Jahrgang 2021 Nummer 32

Ein Verserl gegen Essen und Bett

Salzburger Ferdinand Joly zog als verkrachter Künstler durch die Gegend – mit den Mozarts bekannt

In den Bauernhöfen unterhielt Ferdinand Joly die Bewohner mit Geschichten und Gedichten. Gemälde »Großvater erzählt« von Albert Anker. (Repros: Susanne Mittermaier)
Die Familie Joly war gut mit den Mozarts bekannt. Leopold Mozart mit seinen Kindern Wolfgang und Nannerl, Aquarell von Carmontelle.
Im Pfarrhof in Kay, hier eine Postkarte von 1916, fand der Scholi Unterschlupf.

Er starb so, wie er den Großteil seiner 58 Jahre verbrachte hatte: Zu Fuß unterwegs. Am Abend des 20. Oktober 1823 wurde Ferdinand Joly in der Nähe der Einöde Elserloh bei Kay, heute Gemeindeteil von Tittmoning, in freier Natur vom Schlag getroffen und zwei Tage später auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt. Der »Scholi«, wie er von seinen Zeitgenossen genannt wurde, hatte sich von Jugend an sein karges Brot als fahrender Dichter und Komponist verdient, und in all der Zeit gab es wohl kaum einen Hof im damaligen Erzstift Salzburg, auf dem der hagere, großgewachsene Wanderer nicht eines Tages mit seinen Sprücherln: »Heit ha i koa Geld nimma« oder »an Zehrpfennig häd i gern«, vor der Tür gestanden ist. Trotz seiner Bekanntheit zu Lebzeiten wäre Joly samt seines Werks wohl für immer im Dunkel der Geschichte verschwunden, hätte nicht August Hartmann sein Faible für heimisches Brauchtum entdeckt und sich in den 1870er Jahren im Rupertigau auf Spurensuche nach altem Liedgut gemacht.

Der im Hauptberuf Bibliothekar an der Münchner Staatsbibliothek traf bei seinen Recherchen auf einige betagte Einwohner in der Gegend von Tittmoning, die den Scholi noch mit eigenen Augen erlebt hatten. Sie berichten, dass sich schon zu Lebzeiten Ferdinand Jolys die Geheimnisse um ihn rankten. Er sei wegen irgendeiner Lumperei von der Universität geflogen und habe in jungen Jahren kein Kammerfenster ausgelassen«, erfuhr Hartmann von der »Schneiderin«, einer 83-jährigen Witwe, die auf dem Einödhof in Elsenloh aufgewachsen und als Kind dort dem »Scholi« mehrfach begegnet war. Trotz seiner etwas zwielichtigen Vergangenheit sei er »a guade Haut, a guada Mensch« gewesen, den alle Leute recht gern gehabt hätten, weil er so »untahaitlich g'wen is. Er hat neamd nix in Weg g'legt und is a brava Mensch g'wen. Er hat neamd beleidigt und er hat nix g'numma, g'wis nöda«, so die alte Dame. Nur selten sei er deshalb von jemandem abgewiesen geworden, wenn er um einen Teller Suppe und eine Schlafstelle bat.

Als Gegenleistung für Kost und Logis unterhielt der »Scholi« die Hofbewohner mit Geschichten, Liedern und Verse, die er, für ein paar zusätzliche Münzen, sozusagen exklusiv für seine Gastgeber, aus dem Stegreif produzierte. Dabei pflegte er dann in der Stube auf und abzugehen und mit sich selbst zu »dischkrieren« (= sprechen), bis er die richtigen Reime gefunden hatte, die er dann an die hölzernen Deckenbalken schrieb. Manchmal habe so eine Sitzung bis in die Früh gedauert, was ihr selbst einmal eine schlaflose Nacht beschert habe: Bei einem der Besuche Jolys sei sie krank gewesen und sollte deshalb in der warmen Stube schlafen, was ihr aber nicht gelang, weil der dichtende Gast bis zum Morgengrauen unablässig im Raum hin und her gegangen sei. »Ich bat mir am nächsten Morgen eine andere Schlafstelle aus«, erinnert sich die alte Dame mit zwinkerndem Auge an die Begebenheit, die um 1800 stattgefunden haben muss.

