Jahrgang 2002 Nummer 33

Einst waren Ferientage dünn gesät

Hitzefrei an Hundstagen – Von Erntevakanzen und Kartoffelferien

»Einzelne freie Tage«, mit dieser Bedeutung können wir das Wort Ferien übersetzen, das erstmals im 16. Jahrhundert, um 1520, überliefert wird, und eigentlich nichts anderes hieß, als dass man an diesen Tagen keine Gerichtssitzungen abhielt. Es stammt vom lateinischen feriae ab, das sind »Festtage, geschäftsfreie Tage, Ruhetage«.

Für Kinder wurden zwar schon recht früh »Ferien« gefordert, aber erst viel später eingeführt. Früher war es gang und gäbe, dass Kinder mitarbeiteten, und zwar genau so schwer und lange wie die Erwachsenen. Griechische Philosophen waren die Ersten, die für Kinder einen sogenannten Vakanzmonat, also vier Wochen »Ferien« forderten.

Dennoch waren die Ferientage recht dünn gesät; im Mittelalter waren es die Kalenderfeiertage, die Schulfesttage in Klosterschulen. Dazu kamen Umzüge und kirchliche Feiern, bei denen auch Lehrer und Schüler gemeinsam tafelten und sich vornehmlich den Schulbeginn versüßten – die gefüllte Tüte am Tag der Einschulung ist davon als Erinnerungsstück bis in unsere Zeit erhalten geblieben.

Da die Schüler und Schülerinnen vielerorts lauter Bauernkinder waren, wurden besondere »Erntevakanzen« zugestanden, in denen die Kinder daheim aber hart arbeiten mussten. In der Zeit der Heuernte liegt heute noch manche Ferienwoche, um eben den Bauernkindern die Möglichkeit zu geben, zu Haus helfen zu können.

Die sogenannten Kartoffelferien erinnern auch an diesen Ferienbrauch, der vor allem im Herbst geübt wurde. Doch im Zeitalter der modernen Landwirtschaftsmaschinen und der immer mehr schwindenden Bauernhöfe ist diese Art »Freistellung von der Schule« kaum noch erforderlich.

Wo und wie nur möglich, immer versuchten Schüler und Schülerinnen früher, einen zusätzlichen Vakanztag »herauszuholen«. Markt- und Schaustellertage waren günstige Gelegenheiten; daraus entwickelten sich die vielen Dom-, Liboritage und Kirchweih-feste, der Tanz unter dem Maibaum, Fastnachtsspiele und allerlei Erntebräuche mit besonderen Freitagen.

In Gegenden, in denen landesüblich typische Feldfrüchte angebaut wurden, gab es auch zusätzliche Vakanzen, wenn deren Erntezeit gekommen war. Da meist der Pfarrer im Dorf die Schulaufsicht führte, konnte er am
besten beurteilen, wann Ferien zuzuteilen waren und wann er von der Kanzel herab das Ende der Ferien zu verkünden hatte.

Die Hundstage zwischen Mitte Juli und Mitte August waren eine weitere Zeitspanne, in der Vakanzen zugestanden wurden. Wenn die Tage sich näherten, die unter dem Sternbild des Canis Major, des Großen Hundes stehen (der Große Hund ist der Hund des Orion, eines riesigen Jägers der griechischen Mythologie), konnten Schüler baden gehen oder Ausflüge machen. Hitzefreie Tage wurden aber nie so oft gewährt, wie es etwa heute manchmal noch der Fall ist.

Aus den Ernteferien entwickelten sich schließlich immer längere Fereinabschnitte, die auch auf andere kirchliche Feiertage ausgedehnt wurden. Eigentlich erst sehr spät – man schrieb bereits das 18. Jahrhundert – entschloss man sich, die längste Ferienzeit auf die heißen Monate zu verlegen und den Schülern – und Lehrern – freie Zeit zu gönnen, in der sie – so war es wenigstens damals gedacht – Kräfte sammeln und sich von den »Mühen des Unterrichts« (heute »Schulstress« genannt) erholen können.

AK



33/2002