Jahrgang 2005 Nummer 25

Drei Puzzles einer Orgel

Die spannende Geschichte der Ettendorfer Orgel von 1669

Die restaurierte Orgel auf der Holzempore von 1512 mit den Tafeln von Hans Amberger (1513/1514).

Die restaurierte Orgel auf der Holzempore von 1512 mit den Tafeln von Hans Amberger (1513/1514).
Vor der Restaurierung

Vor der Restaurierung
Nach der Restaurierung

Nach der Restaurierung
Dies ist die Geschichte eines spannenden Puzzles, genauer gesagt nicht nur eines Puzzles, sondern dreier Puzzles, die Geschichte einer Orgel, eines Orgelbauers und einer Orgelreise.

Die barocke Orgel steht seit einigen Wochen wieder, nun restauriert, in der Ettendorfer Kirche. Die kunstgeschichtlich ungewöhnlich reiche Kirche, die auf Surberger Gemeindegebiet steht, löst bei Ettendorfern, Hufschlagern, Surbergern und Traunsteinern seit jeher viel an Emotionen aus, sei es der Gedanke an den ungewöhnlich großen und weithin bekannten Georgiritt, dessen Ziel alljährlich am Ostermontag das Kircherl ist, sei es die landschaftlich ganz außergewöhnliche Lage auf einer Anhöhe mit Blick über Traunstein.

Die restaurierte Ettendorfer Orgel auf der Empore der Kirche hat ihren Klang und ihr Gesicht verändert, sie ist schmuck geworden, geradezu prächtig. Jetzt leuchtet sie wie »Schwersterinstrumente« ihrer Zeit in schwarz-gold gefasst, was damals im 17. Jahrhundert an das kostbare, schier unbezahlbare Ebenholz erinnern sollte. Bis zur Restaurierung war eine Fassung nicht mehr vorzufinden, man hatte das Orgelwerk abgebeizt; klapprig waren manche Tasten und die Stimmung war dahin. Es hieß lediglich immer schon, die Ettendorfer Orgel sei eine sehr alte Orgel und manche sprachen davon, sie stamme aus dem 17. Jahrhundert, sogar ein möglicher Orgelbauer wurde genannt. Aber dies blieb letztlich Spekulation.

Ein Orgelrestaurator geht auf seine Weise an ein Instrument heran. Er untersucht die Bauart und die Mechanik und stellt fest, welche Teile original sind, welche Technik für welche Bauzeit spricht und wie ein einheitliches Bild eines zu restaurierenden Instruments wieder zu ermöglichen ist. Von Anfang an war eines klar: Wir haben es mit einem ganz einmaligen Instrument zu tun, das in seinem Erhaltungszustand seinesgleichen sucht. Der Bauart nach und ebenso nach der Mechanik steht mit der Ettendorfer Orgel ein Instrument der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor uns, sie könnte wegen ihrer etwas altertümlichen Bauart vielleicht sogar schon zur Jahrhundertmitte gebaut sein. In jedem Fall ist sie ein rares Dokument für die einst reiche Orgellandschaft in Bayern. Unzählige Orgeln sind hier verloren gegangen. Im ehemals altbayerischen Raum sind nach dem Orgelforscher Georg Brenninger nicht einmal zwei Dutzend vor 1700 erbaute Instrumente heute noch erhalten. – Vielleicht sind es ein paar wenige mehr, denn Brenninger hat die Ettendorfer Orgel in seinem berühmten Orgel-Kompendium »Orgeln in Altbayern« vergessen. Die Orgel von Ettendorf führt uns in Konstruktion, Konzeption und Klangaufbau in das 17. Jahrhundert: Die Brettbauweise des Orgelkastens mit den dekorativen Schleierbrettern, die Art der Ausgestaltung der Prospektpfeifen mit den typischen »Eselsrückenlabien«, die Registerhebel, sie alle sind idealtypisch für Barockorgeln im süddeutsch-alpenländischen Raum aus dieser Zeit. Nur: Derartig viele dekorative wie mechanische Elemente aus der Erbauungszeit des Instruments vorzufinden, wie sie das Ettendorfer Orgelwerk noch aufweist, ist außerordentlich selten.