Der »Scholi« tingelte zu diesem Zeitpunkt schon fast zwei Jahrzehnte durch die Gegend, nachdem er 1783 oder 1784 von der Universität Salzburg geflogen war. Anlass für seinen Hinauswurf war wohl ein aus der Bahn geratener Streich, den Joly zusammen mit einem adeligen Kommilitonen beging. Auslöser für die Tat war die Behauptung eines Salzburger Kaufmanns, er habe eine Hexe auf einer Mistgabel durch die Luft fliegen sehen. Die Hinrichtung der letzten wegen Hexerei verurteilten Person in der Salzachstadt war damals noch nicht allzu lange her – 1750 war die erst 16-jährige Maria Pauer aus Mühldorf auf dem dortigen Richtplatz gestorben, und der Glaube an Zauberei war auch drei Jahrzehnte später noch ungebrochen. Die Äußerungen des Kaufmanns blieben deshalb nicht unbemerkt und erst recht nicht jener Vorfall, bei dem eine waschechte Mistgabel scheinbar aus dem Nichts durch die Lüfte segelte. Fieberhaft wurde nach einer Erklärung für die »fliegende Eisengabel« gesucht, wobei sogar die als Besitzerin des Werkzeugs ausgemachte Frau, eine Hauptmannsgattin namens Guardi, vorübergehend in Verdacht geriet, dass sie das gute Stück mit übernatürlichen Kräften zum Fliegen gebracht hatte. Tatsächlich hatten sich aber ein namentlich nicht genannter Adeliger und Ferdinand Joly einen Streich erlaubt und die Mistgabel von einem Dach heruntergeworfen.

Für Letzteren sollte sich die Tat als äußerst folgenschwer erweisen: Während sein Kumpan, wahrscheinlich wegen seiner hohen gesellschaftlichen Stellung, ungeschoren davon kam, wurde Joly von der Universität verwiesen – inklusive lebenslangem Verbot, sein Studium fortzusetzen. Sein Plan, wie einige seiner Onkel väterlicherseits, eine klerikale Laufbahn einzuschlagen, war damit geplatzt, was den gerade mal 18-Jährigen offenbar so aus der Bahn warf, dass er nie richtig Fuß fassen konnte im Leben.

Erschwert wurden seine Umstände sicher auch durch die Tatsache, dass fast alle seine Verwandten, die ihm unter die Arme greifen hätten können, nicht mehr am Leben waren, was wohl auch für seinen Vater Josef Anton Joly galt. Der hatte als Zuckerbäcker und Kammerdiener beim Fürsterzbischof zwar grundsätzlich eine Stellung inne, die ihm eine Fürsprache für den Sohn an höchster Stelle erlaubt hätte, doch nach der Geburt Ferdinands 1765 gibt es keine Belege mehr über den Verbleib des Vaters. Darüber hinaus scheint Joly Seniors Ruf selbst nicht ganz astrein gewesen zu sein, wie aus einem Diarum des erzbischöflichen Hofmarschalls hervorgeht. Demnach wurde er im Juni 1762 wegen eines »Verbröchens« zwei Tage lang ins Stockhaus gesperrt – kein guter Ausgangspunkt, um später, falls er damals noch am Leben war, um Milde für seinen Sohn zu bitten. Geschwister hatte Ferdinand Joly schon bei seiner Geburt keine mehr: Alle fünf, vor ihm zur Welt gekommenen Kinder seiner Eltern waren entweder kurz nach der Geburt oder im Kleinkindalter gestorben. Über das Schicksal der Mutter ist nichts bekannt, und von seinen Onkeln und Tanten lebten in den 1780er Jahren nur noch Raymund Joly, ein Bruder des Vaters, der als Prior im Stift Kremsmünster zwar eine hohe Stellung innehatte, aber weit von Salzburg entfernt lebte. Und Ferdinands Tante Rosalie »Sallerl« Joly, die ihren Neffen nach seiner Relegation wahrscheinlich noch in irgendeiner Form unterstützt hatte, starb 1788. Sie ist übrigens auch in die Geschichte eingegangen, weil sie seit ihrer Jugend mit Anna Maria Mozart, der älteren Schwester Wolfgang Amadeus befreundet war, wobei sicher auch Vater Joly Kontakt zu Leopold Mozart hatte, da beide Angestellte des Salzburger Fürstbischofs waren, Leopold als Vizekapellmeister und Josef Anton als Zuckerbäcker.

Zeugnisse der freundschaftlichen Verbindungen beider Familien finden sich unter anderem in Briefen, wie beispielsweise einem Schreiben Wolfgang Amadeus aus Mannheim 1777 an seinen Vater, dem er folgendes Gedicht für Rosalie beilegte: »Ich sag dir tausend danck mein liebste Sallerl, und trincke dir zur ehr ein ganzes schallerl, Coffé und dann auch thee, und limonadi, und tuncke ein, ein stangerl vom Pomadi und auch – auweh, auweh, es schlägt iust Sex, und wers nit glaubt der ist – der ist – ein fex.«

Ob Ferdinand schon in seiner Jugend ebenfalls dichtete und komponierte, ist nicht bekannt. Warum er auf seiner künstlerischen Wanderschaft hauptsächlich in der Tittmoninger Gegend unterwegs war, ist dagegen nachvollziehbar: Die Region gehörte damals zum Erzbistum Salzburg, womit Ferdinand kein »Ausländer« war und sich hier freier bewegen konnte als wenn er auf fremdem Gebiet, beispielsweise in Bayern, unterwegs gewesen wäre. Personen ohne festen Wohnsitz, die sich auf den Landstraßen herumtrieben, gerieten damals schnell in den Fokus der Obrigkeit und mussten mit Repressalien rechnen, von denen die Abschiebung noch die mildeste war.

