Jahrgang 2010 Nummer 44

Ein »köstliches Gehäuse«

Rokoko-Juwel am Weiher: Schloss Leopoldskron

Schloss Leopoldskron (1736 – 1744), vom »Weiher« aus gesehen

Schloss Leopoldskron (1736 – 1744), vom »Weiher« aus gesehen
Grandioser Blick über den »Leopoldskroner Weiher« auf den Untersberg zu

Grandioser Blick über den »Leopoldskroner Weiher« auf den Untersberg zu
Max Reinhardts Wiener »Freudenhaus-Madonna« in einer Rokoko-Nische des Entrees

Max Reinhardts Wiener »Freudenhaus-Madonna« in einer Rokoko-Nische des Entrees
»Nur wenige Gehminuten von der Salzburger Altstadt entfernt liegt Schloss Leopoldskron eingebettet in eine traumhafte Naturkulisse mit Blick auf das majestätische Bergpanorama am Leopoldskroner Weiher.« Ein schwärmerischer Satz in Werbeabsicht. Er leitet – unter der Überschrift »Pure Faszination« – den Text eines achtseitigen Prospektes ein, der den Salzburg-Touristen auf ein Juwel des orginal erhaltenen, klassizistisch anmutenden Rokoko stößt, das er keinesfalls links liegen lassen darf. Es gibt kaum einen beschaulicheren, naturnäheren Platz, in so gut wie unmittelbarer Stadtnähe gelegen und in der Tat zu Fuß mühelos erreichbar, wie Schloss Leopoldskron.

Diesen Sommer sollte es erstmals wieder zu Festspiel-Ehren kommen und damit Welt-Bedeutung wiedererlangen, die es Jahrzehnte zuvor, wenn auch nur kurzzeitig, innehatte. »Zwischen Pavillons unter alten Bäumen erwartet die Gäste ein Picknick im Grünen«, kündete die Festspiel-Broschüre 2010 »Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie« an. Im Park von Leopoldskron sollte es allerdings an vier Abenden für jeweils 150 Gäste Ende Juli und Anfang August lustig werden, mit »Short Cuts« aus William Shakespeares »Sommernachtstraum«, aufgeführt von Studierenden des Faches »Schauspiel« der Universität Mozarteum Salzburg.

Nun – zweimal fiel der »Traum einer Sommernacht« in Leopoldskron ins Regen-Wasser. Vermutlich zur Schadenfreude mancher Festivalbesucher, die sich bereits im Jänner vergeblich um Karten bemüht hatten. Es gab aber auch welche, die wie die Jungfrau zum Kind zu Tickets kamen – durch einen Spontananruf beim Veranstalter, der wegen des großen Interesses zwei weitere Termine einrichtete. Wer zu den Glücklichen gehörte, schwärmt noch von einem unvergesslichen Erlebnis.

Vor 75 Jahren hatte der damalige Besitzer von Schloss Leopoldskron, der Theatermagier und Mitinitiator der Salzburger Festspiele Max Reinhardt (Baden bei Wien 1873 – 1943 New York) den »Sommernachtstraum« in Hollywood verfilmt. Die Originalfassung des Streifens wurde bei Anbruch der Dämmerung am Weiher-Ufer gezeigt. Reinhardts Geist sollte präsent sein, auf spezielle Art. Der Film war nämlich nicht sein Metier, vielmehr das Theater. Er brachte 1920 den »Jedermann« seines Freundes Hugo von Hofmannsthal auf den Salzburger Domplatz. Damit begründete er eine Tradition, die ungebrochen anhält. Leopoldskron wurde quasi zur Geburtsstätte der Salzburger Festspiele.

Als berühmtester Hausherr des Schlosses – Nachbesitzer des 1736 bis 1744 errichteten, kurz darauf etwas umgebauten Adelssitzes der Fürsterzbischöfe Leopold und Lactanz Firmian sollen ein Schießstättenwirt und zwei württembergische Kellner gewesen sein – gilt Max Reinhardt. »Eine schillernde Persönlichkeit, ein Theatermensch par excellence«, so Pia Starzmann, die eine sachkundig Reisegruppe durch die Schlossgemächer führt. Sie weist auf Spuren, die der Exzentriker hinterließ, der hier die Weltelite der Bühnen- und Medienkünste zu rauschenden Festen lud, bis er, nach 20 Jahren »Genuss«, Leopoldskron 1938 an die Nazis verlor: da ein Porträt, dort ein Relikt des »Bühnenmonarchen«, der »stets im Doppelreiher und in maßgeschneiderten Seidenhemden« daherkam, »von Lavendel und teuersten Importzigarren umdufet« (Renate Just), hier die Geheimtür in der nach Sankt Gallener Modell neu geschreinerten Bibliothek, dort ein schmiedeeisernes Gitter-Monogramm, das mit Judenstern auf Reinhardts Herkunft schließen lässt, die aus der slowakischen Provinz kam. Als Max Goldmann geboren, hatte Reinhardt »eine verzweigte Familie mitzuversorgen und schleppte bis zu seinem Tod erdrückende Schulden, Hypotheken, Steuerlasten mit – zeitweilig musste er gegen geliehene Summen wertvolles Leopoldskroner Inventar an Fremde verpfänden. Die Finanzen … hatte sein depressiver jüngerer Bruder in den Griff zu kriegen – ihm ging es um die Inszenierung von Leopoldskron als einen makellosen Ancien-Regime-Traum, möglichst noch schöner, noch perfekter als in der barocken Entstehungszeit«. So Renate Just.

