Jahrgang 2021 Nummer 26

Ein neues »Erlebnis namens Heimat«

Münchens jüngstes Museum wurde zur Herberge für Kultur und Wirtschaft der Sudetendeutschen

Vertriebenen-Zubehör, einzige Habe der Flüchtlinge (1945). (Alle Fotos: Hans Gärtner)
Gablonzer Schmuck im Gänsefedern-Christbaum (1900).
Krippendarstellung mit Industriearbeitern (1924).
Böhmerwald-Motorrad, Fa. A. Liebisch, Kunnersdorf (1938).
Modell für den Kuhländer Bauernbrunnen (1908).
Blick zum Jeschken in Öl gemalt (1956).
Eine Reise ins Riesengebirge mit Rübezahl (1930).
Huldigung des Erzgebirges an den Kaiser (1908).

Nachdem die 7-Tage-Inzidenz nunmehr erfreulicherweise stabil unter 50 liegt, hat auch das neueste Museum der Landeshauptstadt München, das Sudetendeutsche Museum, wieder geöffnet und kann unter Einhaltung der geltenden Corona-Schutzmaßnahmen wieder besucht werden. Frohbotschaft für alle, die das neueste Museum Münchens längst betreten, besuchen, bewerten wollen. Besonders erfreulich ist das Angebot: »Freier Eintritt bis 31. Juli 2021«. Wer wird sich diese Chance entgehen lassen? Dazu kommt, dass an der Münchner Hochstraße 10 auch die Wissenschaftliche Bibliothek wieder zugänglich ist.

Allein schon der Standort des architektonisch meisterhaft modernen, edlen Sandstein in künstlerischer Bearbeitung verwendenden Museums-Neubaus ist eine Schau: das Isarhochufer, südlich angrenzend: das Sudetendeutsche Haus. Wo bis vor fünf Jahren noch die »Wallensteinstuben« standen, befindet sich jetzt ein markantes Kultur-Haus. Auf fünf Ebenen verteilt sich die Ausstellungsfläche. Der Besucher soll sie von oben nach unten durchlaufen. Nicht vergessen: die sich ihm bietenden Ausblicke durch das Fensterband. Auf Barrierefreiheit mit taktilen Leitspuren, Tast- und Hörstationen wurde ebenso wenig verzichtet wie auf Mehrsprachigkeit der Texte: Deutsch, Tschechisch, Englisch, deutsche Gebärdensprache. Auf die geplanten Wechselausstellungen in der neugestalteten Kubin-Galerie darf man sich noch freuen. Die bereits voll installierte Dauerausstellung des ersten zentralen Museums für Sudetendeutsche wird dreifach von der Superzahl 1000 dominiert: 1000 Jahre Geschichte in 1000 Exponaten auf 1000 Quadratmetern. Der Freistaat Bayern als Finanzier ließ sich nicht lumpen. Das Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales gab die Fördermittel frei. Träger des Museums ist die Sudetendeutsche Stiftung.

Eine neue Heimat zu finden, gelang Tausenden von Vertriebenen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, nach Ende des 2. Weltkriegs in Bayern. So unterschiedlich Kultur, Mundart, Brauchtum und Wirtschaftsleistung der Sudetendeutschen gewesen sein mögen – ihre Heimatlandschaft reichte vom Egerland im Westen bis zu den Beskiden im Osten – so wenig einheitlich fanden sie die neue Heimat – sie reicht von der Oberpfalz bis nach bayerisch Schwaben, von Oberfranken bis zu den Alpen.

»… Nichts Geringeres und nichts Größeres als das Erlebnis Heimat …« wird im Flyer der vor zehn Jahren verstorbene, tschechoslowakische Präsident Václav Havel« zitiert. Die neue Heimat, verstärkt durch Stadtgründungen wie Waldkraiburg und Kaufbeuren, wurde den Sudetendeutschen aber auch zur Pflicht, die alte Heimat nicht zu vergessen, sie zu pflegen und für die nachwachsende Generation zu bewahren. In Relikten, die anschaubar sind. Eine Fülle solcher geretteter oder neu gestalteter Zeugnisse der östlich von Bayern einst blühenden kulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten trug man für das Museum zusammen. Man präsentiert sie in den Abteilungen »Heimat und Glaube«, »Wirtschaft und Kultur«, »Nationalismus und Nationalstaat«, »Verlust und Vertreibung«, »Nachkriegszeit und Neubeginn«.

Zu sehen gibt es Anrührendes wie einen aus Gänsefedern gefertigten, mit Gablonzer Schmuck gezierten Christbaum, das wohl letzte Totenbrett aus dem Böhmerwald oder die von Franz Gruss 1924 gemalte Krippendarstellung mit Industriearbeitern, historisch Verbürgtes wie eine Darstellung vom pflügenden Kaiser Joseph II., Kupferstiche der böhmischen Landespatrone oder Gustav Zindels Ölgemälde von 1908 mit der »Huldigung des Erzgebirges an den Kaiser«, Brauchtümliches wie ein Buch mit Würfelspiel »Eine Reise ins Riesengebirge« mit Rübezahl, das hölzerne Modell eines Tanzpaares für den Kuhländer Bauernbrunnen in Neutitschein oder eine Handtasche aus Holzperlen der Fa. Schowanek aus Georgenthal. Dazu eine Menge Raritäten. Den Gipfel stellt das in voller Länge und Pracht gezeigte, grüne Böhmerwald-Motorrad vom Ende der Dreißigerjahre dar – würdiger Vertreter der Rekorde, deren sich die Sudetendeutschen rühmen dürfen. Das BöhmerwaldMotorrad gilt bis heute, so ist zu lesen, als das längste Serienmotorrad der Welt.

Bei all den »schönen«, raren, historischen Stücken wie dem Urkunde-Siegel des Abtes Reinher von 1233 oder der »Goldenen Bulle« Kaiser Karls IV. von 1356 ist aber das Elend nicht zu übersehen, das die Sudetendeutschen traf: Vertreibung, Flucht und Verlust der Heimat. Über eine halbe Million Menschen waren davon betroffen. Öffnungszeiten: Di. – So. 10 – 18 Uhr. Ein Museumsführer und ein Katalog sind in Arbeit.

 

Dr. Hans Gärtner

 

26/2021