Jahrgang 2006 Nummer 5

Dramatische Wochen für das Rentamt Burghausen

Nach der Vertreibung der kaiserlichen Truppen war ein Machtvakuum entstanden

Einmarsch der Aufständischen in Burghausen, Kupferstich 1712.

Einmarsch der Aufständischen in Burghausen, Kupferstich 1712.
Die vier bayerischen Rentämter München, Landshut, Straubing und Burghausen (von links oben im Uhrzeigersinn).

Die vier bayerischen Rentämter München, Landshut, Straubing und Burghausen (von links oben im Uhrzeigersinn).
Das Rentamt Burghausen befand sich im Spanischen Erbfolgekrieg für zwei Monate in einem ausgesprochenen Ausnahmezustand. Während die österreichischen Truppen ganz Bayern besetzt hielten, war Burghausen von Mitte November 1705 bis Mitte Januar 1706 frei von der kaiserlichen Besatzung, nachdem es den aufständischen Bauern gelungen war, in die Stadt einzudringen und die Österreicher zu vertreiben. Ende November 1705 waren im gesamten Rentamt Burghausen, das sich vom Priental bis zur Donau bei Passau erstreckte und neben München, Straubing und Landshut einen der vier Verwaltungsbezirke des bayerischen Kurfürstentums bildete, die letzten kaiserlichen Soldaten verschwunden. Nach der Niederlage von Höchstädt und der Flucht von Kurfürst Max Emanuel ins Exil nach Frankreich stand Bayern unter kaiserlicher Administration. Der Alltag der Bevölkerung war geprägt von schwersten Ausschreitungen bei den Truppendurchzügen und -einquartierungen, von Brand, Totschlag, Erpressung von Geld, unerträglichen Steuerlasten und brutal durchgeführten Zwangsrekrutierungen für die kaiserliche Armee.

Schon Anfang Oktober 1705 war es im Isarwinkel und in der Oberpfalz zu ersten Volkserhebungen gekommen, im November brach dann auch im Rentamt Burghausen unter der Landbevölkerung der offene Aufstand aus. Anführer waren die zwei ehemaligen Burghauser Lateinschüler Sebastian Plinganser und Johann Georg Meindl. Der 25-jährige Plinganser war Mitterschreiber beim Gericht Pfarrkirchen, der zwei Jahre jüngere Meindl Student in Salzburg.

Am 13. November rückten gegen 19 Uhr an die siebenhundert revoltierende Bauern im Schutz der Dunkelheit gegen Burghausen vor. Sie waren mit Morgensternen, Spießen, Gabeln, Hacken und »großknopfeten Stecken« bewaffnet, wie es in einer Chronik heißt. Wie sollten sie in die von hohen Mauern umgebene, schwer bewachte Stadt hineinkommen? Darüber existieren zwei Theorien. Nach der einen Version erschienen ein paar Bauern am Griestor in der heutigen Kapuzinergasse, erschlugen die Wachen und öffneten das große Brückentor. Nach einer anderen Überlieferung soll ein Burghauser Handschuhmacher, den Plinganser und Meindl von ihrer Schulzeit her kannten, das Türl beim Mautnerschloss geöffnet haben. Ziel der Bauern war die Burg, wo sie sich mit Waffen und Munition versorgen wollten. Als sie von den Grüben zum Stadtplatz vordrangen, kam es zu Kämpfen mit der kaiserlichen Miliz, die bis zum frühen Morgen anhielten und nach einer Pause am folgenden Tag weiter gingen. Dann folgten Verhandlungen zwischen den Aufständischen, den Kaiserlichen und der Stadtverwaltung. Die Forderungen der Bauern: Abzug der Besatzer aus dem Rentamt, Ende der Zwangsrekrutierungen und Freilassung aller Gefangenen.

