Jahrgang 2012 Nummer 45

Ein Besuch im Waggerlhaus in Wagrain

In seinem Heimatort begegnet man dem Dichter auf Schritt und Tritt

Das Waggerlhaus in Wagrain ist heute ein Museum.
Karl Heinrich Waggerl, Aufnahme aus den Sechziger Jahren.
Das Schreibzimmer mit dem Arbeitsplatz des Dichters.
Im Dachgeschoß befinden sich das Archiv und die Bibliothek.

Fast vier Jahrzehnte sind vergangen, dass der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl im Alter von 75 Jahren an den Folgen eines Autounfalls gestorben ist. Den Älteren unter unseren Lesern ist Waggerl wahrscheinlich noch vom »Salzburger Adventsingen« im Gedächtnis, andere erinnern sich an sein »Heiteres Herbarium « oder sein »Wagrainer Tagebuch«. Seine Romane, die ihn einst bekannt gemacht haben, »Brot«, »Schweres Blut«, »Das Jahr des Herrn« und »Mütter« sind seit Jahren vom Buchmarkt verschwunden und nur noch antiquarisch zu bekommen.

Höchst lebendig geblieben ist Waggerl in seinem langjährigen Wohnort Wagrain im Salzburger Pongau. Hier kann man seinem Namen auf Schritt und Tritt begegnen. Es gibt die Waggerl-Straße, die Waggerl-Schule, die Waggerl-Wiese, den Waggerl-Kasten (ein altes Holzhaus), das Waggerl- Grab. Und natürlich das Waggerl- Haus, in dem Waggerl 57 Jahre lebte und arbeitete und das heute als Museum eingerichtet ist. In diesem Haus hat der damalige Junglehrer Waggerl mit seiner Frau Dita (Edith) ursprünglich als Untermieter zwei Dachkammern bewohnt, bis er es später von den Honoraren erwerben und für seine Bedürfnisse umbauen konnte. Die Witwe vermachte das Haus der Gemeinde.

Im Erdgeschoß befindet sich Waggerls Schreibzimmer mit einigen Bücherregalen und der Schreibmaschine, die er aber nur zur Reinschrift seiner Manuskripte benutzte. Die Urfassung schrieb der Dichter grundsätzlich mit der Hand, in seiner eigenwilligen, mikroskopisch kleinen Schrift. An einer ausgestellten Probe wird gezeigt, wie ein ganzes Romanmanuskript auf wenigen Bogen Papier Platz hatte. Allerdings war es nur mit extrem guten Augen oder, noch besser, mit einer Lupe, zu entziffern. Schreiben, so erfährt man auf einer Infotafel, war mit den Jahren für Waggerl ein immer wiederkehrender Kampf. Er zwang sich dazu, jeden Tag wenigstens neun Zeilen zu Papier zu bringen, hörte aber zuweilen mitten im Satz auf, wenn ihm danach zumute war und er das Pensum erfüllt hatte.

Dem Schreibzimmer gegenüber liegt das Wohnzimmer, eingerichtet wie alle guten Stuben hier in der Gegend, vielleicht um einiges gehobener: Ein gemütlicher Kachelofen, ein quadratischer Holztisch mit Eckbank, eine Perpendikel-Wanduhr, eine hölzerne Truhe, ein Wandbord mit Büchern und altem Geschirr, eine geschnitzte Heiligenfigur an der Wand, ein handgeknüpfter Teppich auf dem blanken Bretterboden.

Die einstige Küche und die Speisekammer wurden zu Museumsräumen umgestaltet, um den Besuchern einen Einblick in Waggerls kunsthandwerkliche und fotografische Liebhabereien zu gewähren. In der perfekt eingerichteten Schreinerwerkstatt fällt das für das Bücher einbinden nötige Werkzeug in die Augen. Seine eigenen Bücher sowie die Bücher von Autoren, die er besonders schätzte, pflegte Waggerl mit wertvollen Einbänden zu versehen, darunter alle Romane von Knut Hamsun, dem von ihm »verehrten und gefürchteten Meister«. Seine Sammelleidenschaft drückt sich in der Unmenge alltäglicher und kurioser Gegenstände aus, von Knöpfen bis zu seltenen Gesteinsformen. Es sind die »kleinen Dinge«, die er im gleichnamigen Büchlein liebevoll beschrieben und mit eigenen Aquarellen dargestellt hat.

