Jahrgang 2004 Nummer 40

Ein Handwerk liegt im Sterben

Der letzte Schriftgießer arbeitet im Museum

Rainer Gerstenberg vor den Schrifttypen aus Aluminium. In Hunderten von Schubladen und Kisten sind mehr als fünf Millionen Stahl

Rainer Gerstenberg vor den Schrifttypen aus Aluminium. In Hunderten von Schubladen und Kisten sind mehr als fünf Millionen Stahl-Matern – Gussformen für kleine und große Buchstaben – von über tausend Schriften mit Zahlen und Satzzeichen aufbewahrt.
Der Schriftgießer Rainer Gerstenberg zieht im »Haus für Industriekultur« in Darmstadt Schrifttypen aus Aluminium aus einer Schub

Der Schriftgießer Rainer Gerstenberg zieht im »Haus für Industriekultur« in Darmstadt Schrifttypen aus Aluminium aus einer Schublade. Der 57jährige Handwerker ist der letzte seiner Zunft weltweit, moderne Druckverfahren haben Setzer und Schriftgießer arbeitslos gemacht. In der Halle des Museums stehen 45 funktionstüchtige Maschinen aus den letzten 27 europäischen Betrieben.
Rainer Gerstenberg kontrolliert Schrifttypen aus Aluminium mit einem Messgerät auf 1/100 Millimeter genau.

Rainer Gerstenberg kontrolliert Schrifttypen aus Aluminium mit einem Messgerät auf 1/100 Millimeter genau.
Der Aluminium-Barren schmilzt in das erhitzte Becken der Gussmaschine. Mit rhythmischem Klacken wird das flüssige Metall ins Rohr gepresst. In weniger als einer Sekunde kühlt es ab. Rainer Gerstenberg nimmt das wenige Zentimeter lange Stäbchen vom Band und prüft es unter der Lupe: Der Großbuchstabe G, Schrifttyp Helvetica, hebt sich perfekt auf der Stirnseite ab. »Damit werden Ledereinbände geprägt«, erklärt Gerstenberg sein traditionsreiches Handwerk der Schriftgießerei.

Der 57 Jahre alte Handwerker ist der letzte seiner Zunft zumindest in Deutschland. Moderne Druckverfahren haben Setzer und Schriftgießer arbeitslos gemacht. So ist es nur konsequent, dass Gerstenberg seine Werkstatt im Museum aufgeschlagen hat. Einige der Maschinen gehören auch dem Haus für Industriekultur in Darmstadt, doch er darf sie mit einer Sondergenehmigung nutzen. Denn noch hat er fast 3000 Kunden in aller Welt. Seine in Blei oder Aluminium gegossenen Schriften werden sowohl von traditionsbewussten deutschen Druckereien wie von Unternehmen in Japan und den USA geordert.

Nach dem 163. G stoppt Gerstenberg kurz die Produktion und spannt die Vorlage für Q ein. Dann erfüllt wieder das gleichmäßige Klacken die große Halle. »Heute läuft sie wirklich gut«, sagt der Schriftgießer mit Blick auf die Maschine. Sie ist seit rund 100 Jahren in Betrieb. Ihre Technik ist übersichtlich und meist leicht zu reparieren, wenn man wie Gerstenberg über die nötige Erfahrung und Improvisationskunst verfügt. Bei ihm sitzt jeder Handgriff wie im Schlaf. »Ich habe 24 Jahre im Akkord gearbeitet«, sagt er mit einem Schulterzucken, bis 1986 die Firma Stempel AG in Frankfurt ihre Tore für immer schloss. Gerstenberg war damals Betriebsratsvorsitzender. Er organisierte es gemeinsam mit dem damaligen Schweizer Miteigentümer Fruttiger AG, dass der größte Teil der Maschinen nach Darmstadt ins Museum kam und er dort als Einmann-Gesellschaft weiterarbeiten konnte.

