Jahrgang 2004 Nummer 47

Ein Anwesen mit wechselvoller Geschichte

Das Haus Güterhallenstraße 2/Wasserburger Straße 1 wird abgerissen

»Genehmigungsfreistellung zum Abbruch der bestehenden Gebäude auf den Grundstücken Güterhallenstraße 2 und 4 sowie Wasserburger Straße 1 durch den Landkreis Traunstein.« Mit diesen dürren Worten im Amtsblatt der Stadt Traunstein vom 9. Oktober 2004 wurde das Schicksal des besonders interessanten Gebäudes an der Ecke Güterhallenstraße und Wasserburger Straße besiegelt. Ein Anlass, die wechselvolle Geschichte dieses Anwesens darzustellen.

Vor gut einhundert Jahren war das Grundstück unbebaut und in einem unwirtlichen Zustand. Als der Traunsteiner Bahnhof gebaut wurde, konnte hier Kies entnommen werden. Es entstand eine große Kiesgrube, die später nach und nach wieder aufgefüllt wurde. Eigentümer war damals das Ehepaar Josef und Amalie Haider aus Traunstein.
Seit 1863 gibt es in Traunstein den »Turnverein Traunstein 1864« und etwa seit der gleichen Zeit auch die städtische Turnhalle. 1903 bildeten ausgeschiedene Mitglieder dieses Turnvereins den »Männerturnverein Traunstein«. Die Vorstandschaft dieses neuen Turnvereins beantragte am 4. November 1903 die Genehmigung zur Mitbenützung der städtischen Turnhalle. Der gutachtlich hierzu angehörte »Turnverein Traunstein 1864« sprach sich aber sehr eindeutig gegen eine Hallenmitbenützung aus mit der Folge, dass die Stadt Traunstein den Antrag mit Beschluss vom 18. Dezember 1903 ablehnte, aber in Aussicht stellte, zu gegebener Zeit die Sache neu zu prüfen. Da ein Turnverein nun jedoch auch eine Turnhalle benötigt, entschloss sich die Vorstandschaft zum Bau einer eigenen Turnhalle und kaufte das obendargestellte ehemalige Kiesgrubengelände. Baubeginn war dann bereits am 29. August 1904. Die Stadt Traunstein beteiligte sich mit einem Zuschuss von 500 Mark. Nach einer Bauzeit von knapp zwei Jahren war eine beachtliche Turnhalle entstanden, deren Eröffnung am 28. und 29. Juli 1906 großartig gefeiert werden konnte. Über die Eröffnung schrieb das Traunsteiner Wochenblatt: »Am Sonntag fand die Eröffnungsfeier der Turnhalle des Männer-Turnvereins statt. Zu diesem schönen Feste hatte sich auch der hohe Protektor des Vereins Frhr. v. Cramer-Klett mit Gemahlin eingefunden, welcher als Förderer der Turnsache am Festabend die Mitglieder durch eine herzliche Ansprache erfreute. Sonntag früh begann der Wettkampf und haben folgende Herren Preise erworben – Nachmittags fand der Festzug durch die geschmückten Straßen der Stadt statt und wurden den Turnern Blumen und Kränze von den Einwohnern entgegengeworfen. Flott marschierte eine Damenriege, gleichheitlich kostümiert, im Zuge mit, wie sich selbe auch am Kürturnen beteiligte. Montag war Ausflug auf den Hochberg und bildete ein Kellerfest auf dem Wochinger-Keller den Abschluß des schönen Festes.«

