Jahrgang 2021 Nummer 12

Die Windbeutelgräfin und der Adel

Ruhpoldinger Mühlbauernhof im Wandel der Zeit – Weltwirtschaftskrise und Kriegswirren

Der Mühlbauernhof an der Urschlauer Ache in Ruhpolding. (Repros: Schick)
Familie zu Stolberg-Wernigerode (1930).
Schloss Wernigerode.
Das Ausflugsziel »Ottofels« in Wernigerode ist eine markante 36 Meter hohe Granitklippe.

Vor neunzig Jahren wechselte ein stattliches, bäuerliches Anwesen im typischen Baustil des Chiemgaus in »fürstliche Hände«: Der 1728/29 erbaute Mühlbauernhof, direkt an der Straße nach Brand gelegen, ging in den Besitz der Fürstenfamilie zu Stolberg-Wernigerode über. Fürst Botho und Fürstin Renata hatten mehrere Jahre im Chiemgau, unter anderem auch in Inzell nach einem passenden Wohn- und Feriensitz für sich und ihre Familie (drei Töchter, zwei Söhne) gesucht und wurden letztlich in Ruhpolding fündig. Der Kauf des Anwesens an der Urschlauer Ache sowie der Kapelle an der Straße nach Wasen erfolgte im Jahr 1932 – auf dem Höhepunkt der damaligen Weltwirtschaftskrise, deren Auswirkungen ganz gravierend auch im gesamten Miesenbacher Tal zu spüren waren. Doch dazu später. Anhand der Höfe- und Familiengeschichte im Ruhpoldinger Heimatbuch lässt sich der Mühlbauer in der Volksbeschreibung »An der Müll, Landwirtschaft und Mühle« bis ins Jahr 1553 zurückverfolgen. Die Grundherrschaft übte bis zur Säkularisation das Domkapitel Salzburg aus. Besitzer und vermutlich Erbauer eines wahrscheinlich kleineren Gebäudes war ein Klement (Zeller) an der Müll, dem im Laufe der Jahrhunderte neun weitere Zeller-Generationen ohne Unterbrechung nachfolgen sollten. Erst mit Johann Holneicher, Zimmermannssohn von Adlholzen, der 1858 Tochter Therese Zeller vom Haus ehelichte, endete die alteingesessene Zeller-Namensdynastie. Von ihrer tief empfundenen Volksfrömmigkeit zeugt noch heute folgender Hausspruch gleich rechts neben dem stattlichen Torbogen aus Ruhpoldinger Rotmarmor, der die massive Haustüre in den Angeln hält. Er geht anhand der Initialen zurück auf Heinrich Zeller und dessen zweite Frau Maria Zeller (vom Menggenbauer), die den Hof in der heutigen imposanten Erscheinungsform erbauen ließen:

»Gott segne dieses Haus

die da gehen drein und drauss

von allen Ibll uns verwahr

von der Wasser und der feiers gefahr

H.Z 1729 M.Z.

Missmanagement und Weltwirtschaftskrise

Im Ort war es dem Vernehmen nach kein Geheimnis, warum der Mühlbauernhof zum Verkauf stand. Heute würde man wohl von längerem Missmanagement sprechen, verbunden mit angeblicher Spielsucht des damaligen Besitzers, zwei Faktoren, die die finanzielle Schieflage und die daraus resultierenden Folgen unweigerlich heraufbeschworen. Sicher hatten auch die fatalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1932 ihren Anteil daran, die nicht nur die Arbeiter, sondern auch die Bauern in der Region schmerzlich zu spüren bekamen. Der Landwirtschaft stand das Wasser bis zum Hals, Viehund Erzeugerpreise waren in den Keller gefallen, gewohnte Absatzmöglichkeiten brachen weg, während auf der anderen Seite die Schulden- und Zinslast der Bauernschaft erschreckende Ausmaße angenommen hatte. Die katastrophale Lage verdeutlicht eine Versammlung in Rosenheim im Februar 1932, in deren Verlauf sich 800 Chiemgau-Bauern zahlungsunfähig erklärten. Allein in der Gemeinde Ruhpolding waren im Januar 1933 fünfzig Anwesen zur Zwangsversteigerung vorgemerkt, weitere 48 zum Verkauf angeboten. Hatte jemand abgewirtschaftet, ganz egal aus welchen Gründen auch immer, hieß es früher im altbayerischen Sprachraum: Derjenige ist auf die »Gant« gekommen! Auch in Österreich und der Schweiz ist der Begriff heute noch bekannt. Erst durch ein umfangreiches Umschuldungsprogramm nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnten die meisten Betroffenen ihre Höfe erhalten.