Als in den folgenden Jahren eine Schriftgießerei nach der anderen dicht machte, hat er auch dort die Gerätschaften gesichert. In der Halle stehen heute 45 funktionstüchtige Maschinen aus den letzten 27 europäischen Betrieben. Hinzu kommen mehr als fünf Millionen Stahl-Matern - Gussformen für kleine und große Buchstaben mehrerer tausend Schriften inklusive Zahlen und Satzzeichen. Ein ungeheurer Schatz, ein europäisches Kulturerbe.

Es verbirgt sich in hunderten von Schubladen und Kisten und liegt, verpackt in braunes Papier, in den Regalen. Nicht überall ist die Beschriftung eindeutig, doch Gerstenberg findet auch so alle Buchstaben und Zeichen, die er braucht. »Bis vor wenigen Jahren haben wir noch die Fahrpläne für die Bundesbahn gemacht«, erzählt er und zieht einen Schuber auf. Dort liegen Negativ-Formen von kleinen Bussen und Zügen, Zeichen für Schlafwagenabteil und »täglich außer Sonntags«.

An einer Säule im Halleneingang hängt ein Plakat von Johannes Gutenberg, der vor mehr als 550 Jahren das Handwerk erfand und seinem letzten deutschen Nachfahren mit ähnlich klingendem Namen bis heute Aufträge beschert. »Ein japanischer Druckmaschinenhersteller hat bei mir die original Gutenberg-Bibelschrift bestellt«, erzählt der Gießer und zeigt stolz auf einen großen Kasten. Die Schrift umfasst 154 Bleifiguren, die teilweise mehr als 100 Mal benötigt werden. Damit besteht die gesamte Ladung aus 5457 Einzeltypen mit einem Gewicht von 34 Kilogramm. »Für die Produktion habe ich mehrere Wochen gebraucht«, sagt Gerstenberg: »Und jetzt hat das Gutenberg-Museum in Mainz auch noch angefragt.«

Im Normalfall bilden 132 Buchstaben, Zahlen und Zeichen das »Minimum« einer Schrift. Damit die Setzer arbeiten können, brauchen sie jedoch mehrere Exemplare von jedem Zeichen, vergleichbar mit dem Scrabble-Spiel. Diese so genannte Teilung ist je nach Land unterschiedlich. So brauchen die Engländer häufiger das Y als die Italiener. Für jeden Buchstaben sind feste Stückzahlen vorgeschrieben. So zählt die deutsche Teilung das kleine a 176 mal, das b 100 mal, das c 96 mal und das e 224 mal.

Obwohl die Technik schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel hat, ist sie »hochgenau«, wie Gerstenberg sich ausdrückt. Die Linien stimmen bis auf das Hundertstel genau. Die Größe der Zeichen wird traditionell in Punkt gemessen, ein Wert von 0,376 Millimeter. Die Spanne im Bleiguss reicht von winzigen 3-Punkt-Schriften bis zu Briefmarken großen 84-Punkt-Buchstaben.

Als Beweis für die hohe Präzision dient Gerstenberg ein kleiner Metallstift. Auf dessen Oberseite ist auf einer Fläche mit den Außenmaßen von 3,76 Millimetern - nicht größer als der Buchstabe M in einer Zeitung - das gesamte »Vater Unser« abgebildet. Erst eine Lupe mit 40facher Vergrößerung lässt den Text deutlich hervortreten. Dieses Meisterwerk verkauft der Schriftgießer als Andenken.

Auf diese Klarheit des Traditionsverfahrens schwören nach wie vor Druck-Liebhaber. »Erst neulich war ich in Japan bei der Eröffnung einer Druckerei dabei. Der Besitzer hat alle Vorlagen von mir bezogen«, erzählt Gerstenberg. Meist sind seine Kunden jedoch alteingesessene kleine Firmen, die nicht mehr auf die neue Technik umstellen wollen oder können.