Diese Turnhalle war aber nur bis längstens 1910 in Betrieb. Am 23. September 1911 stand im Traunsteiner Wochenblatt: »Der Männerturnverein hält am Sonntag, dem 8. Oktober im Höllbräukeller sein diesjähriges Sommerabturnen, verbunden mit Mitgliederwetturnen ab. Der Verein wird seinen Mitgliedern, sowie den zahlreichen Gästen zeigen, dass er auch in diesem Jahre, wo wohl der Unglücksstern in allen Variationen auf dessen Vereinsleben lastete, den Grundsätzen der deutschen Turnersache, der Körperpflege treu geblieben ist...« Vermutlich durfte, aus welchen Gründen auch immer, in den späteren Jahren dann die städtische Turnhalle benützt werden. Das würde auch erklären, warum sich der »Männerturnverein Traunstein« im Jahre 1919 wieder in den »Turnverein Traunstein 1864« eingliederte.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts war auch der Anfang der »Kinomatographie«. Damals wurden aber nur Stummfilme gezeigt. Tonfilme gab es erst ab 1929. Den modernen Erfordernissen der Zeit folgend beantragten Anna Kleinmann aus Scheffau und deren späterer Ehemann Christian Pointl aus Hallein am 18. September 1911 die Genehmigung zum Betrieb eines Kinomatographentheaters. Dieses Wortungetüm stand für den heutigen Begriff Kino oder Filmtheater. Das Kino sollte in der ehemaligen Turnhalle des Männerturnvereins Traunstein eingerichtet werden. Grundstückseigentümer waren damals Rechtsanwalt von Heeg und Brauereibesitzer Steiner aus Traunstein. Schon am 29. September 1911 erteilte die Stadt Traunstein die beantragte Genehmigung. Das Kino nannte sich zuerst Kinomatographentheater und dann Central-Theater-Kinomatograph. Es fand regen Zuspruch und die Filmvorführungen waren ausgesprochen umfangreich. So wurden zum Beispiel beim neuen »Prachtprogramm« am 25. Mai 1912 folgende Filme gezeigt: »Stierrennen auf der Insel Camargue«, »Soldaten-Großmut«, »Das prunkvolle Indien«, »Die Löwen sind los«, »Sitten und Gebräuche in Tripolitanien«, »Extra-Einlage«, »Das Vaterland über alles«, »Um fremde Schuld« und »Fritzchen lauscht im Küchenschrank«. Einem Bericht der Schutzmannschaft Traunstein vom 28. Februar 1912 kann man entnehmen: »Am Sonntag, dem 25.ds.Mts. fanden in dem Kinomatographentheater dahier 3 Vorstellungen statt, welche außerordentlich gut besucht waren, wie wohl nie zuvor. Abends um 8 Uhr kam ich ebenfalls dorthin und fand das Haus überfüllt. Alle Sitzgelegenheiten waren bis ins Kleinste ausgenützt und der irgendwie verfügbare Raum war von Stehgästen eingenommen ...Popp Oberwacht-mstr.« Spätestens ab Mai 1912 konnten die Gäste neben Backwaren auch alkoholische und alkoholfreie Getränke kaufen und während der Vorstellung zu sich nehmen. Die damaligen Eintrittspreise waren beachtlich niedrig: 85 Pfennig für den 1. Platz, 55 Pfennig für den 2. Platz und 35 Pfennig für den 3. Platz. Vermutlich aus Sicherheitsgründen wurde der Kinobetrieb ab 22. Juli 1912 eingestellt. Ab 1. Januar 1913 mietete Christian Pointl von Anton Goldner jun. das Lokal im Goldnerhaus am Maxplatz, um dort einen Kinomatographen zu betreiben.

In den folgenden Jahren war das Hausgrundstück offensichtlich unbenützt. Spätestens 1920 erwarb dann der Maschinenhändler Jakob Zaunbos das Haus mit dem ganzen Umgriff und baute an der Nordseite noch eine 22 Meter lange Halle an. Das alles nützte er als Maschinenhalle mit Werkstätte. 1926 musste er aber seinen Betrieb schließen. Am 9. Juli 1926 erwarb die Bezirksgemeinde Traunstein (heute Landkreis Traunstein) das große Hausgrundstück für 28.000,00 Reichsmark. In den Jahren 1926 mit 1928 wurde das Haus im großen Rahmen umgebaut. Im Erdgeschoß entstanden Büroräume, im Obergeschoß Wohnungen und im Keller Waschküche, Heizungskeller und ein großer Lagerraum für die Bezirksgemeinde. Die Umbaumaßnahmen waren auch mit einer wesentlichen Änderung der Fassade verbunden.

1927 gab es einschneidende Veränderungen im Bereich Arbeitsrecht durch das Arbeitslosenvermittlungs- und Arbeitslosenunterstützungsgesetz. Bis dahin war das Arbeitsamt eine städtische Behörde im Rückgebäude des Rathauses. Durch die Rechtsänderungen wurde aus der städtischen Behörde eine Staatsbehörde für die Landkreise Traunstein, Laufen und Berchtesgaden mit entsprechend mehr Personal und somit auch mehr Büroraumbedarf. Die Bezirksgemeinde Traunstein stellte deshalb 1928 das Bürogebäude Güterhallenstraße 2 dem Arbeitsamt zur Verfügung. 1941 siedelte das Arbeitsamt dann in das frühere Hotel Wispauer am Stadtplatz um.

Die frei gewordenen Räume in der Güterhallenstraße wurden für andere Zwecke dringend gebraucht. Kriegsbedingt hatte sich die Landkreisverwaltung mächtig aufgebläht und benötigte zusätzliche Büroräume für das Wirtschaftsamt und für die Ernährungsämter. Diese Ämter waren bis etwa zur Währungsreform, als die Lebensmittelmarken und Warengutscheine endlich wegfielen, im Gebäude Güterhallenstraße 2 untergebracht, dann wurden sie aufgelöst. Nachfolgende Dienststellen waren das Straßenverkehrsamt, die Kraftfahrzeug-Zulassungsstelle und das Lastenausgleichsamt. Neben den genannten Dienststellen im Hauptgebäude war schon seit Vorkriegszeiten im rückwärtigen Teil des großen Grundstückes der Bauhof des Landkreises mit den schweren Straßenbaumaschinen untergebracht. Aus diesem Bereich ist eine Episode erzählenswert: Eines Tages fuhr ein Landkreisarbeiter mit einer besonders schweren Straßenwalze über den rückwärtigen Hof und plötzlich war die Walze nahezu verschwunden, denn der Boden hatte nachgegeben. Nur der Kopf des Arbeiters und das Dach der Walze waren noch zu sehen. Ursächlich hierfür war ein bis dahin unbekannter Abwasserkanal, der auf keiner Karte eingezeichnet war und der dem Gewicht der schweren Walze nicht standhalten konnte. Mit viel Aufwand konnte die Maschine wieder aus dem tiefen Loch geborgen werden. Dem Fahrer war nichts geschehen.