Es ist nicht bekannt, ob der Scholi auf seiner Wanderschaft je mit den Behörden in Konflikt geriet. Dass sich ihm aber zumindest die Türen der heimischen Bevölkerung leichter öffneten als für so manch anderem Bedürftigen, lag sicher auch an seinem Onkel Michael Joseph Joly, der von 1743 bis zu seinem Tod 1764 Pfarrer in Kay war. Mit einem Geistlichen als nahen Verwandten hatte Ferdinand Joly sicher einen gewissen Bonus, und dass er sich der Komposition von geistlichen Liedern widmete, trug wohl auch zu seinem guten Leumund bei.

Die »Schneiderin« berichtete, dass der Scholi oft für Beerdigungen von jungen Verstorbenen Texte und Melodien schuf, weil es damals der Brauch war, speziell für diese Altersklasse den Lebenslauf in gesungener Form darzubieten. Ein betagter Bauer aus Leitgering und seine Schwester, in deren Elternhaus der Scholi oft zu Besuch war, berichteten Hartmann von einer Wallfahrt nach Altötting, auf der ebenfalls Lieder des damals schon verstorbenen Ferdinand Joly angestimmt wurden: »Wir haben durch den Markt hindurchgesungen und dann in die heilige Kapelle hinein. Da haben die anderen Leute so bitterlich geweint in der Kapelle, weil das G'sang so viel schön gewesen ist.«

Zeitzeugen berichteten, dass Ferdinand Joly auf seiner Wanderschaft oft im Pfarrhof von Kay anzutreffen war, wo ihn die Geistlichen, wahrscheinlich durch seine Verwandtschaft zum früheren Ortspfarrer, immer wieder für längere Zeit durchfütterten. Heute kann man sich nur schwer vorstellen, wie jemand sich vollkommen ohne staatliche Hilfen, nur mit minimalen Einnahmen über Jahrzehnte durchs Leben schlagen kann. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass der Scholi kein Almosenempfänger im eigentlichen Sinn war, denn er erbrachte im Gegenzug für einen Schlafplatz, Nahrung und kleine Geldbeträge Dienstleistungen, die in der ländlichen Gesellschaft auch durchaus gefragt waren.

Als wandernder Künstler kam er viel herum, hörte hier und da Interessantes und kam mit vielen Leuten in Kontakt. In einer Zeit, in der es noch kaum Zeitungen gab – die ein Großteil der ländlichen Bevölkerung aufgrund mangelnder Schulbildung auch gar nicht hätte lesen können – fungierte Joly auch als Nachrichtenlieferant und zugleich Unterhalter: »Wenn der Scholi bei einem Bauern über Nacht geblieben ist, da sind die Leute zusammengekommen und haben ihm zug‘lost, weil er Geschichten hat erzählen können. Da hat sich schon Alles gefreut, wenn er gekommen ist. Wo er ein paar Groschen 'kriegt hat, da hat er die ganze Nacht erzählt. Er hat so schöne Geschichten erzählt, sie sind traurig gewesen und auch wieder zum Lachen«, berichtete August Hartmann.

Was dessen gesammelten Anekdoten über den Scholi allerdings nicht verraten, sind dessen persönliche Gedanken und Gefühle während all der Jahre seiner ruhelosen Wanderschaft? War er ein genügsamer Mensch und deshalb zufrieden mit seinem kargen Leben? Oder hat er sich doch nach Familie, finanzieller Sicherheit und einer bürgerlichen Existenz gesehnt? Ernst und finster sei er ihr vorgekommen, schildert eine Augenzeugin Hartmann, doch das muss nicht heißen, dass der Scholi unglücklich oder verzweifelt war.

Tatsächlich könnte man noch lange spekulieren über den Dichter und Komponisten mit dem ungewöhnlichen Lebenslauf, genauso übrigens wie auch über seine mögliche Verbindung zur Redewendung »mein lieber Scholli«. Derzeit gibt es drei Thesen über den Ursprung dieses Ausrufs. Laut Duden leitet sich die Redewendung »mein lieber Scholli« als Ausruf des Erstaunens oder der Bewunderung vom französischen »joli« = hübsch, niedlich« ab. Einer anderen Theorie zufolge geht sie jedoch tatsächlich auf Ferdinand Joly zurück, wobei es allerdings noch einen weiteren Kandidaten mit gleichem Nachnamen gibt, der ebenfalls in Frage kommt: und zwar Julius August Isaak Jolly (1823 bis 1891). Als badischer Ministerpräsident versuchte er in den 1870er Jahren den Einfluss der Kirche auf die Schulen zurückzudrängen. Dieses Ansinnen löste in konservativen Kreisen große Empörung aus und soll dann zur Entstehung des Ausspruchs »Mein lieber Scholli« geführt haben.

 

Susanne Mittermaier

 

32/2021