Jahrgang 2006 Nummer 31

Ein Besuch bei den Wittelsbachern in Berchtesgaden

Ein Augustiner-Stift wird zum königlichen Schloss

Schlossplatz

Schlossplatz
Gotische Halle

Gotische Halle
Romanischer Kreuzgang

Romanischer Kreuzgang
Gedanken an Berchtesgaden sind mit Bildern vom Königsee mit der romantischen, an die Watzmannwand angeschmiegten Bartholomäuskapelle verbunden. Vielleicht erinnert sich der Besucher auch an die Rutsche im Salzbergwerk und an die Jahre unglücklicher Geschichte, die mit dem Obersalzberg in Verbindung stehen. Das Ortsbild von Berchtesgaden prägen Häuser im alpenländischen Stil, die mit ihrer Fassadenmalerei und den offenen Fensterläden zum Schauen einladen und ihrerseits vom Besitzstolz ihrer Eigentümer künden. Der Löwenbrunnen vor dem Hirschenhaus ist das eine vom Touristenstrom eingenommene Zentrum von Berchtesgaden.

Eine schmale, von Häusern gedrängte Gasse trennt diesen Bereich von dem geistlichen, der von den wuchtigen Türmen der Schlosskirche, der Front des Schlosses und dem offenen Arkadenbau an der Nordseite des Schlossplatzes eingerahmt wird. Der im Mittelalter als Wirtschaftsgebäudes des Klosters genutzte Bau rundet den Schlossplatz mit dem Brunnen in der Mitte harmonisch ab. Das im Schloss-führer enthaltene Luftbild lässt die bauliche Struktur des ehemaligen Augustiner-Chorherren-Stiftes deutlich erkennen. Die Mitte ist die Kirche, deren romanischer Ursprung noch zu erahnen ist. Kirche, Kloster und die am Rande des Gebäudekomplexes angeordneten Gärten sind eine Einheit, die die Welt der hier residierenden Chorherrn umschloss.

Nun haben wir uns einen Besuch im Schloss der Wittelsbacher vorgenommen, Stiftskirche und den romanischen Kreuzgang mit eingeschlossen. Während wir in der gotischen Empfangshalle auf den Beginn der Führung warten, beeindruckt uns die Ästhetik des Raumes. Schlanke Säulen in der Mitte tragen das Kreuzrippengewölbe, das in eleganter Leichtigkeit über dem Raum zu schweben scheint. Die gotische Halle ist schon für sich ein kleines Museum. Gotische Tafelbilder, Büsten aus einem Chorgestühl und Heiligenfiguren in gotischer Strenge zieren die Wände. Die Weite des Saales, von sieben Marmorsäulen in der Mitte geteilt, erinnert an einen Festsaal, in dem sich der Besucher ein Bankett an langen, festlich gedeckten Tafeln vorstellen kann.

Am Beginn der Führung steht ein Vortrag zur Geschichte des Schlosses. Die Sorge des Besuchers, ein nicht merkbares Zahlenwerk und eine unübersehbare Reihe fürstlicher Gestalten vorgesetzt zu erhalten, ist unbegründet. Bei der Führung durch die Räume des Schlosses wird dessen Geschichte lebendig. Aus den goldgerahmten Ölbildern blicken die Fürstpröpste der Chorherrn auf uns herab. 1102 hat der Berchtesgadener Landgraf die Augustiner ins Land geholt und das Kloster gestiftet. Der Konvent der adeligen Chorherrn war auf zwölf Mitglieder beschränkt. Nach den Ordensregeln waren die Augustiner zum Zölibat und zur Gemeinschaft im Kloster verpflichtet. Seelsorgerische Aufgaben konnten sie bezahlten Kaplänen übertragen. 1159 wurde das Stift reichsunmittelbar. Der Fürstpropst war damit keinem Landesherrn untertan und nur dem Kaiser verpflichtet.

