Jahrgang 2006 Nummer 38

Die Waisenkinder von Sarajewo

Ausstellung in Artstetten über die Nachkommen von Franz Ferdinand

Erzherzog Franz Ferdinand mit Gemahlin und Kindern

Erzherzog Franz Ferdinand mit Gemahlin und Kindern
Schloss Artstetten mit Pfarrkirche von Süden gesehen

Schloss Artstetten mit Pfarrkirche von Süden gesehen
Im Innenhof des Schlosses steht ein Modell des Wagens, in dem der Thronfolger und Herzogin Sophie ermordet wurden.

Im Innenhof des Schlosses steht ein Modell des Wagens, in dem der Thronfolger und Herzogin Sophie ermordet wurden.
Am Rande der Wachau, wenige Kilometer von der Stadt Pöchlarn entfernt, liegt Schloss Artstetten, ein alter Familiensitz der Habsburger. Der architektonisch reizvolle Bau mit sieben Türmen wird urkundlich erstmals im 13. Jahrhundert erwähnt und diente der kaiserlichen Familie als Sommerresidenz.

Heute beherbergt das Schloss das Erzherzog-Ferdinand-Museum, das die Erinnerung an den zusammen mit seiner Gattin, der geborenen Gräfin Chotek, in Sarajewo ermordeten österreichischen Thronfolger wachhält. Das schreckliche Attentat eines fanatischen Serben löste bekanntlich den Ersten Weltkrieg aus, der zum Wendepunkt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde. In der Gruft des Schlosses befindet sich das Grab des ermordeten Ehepaares.

Die Totgeburt eines Kindes hatte Franz Ferdinand schon im Jahre 1909 veranlasst, in Artstetten eine Familiengruft zu errichten. Da seine Ehe mit der Gräfin Chotek als nicht standesgemäß galt, war es ihr und den Nachkommen nach den strengen Gesetzen des Wiener Hofes verwehrt, die letzte Ruhe in der Kapuzinergruft zu finden. Ferdinand wollte jedoch unbedingt an der Seite seiner Gemahlin bestattet werden. So gab das traurige Ereignis der Totgeburt den Anlass dazu, unter der Kirche von Artstetten eine Familiengruft bauen zu lassen. Damals konnte kein Mensch ahnen, dass man schon wenige Jahre später das Erzherzogpaar hier zu Grabe tragen würde. Auf dem Podest unter den zwei Sarkophagen ist folgende Inschrift zu lesen: »Iuncti coniugio fatis iunguntur eiisdem« – zu deutsch: »Sowohl durch die Ehe als auch durch dasselbe Schicksal verbunden«.

Durch das schreckliche Attentat waren die drei Kinder des Thronfolgers mit einem Schlag zu Waisen geworden. Die Tochter Sophie (13 Jahre) und die Söhne Max (11) und Ernst (10) kamen zu einem in Böhmen lebenden Verwandten als Vormund. Nach ihrer Mutter, die vom Kaiser den Titel einer Herzogin von Hohenberg erhalten hatte, trugen sie den Familiennamen Hohenberg und lebten zunächst auf den Besitzungen Konopischt und Chlumetz. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mussten die Söhne die neugegründete Tschechoslowakei verlassen, Sophie durfte nach der Heirat mit einem einheimischen Grafen zunächst im Lande bleiben. Max studierte Jura, Ernst wurde Forstwirt. Unter den Nationalsozialisten mussten beide mehrere Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern verbringen. Der spätere österreichische Bundeskanzler Leopold Figl traf die Brüder im KZ Dachau und erinnerte sich: »Das erste, was ich in Dachau sah, waren die beiden Hohenberg vor dem Kloaken-Karren. Entblößt von allen Titeln und Ämtern, stündlich den Tod vor Augen, ertrugen sie die qualvollen Demütigungen mit der unerschütterlichen Würde von Nachkommen eines alten Geschlechts, dem Herrschen Dienen und Dienen Herrschen bedeutet hatte.«

Nach dem Krieg bemühten sich die Brüder um die Rückgabe des ihnen durch die Nationalsozialisten entzogenen Vermögens. Ernst starb im Jahre 1954, Max 1962.

Sophie Hohenberg, verheiratete Nostiz, wurde mit ihrer Familie im Jahre 1945 zusammen mit drei Millionen Sudetendeutschen nach dem Verlust des gesamten Eigentums aus der Tschechoslowakei vertrieben. Ein Sohn war gegen Kriegsende an der Ostfront gefallen, der zweite starb in sowjetischer Gefangenschaft im Jahre 1949. Sie lebte zuletzt in einem bescheidenen Heim in Salzburg und ist dort im Jahre 1990 verstorben.

Unter dem Titel »Die verhinderte Dynastie« schildert eine Sonderausstellung im Schloss Artstetten bis Ende Oktober das Schicksal und die Lebenswege der durch das Attentat von Sarajewo verwaisten Kinder von Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie von Hohenberg. Eine weitere Ausstellung im Schloss befasst sich unter verschiedenen Aspekten mit der Persönlichkeit des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand – als Politiker und als Offizier, als Familienvater, Kunstliebhaber und Reformer.

Julius Bittmann



38/2006