Jahrgang 2002 Nummer 29

Eingerollte Blätter und pappiger Zuckersaft

Im Zeichen der Blattlaus – Eine Bekämpfung kommt oft zu spät

Eine Blattlauskolonie an einem Zweig. Der warme Frühling hat 2002 in vielen Regionen Deutschlands zu einer explosionsartigen Ver

Eine Blattlauskolonie an einem Zweig. Der warme Frühling hat 2002 in vielen Regionen Deutschlands zu einer explosionsartigen Vermehrung von Blattläusen geführt. Es gibt mehrere Hundert Arten der Schädlinge.
Der warme Frühling hat in vielen Regionen Deutschlands zu einer explosionsartigen Vermehrung der Blattläuse geführt. »Dazu kam, dass Regen und Wind eine wirksame flächendeckende Bekämpfung in den Obstplantagen verhindert haben«, erläutert Heidrun Vogt von der Biologischen Bundesanstalt (BBA) in Darmstadt. Die Folgen der Blattlaus-Plage sind inzwischen unübersehbar: An vielen Bäumen rollen sich die Blätter ein und Triebe sterben ab. Jedes Auto, das unter einem befallenen Baum parkt, wird innerhalb weniger Stunden mit pappigem Zuckersaft überzogen.

Nach Auskunft der Biologin Vogt, die in der BBA-Außenstelle Dossenheim bei Heidelberg arbeitet, gibt es mehrere Hundert Arten dieser Schädlinge. Wirklich gefährlich für die Pflanzen sei allerdings nur die mehlige Blattlaus. »Sie spritzt in die Obstbäume ein Gift ein, das bis in die Früchte wirkt«, erklärt Vogt. Die Ernte besteht dann aus verschrumpelten Äpfeln, auch Blattlaus-Äpfel genannt. Unangenehm ist auch die grüne Apfelblattlaus, da sie sich mit Vorliebe über junge Triebe hermacht. »Aber in den meisten Fällen kann man sie und auch alle anderen Blattlausarten tolerieren, weil die Bäume robust genug sind.«

Eine wirkungsvolle Bekämpfung ist nur im Frühjahr möglich, wenn die so genannten Stammmütter mit der Massenproduktion beginnen. »Die mehlige Blattlaus bekämpft man am besten, bevor man sie sieht«, sagt die Biologin. Bis dem ungeübten Auge ein Befall auffalle, sei es für wirkungsvolle Gegenmaßnahmen meist zu spät – zumindest bei großen Bäumen. Die Insektizide wirken fast alle nur bei direktem Kontakt mit den Schädlingen, doch die kleinen Tiere haben sich längst in den zusammengerollten Blättern verschanzt.

Zu Beginn des Befalls lässt sich besser zielen. Zum großflächigen Sprühen der Insektenvernichtungsmittel oder des biologischen Präparates aus dem Niembaum muss es jedoch trocken und möglichst windstill sein. Das war im Frühjahr kaum der Fall. Dadurch ging wertvolle Zeit verloren. Das Niembaum-Mittel, das die Stammmütter steril werden lässt, wirkt nur im Anfangsstadium. Die anderen Gifte dürfen später nicht mehr ausgebracht werden, weil sie dann auch Nützlinge töten können.

Davon gibt es in dieser Saison sowieso schon zu wenige, bedauert Hermann Wegerich, Gartenbauingenieur im Hessischen Dienstleistungszentrum für Landwirtschaft, Gartenbau und Naturschutz (HDLGN). Er geht davon aus, dass viele Ohrwürmer, Marienkäfer, Schlupfwespen und Schwebfliegen den harten Winter nicht überlebt haben. Ihre Population baue sich erst jetzt langsam wieder auf.

In einigen wissenschaftlichen Einrichtungen, etwa dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick in der Schweiz, wird untersucht, ob Marienkäfer oder ihre Larven systematisch zur Bekämpfung der Blattläuse eingesetzt werden können. Erfolg versprechend verliefen die Versuche, wenn pro Blattlaus eine Käferlarve freigesetzt wurde. Zu aufwendig und zu teuer, beurteilt Vogt deshalb solche Verfahren. »Außerdem lassen die meisten Nützlinge immer noch eine Restpopulation der Blattläuse für ihre Nachkommen übrig.«

Erschwert wird die Lage dadurch, dass die klebrigen Gesellen starke Verbündete haben: Ameisen. Die Blattläuse knabbern an den grünen Pflanzen, um Eiweiß für ihre Vermehrung aufzunehmen. Den Zuckeranteil können sie dagegen nicht gebrauchen und geben ihn über Drüsen ab. Diesen Mechanismus nutzen die Ameisen, die ihre Läuse- Herden regelmäßig »melken«. Als Gegenleistung vertreiben sie lästige Feinde wie die Larven der Marienkäfer oder Florfliegen.

Auch die Menschen sind nicht immer gut Freund mit den Feinden der Blattläuse. »In aufgeräumten Gärten gibt es kaum Rückzugsmöglichkeiten für Marienkäfer oder Ohrwürmer«, kritisiert Wegerich. Er rät den Gärtnern deshalb, im Herbst Laubhaufen und Holzstapel als Winterquartier für Marienkäfer liegen zu lassen. Für Florfliegen können spezielle Nistkästen gebaut werden, und Ohrwürmer freuen sich über mit Stroh gefüllte Tontöpfe.

ISW



29/2002