Jahrgang 2010 Nummer 52

Ein wundersamer Besuch am Heiligen Abend

Es wird vor gut zwanzig Jahren gewesen sein, als ich damals an diesem Heiligen Abend in der Früh` mit meinem Mann in der schon bacherlwarmen Küche unseren Morgenkaffe getrunken hatte.

Wir beide waren alleine auf unserem kleinen, abgelegenen Einödhof und dachten, daß dies am heutigen Tag so bleiben würde. Am morgigen Weihnachtstag würden ja unsere Kinder mit den Enkeln zum »Christkindlschauen« kommen.

In der Nacht hatte es zu schneien begonnen und es wollte gar nicht richtig Tag werden. Mein Mann zog die warme Joppe an und ich drückte ihm das »Christkindl« für unseren Postboten in die Hand, denn dieser würde bald kommen. Er meinte noch beim Hinausgehen, wenn es so weiter schneie, würde bis zum Abend ganz schön was zusammen kommen. Ich nickte und machte mich im Haus an die Arbeit, damit am Nachmittag fürs Christkindlsach`herrichten viel Zeit war.

Es mag eine gute halbe Stunde vergangen sein,als ein jämmerliches Miauen am Küchenfenster zu hören war. Ich machte es auf und schon war unsere Katze mit einem Sprung drinnen auf der Eckbank. Gerade wollte ich dieses wieder zumachen, als ich, noch kurz einen Blick zur Hofeinfahrt hin werfend, meinen Mann dort mit einer mir unbekannten Person stehen sah. Als die beiden nun aber näher dem Haus zugekommen waren, da glaubte ich diese doch schon einmal gesehen zu haben. Wie die beiden sich gleich darauf mir zuwandten, da wußte ich auch wieder wer der noch junge Mann gewesen ist. Es war schon einige Zeit her, daß selbiger öfters mal zu unserem Buben, der damals so um die fünfundzwanzig Jahre gewesen sein musste, zum »Ratschen« gekommen ist. Weil auch ich mich einmal kurz mit diesen unterhalten hatte, fiel mir nun auch sein Name wieder ein, Detlef hieß er und jedesmal war er zu Fuß mit einem Rucksack unterwegs, genauso auch heute, dachte ich ein bisserl verwundert.

Was konnte denn der heute am Hl. Abend schon so früh bei uns heroben wollen, es ist immerhin von der Stadt herauf zu unserem verschneiten Einödhof eine gute halbe Stunde zu gehen? Ich werkelte weiter, spähte aber immer wieder hinaus,-- so sah ich auf einmal erstaunt, wie Detlef mit Stefan meinem Mann nun Schnee schaufelte. Inzwischen war es höchste Zeit geworden zum Mittagessen kochen, als mein Mann in die Küche hereinkam; er sah mich kurz an und meinte zu mir: »Der`bleibt uns heut«. Zuerst wußte ich nicht recht was er damit meinte, erst langsam verstand ich, daß er damit Detlef meinte – und er sollte recht behalten!

Für das Mittagessen formte ich vorsichtshalber ein paar Knödel mehr und der Braten langte auch für noch einen Esser. Kurz darauf setzten wir uns gemeinsam an den gedeckten Tisch und man sah es unserem Mittesser an, daß es ihm schmeckte.

Am frühen Nachmittag sagte Stefan zu mir, er hätte draußen in der Werkstatt noch einiges zu tun, worauf unser »Gast« sich anschickte mitzugehen, seinen Rucksack stellte er noch schnell in eine Ecke im Hausgang.

Im Laufe des Nachmittags hatte es stärker zu schneien angefangen. Ich füllte in der Tenne draußen zwei große Körbe mit Holz für den Kachelofen, worauf Detlef diese auch schon in den Hausgang hineintrug. Kurz danach holte ich den kleinen Christbaum von der Tenne stellte ihn in die Küche und fing an, wie jedes Jahr die weinroten Kugeln vorsichtig aufzuhängen. Aus dem Radio konnte ich leise, besinnliche Musik hören, so kam ich immer mehr ins Nachdenken was wohl unseren Besucher bewogen hatte, gerade zu uns zu kommen,- an diesem Hl. Abend ?

