Jahrgang 2006 Nummer 15

Ein Meister der Diorama-Kunst

Reinhold Zellner schuf mit der »Schau« in Altötting sein Meisterwerk

Das Wunder von Altötting im Jahre 1498

Das Wunder von Altötting im Jahre 1498
Die Teufelsaustreibung durch den hl. Petrus Canisius

Die Teufelsaustreibung durch den hl. Petrus Canisius
Kurfürst Maximilian und Graf Tilly in Altötting.

Kurfürst Maximilian und Graf Tilly in Altötting.
Dioramen sind aus der Mode gekommen. Es gibt heutzutage sicher viele Menschen, die sich unter diesem Begriff nichts vorstellen können. Das Lexikon beschreibt das Diorama als einen beleuchteten, dreidimensionalen Schaukasten mit plastischen und gemalten Darstellungen von Landschaften, Tieren, Bauwerken und Personen. Vor der Erfindung der Fotografie und des Kinos waren solche Dioramen oder Raumbilder weit verbreitet und boten die seltene Möglichkeit einer optischen Vergegenwärtigung vergangener Ereignisse und ferner Orte in dreidimensionaler Form. Bevorzugte Darstellungen der Dioramen waren Szenen aus dem Leben großer Persönlichkeiten, entscheidende Schlachten, exotische Landschaften mit Angehörigen fremder Volksstämme und mit seltenen Tieren, aber auch Städtebilder und imposante Bauwerke wie beispielsweise der Schiefe Turm von Pisa und die Chinesische Mauer.

Die Geschicklichkeit eines Dioramakünstlers bestand im möglichst perfekten Nachbau der jeweiligen Szenerie, um im Betrachter die Illusion zu erzeugen, er nehme tatsächlich als Augenzeuge am Geschehen teil. Dafür sollte jedes kleinste Detail stimmen. Bei historischen Dioramen war es erforderlich, die dargestellten Personen in zeitgenössische Kostüme zu kleiden und sie originalgetreu auszustatten. Ohne exakte Studien war das nicht möglich, weshalb sich Dioramakünstler von entsprechenden Experten beraten lassen mussten.

Die Vorläufer der Dioramen waren die Weihnachtskrippen, die häufig wie Bühnenbilder mit stufenförmigen Kulissen gestaltet sind, in welche dann die Figuren platziert werden. Wenn man die Krippen in einer Kirche aufstellte, trennte man sie aus Sicherheitsgründen oft – wie ein Diorama – durch eine Glasscheibe nach vorne ab. Die Übergänge zwischen Krippe und Diorama sind fließend. Es ist kein Zufall, dass einer der bekanntesten Dioramakünstler, der Kunstmaler und Bildhauer Reinhold Zellner (1904 bis 1990) seine künstlerische Laufbahn als Krippenbauer begonnen hat. Von Reinhold Zellner stammen mehrere Dutzend Krippen in bayerischen Kirchen und in Privatbesitz, darunter die »Münchner Stadtkrippe« und das Groß-Panorama »Bethlehem« im Schweizer Wallfahrtsort Einsiedeln.

Zellners Hauptwerk ist die aus siebzehn Einzeldioramen bestehende »Schau« in Altötting, die wichtige Ereignisse aus der fünfhundertjährigen Vergangenheit der Wallfahrt zum Thema hat. Den Anstoß dazu gab im Jahre 1956 Monsignore Ludwig Uttlinger, der Gründer des Altöttinger »Marienwerkes«. Er fand in Reinhold Zellner den idealen Mann für das geplante Projekt, mit dem eine neue Attraktion für Altötting entstehen sollte.

Reinhold Zellner war ein gebürtiger Münchner von der Schwanthaler Höh’ und der Sohn eines Arbeiters bei den Metzler Gummiwerken. Er ging erst bei einem Kunstschreiner, dann bei einem Holzbildhauer in die Lehre, ehe es ihm durch Vermittler eines reichen Gönners gelang, den Sprung auf die Kunstakademie zu schaffen. Nach Krieg und Gefangenschaft schlug er sich in München als Zeichner bei den amerikanischen Streitkräften durch und wurde Mitarbeiter in der Werkstatt des Bayerischen Nationalmuseums. Zellner war ein Original und kein Dutzendmensch, das merkte schnell jeder, der mit ihm in nähere Beziehung trat. »Er war eher klein von Gestalt, mit einem markanten Haupt, buschigen Brauen und gütigen Augen, aus denen der Schalk blitzte«, erinnert sich Peter Becker, der Chefredakteur des Altöttinger Liebfrauenboten. »Die Hand durfte man ihm nicht drücken, denn seine feingliedrigen Hände, die so viel Schönes geschaffen haben, waren sehr empfindsam und verletzlich. Und ebenso empfindsam und verletzlich waren sein Herz und sein Gemüt. Vielleicht etwas zu empfindsam für diese Welt, in der vor allem Ellenbogen gefragt sind.«