Sie sind alles andere als finanziell gut ausgestattet. »Ich habe zwar das Monopol, aber die Preise diktieren kann ich deshalb noch lange nicht«, stellt Gerstenberg trocken fest. »Einige der Druckereibesitzer wissen noch, wieviel sie für einen Satz in Reichsmark bezahlt haben.« Wenn die Gießerei schließt, werden auch die meisten dieser Druckereien dicht machen, viele wahrscheinlich schon früher. Der Rest muss auf die lange Haltbarkeit der Lettern hoffen und auf die umfangreichen Lager von Gerstenberg. Dort hortet er Bleibuchstaben in einem Gesamtgewicht von 300 Tonnen.

Sein bestes Geschäft macht der Schriftgießer mit Etiketten. »Fast alle Wäschestücke tragen meinen Stempel«, erklärt er. Die Zeichen für »Bügelfest«, »nur reinigen« und »bis 40 Grad waschen« werden bis heute mit Metalltypen geprägt. »Es gibt natürlich auch andere Verfahren, doch die bringen keine so haltbaren Ergebnisse.«

Sie könnten sich trotzdem durchsetzen, denn die Zukunft der letzten Schriftgießerwerkstatt ist ungewiss. Bislang hat Gerstenbergs Partner Walter Fruttiger, Nachfolger der ältesten europäischen Haas'schen Schriftgießerei in der Schweiz, für den notwendigen Spielraum gesorgt. »Er wird Ende des Jahres wahrscheinlich in Ruhestand gehen, und alleine kann ich den Betrieb nicht finanzieren.«

Eine längerfristige Perspektive für die Werkstatt ist schon gar nicht in Sicht. Seit 1970 ist Schriftgießer kein Lehrberuf mehr. Zwar würde die Industrie- und Handelskammer Gerstenberg eine Ausnahmeregelung zugestehen, aber dann stellt sich immer noch die Frage der Bezahlung und eines geeigneten Bewerbers. »Außerdem übe ich hier nicht einen, sondern mindestens fünf Berufe aus: Gießer, Fertigmacher, Höhenfräser, Teiler und Unterschneider«, erklärt der Handwerker.

So liegt die Zukunft der Schriftgießerei wohl im Museum. Doch auch hier kann Gerstenberg nicht auf einen potenten Partner zählen. Das Haus für Industriekultur, mit hochfliegenden Plänen gestartet, stand vor kurzem vor seiner Auflösung. Geplant war, das grafische Gewerbe vom Guss bis zum Satz in der Produktion zu präsentieren. Doch dann ging das Geld aus. In letzter Minute sprang das Hessische Landesmuseum in Darmstadt zur Seite. Aber auch ihm fehlt bislang ein überzeugendes Konzept. Unterstützung kommt jetzt von der »Assoziation europäischer Druckmuseen«, die im vergangenen Jahr gegründet wurde. Sie will Seminare für Museumspädagogen anbieten. Dort sollen Fachleute wie Gerstenberg die traditionellen Drucktechniken vermitteln, bevor sie sich in Ruhestand verabschieden und ihr Wissen für immer verloren geht.

Die Unsicherheit macht dem Schriftgießer sichtlich zu schaffen. Jeden Tag steht er von 6.00 Uhr früh bis 13.00 Uhr in der großen Halle. Manchmal schauen wissbegierige Museumsbesucher herein, denen er bereitwillig Auskunft gibt. Meist ist er jedoch allein und sehnt sich nach seinen früheren Kollegen. »Ich muss hier alle Probleme selbst lösen, kann keinen um Rat fragen«, sagt er mit einem Anflug von Resignation in der Stimme. Dabei prüft er die neue Ladung Qs, die auf dem Förderband aufgelaufen ist. »An manchen Tagen fällt es mir wirklich schwer, mich selbst zu motivieren.« Doch so schnell will der letzte Schriftgießer noch nicht aufgeben.

ISW



40/2004