Jahrgang 2006 Nummer 35

Ein Sommertraum

Erinnerung an einen langen Sommer voller Liebe und Glück

Eine Frau stellt ihr Auto am Ende des Dorfes neben einen Straßenrand und geht langsam zu Fuß auf einem schmalen Feldweg dem Waldrand zu. Vor einer fast verfallenen, kleinen Hütte bleibt sie stehen und ihre Augen füllen sich mit Tränen, als sie noch ein paar Schritte weiter auf diese zugeht und sich schließlich vorsichtig auf die morsche Bank vor der Hütte hinsetzt. Langsam schweift ihr Blick über den kleinen Weiher, der, wild umrangt von Schilf und hohen Gräsern, nur ein paar Schritte von ihr entfernt, im fahlen Licht der Spätnachmittagssonne fast gespenstisch aussieht. Weit schweifen ihre Gedanken zurück und die Erinnerung an damals wird immer mehr zur Gegenwart, je länger sie dortsitzt.

Ein warmer Frühsommerabend ist es gewesen dortmals, als er sie, die gerade vor dem Fenster am Haus die Blumen gegossen hatte, gefragt hat, ob sie mit ihm am Sonntagabend ins Kino gehen möchte. Ihr Herz hat vor Aufregung und Freude laut geklopft, hatte sie sich doch, seit sie ihn vor etlichen Tagen zum ersten mal auf dem Nachbarhof gesehen hatte, heimlich nichts anderes mehr gewünscht.

Ein Liebesfilm ist es gewesen, und Hand in Hand sind die Beiden auf dem Heimweg verträumt durch das stille Dorf gegangen und als er sie fast scheu gefragt hat, ob sie mit ihm zusammen noch ein Stück auf dem Feldweg weiter spazieren wolle, da hat sie ganz einfach -Ja- gesagt. So ist nun jeder Sonntagabend, ihrer beider Abend geworden und an einem solchen war es auch, als sie wieder nach dem Kino hinausgegangen sind aus dem Dorf ohne ein bestimmtes Ziel, da haben die Beiden, an einem Waldrand angekommen, etwas entdeckt. Eine winzige Hütte ist es gewesen, nach vorne zu offen, mit einer roh gezimmerten Bank an der Innenwand und einem kleinen Tisch in der Mitte. Nur ein paar Schritte davor hätten sie damals den kleinen, versteckten Fischweiher beinahe »übersehen«, bald aber schon haben sie jeden Schritt und Tritt auf dem schmalen Weglein durch eine Wiese dorthin, auch im Dunkeln auswendig gekannt. Fast eine halbe Stunde brauchten sie vom Kino am anderen Ende des Dorfes bis zu ihrer heimlichen Entdeckung.

Während der Woche, wo weder er als Praktikant, der er auf einem Hof gewesen ist, geschweige denn sie, die sie auf dem kleinen Hof des Stiefvaters, schwer arbeiten musste, ins Kino gehen durfte, da haben beide manchmal am Abend auf der Hausbank eine Weile miteinander reden können und da auch heimlich »Ihr Kinogehen« ausgemacht.

Mäuschenstill war es dort an ihrem geheimen Ort, nur das Zirpen der Grillen durchbrach von Zeit zu Zeit manchmal die Stille und der Mond spiegelte sich in dem grün schillernden Wasser. In diesen langen Sommernächten gehörte den Beiden dieses verträumte Fleckchen Erde ganz alleine, sie vertrauten sich gegenseitig alles an, was ihnen am Herzen gelegen ist und zum ersten mal nach vielen Jahren, in denen die Zeit ihrer glücklichen Kindheit viel zu kurz gewesen ist, gab es endlich wieder einen Menschen, der ihr gut war und sie liebte und sie war so glücklich, wie sie es solange nicht mehr gewesen ist.

Es war ein langer Sommer voll von Liebe und Glücklichsein für die beiden jungen Menschen, aber dennoch viel zu kurz und viel zu schnell war es damals für sie Herbst geworden, denn sie haben ja gewusst, dass die Zeit des Abschiednehmens schon ganz nahe gewesen ist. So war es wiederum ein Sonntagabend, Anfang Oktober, als sie zusammen das letzte Mal, Hand in Hand durch die schon von den Kühen fast abgegrasten Wiesen, ihrem so lieb gewordenen Plätzchen zuschlenderten. Beide sind seltsam still gewesen an diesem schon kühl gewordenen Herbstabend, die Blätter des Ahorns, dessen Äste sich über das versteckte Hüttlein neigten, hatten sich von Woche zu Woche mehr verfärbt und die Beiden hatten ihnen fast traurig zugeschaut, wie sie lautlos auf den kleinen Weiher fielen. So war dieser schon fast zugedeckt, als sie sich an diesem letzten Abend, später als sonst, auf dem schmalen Weg neben dem dunklen Wasser, noch ein allerletztes mal dorthin zurückgedreht haben, bevor sie auf dem Feldweg zurück zum Dorf gegangen sind. An diesem Abend – nein es war ja schon Nacht – da haben sich die Beiden nochmal fest versprochen, sich viele Briefe zu schreiben und sich immer treu zu bleiben für ein ganzes Leben. Noch so viele Sommer wollten sie mitsammen erleben und so glücklich sein – doch das Schicksal hat es ganz anders gewollt.

Seltsam müde geht die Frau mit schweren Schritten den Weg, der ihr jetzt auf einmal solange vorkommt, zurück zum Dorf. Sie wendet noch einmal den Kopf und schaut wehmütig zurück. Doch langsam verklären sich ihre Gesichtszüge und mit einem seltsamen, fast abwesenden Lächeln wendet sie sich ab von dem Ort, wo sie einmal vor so endlos langer Zeit einen Sommer lang so glücklich gewesen ist.

Elisabeth Mader



35/2006