Der Mund bleibt dem Besucher offen stehen, besieht er sich die Pracht des, so sein Besitzer, »köstlichen Gehäuses« – und das sind die Empfangshalle, das Treppenhaus und vier Säle. Die haben es in sich. Das Wenigste hier ist aus der Zeit. Alles ist »zusammengetragen«. Von Reinhardt selber (die so genannte Freudenhaus-Madonna aus der Wiener Bäckerstraße, wo das Stück die Fassade eines Bordells zierte) oder seinen Helfern. Dazu gehörte Gusti Adler, Tochter des Individualpsychologen Alfred Adler, die im Leiterwagen eine Herkulesstatue herankarrte. Vieles wurde im Rokoko-Stil gehalten, etwa das atemberaubend echt erscheinende Venezianische Zimmer mit Commedia dell`Arte-Auszier zwischen Rocaille-umrankten Spiegeln. Raffiniert, wie sich die Küche, von Firmian Lactanz` reich bestücktem Kupferstichkabinett aus begehbar, versteckt.

Sie wird heute noch gebraucht. Die Schlossgäste wollen versorgt sein. Sie wohnen keinem Hotel, begnügen sich mit »Bed & Breakfest«. Sind schließlich »einfache Leut`« und kaum so berühmt wie die Leopoldskron-»Klientel« vor 70, 80 Jahren: die Mahler-Werfel, Toscanini, Franz Molnar oder Kurt Weill. Auch Annette Kolb und Carl Zuckmayer, die sich in ihren Büchern über die ausschweifenden Sommer-Festivitäten amüsant bis anklagend auslassen.

Wer heute kommt? Die Salzburger dürfen einmal pro Jahr ins Schloss, am Tag der offenen Tür, der heuer im November stattfindet. Doch da sei, wird erklärt, »bestimmt wieder ein Gedränge«, und man habe nichts von der »Besichtigung2. Das Schloss, nach Max Reinhardt von Clemens Krauss bewohnt, gehört seit 1947 der amerikanischen Non-Profit-Organisation »Salzburg Global Seminar«. Führungen waren zur Jubiläums-Festspielzeit jeden Dienstag- und Donnerstagnachmittag und werden noch bis 19. Oktober dienstags zwischen 14.15 Uhr und 15.15 Uhr nach telefonischer Voranmeldung gehalten, Übernachtungen im Schloss oder im nahe gelegenen Meierhof sind ganzjährig möglich. Gefrühstückt wird im barocken Marmorsaal. Wer die »superbe Spitzensuite Max Reinhardt« (R. Just) bewohnen möchte, berappt pro Nacht 350 Euro. Dafür hat er den Geheimgang zur Bibliothek, wo er sich in – brav sortierte – europäische Literatur vertiefen kann.

Gratis für alle: Leopoldskron als von Kunst umspieltes Naturereignis. Park mit altem Baumbestand, geschmückt mit zusammengeholten Skulpturen, darunter pittoreske Zwergerl, Tänzer, gepanzerte Seepferdchen und bepflanzten Trögen, lädt zum Spazieren und Verweilen ein. Den Blick auf das lang gestreckte Schloss hinter dem in der Sonne glitzernden Leopoldskroner Weiher hat man allerdings erst nach einem längeren Fußweg in südliche Richtung. Max Reinhardt hätte das Gewässer, in das der letzte Weltkrieg zwei Fliegerbomben krachen ließ (die Schäden sind noch in der Tapete sichtbar), nur allzu gern sein Eigen genannt. Doch die keineswegs judenfreundlichen Salzburger entrüsteten sich. Das »Volk«, dem die Ausschweifungen »draußen in Leopoldskron« maßlos und anmaßend zugleich erschienen, hatte für die Verstiegenheiten des »Spinners« von Leopoldskron und seines Gefolges nicht das geringste Verständnis. »Vergessen S` die chinesischen Nachtigallen nicht!«, soll Reinhardt seiner Sekretärin Gusti Adler nachgerufen haben, als sie für ihn bei Hagenbeck »exotisches Federvieh, seltene Zierenten, Reiher, Flamingos und Pelikane« (R. Just) bestellte. Selbst Schlossherrn-Spezi Egon Friedell gingen die hundert Schwäne, die auf dem Weiher schwammen, zu weit. »Mein Gott«, spöttelte er, »ch habe den Max Reinhardt noch gekannt, da hat er nicht in einem Schloss gewohnt, sondern im Mietshaus im dritten Stock, und nur zwei, drei Schwäne. Und es ist auch gegangen.«

Dr. Hans Gärtner

Literatur:
M. Mertl: »Max Reinhardt«; G. Prosnitz / M. Lasinger: »Leopoldskron«, in: »Das Große Welttheater – 90 Jahre Salzburger Festspiele«, S. 51 – 53 bzw. 57 – 59, Salzburger Festspielfonds 2010
R. Just: »Salzburg. Auf krummen Touren durch die Stadt«, München 2010, s. bes. S. 33 – 45
Information:
www.schloss-leopoldskron.com



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