Die Untersuchungen in der Werkstatt des beauftragten Orgelbauers Alois Linder in Nußdorf am Inn brachten zu Tage, wie einmalig die Chance hier war, ein Instrument der ursprünglichen Bauweise gemäß und mit den überlieferten handwerklichen Techniken dieser Zeit zu restaurieren und nur so weit notwendig zu rekonstruieren, um es vollständig in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen zu können. Hintergrund dafür war, dass die Orgel im 19. Jahrhundert durch den Untersteiermärker Orgelbauer Franz Serafin Koroschak umgebaut, mit modernem Unterkasten versehen und mit damals zeitgemäßer, verhältnismäßig »statischer« Windzufuhr versorgt wurde. Außerdem wurde ein romantisches Flötenregister eingebaut. Trotz der Umbauten war der Zustand der Orgel im Wesentlichen der alte. Nicht nur die meisten Pfeifen sind noch die Ursprünglichen, sogar der alte Windkanal wurde, trotz Umbaus, beibehalten. Da wurde die Orgel selbst zum Puzzle, Teile aus der ursprünglichen Bauzeit, die einfacherer Handhabung wegen versetzt und umgesteckt wurden, wie der verkehrt montierte Notenständer, fügten sich wieder zusammen und ihr Sinn erschloss sich zusehends. Man entschloss sich daher folgerichtig, die alte Form wieder ganz herzustellen, wieder handbetriebene Bälge einzubauen in einen rekonstruierten Unterkasten sowie das alte Flötenregister der barocken Bauart nach zu rekonstruieren; alles wollte sich wie ein Puzzle zusammenfügen, wenn man nur den ursprünglichen Entwurf ernst nahm.

Zunächst fehlten für die Restaurierung die notwendigen Vergleichsbeispiele. Alois Linder, der Orgelbauer, schaltete zu Beginn der Restaurierungsarbeiten Experten um Rat ein, und bald war er bei der Suche nach den für die Rekonstruktion notwendigen Vergleichsinstrumenten auf die Idee gekommen, Orgelwerke in Oberösterreich zu suchen. Es gab nämlich auf Grund der einschlägigen Orgelliteratur zu Südostbayern die Vermutung, dass es einen Orgelbauer Hans Vogl gegeben haben muss, der für Traunstein arbeitete, von dem aber in Bayern kein Instrument mehr nachweisbar zu sein schien. Und es tauchten überraschend zur Abdichtung dienende Papierfragmente, versteckt in der Windlade der Orgel, auf, bei denen der Ortsname »Otting« erscheint, gemeint ist nicht Otting-Wonneberg, sondern Neuötting oder Altötting. Plötzlich schien ein mögliches weiteres Puzzlestück gefunden, denn der Orgelbauer Hans Vogl stammte aus Neuötting. Instrumente dieses Meisters, nachgewiesene wie zugeschriebene, finden sich im südlichen Innviertel und sollten unbedingt für Vergleiche herangezogen werden. In Oberösterreich sind Orgelinstrumente weit weniger stark dezimiert worden als in Oberbayern. Da das Innviertel zu Zeiten dieses Orgelbauers Vogl im 17. Jahrhundert ein Teil Bayerns war, war es zudem kein Wunder, dass der Orgelmacher Orgelaufträge von jenseits der Salzach hatte.

Und tatsächlich, wieder fügte sich ein Teil zum anderen, die Instrumente von Vormoos, Valentinhaft und anderen kleinen Gemeinden in der Nähe von Mattighofen nördlich des Mattsees waren in der Bauweise bis ins Detail so frappierend ähnlich der Ettendorfer Orgel (so die kunstvollen Verzierungen an der schmalen Sichtseite der Tasten), dass aus Sicht des Orgelrestaurators und weiterer Orgelkenner, die Instrumente aufsuchten, kein Zweifel bestand: Hier war derselbe Meister am Werk. – Nur eindeutige Dokumente dazu fehlten.