In der Nachkriegszeit vermehrten und vergrößerten sich die Dienststellen der Landkreisverwaltung mit der Folge, dass zusätzlicher Büroraum geschaffen werden musste. 1954 erhielt deshalb das Gebäude Güterhallenstraße 2 einen umfangreichen Querbau bis zur Wasserburgerstraße. Das Erdgeschoß enthielt Garagen und Werkstätten und das Obergeschoß Büroräume für das Sozialamt. Das Obergeschoß im Altbau bezog das Kreisjugendamt. Der schöne Neubau zeigte aber bald einen wesentlichen Baumangel; der Untergrund gab nach und das Bauwerk setzte sich. Der Untergrund war ja, wie bereits erwähnt, eine aufgefüllte Kiesgrube. Nur durch aufwendige Unterstützungsmaßnahmen mit viel Stahl und Beton konnte Abhilfe geschaffen werden.

Größere Nutzungsänderungen ergaben sich 1983 durch den Neubau des Landratsamtes. Das Sozialamt und das Kreisjugendamt zogen um in das neue Gebäude. Durch den Auszug des Sozialamtes stand nun der Querbau mit den vielen Büroräumen leer.

Schon Mitte der siebziger Jahre entstanden überall in der Bundesrepublik Initiativen zur Gründung von Jugendzentren. Auch in Traunstein gab es entsprechende Bemühungen. Im Januar 1986 wurde der Verein »Haus der Jugend Traunstein e.V.« mit 50 Mitgliedern gegründet. Diesem Verein stellte der Landkreis Traunstein im Sommer 1986 die ehemaligen Räume des Sozialamtes im Querbau Wasserburger Straße 1 zur Verfügung und am 29. November 1986 konnte das Haus der Jugend eröffnet werden. Seit 1993 führte die Stadt Traunstein das Haus der Jugend in eigener Regie. Das Grußwort des Oberbürgermeisters zum 10-jährigen Jubiläum des Hauses lautete: »...Mit großer finanzieller Anstrengung der Stadt und mit Unterstützung des Kreises steht also das Haus der Jugend in Traunstein und Umgebung zur Verfügung. Es hat sich als angenehmer Treffpunkt etabliert, bietet als Begegnungsstätte den Besuchern die aktive Mitarbeit an und sieht es als wichtige Zielsetzung, den demokratisch-mitmenschlichen Umgang zu pflegen. Wenn man vom Haus der Jugend spricht, muss man auch auf die seit 1996 bestehende Fassadengestaltung eingehen. Nahezu jeder Traunsteiner wird die Graffitibemalung am Haus der Jugend kennen. Die Planung hierzu entstand unter Mitwirkung des Instituts für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings und begleitet wurde die Aktion von zwei Münchner Graffitikünstlern und Wolfgang Diller, dem bildenden Künstler des obengenannten Instituts. Den Gestaltungsvorschlag lehnte damals das Bauamt entschieden ab mit der Begründung, dass jede bauliche Anlage auf ihre Umgebung abzustimmen ist und jeder Farbvorschlag vor allem Rücksicht nehmen muss auf die örtlichen Farb- und Schmucksitten und auf die Nachbargebäude. Außerdem bestanden erhebliche Bedenken, dass die Autofahrer durch die »auffälligen Malerarbeiten« abgelenkt werden könnten. Am 6. September 1996 erteilte aber die Stadt Traunstein die Genehmigung für die geplante Ausführung und noch am gleichen Tag wurden die künstlerischen Arbeiten begonnen. Wer sich, wie der Verfasser, in der Stadt umhörte, war wohl erstaunt über die unterschiedlichsten Meinungen der Mitbürger. Während manche die Fassadengestaltung als »gut gelungen und interessant« ansahen, bezeichneten andere Gesprächspartner sie als »vollkommen verrückt«. Wie dem auch war, im Frühjahr 2004 kam dann, bedingt durch die Abbruchpläne des Landkreises Traunstein, das Aus für das Haus der Jugend.

Im Februar 1992 verlegte man die Kraftfahrzeugzulassungsstelle in die Gabelsbergerstraße. Die freigewordenen Räume in der Güterhallenstraße erhielten die Frühförderungsstelle für den Landkreis, das Forum Ökologie, das Selbsthilfe Zentrum, der Bund Naturschutz, der Bund der Vertriebenen, der Bund Vogelschutz und der Kreisjugendring. Diese Dienststellen räumten aber auch das Haus heuer im Frühjahr. Nach dem Abriss wird die Stadt Traunstein dann um ein interessantes Haus ärmer sein.

AS



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