Angesichts der Übermacht der Bauern gingen die österreichischen Verhandler auf die Forderungen ein. Am 17. November marschierte früh um neun Uhr das Bauernheer mit 700 Mann mit Trommeln und Pfeifen in Burghausen ein, um 14 Uhr verließ die von 149 auf 82 Mann geschrumpfte kaiserliche Garnison die Stadt in Richtung auf das zu Salzburg gehörende Tittmoning. Gleich darauf traf Meindl mit weiteren 400 Bauern in Burghausen ein und übernahm die militärische Führung des Aufstands. Er bezog Quartier im heutigen Hotel »Bayerischer Hof« am Stadtplatz. In den folgenden Wochen wurden auf seinen Befehl mehrmals Waffen aus dem Zeughaus der Burg für die Eroberung der Stadt Braunau abtransportiert.

Durch den Abzug der kaiserlichen Truppen war im befreiten Burghausen eine Art Machtvakuum entstanden. In dieser Situation trat der Kastner des Rentamtes, Franz Bernhard von Prielmair, auf den Plan, ein Sohn des Korbinian Prielmair, der einer der engsten Vertrauten von Kurfürst Max Emanuel war. Franz Bernhard von Prielmair bekleidete das Amt eines »Kriegskommissärs der Defension Unterland« und war damit der höchste Funktionär der Aufstandsbewegung im Rentamt Burghausen. Er sollte ein Koordinator zwischen Bauern und Zivilregierung sein. Prielmair handelte den Waffenstillstand von Anzing aus, der ein vorläufiges Ende der Kämpfe bewirkte, aber von den Aufständischen nicht eingehalten wurde. Außerdem berief er für den 18. Dezember den »Landesdefensionskongress« in das von den Bauern besetzte Braunau am Inn ein. Dabei war erstmals auch der Bauernstand neben Klerus, Adel und Bürgern vertreten. Neben anderen Punkten ging es um die Aufstellung einer eigenen Revolutionsarmee. Im Gegensatz zum radikalen Plinganser erstrebte Prielmair eine friedliche Lösung, weil er einerseits den desolaten Zustand der patriotischen Kommandos und andrerseits die taktische Überlegenheit der Kaiserlichen kannte. Prielmair wollte die aufständische Bewegung kanalisieren und mit der österreichischen Administration zusammenarbeiten. Während der Kongress noch tagte, rüsteten sich beide Seiten zur Entscheidungsschlacht. Am 8. Januar 1706 wurden die Bauern bei Aidenbach vernichtend geschlagen, dabei verloren an die viertausend Aufständische das Leben. Damit war die Erhebung der Bauern gegen die kaiserliche Besetzung des Rentamts praktisch gescheitert. Am 18. Januar wurde die Stadt Burghausen den Österreichern unblutig übergeben. Einer der damaligen drei Bürgermeister, Ferdinand Hagn, schreibt in seinem Tagebuch, von dem sich eine Kopie im Stadtarchiv Burghausen befindet: »Zwischen 12 und 1 Uhr 1600 mann zu Fuess und 150 zu Pferdt in die Statt den einzug genommen. Die Vösstung, Statt Thor und all andere Possten besezt. Die ybrige Miliz aber einquartirt, demnach Burghausen widerumben in Kayserliche Handten kommen.«

Der Kastner Prielmair und der Patriot Plinganser wurden zu Haftstrafen verurteilt. Johann Georg Meindl gelang es, sich im Weilhardtforst zu verstecken. Die kaiserliche Verwaltung erklärte ihn für vogelfrei, konnte ihn aber nicht fassen. Er setzte sich nach Salzburg ab, wo er in die fürstbischöfliche Leibgarde eintrat und bis zum Karabinerkorporal und Leutnant aufstieg.

Zum Bauernaufstand haben das Stadtarchiv Burghausen und der Leistungskurs Geschichte des Aventinus-Gymnasiums eine Wanderausstellung erarbeitet, die bisher in Braunau und Burghausen zu sehen war und weiter verliehen werden kann. Kontakt: Stadtarchiv Burghausen, Tel. 08677/887114.

Julius Bittmann



5/2006