Das mittelalterliche Reichsstift Berchtesgaden wurde damit zum selbstständigen und selbstbewussten Fürstentum. Eine im Inneren geistliche Tradition bewahrende Fürstpropstei trat nach außen hin als souveräner Staat in Erscheinung. Im 15. Jahrhundert umgaben die Pröpste ihren Klosterbau mit wehrhaften Mauern und Gräben. Das Kloster wurde zur Burg, die auch auf den Schutz territorialer Begehrlichkeiten der Nachbarn hin ausgerichtet war. Die Fürtstpropstei war, zwischen dem Erzbistum Salzburg und dem Herzogtum Bayern gelegen, stets auf den Erhalt ihrer Eigenständigkeit bedacht, was ihr auch bis zur Säkularisation gelungen war. Die Bedeutung der Fürstpropstei ist einerseits an einer Reihe herausragender Persönlichkeiten unter den geistlichen Fürsten, andererseits aber auch an den Bodenschätzen zu messen, zu denen der Salz- und Waldreichtum zählten. Im Mittelalter war Salz ein begehrtes Handelsgut und Berchtesgaden war damit im reichen Mafle gesegnet. Weil zur Salzgewinnung Holz zur Feuerung der Salinen notwendig war, war auch der Waldreichtum der Propstei ein Unterpfand wirtschaftlicher Macht. Dass hochwertige Wirtschaftsgüter zur Ausübung von Macht gebraucht und oft genug auch missbraucht werden, ist nicht nur in der Geschichte Berchtesgadens eingeschrieben.

Die Bedeutung der Fürstpröpste von Berchtesgaden ist aber auch auf ihre im Reich anerkannten Regenten zurückzuführen. Die Wittelsbacher, die als eines der ältesten Herrschergeschlechter im Reich galten, waren auch über 130 Jahre lang, von 1594 bis 1723 Fürstpröpste von Berchtesgaden. Weil sie als geistliche Fürsten im Reich auch noch andere ansehnliche und einträgliche Ämter wahrzunehmen hatten, sahen sie die Berchtesgadener Propstei nur als Nebenpfründe an. Dies zeigte sich, als Berchtesgaden im Dreißigjährigen Krieg zwar kriegerisch nicht direkt betroffen war, wohl aber für die Kriegkosten aufzukommen hatte, die die Wittelsbacher für ihren anderen Reichsbesitz aufzubringen hatten.

Ebenso wie für die übrigen geistlichen Herrschaftsbereiche ging mit der Säkularisation 1803 für Berchtesgaden das Kapitel seiner territorialen Eigenständigkeit zu Ende. 1810 kam Berchtesgaden zum Königreich Bayern. Dass die Berchtesgadener ihre Zugehörigkeit zur Krone Bayerns hoch einschätzten, daran erinnert ein Brunnen gegenüber der St. Andreas Kirche. Nachdem den Wittellsbachern im so genannten Wittelsbacher Ausgleichsfond der Besitz des Augustiner Chorherrn Stiftes zuerkannt worden war, wurde das Schloss zum Sommersitz der bayerischen Könige. Mit Ausnahme von König Ludwig II. liebten die Wittelsbacher die Jagd. Jagdtrophäen und Waffen in Glasvitrinen sind beachtliche Objekte, die wir auf unserem Führungsweg durch das Schloss bewundern. Kunstvolle Verzierungen der Jagdgewehre sind ein Beweis für die Ästhetik, die mit dem Waidwerk verbunden war.

Offensichtlich war die Jagd in Berchtesgaden für die Königsfamilie ein hervorragendes Privileg. Selbst als König Ludwig I. 1848 auf den Thron verzichtet hatte, behielt er noch sein Wohnrecht im Schloss Berchtesgaden bei. Sein Sohn König Maximilian II. ließ sich in Berchtesgaden die Königliche Villa bauen, die an der Straße nach Reichenhall gelegen, im historistischen Stil sich nur wenig der alpenländischen Landschaft anpasst.

Mit dem erzwungenen Thronverzicht Ludwigs III. fand das bayerische Königreich 1918 sein Ende. Kronprinz Rupprecht, der Sohn Ludwigs III. und legitimer Nachfolger auf den Königsthron, lehnte eine Abdankung ebenso ab wie sein Vater. Nachdem ein Aufenthalt der Familie in der Münchner Residenz nicht opportun erschien, richtete sich Kronprinz Rupprecht ab 1922 im Berchtesgadener Schloss ein, das er, unterbrochen von der Nazizeit, für sich und seine Familie als Lebensmittepunkt sah.

