Jahrgang 2004 Nummer 44

Elektrifizierung des Schlechinger Tales

Eine Pionierleistung der Bürger im letzten Jahrhundert

Schar der Genossen, erste Reihe 3. von links Vorarbeiter Hans Voidl, rechts daneben Jakob Wimmer, der sich um den E-Werkbau sehr

Schar der Genossen, erste Reihe 3. von links Vorarbeiter Hans Voidl, rechts daneben Jakob Wimmer, der sich um den E-Werkbau sehr verdient gemacht hat.
Erster Spatenstich: von links Joseph Weiß, Hans Kurz, Remigius Genghammer.

Erster Spatenstich: von links Joseph Weiß, Hans Kurz, Remigius Genghammer.
Seilbahn

Seilbahn
»Die durch Kriegsfolgen (nach 1918) wachsenden Schwierigkeiten der Beleuchtung mit Petroleum ließen auch in Schleching den Gedanken an elektrische Beleuchtung allmählich aufkommen und zur Reife gelangen,« ist in den Aufzeichnungen von Vikar Johann Nepomuk Wörnzhofer, ab 1921 Pfarrer von Schleching, in der Pfarrchronik »Schlechinger Archiv« zu lesen.

Gründung der Genossenschaft und Bau des Mühlauer Werkes

Wörnzhofer war ein rühriger Seelsorger und setzte sich sehr für die Entwicklung Schlechings ein. Er war der erste »Rechner« (Geschäftsführer) der am 21. September 1919 gegründeten Genossenschaft »Elektrizitätswerk Schleching«. Einer der Initiatoren der Bürger war Jakob Wimmer, der erste Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, der in Mühlau eine alte Getreidemühle mit Wasserrecht betrieb. Seine Idee war, ein eigenes Sägewerk mit Elektrobetrieb zu bauen und für die Stromversorgung im Schlechinger Tal bis Marquartstein eine Genossenschaft zu gründen. Die zur Verfügung stehende Kraft von cirka 75 Kilowattstunden sollte zu zwei Dritteln für die Genossenschaft und zu einem Drittel das Sägewerk erhalten. Wörnzhofer hielt die »Erbauung einer eigenen Kraftanlage am Mühlbach oberhalb Mühlau« in der Pfarrchronik in allen Einzelheiten fest: Das ganze Werk mit einer Rohrleitung von 1200 Metern, Maschinenhaus, Maschinen, Leitungs- und Ortsnetzen und vier Transformatoren belief sich auf rund 700 000 Mark. Die Installation in den einzelnen Häusern wurde auf 300 000 Mark gerechnet. Nach Vollendung des Werkes herrschte großes Bangen wegen der Abtragung der angelaufenen Schulden. Die Geldentwertung hatte jedoch aus der Not geholfen und die Schulden ließen sich spielend bezahlen. Am 19. Dezember 1923 schreibt Wörnzhofer, dass die Schlechinger nie etwas Besseres und Nutzbringenderes als die Erbauung des elektrischen Werkes für Licht und Kraft unternommen hätten. »Die Einwohnerschaft Schlechings hat sich recht wacker und einig gehalten zum guten Werk. Der Schreiber dieses darf sich bei aller Bescheidenheit einiges Verdienst an dem Werk zuschreiben.« Im Jahr 1923 war nur noch ein Haus in der ganzen Gemeinde nicht angeschlossen, das »Kramerhaus« in Mettenham. Die beiden Escher-Wyss Freistrahlturbinen von 25 beziehungsweise 50 Kilowatt mit einer Drehzahl von 600 Umdrehungen pro Minute sind noch heute einwandfrei in Betrieb.

