Jahrgang 2021 Nummer 30

Ein fast vergessenes Handwerk - die Harzgewinnung

Schon die Griechen und Römer verwendeten das Harz als Heilmittel

In den Südlagen der Chiemgauer Alpen kann man in den Kiefernwäldern an den Bäumen noch die zum Boden zeigenden Fischgrätenmuster, die sogenannten Harzlachten (Lachte – das ist die von der Rinde befreite Holzfläche), entdeckten. Sie sind Zeugnis eines Handwerks, das mittlerweile nahezu vergessen scheint: die Harzgewinnung.

Grundsätzlich kann man alle Nadelbäume wie Lärchen, Fichten und Tannen zur Harzung heranziehen. Zur wirtschaftlichen Gewinnung von Rohbalsam ist die Kiefer jedoch besonders gut geeignet, sie liefert die mengenmäßig größte Ausbeute bei bester Qualität. Eine Kiefer kann pro Jahr bis zu 2 Liter Harz liefern.

Bedeutende Gebiete der Harzgewinnung (Pecherei) gab es seit dem Mittelalter in Niederösterreich und zu Zeiten der DDR auch in Ostdeutschland. Hier im Chiemgau hat die Gewinnung sicher nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Dass diese Praxis heute nicht mehr genutzt wird, liegt einzig daran, dass die Gewinnung marktwirtschaftlich nicht mehr rentabel zu betreiben ist, da Billigproduktionen aus dem Ausland und die technische Chemie, das heimische Harz als Rohstoff überflüssig machen.

Wie wurde das Harz gewonnen?

Bereits im Winter wurden die Bäume zur Harzung vorbereitet. Die Rinde wurde auf etwa einem Drittel des Stammes entfernt. Weil dabei die Borke hell rötlich leuchtet, wurde dieser Schritt als Röten bezeichnet. In der Mitte der Lachte zog man eine senkrechte Tropfrinne in der das Harz aus den später angebrachten Schnittrillen abfließen konnte. Am Ende der Tropfrinne konnte das Harz über eine eingeschlagene Blechrinne in einem Topf aufgefangen werden. Ab April begann das eigentliche Reißen der Schnittrillen rechts und links der Tropfrinne und so fügte sich im Laufe des Sommers Rille an Rille. Anschließend wird der gewonnene Rohbalsam mit Hilfe einer Wasserdampfdestillation in die Bestandteile Terpentinöl (Destillat) und nach dem Schmelzen in Kolophonium (Destillatrückstand) zerlegt.

Die Auswirkungen auf den Baum waren nicht so gravierend, wenn nur ein Drittel des Stammumfangs von der Rinde befreit wurde. Zwar war der Stamm im Bereich des freigelegten Holzes anfälliger für Witterungseinflüsse und Schädlinge, doch das austretende Harz schützte die Baumwunde. Das Holz eines gepechten Baumes ist allerdings von geringerer Qualität als ein ungepechter und fand nur noch als Brennholz Verwendung.

Was wird aus dem Harz der Kiefer gewonnen?

Schon die alten Griechen und Römer verwendeten das Harz als Heilmittel. Hilfreich war das Pech bei allen Arten von Entzündungen.

In der europäischen Ölmalerei des Mittelalters dienten Bestandteile des Harzes in Kombination mit anderen Substanzen wegen der besseren Mischbarkeit und dem größeren Farbspektrum durch weichere Farbübergänge als Bindemittel.

Weitere bedeutende Anwendungen waren Leim, Papier, Holzteer (Pech), Wagenschmiere, Buchdruckerschwärze und Tusche, Bogenharz und Kienöl.

Heutzutage werden die natürlichen Rohharze aus dem Ausland importiert. Nach dem Schmelzen und Filtrieren durch Dampf und Vakuumdestillation wird das Naturprodukt in seine Bestandteile zerlegt. So können unter anderem Lacke, Firnisse, kosmetische Artikel, Textilhilfsmittel, Polituren und Pharmazeutika hergestellt werden. Das Kolophonium wird als Klebstoff für Pflaster, als Lack, als Seife, zur Behandlung der Bogenhaare bei Streichinstrumenten oder als Flussmittel beim Löten verwendet. Grundlage in der Farbenindustrie und für Reinigungsmittel bildet das Harzderivat Terpentinöl.

Der Einsatz von Mineralölen und Kunstharzen hat dem Naturprodukt starke Konkurrenz gemacht, auch die Billigimporte aus dem Ausland sind aus Preisgründen zurückgegangen. Seit einiger Zeit verleihen innovative Naturprodukte wie Kaugummi, Räucherkegel oder Raumduft dem Naturprodukt wieder neuen Aufschwung.

 

Martina Höhne

 

Quellenangaben:

https://de.wikipedia.org/wiki/Pecherei.

https://www.windmusik.com/html/rosin.htm.

»Vom Glück mit dem Pech« Diplomarbeit von Ursula Schnabel, 2001

 

30/2021