Dem Kronprinzen ist es zu verdanken, dass das Schloss pfleglich unterhalten und die Einrichtung der Räume stilvoll ergänzt bzw. wieder hergestellt wurde. Das noch teilweise von den Wittelsbachern bewohnte Schloss hinterlässt den Eindruck, nicht nur ein Museum sondern ein vom Leben erfülltes Gebäude zu besuchen. Bei einer Führung durch die Räume des Schlosses kann der Besucher in den Möbeln und Einrichtungen die Stilfolge von der Renaissance über den Barock bis zum Klassizismus gedanklich nachvollziehen. Holzgeschnitzte Renaissanceportale aus dem Schloss Neuburg a. d. Donau und Wandteppiche aus dieser Zeit zieren die Renaissancesäle.

Die Einrichtung des ehemaligen Propstbaus aus dem 16. Jahrhundert wurde nach 1725 im Louis-XVI.-Stil neu eingerichtet. (Schlossführer S. 54). Der Besucher möchte das Wanddekor eher dem Rokoko zuordnen. Reich ausgestattet mit kunstvollen Möbeln, Tapeten und Gobelins sind die ehemalige Wohnung des Kronprinzen. In diesen Räumen nimmt der Besucher den Eindruck mit, dass die Hoheit hier noch wohnt und dem Besucher nur ausnahmsweise Eintritt gewährt hat. Besonders verstärkt wird dieser Eindruck durch die festlich gedeckte Tafel im großen Speisesaal, in dem auch heute noch Gäste zum Dinner geladen werden.

In der Hofküche mit dem prächtigen Stichkappengewölbe aus dem 16. Jahrhundert stehen historische Küchengeräte, mit denen bis heute noch ein herrschaftliches Mahl bereitet werden kann. Ein wenig Mühe hatte der Besucher schon, die zeitliche Einteilung der Gebäude auseinander zu halten, weil Kloster und Schlossbauten zu sehr ineinander verwoben sind. Entscheidend ist aber der Eindruck, den der Besucher von der Wandlung des Klosters zum fürstlichen Schloss mitnimmt. Als krönender Abschluss der Schlossführung steht der Besuch des Rosengartens. Inmitten von Rosenbeeten plätschert ein Springbrunnen, auf dessen Brunnenschale eine Venusstatue steht. Watzmann und Hochkalter im Hintergrund fügen sich zu einem Bild romantischer Schönheit.

Nach diesem fürstlichen Glanz der Schlossbesichtigung führt uns der Besuch der Kirche in einen Raum gotischer Strenge. Wie bei vielen Kirchen in Oberbayern ist auch hier eine stilis-tische Mischform gegeben. Vom ursprünglich romanischen Bau aus dem 12. Jahrhundert ist nur noch das romanische Portal mit den lombardischen Löwen erhalten. Einer davon ist im Kreuzgang zu sehen. Die beiden Türme sind zum Wahrzeichen von Berchtesgaden geworden und 1864 baulich verändert und mit den beiden Spitzhelmen versehen worden.

Der Innenraum ist im Chor mit einem Kreuzrippengewölbe und im Hauptschiff mit einem Netzgewölbe bedeckt. Der ursprünglich romanische Bau wurde der Gotik angeglichen. Der Hauptaltar im Chor, in klassizistischer Strenge von einem Salzburger Meister gestaltet, wird durch den Silbertabernakel eines Augsburger Meisters von 1736 aufgelockert. Wie ein Bilderrahmen schiebt sich zu beiden Seiten des Chores das Chorgestühl in den Chorraum.

