Jahrgang 2006 Nummer 39

»Engelchen, Engelchen, flieg ...!«

Die »Boten Gottes« – wirkliche Wesen oder Phantasiegestalten?

»Das heiligste Herz Mariä«: Der Engel als Bittsteller bei Maria (Stahlstich, um 1860)

»Das heiligste Herz Mariä«: Der Engel als Bittsteller bei Maria (Stahlstich, um 1860)
Engelchen als Helfer im Haushalt der heiligen Familie (Ausschnitt, Chromolithographie, 19.Jahrhundert)

Engelchen als Helfer im Haushalt der heiligen Familie (Ausschnitt, Chromolithographie, 19.Jahrhundert)
»Die Vermählung Mariens«: Singender und harfender Engel (handkol. Stahlstich, circa1840)

»Die Vermählung Mariens«: Singender und harfender Engel (handkol. Stahlstich, circa1840)
Wer weiß denn, ob es Engel gibt! Man kann sie nicht sehen. Man kann sie nicht hören. Man kriegt sie nicht zu fassen. Also gibt es Engel nicht. Oder doch?

Es gibt vieles, was es gibt, aber nicht gesehen werden kann. Musik zum Beispiel. Entsteht im Raum und »spielt sich darin ab«, ohne dass man sie sieht. Man kann sie aber hören. Und wird von ihr in Schwingung gebracht. In Schwung – sagen manche, die dabei Tanzmusik im Kopf haben. Aber sehen und greifen lässt sich Musik, auch Tanzmusik, nicht ...(1)

Für die Benediktinermönche soll es Engel tatsächlich gegeben haben. Sie fühlten sich von Engeln umgeben. Ihre Ordensregel mahnt sie, Rücksicht zu nehmen auf die Engel: »Der Mönch«, so steht es in dieser Regel, »soll sich behutsam schnäuzen und nur hinter sich ausspucken, wegen der Engel, die vor ihm stehen.«

(2) Das wäre was, wenn ein Mönch einen Engel anspuckte. Er müsste sich schämen. Und vielleicht sogar dafür verantwortlich sein, wenn der Engel daraufhin erkrankte, weil er mit der Spucke des womöglich nicht ganz gesunden Mönchs Bakterien aufgenommen hat ...

Aber vielleicht hat es einmal, vor vielen Jahren, irgendwo in Italien, südlich des Benedikt-Berges Monte Cassino, einen vorwitzigen jungen Frater des Heiligen von Nursia gegeben, der die Regel absichtlich überschritten hat. Und nicht hinter sich, sondern neben sich ausgespuckt und geradenwegs einen – seinen! – Engel getroffen hat. Der war dann recht betroffen ob der Frechheit des kleinen Mönchs. Und hat kräftig und hörbar und – allein für den Übeltäter freilich – spürbar mit den Flügeln ausgeschlagen. Es ist zu hoffen, dass sich der beleidigte Engel nicht gleich in die Luft erhoben hat und dorthin entschwebt ist, wo wir Sterblichen uns die Wohnung der Engel denken: jenseits der bauschigen Wolkentürme und -bänke am Himmel. Selber schuld, wenn das dreiste Fraterlein auf diese Weise seinen Schutzengel verloren haben sollte.

Aber – das ist doch alles nur Phantasie. Kein Wunder, dass vor etwa einem halben Jahrhundert, wie der Andechser Altabt Odilo Lechner einmal erzählte, als er sein Buch »Engel – Begegnungen mit Gottes Boten« vorstellte, – kein Wunder also, dass damals ein paar Puristen unter den Theologen die Engel geradewegs in Pension geschickt haben. Nur noch die »Gruftis« glaubten an die Engel. Und die Kleinkinder, die vom Opa kühn in die Höhe geworfen werden: »Engelchen, Engelchen, flieg ...!«

