Jahrgang 2010 Nummer 42

Eine fahrbare Verbindung zwischen Raiten und Unterwössen

Vor 100 Jahren wurde aus dem Steg eine Brücke

Ausschnitt aus der Votivtafel vom Dorfbrand in Raiten 1782 mit dem Steg über die Ache.

Ausschnitt aus der Votivtafel vom Dorfbrand in Raiten 1782 mit dem Steg über die Ache.
Eine Ansichtskarte von 1912 zeigt uns den Steg und den Weg übers Gries erstmals in Fotografie.

Eine Ansichtskarte von 1912 zeigt uns den Steg und den Weg übers Gries erstmals in Fotografie.
Generalreparatur der Achenbrücke Raiten-Unterwössen 1952 durch die Firma Vinz. Bachmann, Mettenham und die Firma Döllerer, Unter

Generalreparatur der Achenbrücke Raiten-Unterwössen 1952 durch die Firma Vinz. Bachmann, Mettenham und die Firma Döllerer, Unterwössen.
Der Bau der Ortsumgehung Raiten, im Zuge des Ausbaues der Bundesstraße 307, mit Umbau der Straßen-Anschlussstelle nach Unterwössen, ist aktueller Anlass daran zu erinnern, dass es diese »fahrbare Verbindung« erst seit circa 100 Jahren gibt.

Die Ortsverbindung zwischen den beiden Orten bestand bis zum Ende des 19. Jhdt. lediglich aus einem hölzernen Fußgängersteg von etwa 1,5 m Breite. Die erste bildliche Darstellung des Steges gibt uns die Votivtafel in der Kirche über Raiten. Mit einem Fuhrwerk war dieser Steg nicht befahrbar.

Die Zufahrt zu diesem Steg führte auf Raitener Seite über ein Gries, also über ein Feld, das schon beim geringsten Achenhochwasser überflutet war. Für eine einigermaßen sichere Überfahrt waren zwei Dinge nötig: Der Bau von Hochwasserschutzdämmen an der Achen und der Neubau einer Brücke in für Fuhrwerke befahrbarer Breite und entsprechender Tragkraft. Die Bewohner beidseits der Tiroler Achen waren mit diesem Zustand nicht zufrieden. Im Traunsteiner Wochenblatt (heute Traunsteiner Tablatt, Anm. d. Red.) war 1888 zu lesen: »Der Mangel einer Brücke ist ein Übelstand! Der Gemeinde schwebt als Ziel vor Augen, die Herstellung einer befahrbaren Brücke über die Achen an Stelle des nur begehbaren Steges zwischen Unterwessen und Raiten. Unterwessen birgt gewiß viel Schönes und Angehmes, aber der Mangel einer Brücke ist ein Übelstand nicht nur für die Bewohner von Unterwessen und Oberwessen, Raiten und Schleching selbst sondern auch für die zahlreichen Gäste, welche im Sommer im Achental sich einfinden und gern mit Tyrol verkehren möchten, aber der Umweg mit Gefährte über Marquartstein und auf dem linken Achenufer aufwärts wieder an Unterwessen vorüber zu weit finden. Dieses Übel hat aber eine noch viel ernstere Seite. Schleching und Unterwessen können im Falle eines Brandes nur auf einem Umwege von ein und einer halben Stunde zu Hilfe kommen.«

Die Gemeinde Schleching behandelt ab 1893 in vielen Sitzungen dieses Thema, Gleiches geschah in der Gemeinde Unterwössen.

Im Dezember 1893 lautet ein Sitzungspunkt: »Staats- und Kreiszuschuß zum Bau einer Brücke über die Achen zwischen Raiten und Unterwössen« und mit dem Beschluss:

»Die Gemeinde erklärt sich bereit, beim Brückenbau die Holzzufuhr für die eine Hälfte der Brücke zu leisten. Hingegen ist die Gemeinde nicht in der Lage, für die Erhaltung der Brücke aufzukommen für die nächste Zeit.«

Die Gemeinde Unterwössen musste sich mit der gleichen Vorlage befassen, so berichtet Dr. Aschenbrenner in der »Unterwössener Heimatgeschichte«.