Fünf Uhr ist es geworden, draußen war es schon stockfinster, wie ich dortmals den geschmückten Baum in die Stube an seinen dafür bestimmten Platz stellte. Als Stefan gerade zur Türe hereinkam, fragte ich ihn ganz leise was denn mit Detlef jetzt werden soll? Seine Antwort war nur ein Schulterzucken, da wußte ich, daß wir beide dasselbe dachten. So ging ich in die Küche und schickte mich an, das Abendessen fertig zumachen, zu den Bratwürsten hatte ich eine schmackhafte Soße angerichtet und dazu eine große Portion Kartoffelsalat. Das müßte gut für drei reichen, dachte ich bei mir,deckte den Tisch sorgfältig, an den wir drei uns gleich darauf setzten. Unser Gast aß mit großen Appetit und dankend meinte er zu mir, es habe ihm schon lange nicht mehr so gut geschmeckt.

Inzwischen war es sieben Uhr geworden und er war nun mit Stefan in die Stube hineigegangen. Ich hatte kurz darauf mit dem Anzünden der Kerzen an unserem kleinen Bäumchen begonnen, dabei meinte ich zu Detlef der mir fast andächtig zuschaute, daß wir seit die Kinder erwachsen sind, keinen so großen Christbaum mehr wollten.

Nun holte ich die Geschencke für unsere Kinder und Enkel und legte diese behutsam unter den Baum. Danach brachte ich noch einen Weihnachtsteller mit den selbstgebackenen Guteln und Lebkuchen, stellte diesen auf den kleinen Tisch neben der Ofenbank und sagte dabei fast leise zu den beiden Männern »Frohe Weihnachten«.

Wie damals in diesen Minuten aus dem Radio das von zwei Männerstimmen gesungene »Stille Nacht - Heilige Nacht« erklungen ist, sah ich die Tränen in Detlefs Augen. Er wandte sich mir zu, als er schließlich mühsam, mit leiser Stimme die wenigen Worte hervorbrachte, daß er seit seiner Kindheit keine selbstgebackenen Plätzchen mehr gegessen habe. Da musste ich leise lächeln und sagte zu ihm, daß dies, so wie jetzt in diesen Stunden einfach und still, jedes Jahr unser beider Hl. Abend sei.

Inzwischen hatte Stefan eine Flasche Wein aufgemacht und unser Besuch holte sich eins nach dem andern von meinen »Guadln«. Die Zeit war uns dreien so schnell vergangen und die Kerzen am Christbaum schon weithinunter abgebrannt. In den Kachelofen hatte Stefan ein großes Buchenscheitl hineingelegt und Detlef noch erzählt, daß selbiges früher bis zum Heimkommen vom Mettengang anhalten mußte. Da war es mir, als hätte sich dieser auf etwas wichtiges besonnen,denn plötzlich stand er von seinem gemütlichen Platz auf der Ofenbank auf. Er ging ein paar Schritte auf mich zu, dabei schaute er mit einem seltsamen Blick zum Baum mit den fast abgebrannten Kerzen. Langsam wandte er sich mir zu,drückte meine Hand fest und sagte zu mir, daß dieser Tag, heute und jetzt, bei uns, wie ein Wunder für ihn gewesen sei.

Dann ging er hinaus in den Hausgang, nahm den Rucksack und seine Antwort auf unsere Frage, wohin er denn gehe, war »hin zur Christmette«. Er öffnete die schwere Haustür, schaute nocheinmal zu uns zurück und stapfte hinaus in die kalte, verschneite Christnacht. Wir haben ihn niemehr wiedergesehen.

Elisabeth Mader



52/2010