Dabei lassen die Maler und Zeichner in der hohen wie in der Volks-Kunst (3) die Engel seit alters her scharenweise auftreten. Sie stellen sie uns vor Augen: als vom flatternden Stoffband »Gloria in excelsis Deo« singende Heerschar über dem Stall von Bethlehem, topp gestylt gegenüber dreckigen, speckigen Schafhirten, die auf matschigem Feld knien und sich auf einen Stab stützen müssen, um nicht gleich hinzusinken vor so viel Himmelsglanz und Halleluja. Traut sich denn Maria, die designierte Gottesgebärerin, zu ihrem Heilsverkünder, dem Engel Gabriel, der unversehens in ihre Hütte – weiß Gott wie und wo – hereinschwebt, nicht einmal ein Blumenbukett, sondern höchstens eine einzelne Lilie als Gastgeschenk in der Hand, den Blick heben? Schüchtern schaut sie meist auf gotischen Flügelaltarbildern drein, gottergeben, wie es von ihr, der »Magd des Herrn«, die mit ihr geschehen lässt, was ihr Schicksal sein soll, nicht anders erwartet wird.

Einzeln oder partnerschaftlich sehen wir – auf Andachtsbildchen oder Postkarten frommen Gehalts aus der vorletzten Jahrhundertwende zum Beispiel - Engel als Kreuzträger und Weihnachtsglockenschwinger, Blumen streuend und kindlich betend, einem Kind die Hand auf die Schulter legend und einen Greis durch den finsteren Wald geleitend, zu beiden Seiten der Krippe, des Tabernakels oder des Allerheiligsten in der Monstranz kniend, die Marterwerkzeuge Christi tragend, die Trompete zum Jüngsten Gericht blasend, naiv-kindlich auf nazarenisch anmutenden Darstellungen, etwa als neckisch umherflatternde Heinzelmännchen im Haus der heiligen Familie: hier kochen und fegen Englein im Alter des etwa vierjährigen Knaben Jesu im »dantschigen« Nachthemdchen, führen ihm bedeutungsvoll ein Lämmlein vor, gemahnen ihn an den Ernst des Lebens mit Papierrolle und Gesangbuch in den Händen, schälen den gesunden rotbackigen Apfel für den einzigen Sohn des Hauses, der sich, bitteschön, biologisch ernähren möge ...

Mild blickende Engel weisen Verirrten und Gefährdeten auf brüchigen, sich durchbiegenden Brücken über wilden Gewässern den Weg, begleiten – wie Tobias schon – junge Männer auf dem Weg ins Glück, stehen verwundeten Soldaten in ihrer Not im Schützengraben, Sterbenden in ihrer Todesqual bei, eskortieren die ausgehauchte Seele gen Walstatt, die bei den Christen »Himmel« heißt ... Ach, was tragen wir doch für Engel-»Bilder« in uns! Viele sträuben sich, sie in ihrer Brust keimen und wachsen und »aufgehen« zu lassen. Wehren sich gegen solche unbewiesenen und niemals beweisbaren Geisterwesen, die Engel nun einmal sind, fleischlos, aber kämpferisch, geschäftig, aber zur Stille mahnend und zur Friedfertigkeit, zwiegeschlechtlich-androgyn, aber doch mannhaft und unbeschreiblich süß ... Geheimnis Engel, wer wird dich je fassen?

Stets tragen die von Künstlern gesehenen geflügelten Boten Gottes lange Gewänder. Oder sah man je einen Engel in Bermudashorts, langen Hosen oder gar splitternackt? Ein Herold schreitet gestiefelt und in Sandalen einher, den Wanderstab in der Hand oder das Schwert. Die popofreien Putti, die pummeligen Brüder- oder Schwesterlein der »erwachsenen« Engelgestalten, verhüllen verschämt wie zufällig ihr Pimmelchen mit einem barock gebauschten Tuch. Engel gleichen dann wieder schönen, schlanken Jünglingen, die aber feminine Züge tragen und langes, wallendes Haar. Engelhaar – wir schmücken damit den Christbaum. Zur Weihnachtszeit erwachen die Engel wie aus langem Sommerschlaf und bevölkern Kaufhallen, Häuserfassaden, Tannenbäume und Märkte – Nürnberg lässt seit Jahrzehnten einen »echten« Engel seinen weltberühmten »Christkindlesmarkt« eröffnen. Kein fescher Bursche darf es sein, ein lieblich trällerndes Mägdelein muss her.

