Jahrgang 2005 Nummer 52

Einst wünschte man sich »ein guot selig jor«

Glückwünsche waren mit Geschenken verbunden – Schon die Römer kannten die Neujahrskarte

Glaubt man der Post und den Statistiken, dann schwindet der Brauch, sich zum Jahreswechsel schriftlich auf Papier die besten Wünsche ins Haus zu senden immer mehr: SMS-Botschaften auf dem Handy, via Internet und durchs Telefon haben die Kartengrüße längst überholt. Weniger rasch haben sich die Briten und die Amerikaner den »neuen Sitten« angeschlossen: dort erfreuen sich die Kartenwünsche traditionsgemäß weiterhin einer Milliardenzahl.

Doch auch bei uns gibt es noch immer zahlreiche Freunde der gedruckten Glückwunschkarten, und es ist zu hoffen, dass sie nicht aussterben werden. Denn diese Karten sind längst ein Bestandteil der menschlichen Kulturgeschichte geworden und es dürfte daher ganz unterhaltsam und interessant sein, einmal nachzuforschen, woher der Brauch, sich zu Neujahr Glück zu wünschen, eigentlich stammt.

Historiker sind der Ansicht, dass schon die Sumerer und Assyrer, einstige Bewohner Babyloniens und Mesopotamiens, sich am Jahresende Glück für das neue Jahr wünschten, allerdings nur mündlich. Die gekrönten Häupter hingegen empfingen von den unterworfenen Fürsten schon damals schriftliche Glückwunschbotschaften, die unter feierlichem Zeremoniell überreicht und vorgelesen wurden. Der Vorgang scheint sich ungefähr so abgespielt zu haben wie heute die Übergabe des Beglaubigungsscheibens durch einen neuen diplomatischen Vertreter, etwa eines Botschafters.

Bei den alten Ägyptern war der Jahreswechsel mit allerlei nicht gerade schönen Bräuchen verknüpft. So wurden zum Beispiel in der Neujahrsnacht unbescholtene Jungfrauen im schlammigen Nil ertränkt, um auf diese Weise vom Flussgott Fruchtbarkeit für das kommende Jahr zu erlangen.

Bei den Römern war der Jahreswechsel ein Freudenfest. Freunde beschenkten sich am Neujahrsmorgen und ließen mit den Geschenken schriftliche Glückwünsche überreichen. Das Neujahrsfest selbst wurde mit Festgelagen begangen.

In den germanischen Ländern trat das Neujahrsfest hinter der Symbolik der Sonnenwende zurück und es dauerte einige Jahrhunderte, bis wir hier dem geschriebenen Neujahrsglückwünschen begegnen. Gewiss, die hohen Herren der ersten christlichen Zeit in den germanischen Ländern übersandten sich lateinische Botschaften zum Jahreswechsel, doch gedruckte Neujahrskarten finden wir natürlich erst nach der Erfindung der Buchdruckerkunst.

Im 15. Jahrhundert ist es vor allem der Holzschnitt, dessen Technik zur Vervielfältigung von Neujahrswünschen geeignet war. Die Blätter dieser Art sehen wir in vielen Museen. Da seinerzeit das Neujahrsfest noch mit der Geburt Christi in Zusammenhang gebracht wurde, ist auf fast allen Blättern das Jesuskind dargestellt. Und in der Schweiz wird mancherorts das Christkind heute noch Neujahrsschind genannt.

Auf den alten Holzschnitten, die von berühmten Meistern mit großer Liebe und einer uns leider längst verloren gegangenen Innigkeit und echten Einfalt geschnitten wurden, bilden das Jesuskind und das Kreuz jeweils die beiden zentralen Symbole. Darüber wurde meist ein Spruchband eingeschnitten, das die Worte trug: »Ein guot selig jor«.

Die ersten gedruckten Neujahrsglückwünsche lassen sich im Jahre 1483 nachweisen, und zwar in einem Kalender aus Speyer. Nun werden auch bereits bürgerliche Symbole gewählt, und zwar werden Szenen aus einem glücklichen bürgerlichen Leben dargestellt, also Menschen in Gärten und vor ihren Häusern, in ihren Stuben und bei häuslichen Festen. Alle diese Darstellungen atmen die Innigkeit und Beschaulichkeit der späten Gotik.

Eine völlige Umgestaltung erlebten die Neujahrsglückwünsche in der Zeit des Barocks. Die häuslichen bürgerlichen Szenen wurden von bombastischen Sinnbildern abgelöst, die Glückwünsche wurden barockhaft verschnörkelt, die Symbole wurden der griechischen Mythologie entnommen. So sehen wir auf diesen Glückwünschen die Göttin Fortuna mit dem Glücksrad, die römischen Liebesgötter Amor und Cupido. Ornamente und Bänder, griechische Säulen und Girlanden tragen die Glückwünsche.

Im 18. Jahrhundert waren die Glückwünsche nicht weniger theatralisch. Gleichzeitig erschien aber auch die humoristische Neujahrskarte auf dem Markt. Man darf hier von einem Markt sprechen, denn Herstellung und Vertrieb von Neujahrsglückwünschen wurden inzwischen buchstäblich kommerzialisiert. Durch »Werbung« wurden auch die einfachen Kreise dazu animiert, Neujahrskarten zu kaufen und an Freunde und Bekannte zu verschicken.

In England begann damals schon der Wettlauf um die teuerste und (für den Geschmack des Käufers) schönste Neujahrskarte. Die unglaublichsten (Riesen-)Karten wurden da gekauft und verschickt. Noch heute feiert hier einmaliger – oft unverständlicher – Kartenkitsch fröhliche Urständ.

Jetzt im Zeitalter von Internet und E-mail werden auch bei uns noch immer unzählige Kartenwünsche verschickt. Und wohl die meisten tragen übrigens die Aufschrift, die schon die erste Weihnachtskarte der Welt, die ihres Erfinders, des englischen Zeichners John Calcott Horsley, im Jahre 1843 zierte: »Ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr«.

GG



52/2005