Die dem Kloster integrierte Kirche ist auch die Grabstätte der Pröpste des Klosters. Kunstvoll gestaltete Reliefs zieren die Grabplatten. Besonders auffällig bleibt uns das Grabmal von Propst Peter von Pienzenau = 1435 in Erinnerung. Überlebensgroß liegt der Kirchenfürst mit Bischofsmitra, Ornat und dem Krummstab in der Hand auf einem »weichen« Steinkissen. Der Tote hat die Augen wie im Schlaf geschlossen. So ist die Pfarrkirche St. Peter dem Augustiner-Chorherrn-Stift nicht nur räumlich verbunden; sie ist auch ein Teil der Geschichte des Klosters.

In der Mitte des von Kloster und Kirche umschlossenem Gebäudekomplexes liegt der Kreuzgang, der im Mittelalter als Zentrum des spirituellen klösterlichen Lebens galt. Im Kreuzgang wurden die Toten begraben, deren Grabplatten in der Mitte des Ganges die Lebenden an ihre Verbundenheit mit den Toten erinnerte. Die Chorherrn nutzten den Kreuzgang zu gemeinsamen Prozessionen oder einzeln zum Gebet und zur Meditation. Kaum ein anderer Ort im Kloster war so sehr geeignet, im Gebet einen Weg zu Gott und gleichzeitig zur eigenen geistigen Mitte zu finden. Das Gleichmaß der romanischen Rundbögen, das leise Plätschern des Brunnens und der freie Blick nach oben in den Himmel, dem Ziel christlichere Sehnsucht, mahnen zur inneren Einkehr.

Mag sein, dass dieser sakrale Ort auch Künstler angeregt hat, mit der Verzierung der Säulen und Kapitelle ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen. Kunst war aber im zwölften Jahrhundert nicht Selbstzweck, sondern eingebunden in religiöse Vorstellungen und Empfindungen. So dürfen wir einen Geistlichen neben dem Künstler vermuten, der auf biblischer Grundlage Anweisungen für den Figurenschmuck im Kreuzgang gegeben hat.

Zur Deutung des Figurenschmucks im Kreuzgang fehlen schriftliche Aufzeichnungen. Sicher ist nur, dass mit den Darstellungen immer eine religiöse Aussage verbunden war. Der Physiologus enthielt eine Beschreibung der Eigenschaften von Tieren, die mit christlichen Glaubenssätzen in Verbindung gebracht wurden. So wurde der sich in die Lüfte erhebende Adler als Symbol für die Himmelfahrt Christi gesehen. Dem Löwen wurde zugesprochen, dass er auch bei geschlossenen Augen wach sei, womit auf den begrabenen und auferstandenen Herrn hingewiesen wurde.

Sirenen mit langem Haar standen für die Verführung, Kentauren als Mischwesen zwischen Mensch und Tier für die Doppelnatur des Menschen, der dem Guten und dem Bösen geneigt ist. Viele dieser Tiergestalten sind an den Kapitellen des Kreuzganges zu entdecken. Vielfach verschlungenes Flechtwerk diente ebenso zur Fernhaltung böser Mächte wie das die Säule umschlingende Band. Symbole wie der Weinstock und das Dreiblatt für die Dreifaltigkeit sind ohne weiteres als christliche Symbole zu erkennen. Vielfache Mahnungen, ein gottgefälliges Leben zu führen, sind ebenfalls mit den Steinskulpturen verbunden. So zeigt eine Säule einen nachdenklichen Mann (die Klugheit), der einer Frau den Rücken zukehrt und sie zudem noch mit der rechten Hand abweist (Mäßigkeit). Nur der Mönch, der allen Verlockungen widersteht und im strengen Zölibat allein dem Geistigen lebt, galt als vollkommener Christ (Alfred Spiegel-Schmidt S. 8)

So ist ein Besuch im Schloss Berchtesgaden auch eine Begegnung mit der bayerischen Geschichte. Die Bilder des romanischen Kreuzganges, die gotische Kirche und die stilistische Vielfalt der Einrichtung des Wittelsbacher Schlosses sind gleichsam ein Spiegel der Kunst des Landes Bayern von den Anfängen bis zur Säkularisation.

Dieter Dörfler

Verwendete Literatur: Max Oppel, »Schloss Berchtesgaden«. Alfred Spiegel-Schmidt, »Im Stein verborgen - Der romanische Kreuzgang«.



31/2006