Die einzelnen Raumbilder der »Schau« sind bis zu fünf Meter breit und drei Meter tief und mit Tausenden bekleideter Figuren bestückt. Zellner setzte seinen Ehrgeiz darein, das ganze Ambiente einschließlich Architektur und Kostümierung, Gerätschaften und Waffen historisch korrekt darzustellen. Ohne die Mitarbeit seiner Ehefrau Dora wäre es nicht möglich gewesen, das Werk in der erstaunlich kurzen Zeit von zweieinhalb Jahren fertigzustellen. Sie nähte die Kostüme, kaschierte den Stoff mit Leim und fixierte den Faltenwurf mit Nadeln.

»In Reinhold Zellners Dioramenzyklus wird dem Besucher ganz unmerklich ein reiches kulturhistorisches Wissen vermittelt«, urteilte der Kunsthistoriker Wilhelm Döderlein, der langjährige Hauptkonservator im Bayerischen Nationalmuseum in München. Aus unendlich vielen, mühsam erarbeiteten Einzelzügen forme sich ein farbiges Bild der Zeit, sodass in den dargestellten Szenen die gesamte historische Situation transparent werde, der Betrachter erlebe ein Welttheater im kleinen.

Den Reigen der Bilder in der Altöttinger »Schau« beginnt Zellner mit dem Jahre 1489, als das Kind eines Bauern unter die Räder eines vollbeladenen Getreidewagens gerät und wie durch ein Wunder unverletzt bleibt. Im zweiten Bild sieht man den Bau der Stiftskirche sowie eine Gruppe von Wallfahrern verschiedener Stände mit ihren Votivgaben. Die nächste Station ist dem Niedergang der Wallfahrt im Reformationszeitalter gewidmet, anschließend folgt die dramatische Szene der Teufelsaustreibung an einem 17-jährigen Mädchen durch den bekannten Jesuiten Petrus Canisius.

Die folgenden Stationen des Dioramas stehen ganz im Zeichen der Förderung der Wallfahrt durch die Wittelsbacher. Albrecht V. übergab der Kapellverwaltung die »Albertinische Schenkung« mit wertvollen kirchlichen Geräten und Ornaten, Kurfürst Maximilian weihte sich in einem mit dem eigenen Blut geschriebenen Weihebrief der Muttergottes. Das größte Bild der »Schau« ist mit über dreitausend Figuren der Schlacht bei Rain am Lech gewidmet, bei der Graf Tilly eine schwere Knieverletzung erlitt, an deren Folgen er einige Wochen später starb. Weitere Themen: Die Flucht des Gnadenbildes nach Salzburg im Dreißigjährigen Krieg, die Bedrohung Altöttings durch die Schweden, der Abschluss der Heiligen Allianz gegen die Türkengefahr zwischen Kaiser Leopold und Kurfürst Max Emanuel, der Stadtbrand von 1712, die Wallfahrt im Zeitalter der Säkularisation, das Wirken von Bruder Konrad und die Wallfahrt im 20. Jahrhundert.

Die zwischen dem Kapellplatz und der Bruder-Konrad-Kirche im Gebäude des Marienwerks untergebrachte Dioramenschau zieht Jahr für Jahr Tausende Besucher an und gehört neben der Schatzkammer, dem Marienfilm und dem Panorama von Gebhard Fugel zum festen Begleitprogramm der Wallfahrt. Die Stadt Altötting verlieh Reinhold Zellner in Anerkennung seiner Verdienste die Goldene Ehrennadel und benannte ein Straße nach ihm. Sein Sohn Jörg hat in Zusammenarbeit mit dem Regierungsbezirk Oberbayern einen Bildband über Leben und Werk seines Vaters veröffentlicht mit dem Titel »Reinhold Zellner, Meister des Dioramenbaus« (ISBN 3-00-007707-3).

Julius Bittmann



15/2006