Jahrgang 2002 Nummer 7

Erdspalten sind fossile Schatztruhen

Eine Ausstellung im Archäologischen Museum in München

Rekonstruktion des großen Paarhufers »Lophiodon« nach Fossilfunden aus Heidenheim.

Rekonstruktion des großen Paarhufers »Lophiodon« nach Fossilfunden aus Heidenheim.
Schädel des kleinen Paarhufers »Cainomeryx« aus der Fundstelle Gaimersheim.

Schädel des kleinen Paarhufers »Cainomeryx« aus der Fundstelle Gaimersheim.
Rekonstruktion des Riesenschweins »Enteloden« aus dem Schwäbischen Jura.

Rekonstruktion des Riesenschweins »Enteloden« aus dem Schwäbischen Jura.
Risse und Spalten im Gelände sind für Tiere höchst gefährlich, für Paläontologen aber ein Glücksfall. In den unterirdischen Verstecken bleiben tierische Reste vor weiterer Zerstörung geschützt und werden über Jahrmillionen konserviert. Beispiele dafür liefert die Ausstellung »Spaltenfüllungen – fossile Schatztruhen« im Paläontologischen Museum in München bis Ende Februar.

Die meisten Erdspalten entstehen durch die chemische Verwitterung in Karstgebieten. Kohlensäurehaltiges Wasser löst das Kalkgestein auf und erzeugt Rinnen und Furchen. Wenn sich das Wasser einen Weg in die Tiefe bahnt, entstehen unterirdische Höhlen und Höhlensysteme, die vielfach verzweigt, gelegentlich auch mehrstöckig sein können.

Die Fränkische und die Schwäbische Alb halten mit über dreihundert Fundstellen den Rekord an Spaltenfüllungen. Die hier konservierten Fossilien umfassen den Zeitraum von mehr als 120 Millionen Jahren. Diese enorme Anreicherung war möglich, weil sich dieses Gebiet im Laufe der Erdgeschichte nie sehr hoch über seine Umgebung erhob und deshalb vor starker Verwitterung verschont blieb. Mehrmals bildeten sich sogar tiefe Senken, dass die eben erst entstandenen Fossilien durch Oberflächensedimente überdeckt und fest versiegelt wurden.

»Eine Spalte war nur selten ein offener Schacht, in den Tiere hineingefallen sind«, erläutert Professor Kurt Heißig (München) die Entstehung solcher Fundstellen. In der Regel kommen die Fossilien von Wasserstellen, der Tränke für große und kleine Tiere und dem Ziel beutesuchender Raubtiere. Die liegen gebliebenen Knochenreste wurden erst später zusammen mit lockerem Erdmaterial vom Wasser weggespült, in unterirdische Hohlräume verfrachtet und dort abgelagert.

Viele der bei der Ausstellung gezeigten Fossilien stammen aus Wintershof-West, Gaimersheim und aus Möhren, den bekanntesten Spaltenfüllungen des süddeutschen Jura. In Wintershof hat man über 90 Wirbeltierarten aus dem Oberoligozän identifiziert, unter ihnen die ersten geweihtragenden europäischen Hirsche. Aus der Fundstelle Gaimersheim stammen Skelettreste des Hundebären, der in seiner Körpergestalt dem Bären ähnelte und größer als ein Tiger war, aus Möhren kommen das Gebiss eines Riesenschweins und die Panzerplatten von Schildkröten mit deutlich erkennbaren Bissspuren von Krokodilzähnen.

Infolge des guten Erhaltungszustandes sind Fossilien aus Spaltenfüllungen für unsere Kenntnis ausgestorbener Tierarten von großem Nutzen. Das gilt auch für die älteste derartige Fundstelle in Europa, den Steinbruch in Korbach in Nordhessen mit Skelettresten säugetierähnlicher Kriechtiere, die vor 225 Millionen Jahren lebten und bisher nur aus Afrika bekannt waren. Aufsehen erregten auch die Spaltenfüllungen der italienischen Halbinsel Gargano, denen die Ausstellung ein eigenes Kapitel widmet. Vor 25 Millionen Jahren war Gargano eine Insel ohne Verbindung zum Festland, die von extrem großen Säugetieren bevölkert war, wie dem 60 Zentimeter langen Riesenigel mit einer Kopflänge von 20 Zentimetern. Mäuse und Hamster erreichten die doppelte Größe ihrer heutigen Nachfahren. Äußerst merkwürdig mutet uns der Wiederkäuer »Hiplitomeryx« an mit insgesamt fünf Hornzapfen als Stirnwaffe und langen, nach unten gekrümmten Eckzähnen.

Solche teils gigantischen, teils grotesk aussehenden Tierarten sind typisch für die Fauna isolierter Lebensräume. Ein Beispiel der insularen Isolation hat bereits Darwin auf den Galapagos-Inseln gefunden. Andere Beispiele entdeckte man im Zwergwuchs eiszeitlicher Elefanten und Flusspferde auf Inseln des Mittelmeerraumes. Nach der Entwicklungstheorie spielen Inselfaunen in der Stammesgeschichte der Organismen eine wichtige Rolle und bieten der Wissenschaft interessante Einblicke in die Wirkungsweise der Evolution. Infolge der Abgeschlossenheit von der übrigen Tierwelt unterbleibt bei isolierten Tieren eine Vermischung der Gene verwandter Arten, so dass die Weiterentwicklung ins Stocken gerät oder zumindest sehr langsam verläuft, vor allem wenn die Umweltbedingungen sich kaum verändern.

Die Ausstellung im Paläontologischen Museum ruft auch die Verdienste der bayerischen Paläontologen um die Erforschung der Spaltenfüllungen in Erinnerung. Im 19. Jahrhundert waren es die Münchner Professoren Karl Zittel und Max Schlosser, die wichtige Arbeiten über die Funde im Jura veröffentlichten. Johann Andreas Wagner, ein Experte für die fränkische Höhlenfauna, verfasste die erste wissenschaftliche Beschreibung des Elefantenvorläufers »Lophiodon«. Dem Münchner Oberbergrat Carl Wilhelm von Gümbel ist die erste bayerische Höhlenkarte zu verdanken. Doch erst Richard Dehm unternahm die konsequente Suche nach fossilführenden Spalten, untersuchte die klimatischen Bedingungen ihrer Entstehung und klassifizierte ihre zeitliche und räumliche Verteilung. In seiner Habilitationsschrift (1935) über die Spaltenfüllungen im Fränkischen und Schwäbischen Jura sind 79 Spaltenfüllungen vorgestellt, von denen er zehn selbst entdeckt hat. Während seiner Lehrtätigkeit an der Münchner Universität sammelte er eine Reihe Schüler um sich, die seine Arbeit auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1976 bis heute weiterführen.

JB



7/2002