Der »Orgelmacher«, wie man damals sagte, hatte weder in Ettendorf noch bei den Innviertler Orgeln irgendwelche Spuren seiner Person auf dem Instrument hinterlassen, war als Person nicht konkret zu bestimmen. So galt es nun, nicht nur den Kasten, die Register, die Mechanik und die Bälge wieder herzustellen, sondern auch den vergessenen Orgelbauer wieder ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, ihm ein historisches Gesicht zu geben. Aber wie?

Denn mit stilistischer Ähnlichkeit ist es nicht getan. Der Historiker fragt in erster Linie nach Quellen, Beweisen und Dokumenten, nicht nach stilistischer Übereinstimmung. Es entpuppt sich keineswegs immer das auch als historisch korrekt, was stilistisch plausibel erscheint. Man denke an das vielfach durch die Presse gegangene, im Januar 2005 als Wiederentdeckung gepriesene Berliner Mozart-Portrait, das Mozart ähnlich sehen mag, in Wirklichkeit aber einen Händler aus München zeigt. Dies war auf einen Schlag klar, als man begann, nicht nur (etwas überspitzt formuliert) die Ähnlichkeit des Augenabstands zu betrachten, wie es die angeblichen Entdecker taten. Das angebliche Mozartportrait war nach wenigen Wochen schon ein abgelegter Mythos, der den Quellen nicht standhält. Stilistik ist also notwendig, erklärt aber ohne untermauernde Dokumente nicht alles. So wäre es vor allem stilistisch argumentiert, zu sagen, dass Hans Vogl die Ettendorfer Orgel gebaut hat, nur, weil das Instrument in Vormoos so ähnlich aussieht und gebaut ist (es könnte ja ein Schüler Vogls gebaut haben). Nun endlich sind aber auch die Dokumente über den Erbauer aufgetaucht. Der vor ein paar Wochen entdeckte Orgelvertrag von 1668 fügt sich in das Puzzle der Zuordnung Orgel-Orgelbauer ein. Der Neuöttinger Meister Hans Vogl, über den kaum etwas bekannt war, ist wirklich der Erbauer der Ettendorfer Orgel.

Der in Hamburg geborene Schriftsteller Ralph Giordano beschreibt in den »Eine Heimkehr« untertitelten sizilianischen Reiseerinnerungen, wie er in das Dorf Riesi reist, von dem es hieß, das von hier sein Großvater Rocco stammen sollte. Und wie er auf der Gemeinde, im »municipio«, sein Anliegen vorträgt und wie jemand plötzlich begreift, worum es geht und ihm einen verstaubten Folianten »1865« mit den Geburtseinträgen des Jahres 1865 aus einem Schrank holt. Da wird er mit dem Leben seines Großvaters Rocco im bettelarmen Sizilien konfrontiert. Plötzlich erhält eine ferne Person in knappster Form historisches Gesicht, sie wird konkret.

Keiner von uns wird mit dem Orgelbauer Hans Vogl verwandt sein und doch erging es uns so ähnlich wie Ralph Giordano in Riesi, als wir nach langer Suche in nahen und entlegenen Quellen plötzlich fündig wurden. Da taucht der Vater der Orgel völlig überraschend durch einen Vertrag auf, den er mit einer Traunsteiner Bruderschaft am 20. Juni 1668 geschlossen hat. Es ist ein Blatt mit einem »Spalt-Zettel«, dem Vertrag, mit dem Hans Vogl aus Neuötting beauftragt wird, eine Orgel mit fünf Registern zu bauen, die genau die Disposition der Ettendorfer Orgel hat. Sogar das Material der Orgelpfeifen stimmt überein. Aus dem Orgelkontrakt geht hervor, dass diese Orgel vermutlich zum ersten Mal Ostern 1669 erklungen sein dürfte. Auftraggeber war die Fronleichnamsbruderschaft, die die Orgel auf einem abgeschlossenen Betsaal auf der langen Nordempore der alten Oswaldskirche aufstellte.