Familiengeschichte mit Grafen und Fürsten

Dass sich die neuen Besitzer für den denkmalgeschützten Mühlbauernhof als Ferien-Domizil entschieden, lag wohl nicht nur an dessen imposantem Erscheinungsbild und den baugeschichtlichen Details, sondern wohl auch an der gefälligen Lage inmitten einer bergumsäumten und waldreichen Umgebung. Die Chronologie der Grafen und Fürsten zu Stolberg-Wernigerode taucht beispielhaft tief in die Geschichte eines deutschen Adelsgeschlechtes ein, das immer zum reichsunmittelbaren und hohen Adel zählte und damit nur dem Kaiser in Wien unterstand. Die erste urkundliche Erwähnung eines Grafen Heinrich von Stolberg (comes h.de stalberg) geht zurück auf das Jahr 1210. Im 13. und 14. Jahrhundert erfolgte eine umfangreiche Konsolidierung der Herrschaft durch den Erwerb von Schürfrechten im Silber- und Erzbergbau sowie dem privilegierten Münzrecht, ebenso die Erbverbrüderung unter anderem mit den Grafen von Wernigerode. 1506 wird im Stolberger Schloss Gräfin Juliana geboren. Als spätere Mutter des Prinzen Wilhelm von Oranien gilt sie als Ahnfrau des Hauses Nassau-Oranien, aus dem das heutige niederländische Königshaus abstammt. Sie ist aber nicht die einzige Persönlichkeit, auf die hier kurz Bezug genommen werden soll. Eine davon ist Gräfin Luise Maximiliana aus der Linie StolbergGedern, die 1772 den im Exil lebenden Anwärter auf den Thron Großbritanniens und Irlands heiratete. Dieser Carl Eduard Stuart Graf von Albany, genannt »Bonny Prince Charles« erlangte Berühmtheit durch den Versuch, Schottlands Unabhängigkeit wieder aufzurichten und die englische Krone zu erlangen, was allerdings bekanntlich misslang. Im 19. Jahrhundert machten einige Mitglieder des Hauses politische Karriere, indem sie hohe Ämter in der preußischen Verwaltung bis hinauf in höchste Regierungskreise bekleideten: Zum einen Graf Anton, der als Staatsminister unter König Friedrich Wilhelm IV. diente, sowie Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, der Urgroßvater des heutigen MühlbauernhofBesitzers, Prinz Elger zu Stolberg-Wernigerode.

Vizekanzler Otto von Bismarcks

Dieser Vorfahre lebte von 1837 bis 1896 und hatte als Vizekanzler unter Otto von Bismarck in gewisser Weise entscheidenden Einfluss auf politische Richtungen im Land. Aufgrund seiner Verdienste hob ihn Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1890 in den preußischen Fürstenstand. Er zählte damals zu den reichsten Männern Preußens. Die finanziellen Grundlagen erwirtschafteten sich aus ausgedehnten Waldungen, Eisenhütten, Gießereien und Zuckerfabriken. Ungeachtet seines Reichtums trat er fürsorglich für das Wohl der Arbeiter ein, deren missliche Lebensumstände er nicht länger dulden wollte. Er brachte die zu jener Zeit viel beachtete, sogenannte »Stolberger Sozialgesetzgebung« mit der Einführung einer Arbeiterkrankenkasse, Pensionskasse und einhergehender Unfallversicherung auf den Weg, die er eigenhändig entworfen hatte. Seine soziale und geistliche Grundhaltung stellte er auch als Kanzler des Johanniterordens unter Beweis. Nicht umsonst wurde der stattliche, als Ausflugsziel beliebte »Ottofels« in Wernigerode, eine markante, 36 Meter hohe Granitklippe, nach ihm benannt.