Die Behörden waren mit diesem Beschluss der Gemeinde Schleching wohl nicht zufrieden, denn schon 3 Monate später, im März 1894 berichtet ein ausführlicher Sitzungsbeschrieb:

»Das Bedürfnis der Herstellung einer direkten Fahrbahnverbindung zwischen Raiten und Unterwössen nach Maßgabe des vorliegenden Projektes des Kreisbaubüros, wie das Gutachten des Herrn Distriktbaumeisters Frauendorfer vom 7. d. M., wird anerkannt. Dagegen ist die Gemeinde Schleching mit Rücksicht auf die dermalige außerordentliche Überlastung mit Gemeindeumlagen nicht imstande, die Herstellung und Unterhaltung dieser Verbindung in Gemeinschaft mit der Gemeinde Unterwössen zu übernehmen, wenn derselben nicht... bereits zugesicherten Unterstützung an einen Betrage zu Neun bis Zehntausend Mark weitere Beihilfen gewährt werden. Die Gemeinde Schleching kann deshalb nur unter der Bedingung die Herstellung mit Unterhaltung dieser Verbindung auf sich nehmen, daß vom Königlichen Straßenaerar folgende weitere Leistungen zugesichert werden:

a) Das Königliche Straßenaerar hat außer dem bereits zugesicherten Zuschuß von 5.000,00 Mark, die Menge des zum Bau wie zur Unterhaltung der neuen Achenbrücke, wie der Brücke über den Raitener Bach erforderliche Holz der Gemeinde Schleching unentgeltlich abzugeben.

b) Das Königliche Straßenaerar hat den bereits vor längerer Zeit für Unterhaltung der Straße Schleching - Marquartstein erbetenen und bereits mündlich in Aussicht gestellten Zuschuß in der Höhe von mindestens 1.000,00 Mark jährlich auch im Falle der Herstellung der Verbindung Raiten - Unterwössen zu leisten.

c) Unter den vorangegangenen Bedingungen verpflichtet sich die Gemeinde Schleching die nacherwähnte Verbindung herzustellen und zu unterhalten, vorausgesetzt, daß die Gemeinde Unterwössen bereit ist, sich bei allen Kosten für Herstellung und Unterhaltung der Achenbrücke nach dem Verhältnisse ihres Straßensolls zu dem Straßensoll der Gemeinde Schleching zu beteiligen, während die Herstellung und Unterhaltung der Zufahrten zur Achenbrücke je innerhalb der Gemeindemarkung ausdrücklich durch die angrenzende Gemeinde sein soll.

d) Zur Deckung der Kosten soll ein Darlehen aufgenommen und in Jahresraten bei Annahme einer mindestens fünfundzwanzigjähringen Verfügungsperiode zurückgezahlt werden. Die Jahresraten sind durch Umlagen aufzubringen, nach freiwerden des Lokalbieraufschlages aber aus diesem zu decken.«

Der Gemeinderat von Schleching ließ über diesen Sitzungspunkt auch die Gemeindeversammlung – also alle stimmberechtigten Bürger – abstimmen und siehe da: Die Schlechinger Bürger lehnten diesen Beschluß des eigenen Gemeinderates mit 69-Nein- gegen 55-Ja-Stimmen ab.

Den Gemeindevätern war klar, das Problem ist damit nicht vom Tisch war.

Auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten wurde die Erhebung eines Brückenzolles erwogen.Das Bezirksamt errechnete jedoch eine max. mögliche Einnahme von 500 Mark pro Jahr gegenüber einem Finanzbedarf von 900 Mark pro Jahr für den anstehenden Kapitaldienst.