Tatsächlich stimmte also die Zuschreibung an Hans Vogl. Die Restaurierung, die Wiederherstellung der Balganlage, des Unterkastens, der Windversorgung und sogar ein nach den Innviertler Orgeln rekonstruiertes hölzernes Flötenregister, dies alles fügte sich ein wie das Schlusssteinchen eines Mosaiks, das an den freibleibenden Platz eingefügt wird.

Da tritt ein uns ganz unbekannter Orgelbauer auf den Plan und wird durch seine Orgel konkret. Erstmals taucht in Bayern eine gesicherte Orgel von der Hand Hans Vogls auf (eine weitere könnte übrigens in Kögning stehen). Wer aber war dieser Meister Vogl aus Neuötting? Wann hat er gelebt? Warum steht diese alte Orgel heute in Ettendorf?

Eins stand aber schon gleich fest. Johann, Johannes oder Han(n)s Vogl aus Neuötting muss im 17. Jahrhundert eine ganz wesentliche Gestalt des Orgelbaus in unserer Region gewesen sein, das zeigen die vielen Orgelaufträge zwischen der Gegend zwischen Landshut und Traunstein, zwischen Mühldorf und Mattighofen. Es gab also damals nicht nur in Passau und in Salzburg namhafte Orgelbauer, wir alle müssen da ein wenig umlernen; das Niveau der Orgelbautechnik muss im Neuötting des Hans Vogl, einer damals sehr reichen Stadt, erstklassig gewesen sein.

Wer also war dieser Mann? Bevor Hans Vogl etwa 1640 nach Neuötting übersiedelte, war er schon Bürger und Orgelbaumeister – und das ausgerechnet in Traunstein. Er ist in den 1630er Jahren als Orgelbaumeister hier nachzuweisen, er wird als Vater eines früh verstorbenen, in Traunstein geborenen Sohnes genannt. Vogl muss mindestens 25, vermutlich sogar schon über 30 Jahre alt gewesen sein, bevor er in Traunstein als Meister tätig sein konnte. Es gibt also Anhaltspunkte, sein Geburtsjahr mit 1600 oder früher anzusetzen.

Mit anderen Worten, als er in den Jahren 1668 und 1669 die heutige Ettendorfer Orgel erbaute, war Vogl schon ein in damaligen Begriffen alter Mann von etwa 70 Jahren. Dies erklärt die an alte Zeiten erinnernde Bauweise, denn er wird etwa in den 1620er Jahren in die Lehre gegangen sein, vielleicht sogar noch vor Ausbruch des 30jährigen Krieges.

Das nächste Puzzlestück, die Familie. – Vogl war zweimal verheiratet und Haupt einer Familie von nicht weniger als 14 Kindern, wie die Matrikelakten verraten. Wenn auch nicht alle Kinder das Jugendalter überlebt haben dürfen, groß wird die Familie allemal gewesen sein. Um 1640 zog er offensichtlich mit seiner ersten Frau Katharina nach Neuötting, Gründe dafür bleiben im Dunkeln. Hier in Neuötting kamen dreizehn Kinder auf die Welt. Taufpatin zweier Kinder war die Frau des einflussreichen Bürgermeisters Lohner von Neuötting, der 1642 »zur besseren Aufnahme der Musik« eine Orgel spendete. Liegt es da nicht auf der Hand, dass Vogl, der mit dieser Familie gut bekannt gewesen sein muss, der gesicherten Auftragslage wegen nach Neuötting ging, wo er dann ebenfalls das Bürgerrecht inne hatte und die gestiftete Orgel erbaute? War er mit der Familie Jetzinger, Mitspender der Neuöttinger Orgel, gar über die Mutter verwandt? Wir wissen es nicht.

