf bekommen. Durch Misswirtschaft sei der Betrieb pleite gegangen, was nicht nur für Lindlacher, sondern auch für etliche andere ein Verlust des Arbeitsplatzes bedeutete. Doch Lindlacher, so Hotz, habe sich nicht entmutigen lassen und sich stattdessen entschieden, 1950 selbst einen Betrieb aufzubauen. »Das war alles andere als leicht«, weiß Hotz, der viel mit Lindlacher gesprochen hatte. Aber mit eisernem Willen und sparsamsten Wirtschaften gelang das Werk. Eine ausgediente Reichsarbeitsdienstbaracke wurde auf einem Pachtgrund südlich der Bahnhofstraße in Reifing errichtet, mit brauchbaren Maschinen und Material aus dem bankrotten Betrieb der Firma Beutin ausgestattet und dann begann man mit der handwerklichen Arbeit. Zu Spitzenzeiten waren, so Hotz, bis zu zwölf Personen fest in dem Betrieb beschäftigt. Vor allem fanden Familienväter einen Arbeitsplatz. Namen wie Anton Minet oder Hans Wendlinger fallen Hotz in diesem Zusammenhang ein. Hinzu kamen immer wieder Aushilfskräfte. Bedeutende Skisportler gingen in der Schuhfabrik ein und aus und ließen sich ihre Sportschuhe anpassen.

In den 20 Betriebsjahren sei Lindlacher seinen Mitarbeitern gegenüber ein stets umsichtiger, fürsorglicher und gütiger Chef gewesen. Dies könne auch sein letzter Lehrling Franz Kolbeck bestätigen, der immer noch von seinem »Meister« redet.
Die Blütezeit der Sportschuhfabrik Lindlacher, die den Namen Grassau in die Skisportwelt hinaustrug, war 1970 vorbei. Die, von der Bevölkerung liebevoll als »Schusterbude« bezeichnetem Fabrik war nicht mehr wettbewerbsfähig und der Betrieb wurde eingestellt. Lindlacher habe sich aber von seinem Lebenswerk nicht trennen können und so war er immer wieder im einstigen Fabrikgebäude allein mit kleineren Reparaturen beschäftigt. Lindlacher hatte aber auch ein Herz für die Kinder. Nicht nur Schuhe reparierte er gewissenhaft und günstig, auch deckte er die Nachbarskinder mit kleineren wie auch größeren Lederflecken ein.

1990, mittlerweile 77-jährig, habe Lindlacher erkannt, dass es so nicht mehr weitergehen konnten, worauf er die »Schusterbude« mit allem Inventar dem Markt Grassau zur Übernahme anbot. Dieses Angebot wurde an den Verein für Industrie- und Technikgeschichte weitergeleitet, dessen Vorstandschaft sich entschloss das Lebenswerk von Lindlacher als Geschichtswerkstatt zu erhalten. Nur wenig wurde verändert, um die »Schusterbude« so authentisch wie möglich zu belassen. Selbst der Geruch nach Leder blieb in den Räumen haften. Die Geschichtswerkstatt zu erhalten, gelang uns fünf Jahre, bis die Grundstückseigentümer das Bauland selbst nutzen wollten und den Abbruch der alten Baracke verlangten, erinnert Hotz. Leider konnte keine neue »Schusterbude« errichtet oder die RAD-Baracke versetzt werden, dafür fanden aber die wertvollen Maschinen und Geräte einen Platz im ersten Stock des Museumsgebäudes am Torfbahnhof.

So wird wenigstens noch in einem kleinen aber bestens ausgestatteten Schusterkammerl an das Werk des Franz Xaver Lindlacher erinnert, an eine Industrie- und Wirtschaftsgeschichte die für Grassau in der Nachkriegszeit durchaus bedeutend war, betonte der Vereinsvorsitzende Hotz.

TB



15/2005