Höherenorts hat man wohl keine Ruhe gegeben, denn zwei Jahre später, 1896, wurde beschlossen:

»In Anbetracht der schon vorh. Schulden der Gemeinde, der großen Summe, die zum Bau der Brücke erforderlich ist und auch die Unsicherheit des zu erwartenden Brückenzolles erwägend, hat die versammelte Gemeindeverwaltung beschlossen: Den Bau und den Unterhalt der Brücke nicht zu übernehmen. Wohl aber erklärt sich die Gemeinde Schleching bereit zu den früher bereits versprochenen Eintausend Mark nochmals Eintausend Mark zu dem Bau dieser Brücke zu leisten aber nicht in Bargeld, sondern durch Leistungen von Hand- und Spanndienst in der Höhe zu Eintausend Mark.«

In der Folge gab es hierzu eine längere Pause.

Der Raitener Neubürger, H. V. Höslin, auf dem Urmannhof ansitzend, setzte sich für den Brückenbau besonders ein. Mit mehreren Eingaben versuchte er die Sache voranzubringen.

Erst 1907 kam dieses Thema auf dem Umweg über die notwendigen Reparaturen an der Achenkorrektion – also dem Hochwasserdamm - wieder auf die Tagesordnung. Die Beseitigung der Schäden an der Achenverbauung durch das Hochwasser vom 26. April 1907 zwingen zum Einsatz aller Mittel und es wird notwendig alle Einkünfte aus den Triftgebühren hierfür aufzuwenden; der Steg war auch wiederherzustellen.

Am 10. Dezember 1913 dann doch der General-Beschluss: »Der bisherige Raitnersteg soll bei der notwendig gewordenen Reparatur gemeinsam mit der Gemeinde Unterwössen hergestellt u. auf eine Breite von 3 Meter erweitert werden, so daß er mit Fuhrwerken bis zu 30 Ztr. Ladung befahren werden kann. Die Kosten werden von den beteiligten Gemeinden Schleching und Unterwössen zu gleichen Teilen getragen, soweit solche nicht durch Zuschüße aus Staatsfonds, Forstärar, Distriktsmitteln u. Leistungen der Feuerversicherungsgesellschaften Deckung finden. Der auf die Gemeinde Schleching treffende Kostenanteil ist aus ..(hier wusste man wohl noch nicht, wie das zu bezahlen sei) Mitteln zu decken u. ist im Etat für 1914 ein entsprechender Betrag anzusetzen. Die Kosten für die Erhaltung der Brücke teilen sich beide Gemeinden gleichheitlich. Die Herstellung der Zufahrtsstrasse von Raiten aus obliegt der Gem. Schleching allein. Sollte durch wiederholte Wasserkatastrophen die Erstellung oder Wiederinstandsetzung der Brücke die Gemeinde finanziell zu sehr in Anspruch nehmen, so wird wieder auf die Erbauung eines Steges zurückgegriffen. Eine wirkliche Verpflichtung zur Erhaltung einer Brücke statt des Steges darf nicht entstehen.«

Die Gemeindeväter fürchteten also weiter, den Unterhalt für die ‚große’ Brücke nicht leisten zu können.1914 wurde aber dann doch gebaut.

Wiederholte Achenhochwasser und der zunehmende Verkehr setzten der Brücke und dem Weg immer arg zu. Das Hochwasser am 31. Mai 1940 riss 3 Joche mit Belag weg. Der erf. teilweise Neubau wurde von der Regierung im April 1941 genehmigt u.a. mit der Auflage: »Mit Rücksicht auf die starke Holz- und Kiestrift bei Hochwasser eine Brückenwehr von 4 Mann bei Tag und bei Nacht mit der nötigen Ausrüstung (Weitzille, Sturmlaternen, Schiffshaken, Äxten, Wiegensäge und Seilen) in Tätigkeit treten zu lassen.«

Im Winter 40/41 – Kriegszeit – wurde die Joche wieder eingebaut und die Brücke notdürftig repariert. Wieder gab es Schäden: Der Bürgermeister von Schleching bittet 1943 seinen Kollegen von Unterwössen noch einmal den Schaden an der Brücke zu beheben, da in Schleching kein Zimmermann oder eine sonst geeignete Kraft vorhanden sei. Das Hochwasser 1944 nahm schließlich das 6. Joch mit. Um den ‚kleinen Verkehr’ aufrechtzuerhalten wurde über die Brückenlücke ein leichter, 2 m breiter Steg eingebaut. Die Brücke wurde für den rollenden Verkehr gesperrt, doch es hielt sich niemand an die Sperre. Es fuhren Autos, Fuhrwerke, ja sogar Zugwagen mit Kiesanhänger über die baufällige Brücke.

