Jahrgang 2004 Nummer 27

»Du hast in unserem Sinne gehandelt«

Der Papst lobte Bonifatius für sein Reformwerk in Bayern

Bonifatius wird in der Kunst mit Bischofsstab und einem durchbohrten Buch dargestellt.

Bonifatius wird in der Kunst mit Bischofsstab und einem durchbohrten Buch dargestellt.
Bonifatiusgrab in Fulda

Bonifatiusgrab in Fulda
Älteste Darstellung des heiligen Bonifatius (11. Jahrhundert) auf dem Petersberg bei Fulda.

Älteste Darstellung des heiligen Bonifatius (11. Jahrhundert) auf dem Petersberg bei Fulda.
Vor 1250 Jahren wurde Bonifatius, der Organisator der Kirche in Deutschland, auf einer Missionsreise in Friesland zusammen mit seinen Begleitern, von einer Räuberbande erschlagen. Im Augenblick des tödlichen Schwerthiebes soll er ein Buch zum Schutz über seinen Kopf gehalten haben. Dieser Kodex mit den Spuren des Schwertstreiches wird bis heute in der Bischofsstadt Fulda aufbewahrt.

Bonifatius stammte aus einer adeligen Familie in England und wurde auf den Namen Winfrid getauft. Schon früh übergaben ihn die Eltern einem Kloster. Von dieser damals üblichen »Kinderweihe« versprach man sich irdischen und himmlischen Segen aus Gottes Hand. Winfrid wurde Lehrer an der Klosterschule und schließlich Abt.

Im Alter von 40 Jahren entschloss er sich, als Missionar auf das Festland zu ziehen, ließ sich vom Papst in Rom zur Mission in Germanien beauftragen und verpflichtete sich zur Befolgung der römischen Liturgie und der römischen Praxis bei der Sakramentenspendung, wie das bei den stark mit Rom verbundenen Angelsachsen üblich war. Das war insofern bedeutsam, weil im Frankenreich das kirchliche Leben noch ungeordnet war und die wenig gebildeten Geistlichen die Sakramente nachlässig verwalteten. Von einer ordentlichen kirchlichen Organisation in Pfarreien und Diözesen konnte keine Rede sein. Mit dem Papst bestand kaum eine Verbindung.

Bonifatius legte gegenüber dem Papst einen Gehorsamseid ab und erhielt als Zeichen seiner Verbundenheit mit dem Nachfolger Petri den Namen des römischen Märtyrers Bonifatius.

Zunächst missionierte Bonifatius in Friesland und Thüringen, später auch in Hessen. In der Nähe von Geismar fällte er eigenhändig die mächtige Donareiche und ließ aus ihrem Holz die Peterskirche in Fritzlar bauen, ohne dass die heidnischen Götter den Frevler bestraften. Die offensichtliche Überlegenheit des Christengottes führte dazu, dass viele Heiden bereit waren, sich taufen zu lassen und willig als Gefolgsleute in den Dienst dieses Gottes zu treten.

Bei einer zweiten Romreise empfing er vom Papst die Bischofsweihe. Die Ernennung zum Erzbischof und den Auftrag zur Errichtung neuer Bistümer erhielt bei seinem dritten Rombesuch. Außerdem ernannte ihn der Papst zum päpstlichen Legaten, das heißt zu seinem persönlichen Vertreter in Germanien.

Die Reform der fränkischen Landeskirche, die von einem korrupten Beamtenapparat geleitet wurde, war für Bonifatius eine fast übermenschliche Aufgabe. »Die Franken«, so schrieb er in einem Brief an den Papst, »haben seit über achtzig Jahren weder eine Synode gehalten noch einen Erzbischof gehabt, noch kirchliche Rechtssatzungen geschaffen oder erneuert. Augenblicklich sind die Sitze in den Bischofsstädten größtenteils habgierigen Laien und eingedrungenen, der Unzucht oder dem Gelderwerb frönenden Klerikern lediglich zum Genuss ausgeliefert... Man findet unter ihnen zwar Bischöfe, die beteuern, sie seien keine Huren und Ehebrecher, die aber Trinker, Zänker und Jäger sind, die gewappnet zu Felde ziehen und mit eigener Hand Menschenblut von Heiden und Christen vergießen...«
Bonifatius begann mit der Organisation des kirchlichen Lebens in Bayern, denn hier bestanden gute Voraussetzungen für eine Gliederung des Landes in feste Bistümer. Herzog Theodo hatte dem Papst schon vor 25 Jahren einen entsprechenden Plan vorgelegt, der aber aus unbekanntem Grund nicht ausgeführt wurde. Durch einen zweijährigen Aufenthalt in Bayern kannte Bonifatius die kirchliche Situation sehr genau. Wie sein Biograph berichtet, habe er in dieser Zeit oftmals gepredigt, Kirchen geweiht und einen Irrlehrer namens Erenwulf aus der Kirche ausgeschlossen.

An allen von Bonifatius neu errichteten Bischofssitzen hatten schon früher Bischöfe gewirkt: Rupert in Salzburg, Emeram in Regensburg, Korbinian in Freising. In Passau traf Bonifazius den in Rom geweihten Bischof Vivilo an. Er legte genaue Bistumsgrenzen fest und weihte die Bischöfe Johannes (Salzburg), Erembert (Freising) und Gaubald (Regensburg).