Mit der Abtrennung 1945 gingen die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße verloren; somit auch die Besitzungen der Linie StolbergWernigerode in Schlesien und Ostpreußen. Als Mitteldeutschland von sowjetischen Truppen besetzt wird, fliehen die betroffenen Familien der Stolbergs auf ihre hessischen Besitzungen und finden dort eine neue Heimat.

Schriftsteller und adelige Bewohner

Die unsteten Kriegs- und Nachkriegsjahre brachten immer wieder wechselnde Bewohner in den Mühlbauernhof, die in den behäbigen Mauern übergangsweise eine relativ sichere, von den Kriegswirren unbeschadete Bleibe fanden. Aus der illustren, herrschaftlichen Gesellschaft sind etwa Graf Thilo und Gräfin Walpurgis von WerthernBeichlingen zu nennen, die ältere Schwester des heutigen Besitzers sowie Baron Herbert Heinrich von Blanckenhagen (1892 bis 1985, gestorben in München) mit seiner Frau Wera von Foelkersam. Der vormalige Gutsverwalter von Orellen, lettisch Ungurmuiza, entstammte einem uralten deutsch-baltischen Adelsgeschlecht und musste das Schicksal mit derer von StolbergWernigerode teilen. Blanckenhagen betätigte sich auch als geerdeter Schriftsteller, der mit dem 1966 erschienenen Buch »Am Rande der Weltgeschichte, Erinnerungen aus Alt-Livland«, seiner baltischen Heimat ein glühendes Denkmal setzte. Als Betroffener vertrat er im Ruhpoldinger Gemeinderat von 1952 bis 1960 die Interessen der Wahlgemeinschaft der Heimatvertriebenen (WH) und zählte als überzeugter Protestant zu den eifrigen Befürwortern, die sich für den Bau der Johanneskirche in der Christl-ProbstStraße starkmachten. Außerdem war er den Ruhpoldinger Kindern ein gestrenger, aber doch recht beliebter Reitlehrer.

Eine etwas umstrittene Figur in Bezug auf ihre opportunistische Haltung gegenüber den Nazis wohnte ebenfalls einige Kriegsjahre lang im Mühlbauernhof: Der 1890 in Darmstadt geborene und heute weitgehend vergessene Schriftsteller Kasimir Edschmid (eigentlich Eduard Schmid) fand hier von 1943 an sein literarisches Refugium. In den folgenden Jahren entstanden die Zeitromane »Der Marshall und die Gnade« sowie der mehr als tausend Seiten starke Verkaufsschlager »Das gute Recht«, der 1946 veröffentlicht wurde und der ihn als inneren Widerstandskämpfer ausweisen sollte. Wieder in seiner Heimatstadt Darmstadt zurück, avancierte Edschmid zur hochangesehenen Schlüsselfigur des damaligen Literaturbetriebs. Er wird Generalsekretär des bundesdeutschen PENZentrums, Vize- und später Ehrenpräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und bekommt zahlreiche Auszeichnungen verliehen. Noch ein Jahr vor seinem Tod hält er die Laudatio auf den Büchner-Preisträger Günter Grass. Später kamen allerdings starke Zweifel auf, ob die vielen Ehrungen aufgrund seiner offen belegten, rassistischen Äußerungen und der Anbiederung an die NSDAP (pflegte Kontakte in höchste Nazi-Kreise) überhaupt gerechtfertigt gewesen sind und man so gesehen nicht allzu leichtfertig mit seiner Vergangenheit umgegangen war, ohne sie wenigstens im Ansatz kritisch zu hinterfragen. Kasimir Edschmid starb 1966 in Vulpera in der Schweiz.

