Jahrgang 2012 Nummer 35

Ein idealer Schauplatz

Die Salzburger »Felsenreitschule« hat eine 320-jährige Geschichte

»Ansicht der Hochfürstlich-Salzburgischen Sommer-Reutschule«, Stich des 18. Jahrhunderts
Laura Aikin als Marie in der Neuproduktion der Salzburger Festspiele 2012 von »Die Soldaten« von Bernd Alois Zimmermann.

Da erscheint sie, ganz zum Schluss einer aufregenden Vorstellung von Bernd Alois Zimmermanns 1965 uraufgeführter Oper »Die Soldaten« im Rahmen der Salzburger Festspiele 2012, auf der von drei Pferdeköpfen gekrönten Brüstung des sich die ganze Bühne entlang ziehenden verglasten Rundbogengebäudes: die arme Marie in Gestalt der grandiosen Sopranistin Laura Aikin. Sie verkörperte in der zu Recht hoch gelobten Inszenierung des Letten Alvis Hermanis und unter der bravourösen Stabführung von Ingo Metzmacher das weibliche Opfer von Willkür und Männergewalt. Betrogen und schändlich entehrt von einem jungen Offizier in französischen Diensten, dem Baron Desportes, der Marie den Hof machte und gleichzeitig ihren Verlobten vor den Kopf stieß, landet Marie als Straßenmädchen. Ihren Vater, den Galanteriehändler Wesener, bettelt sie an – doch dieser erkennt seine Tochter nicht.

Als Spielstätte für seine Festspiel-Neuproduktion – die von der Kritik am meisten gefeierte unter den in der Sommersaison 2012 gespielten Opern – wünschte sich Hermanis, der künstlerische Leiter des Neuen Theaters Riga, nichts sehnlicher als die Felsenreitschule. Der Librettist der »Soldaten«, der im 18. Jahrhundert lebende Sturm- und Drangdichter Jakob Michael Reinhold Lenz, schrieb sein Schauspiel, um seine schwierigen Jahre in Straßburg verarbeiten zu können. Ähnliche Beweggründe hatte der Komponist, der sich mit seinem epochalen Werk der modernen Operngeschichte gegen den Militarismus stellte. Darin spielen, der alten Schauspiel- Vorlage gemäß, Pferde eine wichtige Rolle. Sowohl die Soldaten reiten sie als auch die Mädchen, die wiederum die Reiter bewundern und als Reiterinnen bewundert werden wollen. Besonders Marie, die Galanteriewarenhändlertochter, wirft sowohl auf die Pferde als auch auf die Männer ihr begehrliches Auge.

Keine andere Spielstätte Salzburgs eignete sich für das Produktionsteam von »Die Soldaten« besser als die Felsenreitschule. Zum einen konnte der in Personalunion fungierende Regisseur und Bühnenbildner Alvis Hermanis die ungewöhnliche Breite des Bühnenraums für seine Idee der Gleichzeitigkeit parallel ablaufender, unterschiedlicher Szenen und deren Ineinandergreifen und Sich-bruchlos-Verbindens problemlos realisieren. Zum anderen sollten Pferde, echte edle Rösser, für deren Unterbringung schließlich einst die fürstbischöfliche Reitschule in den steil aufragenden Felsen des Mönchsbergs geschlagen wurde, die soldatische Wirklichkeit konkretisieren. Die bogenartige Fensterfront, die Hermanis, die Felsbögen wiederholend, ein Stück nach vorne rückte, konnte als Stallung ebenso benutzt werden wie in die Glasfenster alte, gebräunte Photographien von Freudenhaus-»Idyllen« als besonderer optischer Gag projiziert werden konnten.

Der große, wenn nicht der größte diesjährige Salzburger Opern-Festival- Erfolg – der Dirigent der Uraufführung der »Soldaten«, Michael Gielen, inzwischen 85 Jahre, leitete am Tag vor der letzten Serien-Performance eine der neun Mozart-Matineen im Großen Saal des Mozarteums – ist nicht zuletzt der eindrucksvollen Kulisse zu danken, die allein die Felsenreitschule bieten konnte. Ingo Metzmachers dreigeteilt aufgestellte Wiener Philharmoniker konnten sowohl im »Graben« als auch zu beiden Seiten der Bühne platziert werden, so dass Zimmermanns Musik ähnlich dem von der linken zur rechten Wand gespannten Hochseil, auf dem eine Tänzerin balancierte, ausschwingen konnte.

Freilich: auch bei den jährlichen Aufführungen von W. A. Mozarts »Zauberflöte« in der Inszenierung von Jean- Pierre Ponnelle in der Zeit von 1978 bis 1986 und den sich in den 1990er Jahren anschließenden »Römerdramen«, die Regie-Altmeister Peter Stein mit Deborah Warner initiierte und zu spektakulären Festspiel-Attraktionen über mehrere Jahre hinweg mit Schauspieler-Legenden der Wiener Burg gestaltete, spielte die einzigartige Weiträumigkeit der Felsenreitschule bereits entscheidend mit. Was in den letzten dreißig Jahren sich hier theatralisch ereignete, ob mit oder ohne Musik: Es war gewiss ganz im Sinne von Salzburgs Festspiel-Begründer Max Reinhardt.
Reinhardt wollte die Felsenreitschule als Theaterraum. Er hatte schon früh vorgeschlagen, die 1840 errichtete Winterreitschule in ein Theater umzubauen, ganz nach italienischem Vorbild. Die Winterreitschule war der jüngste Teil der schon 1607 zu bauen begonnenen fürstlichen Hofstallungen. In wenigen Monaten schaffte es der Salzburger Architekt Eduard Hütter, eine Bühne einzuziehen und einen provisorischen Zuschauerraum freizuschaufeln. Das war 1924/25.