Nachdem er Papst Gregor II. den Vollzug des Auftrags gemeldet hatte, erhielt er aus Rom eine lobende Antwort: »Wenn du also meldest, dass du zu dem Volk der Bayern gelangt bist und sie ohne kirchliche Ordnung angetroffen hast, weil sie nur einen Bischof, den von uns geweihten Vivilo, im Lande haben und dass du dann mit Zustimmung des Bayernherzogs und der Vornehmen des Landes drei weitere Bischöfe geweiht und das Land in vier Teile, das heißt Sprengel, geteilt hast, auf dass jeder Bischof seinen Sprengel habe, so hast du, Bruder, wohl und weise gehandelt, denn du hast an Unserer Statt und ganz in Unserem Sinn den apostolischen Auftrag ausgeführt.«
Auch in Würzburg und Eichstätt errichtete Bonifatius Bistümer, Höhepunkte seines Wirkens waren mehrere, von den Hausmeiern Pippin und Karlmann einberufene Synoden, darunter das erste deutsche Konzil. Zu den Beratungspunkten zählten die Herstellung der kirchlichen Rechtsordnung und die religiös-sittliche Reform bei Klerus und Laien. Jeder Geistliche sollte der Aufsicht eines Bischofs unterstehen, Waffentragen und Jagen war verboten, bei Verletzung des Zölibats wurde die Entlassung angedroht, Mönchen und Nonnen ein Leben nach der Regel des heiligen Benedikt vorgeschrieben. Bei der Generalsynode übersandten die fränkischen Bischöfe auf Anregung von Bonifatius an den Papst eine Ergebenheitserklärung und verpflichteten sich, alle päpstlichen Weisungen zu befolgen und Bonifatius als Metropoliten des Landes anzuerkennen.

Nachdem er eine Reihe hervorragender Schüler und Mitarbeiter zu Bischöfen des Frankenreiches ernannt hatte, übernahm er selbst das Mainzer Bistum. Sein Wunsch, Metropolit der Kirchenprovinz Köln zu werden, scheiterte am Widerstand seiner innerkirchlichen Widersacher. Einen wichtigen Teil seiner Missionsarbeit bildete für Bonifatius die Gründung von Klöstern. Das bedeutendste war das Reformkloster Fulda, dessen Mönche »in strenger Enthaltsamkeit ohne Fleisch und ohne Wein, ohne Knechte und ohne Bier« leben sollten. Er unterstellte Fulda direkt dem Apostolischem Stuhl und bestimmte es zu seiner Grablege.

In der Überzeugung, dass die Reformen nur mit Unterstützung der weltlichen Macht durchführbar seien, hatte Bonifatius die Hausmeier Pippin und Karlmann als Oberherren und kirchliche Gesetzgeber akzeptiert. Das sollte sich als folgenschwer erweisen. Denn als Pippin sich anschickte, die Hand nach der Königskrone auszustrecken, und zwar in direkten Verhandlungen mit dem Papst ohne Einschaltung des päpstlichen Legaten, musste sich Bonifatius an den Rand gedrängt fühlen. Ja der Eiferer Bonifatius, dem diplomatisches Ränkespiel zuwider war, erschien Pippin eher als Hindernis für seine ehrgeizigen Pläne.

Sogar in der Kirchenpolitik, dem eigentlichen Aufgabenbereich von Bonifatius, wurde seine Stimme nicht mehr gehört. Als Nachfolger von Bischof Johann ernannte Pippin eigenmächtig seinen Günstling, den iroschottischen Mönch Virgil zum Salzburger Oherhirten, obwohl Bischofsernennungen dem Metropoliten und päpstlichen Legaten Bonifatius zustanden. Gegen Pippin war Bonifatius machtlos, doch gegen Virgil fand er einen Grund, ihn in Rom anzuschwärzen. Im Salzburger Bistum – so schrieb er dem Papst – benutze ein mit dem Lateinischen wenig vertrauter Priester eine grammatikalisch falsche Taufformel (»Baptizo te in nomine patria et filia ...« anstatt »in nomine Patris et filii ...«) und Bischof Virgil weigere sich, die Taufe wiederholen zu lassen. Außerdem lehre Virgil die Kugelsgestalt der Erde und vertretete die Antipodenlehre, durch diese häretische Lehre werde aber die allgemeine Geltung der Erlösung durch Christus und die biblisch bezeugte Einheit des Menschengeschlechts in Frage gestellt.

Rom entschied gegen Bonifatius und für Virgil. Eine unkorrekte Sprachform entwertet nach dem Urteil des Papstes ein Sakrament ebenso wenig wie die Sakramentensspendung durch einen Häretiker. Zur Kugelgestalt der Erde und zum Problem der Antipoden (Menschen auf der anderen Erdhälfte) nahm der Papst überhaupt nicht Stellung, wohl weil das nach seiner Meinung keine Glaubensfrage war.

Bonifatius spürte, dass seine Zeit abgelaufen war und er entschloss sich, seinen bisherigen Wirkungskreis zu verlassen und noch einmal in die Heidenmission zu ziehen. Von Mainz aus fuhr der Achtzigjährige mit seinen Begleitern rheinabwärts, verbrachte den Winter in Utrecht und durchwanderte im Frühjahr 754 predigend und taufend den äußersten Norden Frieslands. Am 5. Juni wollte er Neubekehrten die Firmung spenden, doch am Morgen des Firmtages wurden die Zelte der Missionare von Räubern überfallen, keiner von ihnen kam mit dem Leben davon.

Bonifatius ist als »Apostel der Deutschen« in die Geschichte eingegangen. Ihm verdankt das fränkische Volk die starke Verklammerung mit der römischen Kirche, die zur Grundlage des Mittelalters geworden ist. Am Marmorrelief seines Grabes in der Gruft das Fuldaer Doms ist Bonifatius zu sehen, wie er als Lebender dem Sarg entsteigt – ein Symbol für die weiterwirkende Bedeutung seines Lebens und Wirkens.

JB



27/2004