Planung eines Achentaler Großkraftwerkes

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann in der Gemeinde eine rege Bautätigkeit. Die Zahl der Landmaschinen und elektrischen Haushaltsgeräte nahm zu. Immer öfter kam es vor, dass für das Licht kein »Saft« mehr da war. Das Traunsteiner Wochenblatt (91. Jahrgang - Nr. 22 - Seite 11) berichtete über eine Veranstaltung in »Hofstetters Gasthof zum Geigelstein«, bei der die Bürger über die Planung eines Achentaler Großkraftwerkes informiert wurden. Um von der Wasserführung der Ache unabhängig zu sein, sollte unter anderem das Wasser des Weitsees bei einer Höhendifferenz von 250 Metern einbezogen werden. Staustufen der Ache würden bei Wagrain in Schleching und auf dem heutigen Flugplatzgelände von Unterwössen mit Hilfe von Dämmen eine riesige Seenlandschaft bilden. »Sicherlich ein Anziehungspunkt für den Fremdenverkehr, der in schönen Badegelegenheiten und Bootsfahrten weitere Annehmlichkeiten finden wird.« Das Hochwasser des Jahres 2002 ließ ahnen, wie das Achental heute aussehen würde. Das Projekt wurde nie realisiert.

In Schleching lagen inzwischen Planungen vor, entweder das bestehende Werk in Mühlau auszubauen oder ein weiteres Werk am Alpbach zwischen Schleching und Ettenhausen zu errichten. 1947 entschieden sich Mitglieder der Genossenschaft fast vollständig, ein neues Werk unter Nutzung des Flodererbaches (Haidenholzer Alpbaches) in fünf Bauabschnitten zu errichten: Wasserfassung im Flodererbach, Zuleitung zum Speicherbecken, Tagesspeicher, Turbinendruckleitung, Turbinenhaus mit Turbine und Einleitung in den Alpbach und die elektrische Ausrüstung mit Freileitung und Isar-Amperwerke-Netzanschluss. Die Gesamtkosten wurden mit 380 000 Mark veranschlagt. An Sicherheiten konnte die Genossenschaft nur die Grundschuld auf das Mühlauer Werk und dessen »Rentabilität« anbieten. Zum Glück verkaufte der damalige stellvertretende Vorstand Remigius Genghammer (Schmidbauer) ein Grundstück von 1650 Quadratmetern am Pfalzenweg (hier steht heute das Werksgebäude) gegen die Verrechnung mit dem künftigen Strombezug an die Genossenschaft. Erst nach schwierigen Verhandlungen mit Behörden und Banken von Joseph Weiß (Vorstandsvorsitzender von 1947 bis 1988 und gleichzeitig Geschäftsführer von 1954 bis 1991) konnte im Herbst 1951 der erste Spatenstich erfolgen.

Wer heute in der Nähe der Blasialm zufällig einen Abstecher zum Stausee macht oder die freiliegende Rohrleitung entdeckt, kann sich kaum vorstellen, welche enorme Leistung die Schlechinger damals vollbrachten. Ohne maschinelle Hilfe errichteten Arbeitsgruppen mit bis zu 40 Personen den Stausee mit einem Fassungsvermögen von 2660 Kubikmetern und zogen die Gräben für die 200 Meter lange Zuleitung zum Stausee und die Leitungsrohre zum Alpbachwerk mit einer Länge von 2162 Metern und einem Höhenunterschied von 437 Metern. Für den Transport der Rohre bauten sie eine eigene Seilbahn. Das Forstamt Schleching stellte der Genossenschaft seinen Vorarbeiter Hans Voidl für zwei Jahre zur Verfügung. Chef der gesamten Maßnahme war Ingenieur Hnevskovsky.

Eigenleistungen der Genossen

Die Mitglieder der Genossenschaft hatten sogenannte Arbeitsschichten zu leisten, die nicht bar ausbezahlt sondern beim Erreichen von 1000 Mark in einem Anteil umgewandelt wurden. Eine Handschicht von neun Stunden pro Tag brachten 12 Mark. Für die Einspänner-Schicht mit einem Pferd gab es 24 Mark, bei zwei Pferden 30 Mark. Eine Muli-Schicht brachte 33 Mark, die Traktorschicht im Tal 45 Mark, am Berg 54 Mark. Für Holzlieferungen wurden 80 Mark pro Festmeter angerechnet. Die Anteile bleiben auch für die nächste Generation traditionell am »Haus« beziehungsweise bei den Landwirten am »Hof«.