Vogls Herkunft und sein Geburtsjahr wie auch sein Sterbejahr sind weiterhin unbekannt geblieben. Fest steht nur, dass er bis etwa 1680 Orgeln gebaut und repariert hat. Seine Arbeiten sind einzig den Hinweisen in den lokalen Kirchenrechnungen zu entnehmen. Vogls zweite Frau Eva Maria, die (mindestens) 12 Kinder auf die Welt brachte, starb 1702 als Witwe. Damals spätestens war also auch Hans Vogl nicht mehr am Leben.

Möglich, dass Vogl auch mit dem mutmaßlichen Altöttinger Richter Christoph Vogl verwandt ist, von dem man durch Papierstreifen einer Orgel in Vormoos weiß, die Otto Biba vor vielen Jahren untersuchte. Das würde dafür sprechen, dass die Familie Vogl ursprünglich aus Neuötting stammt und könnte die Neuöttinger Bürgermeistersgattin als Patin in Neuötting geborener Kinder Vogls gut erklären.

Vielleicht ist Vogl auch zur Lehrzeit von Neuötting nach Traunstein gegangen, wo er nach seiner Gesellenzeit die Werkstatt seines Lehrers übernahm, wer immer das auch war. Tatsächlich hat es um 1600 einen in Traunstein ansässigen Orgelbauer gegeben. Er heißt Hippolyt Erler und hat das Doppelamt Organist und Orgelbauer ausgeübt. Werke von ihm sind hier nicht nachzuweisen. Bekannt ist allerdings, dass Erler überregional gewirkt hat, er hatte Orgelaufträge bis nach Salzburg. Von daher wird er ein bedeutender Vertreter seines Faches gewesen sein. Aber dies bleibt Spekulation und kann vielleicht später einmal gelöst werden.

I

Die heutige Ettendorfer Orgel war keineswegs für die Kirche St. Veit und Anna bestimmt, in der sie heute steht, sondern für St. Oswald in Traunstein. Es war dabei zu klären, ob das für die Nordempore von St. Oswald für das Oratorium der Bruderschaft vorgesehene Vogl-Instrument auch dasjenige von Ettendorf ist, und wie es dahin gekommen sein mag. Des Rätsels Lösung ist simpel. Die Orgel wurde mehrfach innerhalb Traunsteins versetzt. (Übrigens ein Grund, warum kleine Orgeln auch »Positive« genannt werden. Man konnte sie, übersetzt nach dem lateinischen »portare«, grundsätzlich woanders hin versetzen. Positiv heißt nicht automatisch, dass das Instrument tragbar ist – solche Instrumente gab es auch – aber es konnte mit fachkundiger Hilfe umgestellt werden.)

Ein erster Hinweis auf eine »Wanderschaft« findet sich schon auf einer Prospektpfeife, in die eingraviert wurde, dass die Orgel aus der Friedhofskirche stammt: »A(nn)o. 1770 d(en) 29. Marz ist dis Posi(ti)v alhier in das lobwürdig S:S=Georgi et Chatari(n)a Gotts Haus auf dem Gottsakher gesezet worden.« Dies war der Ausgangspunkt zum Zeitpunkt des Beginns der Restaurierung der Orgel im Herbst 2003. Damals war zwar noch nicht bekannt, für welche Kirche das Instrument ursprünglich bestimmt war, wohl aber, dass die Ettendorfer Barockorgel in einer weiteren, dritten Kirche gestanden haben muss, von wo sie im Jahre 1770 in die Friedhofskirche St. Georg und Katharina gestellt wurde. Erst später musste sie von hier aus nach Ettendorf versetzt worden sein.

Von wo aus war die Orgel in die Friedhofskirche gekommen? Und noch eine Schicht tiefer, wie war sie in jene Kirche gekommen, von der sie in die Friedhofskirche gebracht wurde?