Dabei sind die Engel, zusammen mit den Toten und den Heiligen, »eine Wirklichkeit, die uns unsichtbar umgibt«, wie Odilo Lechner formuliert. Eines Tages sei er, wie er erzählt, im Beichtstuhl eingenickt und erst aufgeschreckt, als der Bekennende, der längst seine Sünden heruntergebetet hatte, nun die Absolution erwartete und sich Zuspruch erhoffte. Der Beichtvater wusste nicht recht, was er sagen sollte. Nur ein Engel, so ist er überzeugt, habe ihm damals so treffliche Worte eingegeben, dass sich der reuige Sünder mit dem Satz »Sie haben mir mit ihren guten Worten in meiner Situation sehr geholfen« bedankte (4).

Und nur ein Engel – was sag ich: ganze Cherubim und Seraphim und alle nur möglichen Neben-, Haupt- und Erzengel, der schneidige Sanctus Michael an der Spitze, müssen vor zwei Jahren die Freilassinger Museums-Kuratorin Sophie Graßmann geleitet (!) und beflügelt (!) haben, damit sie eine Ausstellung (5) präsentierte, die eine Zeitlang die Attraktion vom Salzburger Land bis hinein in den Chiemgau, hinauf nach München und Freising und hinüber nach Altötting ... geworden ist. Die Leute sollten strömen und sich ein Bild machen von der festen Überzeugung derer, die einst so wunderliche Engelbilder und -figuren schufen und von dem wohl noch innigeren Glauben derer, die sich solche Bildchen und Tafeln und Statuen ins Haus gestellt, sie mit Eifer gesammelt und zu frommen Übungen benützt haben.

»Dein Engel ist Teil der großen Liebe, die Gott ist«, ist bei Barbara Sawitza (6) zu lesen. »Deshalb«, heißt es bei ihr weiter, »ist er so hell, dass du ihn nicht mit deinen Augen sehen kannst. Und doch ist er da. Immer. Bei dir. Er beschützt dich. Wenn du mal nicht weiter weißt, kannst du ihn fragen. Er wird dir antworten. Du musst nur genau hinhören. In dich hinein hören. In deinem Bauch – da, wo das Herz schlägt, ist er am deutlichsten zu verstehen. Und irgendwann, wenn du es willst, hilft er dir, selbst Teil der großen Liebe, die Gott ist, zu werden. Und du wirst hell werden. So hell.«

Oder ist eine derart große Zuversicht, dass es die Engel als Helfer und Beschützer und Geleiter ins lichte Jenseits tatsächlich gibt, womöglich zu dick aufgetragen?


Hans Gärtner

Anmerkungen:
(1) Gottfried Hierzenberger (Hg): »Meine schönsten Engelgeschichten«, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2004, S. 5
(2) Franz Freisleder: »Wie man sich Engeln nähert. Odilo Lechner ... glaubt fest an die Wirklichkeit der ›Boten Gottes‹«, SZ vom 10. 10. 2004
(3) Beispiele, abgeschaut von Engel-Sujets aus der eigenen Andachtsgraphik-Sammlung. Vgl. auch: Gärtner, Hans: »Andachtsbildchen. Kleinode privater Frömmigkeitskultur«, Verlag Sankt Michaelsbund, München 2004
(4) S. Anm. (2)
(5) Stadtmuseum Freilassing im Alten Feuerwehrhaus: »Engel mögen Euch begleiten«, 4. bis 19. Dezember 2004, kuratiert von Sophie Graßmann, Freilassing
(6) S. Anm. (1), S. 5 f.



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