Jahrgang 2002 Nummer 42

Dirndl und Lederhosen – für Juden verboten

Eine Ausstellung über die Juden in Salzburg

Die Brüder Walter, Max und Paul Schwarz waren die Besitzer des größten Kaufhauses in der Salzburger Altstadt. Mitte März des Jahres 1938 brachten Polizisten an der Eingangstüre ein Schild an mit der Aufschrift »Judengeschäft«. Wenige Tage später wurde der Besitz der Brüder Schwarz beschlagnahmt. Die Brüder kamen in Haft – unter dem Vorwand, dass man wegen ihrer jüdischen Abstammung ihre Sicherheit nicht garantieren könne. Paul und Max gelang es, nach Palästina zu fliehen. Walter wurde nach München gebracht, wo er sich angeblich am 1. September 1938 im Polizeigefängnis erhängte.

Gleich nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich am 12. März 1938 hatte für die Juden in Salzburg eine schlimme Zeit begonnen. Der zuvor nur unter der Decke schwelende Antisemitismus schlug nun um in offenen Haß und in Terror gegen die gesamte jüdische Bevölkerung. Man veranstaltete Hausdurchsuchungen, beschlagnahmte Wertgegenstände, zwang jüdische Bürger zum freiwilligen Vermögensverzicht, isolierte sie sozial – verhaftete sie und vertrieb sie schließlich.

Von März 1938 bis September 1939 wurden insgesamt 230 Verordungen erlassen, die alle jüdischen Bürger ihrer Freiheit und ihrer Menschenrechte beraubten und sie enteigneten. Die Geschäfte erhielten so genannte kommissarische Verwalter, was einer Enteignung der ursprünglichen Besitzer gleichkam. Salzburger Geschäftsleute veröffentlichten Zeitungsanzeigen, um die »Arisierung« jüdischer Geschäfte und die dadurch erfolgte Beseitigung ihrer Konkurrenten anzukündigen. Und aus Angst vor Denunzianten wiesen nicht-jüdische Kaufleute mit jüdisch klingenden Namen in Inseraten auf ihre »rein arische Herkunft« hin.

Im Juni 1938 erließ der Salzburger Polizeidirektor ein Trachtenverbot für die Juden in Salzburg, in dem es heißt: »Juden ist im Bereich der Polizeidirektion Salzburg das öffentliche Tragen von alpenländischen (echten oder unechten) Trachten wie Lederhosen, Joppen, Dirndlkleidern, weißen Wadenstutzen, Tirolerhüten usw. verboten. Übertretungen werden mit Geldstrafen bis 133 Reichsmark oder Arrest bis zu zwei Wochen bestraft.« In einer Redaktionsnotiz zum Verbot schrieb das »Salzburger Volksblatt«: »Diese Verfügung wird zweifellos von allen Kreisen begrüßt werden, die es seit langem hatten hinnehmen müssen, dass z.B. das Dirndl geradezu als ein jüdisches Nationalkostüm erschien. Hoffentlich kann bald auch der Gebrauch deutscher Vornamen verwehrt werden, wie es in jüdischen Kreisen derart häufig war, als wenn Siegfried und Siegmund ihre Heimat in Palästina gehabt hätten.«

Im Gegensatz zu Wien mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von zehn Prozent wies der jüdische Anteil in Salzburg zu keiner Zeit mehr als 0,1 Prozent auf. Seit Erzbischof Leonhard von Keutschach im 15. Jahrhundert die Juden aus Stadt und Land Salzburg ausgewiesen hatte, war es Juden verboten, sich länger als eine Stunde in Salzburg aufzuhalten. Erst 1867 wurde diese Einschränkung per Gerichtsurteil aufgehoben. Als erster Jude ließ sich der Goldschmied Albert Pollak in der Stadt nieder. Der damalige Bürgermeister soll ihm allerdings prophezeit haben, dass er der erste, aber auch der einzige und letzte Jude in Salzburg bleiben werde.

Der aus dem Burgenland stammende Albert Pollak gehörte als k.u.k. Hoflieferant für Uhren, Gold und Silberwaren zur priviliegierten Salzburger Gesellschaft, war Gründungsmitglied des »Veteranenvereins« sowie des »Graf Radetzky-Militär-Vereins« und gehörte dem »Liberalen Verein« an, der sich für die Gleichberechtigung aller Bürger einsetzte. Aus seiner Ehe mit einer Wienerin gingen acht Kinder hervor. Die Familie führte in ihrem Haus in der Rainer-Straße ein gutbürgerliches Leben mit Dienstboten, Kindermädchen und französichen Gouvernanten. Im äußeren Auftreten und im Berufsleben hat sich Pollak an die nicht-jüdische Gesellschaft angepasst, zu Hause wurde jedoch ein koscherer Haushalt geführt. »Meine nachhaltigste Erinnerung an meinen Großvater ist seine grüne Lodenjoppe und der Gamsbart am Hütl, anders habe ich ihn nie gesehen«, erinnerte sich eine Enkelin.