Sternstunde Windbeutelgräfin

Untrennbar mit der Geschichte des Mühlbauernhofs aber scheint der Name Richardis von Somnitz verbandelt. Auf alle Fälle kann man es als Sternstunde für die heutige gastronomische Bedeutung des Mühlbauernhofs bezeichnen, dass diese bemerkenswerte Frau aus Pommern Anfang der Fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einigen Räumen das »Cafe Mühlbauernhof« eröffnete und dort ihren Gästen die legendären Windbeutel auftischte. So kalorienhaltig und mit durchschlagendem Erfolg, dass sich diese in »gräflicher« Art und Weise verwöhnt vorkommen mussten, worauf sie ihre Gastgeberin alsbald in den Ehrenstand einer »Windbeutelgräfin« hoben. Fürstin Renata und Fürst Botho hatten ihr das Angebot zur Existenzsicherung gemacht, nachdem sie zuvor ein beengtes Cafe im Ortsteil Brand betrieb.

Um die Entstehung des berühmten Gebäcks, dem mittlerweile schon millionenfach Schleckermäuler aus nah und fern zusprachen, ranken sich noch heute einige Anekdoten; auch diese, dass angeblich die unerfahrene Betreiberin anfangs ihrer Backversuche zu viel Teig auf das Backblech gab und deshalb die Gebilde riesige Ausmaße annahmen.

Abenteuerliche Flucht

Auch die fünffache Mutter musste unter nervenaufreibenden Umständen die pommersche Heimat verlassen und – teilweise getrennt von ihren Kindern – die Flucht vor den russischen Besatzern in Richtung Westen ergreifen. Im März 1945 erreichte sie, die acht Monate alte Tochter im Arm, in letzter Minute das ultimative Flüchtlingsschiff von Danzig nach Schleswig-Holstein und dann über mehrere Stationen hinweg den Ort Ruhpolding, wo bereits zwei ihrer Töchter bei Verwandten untergekommen waren. Dem 14-jährigen Sohn Christoph war auf abenteuerliche Weise die Flucht aus einem sächsischen Internat gelungen. Er schlug sich auf eigene Faust durch und Richardis von Somnitz konnte nach dieser filmreifen Odysee ihre Kinder wieder in die Arme schließen. Ohne jedoch zu dem Zeitpunkt zu wissen, dass ihr Mann Matthias, den sie im Sommer 1930 geheiratet hatte, schon im Januar 1945 in Pommern gefallen war. Erst 30 Jahre später erhielt sie mit der Todesmeldung die traurige Gewissheit darüber, dass ihre Hoffnungen auf eine glückliche Heimkehr umsonst waren. Trotz aller Schicksalsschläge (Sohn Tetzlav verstarb 1943) behielt sie sich ihren unerschütterlichen Optimismus, fuhr gerne Ski und pflegte ihre Bekanntschaft zur Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt (1905 bis 1977), die ebenfalls ihre Zelte im Chiemgau aufgeschlagen hatte. 1977 pachteten Küchenmeister Jochen und Anneliese Grill das Kaffee, das sie gastronomisch mit innovativen Ideen und viel historischem Gespür zum heutigen Bekanntheitsgrad ausbauten. Ihr langjähriger Mitarbeiter Helmut Stemmer führt seit 2014 den unverwechselbaren Stil seiner Vorgänger fort. Somit lebt das Vermächtnis von Frau von Somnitz bis in die heutige Zeit im historischen Bauernhaus-Kaffee »Windbeutelgräfin« weiter.

 

Ludwig Schick

 

Quellennachweis:

Jochen und Anneliese Grill, Ruhpoldinger Heimatbuch, Chronologie Stolberg.

12/2021

 

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