Ein Jahr darauf sollte Max Reinhardt die Felsenreitschule erstmals für Sprechtheater-Freilichtaufführungen nutzen. Seine erste Festspiel-Inszenierung war die von Carlo Goldonis Schauspiel »Der Diener zweier Herren«. Sie fand auf einer Bretterbühne statt. Max Reinhardt hatte einen neuen Schauplatz für Salzburgs Festspiel-»Theater« eröffnet: »Vor der imposanten Wand, die in drei übereinanderliegenden Galerien 96 aus dem Felsen geschlagene Logen enthält, vor der einst Tierhatzen, Kampfspiele und Reitturniere stattgefunden hatten, zogen nun, von alten Weisen begleitet, die Schauspieler zu der turbulenten Commedia dell‘ arte auf. Es wurde damit Salzburg eine Bühne eröffnet, die sich vorerst für das Schauspiel, aber später für die Oper als ein bevorzugter und an künstlerischen Möglichkeiten reicher Schauplatz erwiesen hat.« (J. Kaut) 1933 errichtete Clemens Holzmeister für die »Faust I«-Inszenierung des von ihm hoch geschätzten Theaterzauberers Max Reinhardt eine Simultanbühne, die unter dem Begriff »Fauststadt« in die Salzburger Theatergeschichte einging. Wo also zu Zeiten der erzbischöflichen Sommerreitschule Tierhatzen stattfanden, die von den Zuschauern von den 96 in den Fels geschlagenen Arkaden aus verfolgt wurden, fand jetzt Theater statt. Heute dienen die viel bewunderten Arkaden-Reihen immer wieder aufs Neue als Blickfang, denn die Zuschauer bekamen bald einen eigenen Raum zugewiesen. Ob sie sich vergegenwärtigten, dass zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Arkaden aus dem für den Dombau herausgeschlagenen Gestein entstanden sind? In der Salzburger Chronik nachlesen konnten sie jedenfalls, dass 1693 Erzbischof Johann Ernst Thun die Pläne seines Barockbaumeisters Johann Bernhard Fischer von Erlach verwirklichte, um Reitvorführungen zu genießen.

1948 – die einschneidenden Umbauarbeiten des sogenannten Festspielarchitekten Clemens Holzmeister waren bereits Geschichte, und die Planungen für die Neuerrichtung eines »Großen Festspielhaus«, das 1960 eingeweiht wurde, liefen erst acht Jahre später an – machte ein zweiter Theaterzauberer von sich und der Felsenreitschule reden, der gebürtige Salzburger Herbert von Karajan. Für ihn waren die Natur und Künstlichkeit in glücklicher Weise verbindenden Arkaden der Felsenreitschule die optimale Kulisse für Christoph Willibald Glucks Oper »Orfeo ed Euridice«. Ferenc Fricsay brachte hier 1949 Carl Orffs »Antigonae « zur Aufführung.

Clemens Holzmeisters Umgestaltungspläne für die Felsenreitschule wurden zwischen 1968 und 1970 realisiert. Karl Böhm war der Dirigent von Ludwig van Beethovens »Fidelio« als Einweihungs-Werk. »Die Bühne von 40 Meter Breite erhielt eine Unterbühne von vier Meter Tiefe. Erneuert wurde zudem die freitragende Zuschauertribüne mit dem darunter liegenden Kulissendepot. Eine lichtdichte, ausfahrbare Regenplane mit einem Regenauffangnetz zur Dämpfung der Geräusche schützt die Bühne. Dieses Dach kann geöffnet werden… 2010/11 wurde das Dach erneuert… (Es) besteht aus drei mobilen Segmentflächen und ist auf fünf Teleskoparmen innerhalb von sechs Minuten einund ausfahrbar. Hängepunkte auf Teleskopträgern für Bühnentechnik (Kettenzüge), verbesserter Schall- und Wärmeschutz und zwei Beleuchtungsbrücken optimieren das Bühnengeschehen.« (n. Wikipedia, 2012).

Am 9. Juni 2011 feierte man mit einem Festkonzert die Neueröffnung der Felsenreitschule. 1412 Zuschauende haben darin einen Sitz-, 25 einen Stehplatz. Den Abschluss seiner ersten Intendanz der Salzburger Festspiele gedenkt Alexander Pereira mit einem – wohlgemerkt: für die Zukunft als fixe Einrichtung zu etablierenden – Künstlerfest feierlich zu begehen: »Nach einem großen Galadinner in der Residenz wollen wir in die Felsenreitschule ziehen, und dort wird nach einem kleinen Konzert mit großen Stars die festliche Eröffnung mit den Jungherren und -damen in langer Salzburger Tracht vor sich gehen«. Die 320-jährige Geschichte der Salzburger Felsenreitschule hat damit ihren glanzvollen Höhe- und vorläufigen Schlusspunkt erreicht.


Hans Gärtner

 

35/2012