Die liberale Ära in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war für die Salzburger Juden eine Zeit der Toleranz und der freien Entfaltung. Deshalb zogen aus Böhmen, Mähren und Galizien weitere Juden nach. Sobald sie erfolgreich Fuß gefasst hatten, holten sie auch ihre Familien nach Salzburg. Es waren hauptsächlich Kleinhändler und Angehörige des Mittelstandes, deren Ziel es war, sich der einheimischen Bevölkerung anzupassen, ohne allerdings ihre Identität als Juden aufzugeben. Mit dem Anwachsen der jüdischen Gemeinde mussten auch entsprechende Einrichtungen geschaffen werden. In Aigen entstand ein jüdischer Friedhof, in der Lasserstraße die Synagoge. Die zunächst zu Linz gehörende israelitische Kultusgemeinde erhielt ihre Selbständigkeit und einen eigenen Rabbiner.

Die wirtschaftliche Depression gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte zu einer Krise des Liberalismus, der allmählich von einem sehr militanten Deutschnationalismus verdrängt wurde. In Salzburg eroberten die Deutschnationalen die Mehrheit im Gemeinderat. Bald führten einige ehemals liberale Vereine wie der Salzburger Turnverein, der Schulverein und die Liedertafel den Arierparagrafen ein, das heißt sie verweigerten Juden die Aufnahme. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg waren die deutschnationalen Vereinigungen des Bürgertums »judenrein« und der jüdischen Bevölkerung blieb der Zutritt in die bürgerliche Gesellschaft verwehrt – die so hoffnungsvoll begonnene jüdische Emanzipation war am Ende. Der 1919 gegründete Antisemiten-Bund zählte in Salzburg mehrere hundert Mitglieder, in seiner Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel »Der eiserne Besen« wurden die Juden als »Ungeziefer« und Vampire« beschimpft und die Salzburger aufgefordert, jüdische Geschäfte zu boykottieren.

Obwohl die Zeichen nach dem »Anschluss« für die Juden auf Sturm standen, wehrten sich zunächst gerade ältere Menschen gegen eine Ausreise aus Österreich. Sie hofften, der Nazi-Spuk werde bald vorübergehen. Aber die Reichskristallnacht vom 9. November 1938 zeigte ihnen die Dramatik ihrer Lage. In Salzburg wurden mehrer Geschäfte und die Synagoge zerstört, siebzig jüdische Männer verhaftet und ins KZ Dachau gebracht. Wenn die Frauen die Ausreise beantragten, kamen die Männer frei. Alle übrigen jüdischen Familien mussten nach Wien übersiedeln. Am 12. November 1938 konnte Gauleiter Scheel stolz verkünden, der »Mustergau Salzburg« sei »judenrein«. Die demolierte Synagoge ging in das Eigentum der Polizei über, der Friedhof in Aigen wurde verkauft, das dortige Leichenhaus zu einem Wohnhaus umgebaut. In die jüdischen Wohnungen durften prominente Nationalsozialisten einziehen.

Das Schicksal der Juden in Salzburg bildet das Thema einer Sonderausstellung im Salzburger Museum Carolino Augusteum bis 12. Januar 2003. Texte, historische Dokumente, Fotos und Objekte vergegenwärtigen das Leben der Juden im einstigen Erzstift Salzburg und in der Ersten Republik. Anhand von Emigrantenberichten und Interviews wird ihre Verfolgung im Dritten Reich dargestellt; ein eigenes Kapitel ist den jüdischen Künstlern der Salzburger Festspiele gewidmet.

Der Besucher erlebt in bedrückender Weise, wie religiöse, politische und rassische Vorurteile dazu geführt haben, ein ganzes Volk zu diskriminieren und auszugrenzen. Antisemitismus, Judenhass und Judenverfolgung sind und bleiben eine Schande für jedes zivilisierte Volk- diese Erkenntnis wird hoffentlich für immer das öffentliche Bewusstsein bestimmen.

JB



42/2002