Die Gemeinden Schleching und Unterwössen teilten sich die Unterhalts- und Baukosten.Über die Lastenverteilung waren sich die Schlechinger (die Hachei) und die Unterwössener (die Blass) nicht immer einig; die Unterwössener bezichtigten sogar die Schlechinger, die ausgebauten Stahlträger unberechtigterweise abgefahren zu haben.

Zimmermeister Vinz. Bachmann gibt im Juli 1947 beiden Gemeinden einen ausführlichen Bericht über den erbärmlichen baulichen Zustand der Brücke.

Es kam, was Bachmann voraussagte: Im Sommer 1948 stürzte der notdürftig reparierte Brückenteil beim Befahren durch ein Fahrzeug des Bichlhofes ein. Nach der Reparatur wurde die Brücke wieder in gleicher unberechtigter Weise von den Unterwössener Kiesfuhrwerkern befahren, so meinten die Schlechinger und lehnten für die Zukunft jede Verantwortung und jede Zahlung ab. Friedliche Nachbarschaft?

Die Sache mit den Stahlträgern war noch nicht vorbei! Die Gemeinde Unterwössen stellte der Gemeinde Schleching die Träger in Rechnung! Schleching bezichtigt die Unterwössener im Gegenzug, an der Brücke bereitliegendes Reparaturholz widerrechtlich abgefahren zu haben und die dringend fällige Reparatur durchführen zu lassen. Keine Reaktion vom Nachbarn.

Auf Antrag der Gem. Schleching sperrt das Landratsamt für alle Fahrzeuge, ausgenommen Motor- und Fahrräder. Der Streit wurde wohl formal nie beendet. Die Planung der Brückeninstandsetzung war vorrangig und die beiden Gemeinden einigten sich auf die Ausführung nach Planvorlage Vinz. Bachmann und sogar darauf, dass Schleching als ‚Bauherr’ auftritt. 1951 wurde geplant und im Herbst 1952 die Maßnahme in nur 4 Wochen abgewickelt. Alle Zimmermeister von Unterwössen und Schleching wurden zur gemeinsamen Ausführung beauftragt.

Nach dem 2. Weltkrieg rückte auf Unterwössener Seite die Wohnbebauung nahe an die Holzbohlenbrücke heran. Die Folge: Lärmimissionen. Die Bohlen des Fahrbahnbelages lagen locker und es donnerte förmlich beim Überfahren der Brücke. Die Anwohner stellten Schilder auf und baten um langsames Fahren: 15 km/h sollten es sein. Der Erfolg war gering. Die Brücke hatte einen neuen Namen: Donnerbrücke.

Weg und Holzbrücke genügten den folgenden Verkehrsanforderungen bald nicht mehr.

Anfang der 1970er-Jahre wurde die Zufahrtsstrasse und die Spannbetonbrücke neu gebaut und die Brückenzufahrt auf einen Damm gelegt, diese Gemeindestrasse war bis vor kurzem die einzige hochwasserfrei Zufahrt ins Schlechinger Tal.

Mit der Ortsumfahrung Raiten wird hier eine neue Verkehrssituation geschaffen. Die künftig untergeordnete Einmündung der Brückenzufahrt in die Bundesstrasse bei Raiten wird das Verkehrsaufkommen auf der Raitenerstrasse in Unterwössen mindern und den dortigen Anwohnern weniger Lärm bescheren – so ist mindestens zu hoffen.

Helmut Birner

Quellen:
Gemeindearchiv Schleching: 631/6-2 bis 633/6
Festschrift »100 Jahre Fa. Vinz. Bachmann«, 1991. S. 9
1888.03.01. > TSWoBl.
Achentaler Almanach, 1986/1987, Ausgabe Unterwössen
Schleching-Lexikon Birner Helmut



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