Jahrgang 2006 Nummer 35

Ein Baudenkmal von herausragender Bedeutung

Der Pallinger Kalvarienberg wurde originalgetreu restauriert und wird am morgigen Sonntag eingeweiht

Die offene Bogenhalle des Pallinger Kalvarienberges mit der Kreuzigungsgruppe ist vom Ort aus gut zu sehen. Die Bausubstanz, die

Die offene Bogenhalle des Pallinger Kalvarienberges mit der Kreuzigungsgruppe ist vom Ort aus gut zu sehen. Die Bausubstanz, die Wandgemälde und die drei Figuren wurden originalgetreu restauriert.
Unterhalb der Bogenhalle befindet sich die Grablegungsgruft, die mit neuen Kniebänken ausgestattet wurde.

Unterhalb der Bogenhalle befindet sich die Grablegungsgruft, die mit neuen Kniebänken ausgestattet wurde.
Der Kreuzigungsort auf Golgotha wird in der Bogenhalle dargestellt. Die lebensgroßen Zinkguss-Figuren stellen den Corpus Christi

Der Kreuzigungsort auf Golgotha wird in der Bogenhalle dargestellt. Die lebensgroßen Zinkguss-Figuren stellen den Corpus Christi und die beiden Schächer dar. Das Gemälde im Hintergrund zeigt die Stadt Jerusalem.
Es war ein ungewohnter Anblick, der sich vielen Pallingern an einem Morgen vor vier Jahren bot. An der Ostseite des Pallinger Berges, frontal zum Dorf gewandt, wurde ein bedeutendes Bauwerk wieder freigeschlagen: Der Pallinger Kalvarienberg. Seit dem Jahr 1888 thront er über der Gemeinde, war aber hinter den Bäumen und Sträuchern etwas in Vergessenheit geraten. Das bayerische Landesamt für Denkmalpflege hat in einem Gutachten 1982 bescheinigt: »Der Pallinger Kalvarienberg zählt zu den eindrucksvollsten und großartigsten im gesamten ostbayerischen Raum. Er ist ein Baudenkmal von lokalhistorischer, zeitgeschichtlicher, künstlerischer und landschaftsprägender Bedeutung.« Als Zeugnis heimischer bäuerlicher Volksfrömmigkeit wurde er in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen – ein Eintrag, der die Gemeinde zum einen ehrt, zum anderen aber auch verpflichtet. Im Jahr 2000 begannen deshalb umfangreiche, originalgetreue Restaurierungen, die am morgigen Sonntag mit der feierlichen Einweihung durch Weihbischof Dr. Franz Dietl ihren Abschluss finden.

Zum Pallinger Kalvarienberg gehört eine große, offene Bogenhalle mit der Kreuzigungsgruppe, eine Grabgrotte, ein Kreuzweg mit 14 gusseisernen Stationen sowie vier Rosenkranzstationen. Erbaut wurde er im 19. Jahrhundert von Franz Grafetstätter, lediger Hebebauersohn von Palling, zur größeren Ehre Gottes. 1885 wurden der Kreuzweg und die Rosenkranzstationen eingeweiht, 1888 der Kalvarienberg und 1889 die Grabkapelle. Im Innern des Kalvarienberges befindet sich eine kleine Tafel mit den Worten: »Ich habe mein Werk vollendet. Gott sei Dank. 1893.« Am 23. Januar 1894 starb Franz Grafetstätter im Alter von 81 Jahren.

Einige Male wurde das Ensemble seither renoviert, die Malereien in der Bogenhalle geändert. Eine originalgetreue Restaurierung, wie sie der Ortsheimatpfleger Franz Jäger im Sinn hatte, gestaltete sich schwierig, da nur wenige Dokumente aus der Bauzeit überliefert sind. Weder der Architekt noch der Maler sind bekannt. Einzige Dokumente sind ein Notarsvertrag vom November 1888 zwischen dem Erbauer, der Gemeinde und der Witwe Katharina Perschl, der damaligen Grundbesitzerin, sowie eine nachträgliche Genehmigungs-Urkunde des Ordinariats. Allerdings gibt es eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1898, die den Restauratoren als Vorlage diente. Unter verschiedenen Farbschichten kam auch die ursprüngliche Bemalung mit dem dunklen Sternenhimmel wieder zum Vorschein.

An der Straße nach Stein, kurz nach dem Ortsschild, steht ein Wegweiser, der einen nach links zum Kalvarienberg (»Rosenkranzweg«) und nach rechts zum Kreuzweg führt. Die 14 gusseisernen Bildtafeln des Kreuzweges sind im neugotischen Stil gearbeitet. Der Weg führt an der Bogenhalle vorbei zur Grabgruft. Dort endet auch der »Rosenkranzweg«. Er besteht aus vier Bildtafeln, ebenfalls im neugotischen Stil, die allerdings um einiges größer sind als die Kreuzweg-Tafeln. Sie veranschaulichen je eine Szene aus den Kreuzwegstationen in einer Reihenfolge, die als »schmerzhafter Rosenkranz« bekannt ist: »Der für uns Blut geschwitzt hat – der für uns gegeißelt worden ist – der für uns mit Dornen gekrönt worden ist – der für uns das schwere Kreuz getragen hat«. Die fünfte Station »Der für uns gekreuzigt worden ist« wird dargestellt als Kreuzigungsgruppe in der großen Bogenhalle, die den Kreuzigungsort auf Golgotha veranschaulicht.

Die beeindruckende Halle ist im Neurenaissance-Stil erbaut. Die drei lebensgroßen, bemalten Zinkguss-Figuren – sie wurden nun aufwendig in Regensburg restauriert – stellen den Corpus Christi und die beiden Schächer dar. Die Gemälde an den Wänden zeigen zur Linken die weinenden Frauen, zur Rechten einen römischen Hauptmann und jüdisches Volk. Rechts daneben ist der edle Stifter, Franz Grafetstätter, abgebildet. Hinter der Kreuzigungsgruppe ist die Stadt Jerusalem zu sehen, darüber Gottvater und der Heilige Geist. Nur wenige Schritte unterhalb der monumentalen Bogenhalle befindet sich der Eingang zur Grablegungsgruft. Auch sie wurde mühevoll wiederhergestellt, die Figur des begrabenen Christus von einem Steinmetz restauriert, das schmiedeeiserne Gitter vor der Gruft ausgebessert und im Andachtsraum wurden neue Kniebänke aufgestellt. Durch einen kleinen Schacht fällt Licht auf die Christus-Figur. Eine große Marmortafel erinnert an den Erbauer und an Einzelheiten der Entstehung des Kalvarienberges.

Rund 192 000 Euro hat die Restaurierung des Denkmals gekostet, nicht eingerechnet die gut 500 Arbeitsstunden, die Pallinger Vereine und Privatpersonen ehrenamtlich geleistet haben, um den Kalvarienberg wieder sichtbar zu machen und herzurichten. »Der Kalvarienberg ist eindrucksvoll. Und mit ein klein wenig Phantasie und Geduld können wir bald wieder ins Schwärmen geraten« – ein Satz aus dem Gutachten des Landesamts für Denkmalpflege, der Wirklichkeit geworden ist. Die Renovierung des Pallinger Kalvarienberges ist nach fünf Jahren abgeschlossen. Um 9.45 Uhr beginnt am morgigen Sonntag der Festzug zur Bergkapelle. Weihbischof Dr. Franz Dietl wird dort um 10 Uhr den Festgottesdienst halten.

Kathrin Augustin



35/2006