Jahrgang 2020 Nummer 49

Ein Schöpfer literarischer Mythen

Vor 150 Jahren verstarb Alexandre Dumas der Ältere

Alexandre Dumas der Ältere. (Repros: Marietta Heel)
Alex Dumas – der General.

Alexandre Dumas der Ältere ist bis heute der meistgelesene französische Autor in Deutschland, und daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern. Ein Erfolg, der vor allem auf seine Abenteuerromane »Die drei Musketiere«, »Der Graf von Monte Christo« und »Die Bartholomäusnacht« zurückzuführen ist, die fast jedem ein Begriff sind. Dumas war ein Enkel des Marquis Alexandre Davy de la Pailleterie, der sich um 1760 längere Zeit auf Saint-Domingue (heute Haiti) aufgehalten und dabei mit Marie-Césette Dumas, einer versklavten Frau afrikanischer Abstammung, vier Kinder gezeugt hatte. Um sein Erbe als Marquis anzutreten, verpfändete er Ende 1775 Marie-Césette und die Kinder als Sklaven, um damit die Überfahrt nach Frankreich zu finanzieren.

Nur das jüngste Kind, Thomas Alexandre (geboren 1762; der spätere Vater von Alexandre Dumas) löste er wenig später aus und holte es nach Paris. Mit dem Betreten französischen Bodens war Thomas Alexandre frei, denn im »Land der Freien« (denn genau das bedeutet »Frank-Reich«) war niemand ein Sklave. Anwälte der Aufklärung hatten diesen einzigartigen Status im Mutterland aller französischen Kolonien erstritten. Thomas Alexandre erfuhr eine aristokratische Erziehung und holte all das nach, was dem Sohn eines Marquis zustand: Er lernte höfische Manieren, Latein, Griechisch, Geografie, Geschichte, Reiten, Fechten und Tanzen.

Kurz vor seinem Tod 1786 überwarf sich der Marquis mit dem 24-jährigen Thomas Alexandre, der daraufhin seinen Vornamen kürzte und den Nachnamen der Mutter annahm; fortan hieß er Alex Dumas und trat unter diesem Namen als Dragoner der Königin in die Armee ein. Während eines längeren Aufenthaltes von Teilen seines Regiments in Villers-Cotterêts (in der Nähe von Paris) lernte er hier die Gastwirtstochter Marie Labouret kennen, die er 1792 heiratete. In den zahllosen Kriegen der nachfolgenden Jahre machte er eine militärische Karriere, die ihn bis zum Rang eines Generals führte, des ersten farbigen der französischen Armee. Während des Ägyptenfeldzugs Napoleons fiel er bei diesem jedoch in Ungnade und geriet bei dem Versuch, vorzeitig nach Frankreich zurückzukehren, in Gefangenschaft im feindlichen Königreich Neapel.

Nach seiner Freilassung per Austausch kehrte er zu seiner Frau zurück und wurde bald danach Vater eines Jungen, des späteren Schriftstellers Alexandre Dumas. 1802 wurde er zusammen mit anderen farbigen Offizieren aus der Armee ausgeschlossen, weil Saint-Domingue sich als Haiti für unabhängig erklärt hatte und somit als Feindesland galt. Er starb 1806 im Alter von 44 Jahren.

Eine gute Schulbildung erhielt Dumas nicht, vielmehr musste er mit 14 Jahren die Stelle eines Schreibers bei einem Notar annehmen. Er entdeckte jedoch früh sein schriftstellerisches Talent und versuchte sich zusammen mit einem Freund als Verfasser von Theaterstücken. 1822 ging er nach Paris, wo ihn seine schöne Handschrift (was damals ein Kapital war) und die Vermittlung eines Generalskollegen seines Vaters einen Posten im Büro des Duc d'Orléans verschaffte, des späteren »Bürgerkönigs« Louis-Philippe. 1824 wurde er Vater eines unehelichen Sohnes: des späteren Autors Alexandre Dumas der Jüngere. 1825 verdiente er sein erstes Honorar als Co-Autor eines Stücks, daneben betätigte er sich als Lyriker sowie als Journalist. Spätestens seit 1828 hatte er Zugang zum Salon des Autors Charles Nodier, wo er die erste Generation der Romantiker kennenlernte, darunter Victor Hugo.

Schlagartig bekannt wurde Dumas dann 1829 durch den Erfolg seines ersten Stücks »Henri III. et sa cour« / »Heinrich III. und sein Hof«. Diesem ließ er zahlreiche weitere Stücke folgen, häufig in Zusammenarbeit mit Gérard de Nerval. Sein größter Bühnenerfolg wurde 1839 »Mademoiselle de Belle-Isle«, das bis 1844 über 400 Mal aufgeführt wurde. Nachdem er bereits 1835 begonnen hatte, sich im gerade modischen Genre der Novelle auch als Erzähler zu versuchen, verlegte er sich ab 1838 auf Romane, die er in Zusammenarbeit mit anderen Autoren wie zum Beispiel Auguste Maquet (1813 bis 1888) verfasste. Über 300 Romane entstanden auf diese Weise, die in der Regel zuerst kapitelweise im Feuilleton von Zeitungen erschienen. Da er früher Dramen für das Theater geschrieben hatte, war er ein Meister des Dialogs, und seine effektvollen Kapitelschlüsse (heute würde man sagen: cliffhanger) sorgten dafür, dass auch die nächste Ausgabe der Zeitung gekauft wurde.

Daneben verfolgt Dumas vielfältige politische, unternehmerische und intime Aktivitäten, so dass er trotz seiner beachtlichen Einkünfte oftmals in Schulden geriet, denen er sich zum Teil durch längere Auslandsaufenthalte zu entziehen versuchte, etwa 1860 bis 64 in Italien, wo er sich im Umkreis des Italien Einigers Giuseppe Garibaldi bewegte. Seine Reisen wiederum pflegte er in den damals bei Zeitungen und Zeitschriften, aber auch Verlagen begehrten Reisereportagen zu verarbeiten, die er anschließend zusätzlich in Buchform herausgab.

Sein bewegtes Leben vermarktete er ebenfalls, nämlich in den vielbändigen »Mémoires« (1852 bis 54 in Brüssel publiziert). Auf die Dauer konnte er sich diesen luxuriösen und ausschweifenden Lebensstil jedoch nicht mehr leisten und verbrachte die letzten Jahre verarmt bei seinem Sohn, bevor er am 5. Dezember 1870 verstarb.

2002, zur zweihundertsten Wiederkehr seines Geburtsjahres, wurden seine Gebeine ins Pariser Pantheon überführt. Dies geschah auch als ein Signal der französischen Kulturpolitik gegen Rassismus, denn zu Lebzeiten wurde Dumas wegen seiner dunklen Hautfarbe und seiner Abstammung häufig geschmäht.

Als weiterführende Lektüre empfiehlt sich das Buch »Der schwarze General: Das Leben des wahren Grafen von Monte Christo«, verfasst von dem amerikanischen Historiker Tom Reiss. Eine mitreißende Mischung aus Sachbuch, Romanbiografie und Abenteuergeschichte, die sowohl Fans der »drei Musketiere« und des »Grafen von Monte Christo« als auch Geschichtsinteressierte begeistern dürfte. Denn Reiss schildert darin nicht nur die unglaubliche Karriere Alex Dumas', der vom einfachen Dragoner zum General aufstieg und dessen qualvolle Gefangenschaft in Italien den Sohn zum Erfinden des »Grafen« inspirierte, sondern skizziert auch die Geschichte der Sklaverei und vermittelt ein spannendes Bild der Epoche.

 

Wolfgang Schweiger

 

49/2020