Einbau der zweiten Turbine

Der Herbst 1953 war sehr trocken und der Winter sehr kalt. Die eingebaute Turbine mit 381 PS, einer Generatorenleistung von 400 kVA, 1000 Umdrehungen pro Minute und einem Wasserverbrauch von 85 Litern pro Sekunde erwies sich bei wenig Wasser als zu groß. Deshalb wurde im Sommer 1955 eine zweite kleinere Turbine mit 131,5 PS, 1500 Umdrehungen pro Minute und einem Drehstromgenerator von 100 kVA eingebaut. Der Wasserverbrauch mit 28 Litern pro Sekunde ist sehr gering, aber aufgrund des Gefälles von 437 Metern sehr wirksam. Damit konnte das ganze Jahr über Strom erzeugt werden, bei Trockenperioden mit der kleinen Maschine, bei der Schneeschmelze im Frühjahr und nach größeren Regenperioden mit der großen Maschine.

Verkauf des Leitungsnetzes an die Isar-Amperwerke

Kaum war die größte Baumaßnahme – das Alpbachwerk – beendet, musste das alte Leitungsnetz modernisiert werden. Die Ortsnetzleitungen umfassten 21 Kilometer. Zwischen Achberg und Donau wuchs die Zahl der Trafostationen auf zwölf an. Die Ortschaft Achberg wurde Anfang der 60-iger Jahre mit der Leitungsüberquerung der Tiroler Ache angeschlossen. Im Jahr 1968 konnten 515 Stromabnehmer versorgt werden. Während das Alpbachwerk und das Mühlauer Werk weiter erfolgreich im Eigentum der Genossenschaft blieben, stimmten 1970 von den damals 111 Mitgliedern 105 für den Verkauf des Leitungsnetzes an die Isar-Amperwerke. Mit dem Verkaufserlös konnten beide Werke bis heute auf dem neuesten Stand der Technik gehalten werden. Mit einer umweltfreundlichen Stromerzeugung durch Wasserkraft von durchschnittlich zwei Millionen Kubikmetern pro Jahr kann das Elektrizitätswerk Schleching rund 500 Privathaushalte vorsorgen. Neben dem Wegebau am alten Haidenholzweg mit einem »Kreinerbauwerk« in alter Holzbauweise im Jahr 1998 hat die Elektrizitäts-Genossenschaft viel zum Erhalt des ökologischen Systems des Alpbaches beigetragen. Selbst wenn das komplette Wasser der Rohrleitung des Elektrizitätswerkes über den Alpbach fließen würde, würde es im kiesigen Gelände oberhalb der Siedlung Alpbachau versickern. Das Werk versorgt den kleinen See mit dem Wassertretbecken in Schleching und den Alpbach auf einer Länge von cirka zwei Kilometern bis zur Mündung in der Tiroler Ache mit sauberem Gebirgswasser. Zum 50-jährigen Jubiläum des Alpbachwerkes und dem 85-jährigen Bestehen der Genossenschaft luden Vorstandschaft und Aufsichtsrat zu einem »Tag der offenen Tür« ein.

BR

Quellen:
Aufzeichnungen von Pfarrer Johann Nepomuk Wörnzhofer in der Pfarrchronik »Schlechinger Archiv«, aufgespürt und übertragen von Heimatpfleger Hartmut Rihl, Schleching. Festschrift 85 Jahre – Elektrizitätswerk Schleching, 50 Jahre – Alpbachwerk, Text und Gestaltung Jakob Riedlsperger, erster Vorstandsvorsitzender.



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