Jahrgang 2005 Nummer 47

Ein Schatzkästlein voller Christkindl

Rosi Bauer zeigt in Sachrang Gnadenkindl aus ganz Europa

Sachrang-Siegsdorf – Liebevoll umfasst Rosi Bauer die rechte Hand des Jesuskindes, mit der es dem Betrachter eine Beere darbietet. In der linken hält es eine Weintraube. »Die Traube ist das Sinnbild der Erlösung, der Eucharistie. Daran ist das Columba-Jesulein zu erkennen – und an den zwei Schneckerln in den Haaren.« Rosi Bauers Jesuskind ist eine Kopie des wundertätigen Jesuskindes im Kloster Altenhohenau. Seit über 30 Jahren beschäftigt sich die Siegsdorferin unermüdlich mit religiöser Volkskunst und hat sich auf Wachsrestauration spezialisiert. Ihre einzigartige Sammlung von Jesuskindern und Fatschenkindln ist nun in einer Ausstellung im Müllner-Peter-Museum in Sachrang zu sehen. Geöffnet ist sie an den vier Adventssamstagen und -sonntagen jeweils von 14 bis 17 Uhr sowie vom 26. Dezember bis 6. Januar täglich von 14 bis 17 Uhr.

Jedes Eck im verwinkelten Museumsraum hat Rosi Bauer so eingerichtet, dass es »ein bisserl zur Besinnung anregt«. Sie präsentiert 15 Jesuskind-Wallfahrten aus fünf europäischen Ländern mit 30 verschiedenen Kindln und den Legenden, die sich um die alten Gnadenorte ranken, sowie zahlreiche Fatschen- und Jesuskinder aus Klöstern und Privathäusern.
Die Wurzeln der Jesuskindverkehrung liegen in den Frauenorden des frühen Mittelalters. Die kinderlosen Nonnen stellten sich kleine Jesuskindstatuen, meist Geschenke der Angehörigen zur Profess, als »Trösterlein« oder »himmlischen Bräutigam« in ihre Zellen. Oft trugen diese Perücken aus abgeschnittenem Haar der Novizin und trugen bei der Einkleidung abgelegten Schmuck. Um den einfachen Gläubigen die Jesuskindverehrung nahe zu bringen, wurden Statuen auf den Altären von Klosterkirchen aufgestellt, besonders zur Weihnachtszeit.

Gebetserhörungen und Heilungen hielt man in Mirakelbüchern fest. Vor allem in der Barockzeit entwickelten sich florierende Wallfahrten, in die sich freilich zuweilen Aberglaube einschlich, so dass manchmal sogar Bischöfe sie verboten.

Die meisten Wallfahrtsjesulein tragen eine Krone – Zeichen der Königswürde des Gotteskindes – und haben eine reichhaltige Garderobe von »Gnadenröcklein«, die entsprechend der liturgischen Farben gewechselt werden.

Viele vornehme, aber auch bäuerliche Familien ließen sich zur häuslichen Andacht Kopien des Originals machen, die von Generation zu Generation weitervererbt wurden. Bei den Bauern gehörten sie oft zum Brautgut, standen unter Glasstürzen in der »Guten Kammer« oder wurden im Brautschrank aufbewahrt. In der Weihnachtszeit wurden sie in die Stube geholt. Besonders beliebt waren die in Frauenklöstern gefertigten »Fatschenkindl«, die ihr Vorbild im Münchner Augustiner-Kindl haben. Fatschen (Wickeln) kommt vom Lateinischen »fascia« (Binde). Seit dem Mittelalter nahm die Verehrung des Christuskindes immer realistischere Formen an. So wurde es – wie früher echte Babys auch – mit Bändern stramm gewickelt. Dies geschah aus einem Irrglauben heraus. Francois Mauriceau schreibt in seinem Traktat zur Geburtshilfe von 1668: »Das Kind muss gewickelt werden, damit sein kleiner Körper die gerade Gestalt annimmt, die für den Menschen die geziemendste und schicklichste ist, und damit es daran gewöhnt wird, sich auf seinen beiden Beinen zu halten; denn ohne diese Maßnahme würde es sich auf allen vieren bewegen wie die meisten anderen Tiere.«

Wie heilig den Menschen ihre Gnadenkindl waren, zeigen die vielen Legenden. Beim Jesuskind von Altenhohenau soll die Priorin entdeckt haben, dass seine Fußsohlen regelmäßig durchgelaufen waren, obwohl es stets getragen wurde. Eine Novizin beobachtete eines Nachts, wie das Jesuskind von Zelle zu Zelle huschte und bei ihr und den Mitschwestern nach dem Rechten schaute. Das neun Zentimeter kleine, elfenbeinerne »Salzburger Loretokindl« zerbrach laut Legende mehrmals und fügte sich wundersam immer wieder zusammen. Die Menschen kamen in vielerlei Anliegen. Oft erflehten Mütter die Genesung ihrer Kinder. Beim »Schildthurner Wiegenkind« in Niederbayern beteten Frauen um Kindersegen, hutschten die Wiege und stifteten zum Dank kleine Silberwiegen, meist mit einem Wachsjesuskind darin. Gut 20 von knapp 50 europäischen Jesuskindpilgerstätten der Barockzeit hielten sich trotz Säkularisation und Rationalismus bis heute.

Rosi Bauer geht es mit ihrer Ausstellung nicht nur um Volkskunst, sondern um ein Herzensanliegen. Es tut ihr weh, dass die Kindl-Wallfahrten oft »als Kinderkram abgetan« werden und langsam zugrunde gehen. Dabei seien solche Gnadenorte Kraftquellen. 1994 regte die Siegsdorferin die erste Fatschenkindweihe nach über 100 Jahren in der Münchner Bürgersaalkirche an, ein frommer Brauch des Barock. Neugefertigte Fatschenkinder wurden in einer Votiv-Messe am original Augustinerkindl »anberührt« und gesegnet.

Nun freut sie sich, dass sie zur Erneuerung der vergessenen Wallfahrt zum »Geneigten Jesukind« in Ort bei Gmunden am Traunsee beitragen kann. Dieses Jesuskind, das aus dem 15. Jahrhundert stammen soll, ist eines der wenigen gefatschten stehenden Kindl – fast alle Fatschenkinder liegen. Als Kaiser Joseph II. (1741 – 1790) die Wallfahrt verbot, fand es bei einer Familie Asyl und verstaubte zuletzt am Dachboden, bis sich eine Nonne seiner annahm. Es wurde gereinigt, gekleidet, geschmückt und 1909 wieder in der Kirche aufgestellt. Straßwalchen bekomme von ihr nächstes Jahr eine am Original gesegnete Kopie für die Kirche, erklärt Rosi Bauer. »Damit wird indirekt auch die Wallfahrt zum Original-Jesuskind wieder belebt.«

VM

Literatur:
Monika Lennartz: »Gnadenkindl – Jesuskindwallfahrten in Bayern und Österreich«, Begleitbuch zur Ausstellung zu Weihnachten 2003 im Franziskanerkloster in Salzburg (Restexemplare in der Ausstellung in Sachrang zu erwerben);
Zeitschrift »Monumente« (12/2004)
Nächstes Jahr im Advent erscheint ein Bilderbuch zu einer Jesuskind-Ausstellung von Rosi Bauer in Stift Zwettl (Niederösterreich). Dort sind derzeit Krippen und im Sommer Paradiesgärtlein aus Bauers Sammlung zu besichtigen.



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