Jahrgang 2021 Nummer 10

Eine keltische Großsiedlung in Bayern

Erstaunliche Bodenfunde im Kelten- und Römermuseum Manching

Ausschnitt aus dem Siedlungsmodell von Manching im Kelten- und Römermuseum Manching.
Börsenfund von Manching mit Goldmünzen.
Ritzzeichnung eines Hirsches auf einem Tontopf.
Das Kultbäumchen von Manching. (Ausschnitt)
Kopf einer keltischen Göttin, Manching. (Alle Repros vom Verfasser)

Manching bei Ingolstadt war die größte keltische Stadt in Bayern. Zu ihrer Blütezeit im 3. Jahrhundert vor Christus hatte sie an die zehntausend Bewohner. Die besiedelte Fläche betrug etwa 380 ha, was fünfhundert Fußballfeldern entspricht. Damit war die Stadt ungefähr so groß wie Rom zur Zeit des Kaisers Augustus. Wie sich die Bewohner selbst nannten, ist uns nicht bekannt. Von den Römern wurden sie zum keltischen Stamm der Vindeliker gerechnet, die zwischen Bodensee und Inn im Alpenvorland siedelten.

Die Bezeichnung »Stadt« für diese keltische Großsiedlung geht auf den römischen Politiker und Schriftsteller Julius Caesar zurück, der in seinem Bericht über den »Gallischen Krieg« die größeren gallischen (= keltischen) Siedlungen als »Oppida« bezeichnet. Ursprünglich verstand man darunter befestigte Plätze, die durch Zäune oder Wälle vom Umland abgegrenzt waren und im Laufe der Zeit durch Bevölkerungskonzentration und soziale Differenzierung zur Stadt im eigentlichen Sinne wurden.

Bei einem virtuellen Gang durch Manching sind wir zunächst erstaunt über die niedrigen Häuser, die nur ebenerdig sind und fast wie Baracken aussehen. In der Regel sind sie 15 m lang und 6 m breit und besitzen zwei Wohnräume. Bis auf die Pfostenlöcher, in denen die Pfosten im Boden verankert waren, haben sich keine Spuren erhalten. Die Pfosten bildeten die Träger für die Wände aus Holz und Lehm und für die stroh- und schilfgedeckten Dächer. Zum Wohnhaus gehörten kleinere Vorratsgruben oder Vorratskeller, die später als Abfallgruben Verwendung fanden. In Werkzeugfunden lassen sich Drechsel-, Stemmeisen, Ziehhaken, Breit- und Schmaläxte sowie Sägen erkennen, mit denen man alle Holzverbindungen herstellen konnte, hinzu kommen eiserne Bauteile wie lange Beschlagnägel für Türen.

Außer den Wohnhäusern fallen uns mehrräumige Pfostenhäuser auf mit bis zu 100 m² Grundfläche, in denen sich die Handwerksbetriebe befanden. Bekannt sind Schmiede, Bronzegießer, Glasmacher und Münzpräger. Die in diesen Werkstätten erzeugten, hochwertigen Produkte waren hauptsächlich für den Export bestimmt. In der späten Bronzezeit hatte sich Manching zum bedeutendsten Handels- und Wirtschaftszentrum nördlich der Alpen entwickelt. Seine Lage war ideal, lag es doch am Schnittpunkt zweier Handelswege in Nord-Süd-Richtung sowie in Ost-Westrichtung. Geschützt durch Flüsse und Moore konnte von hier aus der gesamte Handel auf, entlang und über der Donau kontrolliert werden.

