Jahrgang 2006 Nummer 41

Eine missglückte Kirchweihgans

Die Verwechslung mit zwei körnigen Substanzen verdarb den erhofften Gaumenschmaus

Die Köchinnen der guten alten, manchmal auch unguten Zeit hat noch keine Technik beim Sieden, Backen und Braten geholfen. Sie sind an ihren Herden gestanden, mussten sich um das Feuer kümmern und ohne jene lackspiegelnden Geräte mit Schaltern auskommen, die jetzt in fast allen Küchen wie märchenhafte Heinzelmännchen helfen.

Gertrud hatte sich mit den Jahren zur tüchtigen Herrschaftsköchin emporgedient. Ihr Arbeitsbereich befand sich im Kellergeschoß einer Villa. Nachts hat sie droben in einem Mansardenstübchen geschlafen, achtundzwanzig Stufen dem Himmel näher, in den sie dereinst zu kommen hoffte. Die fleißige Köchin ist ganz in ihrem nährenden Beruf aufgegangen. Von ihren Händen sind viele bewundernswerte, allerdings sehr vergängliche Werke der Kochkunst entstanden. Sie war noch recht rüstig. Nur die Sehkraft ihrer Augen hatte nachgelassen. Sie bedurften einer Brille, die des öfteren verlegt und gesucht wurde.

»Morgen ist Kirchweih. Wir haben Gäste zum Essen geladen. Ich will eine Gans kaufen. Begleiten sie mich«, hat die Herrin des Hauses nach dem Frühstück gesagt.

»Ich bin gleich fertig, Frau Medizinalrat«. Diese hatte zwar keine Hochschule besucht und kein ärztliches Studium hinter sich. Aber damals wurden Gattinnen wie ihre Männer betitelt und gnädige Frau genannt.

Die beiden prüften auf einem Bauernmarkt mit Augen, Fingern und auch mit Nasen das angebotene Federvieh. Frau Medizinalrat feilschte mit einer Bäuerin und wurde schließlich handelseins.

Früher als sonst hat Gertrud tags darauf mit den Vorbereitungen zum Mittagsmahl begonnen. Sie nahm sich keine Zeit, ihre wieder einmal verlegte Brille zu suchen. Die Gans wurde gesalzen, mit einer Fülle versehen und fast drei Stunden lang gebraten. Für eine Suppe sind aus Mehl, Milch, Eiern und Schmalz viele Pfannkuchen entstanden. Die Gertrud hat Kartoffeln geschält, auf einem löchrigen Blech zerrieben, den Teig zu Knödeln geknetet und gesotten. Als Nachtisch waren eingemachte Birnen geplant.

»Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß« hat sich an der Köchin ein Dichterwort bestätigt, das in Schillers Lied von der Glocke zu lesen ist.

»Es kann serviert werden«, hat die Erzeugerin des Festmahls gesagt. Die geladenen Gäste des Hausherrn sind in das Speisezimmer gegangen. Dort stand ein langer Tisch mit schneeweißem Damast, feinem Porzellangeschirr, mit silbernen Bestecken und Kristallgläsern. Hinzu kam eine weißbäuchige Suppenterrine mit ihrem gewölbten Deckel, der mit roten Rosen bemalt war. Löffel, jeder um die hundert Gramm schwer, wurden an die Lippen gehoben.

»Ah!« haben die Gäste wie auf ein Kommando gesagt, als die Gans aufgetragen wurde. Man hat ihre Größe bewundert. Einer schnüffelte mit seiner Nase wie ein witternder Fährtenhund. Der Braten bot einen so prächtigen Anblick, dass jedem das Wasser im Mund zusammenlief. Dies behauptet man angesichts appetittlicher Dinge.

»Unsere Gertrud ist eine Meisterin«, hat der Medizinalrat die Köchin gepriesen. Seinem Wunsch entsprechend, ist die ganze Gans auf den Tisch gekommen. Er wollte sie vor aller Augen selber zerlegen. Als bekannte Kapazität in vielen Operationen hantierte er mit der Geflügelschere so geschickt wie mit einem Skalpell. Es tat ihm dabei nur leid, dass eine Gans bloß zwei Beine hat. Am liebsten hätte er jedem Gast einen knusprig gebratenen Schenkel gegönnt.

»Eine jebratene Jans ist eine jute Jabe Gottes«, hat einer der Herren berliniert. Er spießte den ersten Bissen auf und schob ihn genüsslich in den Mund. Ein »Pfui Teufel!« ist ihm gegen seinen Willen entschlüpft. Er kaute langsam und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck des Abscheus.

»Was hast du?« frage der ratlose Hausherr.

»Deine Meisterköchin muss Zucker statt Salz hergenommen haben«, behauptete der Gast.

Andere Kostproben bestätigten diese Feststellung. Gertrud ohne Brille hatte zwei körnige Substanzen verwechselt, die sich in ähnlichen Porzellandosen befanden. Süße Säfte waren in den Braten gedrungen und hatten den erhofften Gaumenschmaus verdorben.

In der Küche spielte sich ein trauriges Schauspiel ab. Die gnädige Frau hat sich sehr ungnädig gezeigt. Gertrud saß auf einem Hocker, hielt die Hände vor ihr Armsündergesicht und schluchzte zum Erbarmen. Sie war einem Nervenzusammenbruch nahe. Der Medizinalrat fand es ratsam, der unglücklichen Köchin ein Beruhigungsmittel einzuflößen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als seine noch nicht gesättigten Gäste zum Essen in einen Gasthof zu führen.

Gleich tags darauf wurden von der gnädigen Frau weitere Verwechslungen durch eine vorsogliche Maßnahme verhindert. Sie dachte nach und zerbrach sich den Kopf, wie man fälschlich sagt, weil Schädelbrüche meistens tödlich sind. Es fiel ihr ein Sprüchlein ein: Jedes Ding an seinen Ort, spart viel Zeit und Wort. Fortan musste Gertrud ihre Brille jederzeit in griffweite tragen. Sie hing, an einer feingliedrigen Kette befestigt, immer an ihrem Hals und wurde nur nachts abgenommen.



41/2006