Was sich dabei herausstellte, ist geradezu abenteuerlich. Die Orgel befand sich, bevor sie 1770 in der Georgs- und Katharinenkirche, der heutigen Kriegergedächtniskirche im Stadtpark, aufgestellt wurde, in der Salinenkapelle St. Rupert und Maximilian, wo sie insgesamt fast einhundert Jahre aufgestellt war. Den Weg in die Salinenkapelle wiederum fand sie schon im Jahre 1675, als der Kirchenbau von St. Oswald wegen Baufälligkeit abgerissen werden musste. Aus diesem Anlass mussten die in der Kirche befindlichen mindestens zwei Orgeln versetzt werden, unsere Orgel wurde vom Bruderschafts-Betsaal auf der Empore weggebracht und in der Salinenkapelle aufgestellt, eine andere, übrigens auch von Vogl stammende Orgel, wanderte für zwei Jahre in die damalige Friedhofskirche und kehrte dann zurück.

Der Steckbrief der Orgel hier noch einmal zusammengefasst:
-1669 Aufstellung auf der Nordempore von St. Oswald (Oratorium)
-1675 Versetzung in die Salinenkapelle
-1770 Umsetzung in die Friedhofskirche
-1838 Aufstellung in Ettendorf

Mit dem Umweg über drei Orgelversetzungen überstand die Orgel beide Traunsteiner Stadtbrände und kann bis heute bewundert werden. Welch ein unglaublicher Zufall, dass sie auf diese Weise überhaupt noch existiert!

Was für eine wie große Rarität das Ettendorfer Instrument darstellt, zeigt sich auch daran, dass es im Chiemgau keine Orgeln mehr aus der Zeit vor 1700 gibt. Dass das Ettendorfer Instrument erhalten blieb, ist also auf glückliche Umstände und sicherlich auch auf die gute bauliche Qualität zurückzuführen. Das Positiv wäre sonst zweifelsfrei durch einen Neubau ersetzt worden, die Pfeifen ausgeschlachtet worden. Wäre es in St. Oswald geblieben, so hätten es die beiden Stadtbrände zerstört.

Die Ettendorf-Ausstellung, die das Heimathaus Traunstein derzeit zeigt, vermittelt einen Eindruck der Kirche und ihrer Orgel, einer Orgel, die einen langen Weg über drei Traunsteiner Kirchen genommen hat. Das nun wieder klangvoll restaurierte Instrument, das erstmals auf einer der reich bebilderten Orgeldokumentation beigelegten CD zu hören ist, zeigt sich in der Zukunft ideal für die Interpretation süddeutsch-österreichischer Musik der Orgelmeister wie Johann Jakob Froberger. Wir haben ein optisch wie instrumentenbaulich kostbares Stück vor uns und ein historisches Dokument, die einzige Orgel von Hans Vogl im Chiemgau, die noch erhalten ist, eine der best erhaltenen Orgeln ihrer Zeit, vielleicht überhaupt das am vollständigsten erhaltene Orgelwerk aus dem 17. Jahrhundert in Bayern.

Katalog und Orgeldokumentation: Christoph Großpietsch und Manfred Müller (Hrsg.): Die Hans Vogl-Orgel zu Ettendorf (1669). Festschrift zur Restaurierung. Traunstein 2005.

Der von den Orgelfreunden St. Oswald Traunstein e.V. in Auftrag gegebene Katalog mit der Orgeldokumentation der Ettendorfer Orgel ist für 27,50 Euro im Traunsteiner Buchhandel, an der Museumskasse des Heimathauses sowie beim Pfarrbüro St. Oswald Traunstein, Maxplatz 3, 83278 Traunstein, erhältlich.
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Die Ausstellung ist vom 12. Juni bis 10. Juli 2005 im Heimathaus Traunstein (Stadt- und Spielzeugmuseum) zu sehen.

CG



25/2005