Das städtische Wohngebiet von Manching lag auf dem trockenen Schwemmland zwischen Westtor und Osttor. Die breite Zone um dieses Kerngebiet herum war Ackerland und Viehweide. Unter den Getreidearten nahm die Gerste den ersten Platz ein, gefolgt von Dinkel, Emmer und Weizen. Roggen und Hafer kamen erst später dazu. Neben diesem Getreide wurden Hirse, Linsen, Erbsen, Bohnen, Schlafmohn zur Ölgewinnung und Flachs zur Herstellung von Leinenstoffen angebaut. Zum Süßen der Speisen verwendeten die Kelten Honig, ein beliebtes Getränk war mit Honig gesüßtes Weizenbier. Von Haustieren wurden nach der Analyse der ausgegrabenen Tierknochen vor allem Rinder und Schweine gehalten, ferner Schafe und Ziegen. Pferde genossen bei den Kelten göttliche Verehrung, sie dienten als Lasttier und als Reittier. Durch die Entwicklung eines speziellen Sattels – des Vierhöckersattels – und die Einführung von Steigbügeln vervollkommneten sie die Reitkunst und ermöglichten auf diese Weise den Einsatz von berittenen Kriegern. Die im Krieg eingesetzten Streitwagen kann man von bildlichen Darstellungen und aus Grabfunden rekonstruieren. Über ihren Einsatz in der Schlacht schreibt Caesar: »Im Streitwagen parieren sie die Pferde in vollem Lauf, machen kurze Wendungen, laufen auf der Deichsel hin und her, stellen sich auf das Joch und sind von da aus rasch wieder im Wagen.«

Wie bereits die Bebauungsstruktur zeigt, war das Leben in Manching äußerst komplex organisiert, geprägt durch Arbeitsteilung und Spezialistentum. Dazu gehörte auch ein geregeltes Maß- , Gewichts- und Münzsystem. Aus Funden ist ersichtlich, dass innerhalb der Stadt vor allem die Kleingeldwährung in Form von Silber- und Bronzemünzen im Gebrauch war. Goldmünzen kommen äußerst selten vor. Unter den fremden Münzen befinden sich interessanter Weise mehrere Goldstücke aus Böhmen.

Ein absolutes Glanzstück von Manching ist das 70 cm lange Kultbäumchen. Der Stamm ist aus Laubholz und mit Goldblech überzogen, an seinen Zweigen waren kunstvoll Blätter, Blüten und Früchte aus vergoldetem Bronzeblech angebracht. Bilder von anderen Fundorten zeigen, dass derartige Bäumchen zeremoniellen Zwecken dienten, etwa bei Bestattungen und Prozessionen. Pflanzen und Bäume galten den Kelten als heilig, sie trugen nach ihrem Glauben den Himmel und waren der Sitz göttlicher Wesen. Unter einer Eiche, auf der eine Mistel wächst, vollzogen die Druiden (Priester) ihre Opferrituale, wobei auch Menschen geopfert wurden, wie Abbildungen auf Kesselbruchstücken und Berichte römischer Historiker belegen.

Ein ungelöstes Rätsel bleibt der Fund von 400 menschlichen Skelettresten, die in Manching in Abfallgruben gefunden wurden. Es sind Schädel-, Arm- und Beinknochen, die kaum Kampfverletzungen aufwiesen. Sie wurden anscheinend vom Körper abgeschnitten und dann entsorgt. Möglicherweise handelt es sich um gefangene Feinde, die anlässlich einer Siegesfeier getötet, geopfert und möglicherweise sogar verspeist wurden. Eine schauerliche Vorstellung, aber sie passt zu der von römischen Historikern überlieferten, keltischen Sitte, die Köpfe der besiegten Feinde als Ehrenzeichen an die Hauswände zu nageln.

Manchings Ende ging Hand in Hand mit dem Niedergang der keltischen Wirtschaft und Kultur im ersten Jahrhundert vor Christus. Die Bevölkerung nahm rapide ab, der Fernhandel kam zum Erliegen. Von Süden drangen die Römer, von Norden die Germanen gegen Süddeutschland vor. Caesars Feldzüge führten zu einer politischen Neuordnung Galliens und der Nachbargebiete. Nach der Eroberung des Alpenvorlands durch Rom im Jahre 15 vor Christus waren von Manching nur noch Reste der Stadtmauer übrig geblieben.

 

Julius Bittmann

 

10/2021

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