Im Dachgeschoß befindet sich ein Dokumentationsraum zu Leben und Werk Waggerls. Hörstationen und ein Film geben Auskunft über sein Leben, seine literarische Einordnung und seine Persönlichkeit. Dass er kein einfacher Mensch war, obwohl er die Einfachheit so liebte, verrät seine Bemerkung, nichts sei heutzutage komplizierter, als ein einfacher Mensch zu sein. Er wolle zufrieden sein, wenn auch nur ein Mensch durch sein Schaffen getröstet werde, formulierte er als Programm. Aber später litt er unter dem Klischee, ein »Trostspender vom Dienst« zu sein. Stattdessen bekannte er sich als Skeptiker, Kritiker, Agnostiker. Jedenfalls war er alles andere als ein »adventlicher Dichter«, stellt sein Biograf Karl Müller fest. Aus Waggerls letzten Lebensjahren ist der Satz überliefert: »Vorne lach' ich – und hinten beiße ich die Zähne aufeinander.«

Waggerl kam als Sohn eines Zimmermanns in Bad Gastein zur Welt. Im Buch »Fröhliche Armut« hat er seine karge Kindheit dichterisch und mit leisem Humor gestaltet. Ein Arzt riet den Eltern, ihn auf das Salzburger Lehrerseminar zu schicken. Mit siebzehn zog er als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, wurde Offizier und geriet in italienische Gefangenschaft. Im Lager fielen ihm die Werke von Matthias Claudius in die Hand, durch sie erfuhr er »einen unauslöschlichen Begriff von der Macht des Einfach-Wahren«, der für sein späteres Schreiben bestimmend wurde.

Seine erste Stelle als Lehrer war Wagrain, doch seine labile Gesundheit zwang ihn, den Beruf bald wieder aufzugeben. Er begann zu schreiben. Ein ganzes Jahrzehnt musste er um die Anerkennung als Schriftsteller ringen. In der Zwischenzeit versuchte er sich als Plakatzeichner und Buchbinder, entwarf Möbel und Geschirr, machte Holzschnitte und experimentierte mit der Fotografie. Mit dem Roman »Brot«, der 1930 im angesehenen Insel- Verlag erschien, kam der Durchbruch. In kurzen Abständen folgten die weiteren Romane.

In den folgenden Jahren war Waggerl viel auf Lesereisen, vor allem in Deutschland und in der Schweiz. Er war ein begnadeter Vorleser und Interpret seiner Werke. Mit seiner unvergleichlichen Stimme und der sparsamen Gestik gelang es ihm, wahre Besucherrekorde aufzustellen und – nebenbei – Käufer für seine Bücher zu mobilisieren. Direkten Kultstatus errang Waggerl durch seine Mitwirkung beim Salzburger Adventssingen im Großen Festspielhaus, in jenen Jahren das dritte Kulturelle Großereignis in Salzburg nach dem Oster- und Pfingstfestspielen.

Ein größeres Werk hat der Dichter später nicht mehr geschrieben, nach Ansicht seiner Kritiker war seine poetische Kraft verebbt. Er selbst meinte, er habe alles gesagt, was er sagen wollte. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit wurde er zum Trost- und Heimatdichter. Besonders der Advents- und Weihnachtszeit verstand er immer wieder neue Variationen abzugewinnen, wie es schon die Buchtitel ausdrücken: »Und es begab sich…«, »Inwendige Geschichten«, »…und Frieden auf Erden«.

Zeit seines Lebens war Waggerl ein Blumenliebhaber. In seinem Hausgarten hatte er einheimische und exotische Blumen nach Art eines Blumenkalenders angepflanzt, die vom Frühjahr bis zum Wintereinbruch ihre Blüten entfalteten. Der Garten wird bis heute gepflegt. Im Schatten alter Bäume kann der Besucher außerdem eine Steintafel mit der Inschrift »Campi« entdecken, die auf das Grab seines geliebten Hundes hinweist.


Julius Bittmann

 

45/2012