Jahrgang 2004 Nummer 8

Die vornehme Würde der japanischen Kultur

Das Deutsche Theatermuseum zeigt Gewänder und Masken des No-Theaters

Das karaori ist der prächtigste Gewandtyp im Nô und wird als Obergewand für bedeutungsvolle Frauenrollen verwendet. Große, viere

Das karaori ist der prächtigste Gewandtyp im Nô und wird als Obergewand für bedeutungsvolle Frauenrollen verwendet. Große, viereckige Felder in Weiß und Schwarz bilden eine ungewöhnliche, kontrastreiche Farbkombination. Die vielfarbigen und großformatigen Blumenmotive, die ohne Rücksicht auf die Farbfelder über die ganze Fläche verteilt sind, mildern den starken Farbkontrast etwas ab. Auch das Rosenmotiv ist eher unüblich. Den Blumenmotiven sind Räder beigefügt worden, so dass das Gesamtmuster den Eindruck von »Blumenwägen« (hanaguruma) erweckt.
»Bitte nicht berühren« – fast zu jedem frei hängenden Gewand des japanischen No-Theaters setzte das Deutsche Theatermuseum, München (Galeriestraße 4a) dieses Hinweisschild. Gezeigt werden wertvolle Stücke. Prachtgewänder in leuchtenden Farben. Aus Seide zumeist oder Seidengaze, mit Blattgoldeinlagen. Dekorativ sind sie über eigens angefertigte, weit ausladende Gestelle gelegt, die – dem No-Schauspieler ähnlich – die »Arme« weit ausbreiten. Eigentlich sollten männliche – ausschließlich männliche – Darsteller im Museum als Träger dieser zeitgenössischen, kunstvoll gefertigten, kaum bezahlbaren Textilien in Erscheinung treten und dem Ausstellungsbesucher die »Gewänder und Masken des japanischen No-Theaters« (so der Titel der Schau) vorführen. Doch weder das in München ansässige Deutsche Theatermuseum noch das mit ihm kooperierende österreichische Theatermuseum können sich solch aufwendige Veranschaulichungsformen leisten. Nicht einmal die Deutsch-Japanische Gesellschaft oder das japanische Generalkonsulat (beide sind mächtig stolz auf diese Präsentation eines Kernstücks japanischer Kunst und Kultur) sind in der Lage, für eine derartige wünschbare Verlebendigung der gezeigten Exponate zu sorgen.

Man ist indes bemüht, durch Foto-Serien und einen Videofilm der statischen Schau Leben einzuhauchen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass schon die Architektur einen wichtigen Beitrag hierzu leistet: Die nachgebauten Auftritts-Stege und Podien für die No-Schauspieler sind aus heller Fichte gezimmert, und manche Wand ist mit japanischen Landschaften großflächig geziert. Zu den Gewändern fügte man eine kleine Auswahl von No-Masken. Sie setzte der Schauspieler, nachdem er sich in einem eigens dafür ausgearbeiteten, im Lauf der Jahrhunderte seit der Edo-Zeit (16./17. Jahrhundert) immer mehr sich verfeinerten Ritual für seinen Auftritt angekleidet hatte, zuletzt auf. Erst dann, mit der starren, typisierenden Maske vor dem Gesicht, war er eins mit der Rolle, die er spielen sollte. In früheren Zeiten, so wird überliefert, empfingen No-Schauspieler für besonders ausgezeichnete Leis-tungen auf der Bühne von den japanischen Herrschern ihr Gewand als Geschenk oder es wurde durch eine Geldgabe ersetzt bzw. vervollkommnet.

In den gezeigten neuzeitlichen wie auch den wenigen außerordentlich seltenen, original historischen Gewändern verdichtet sich nach Ansicht des No-Gewänder-Spezialisten Akira Yamaguchi (geboren 1948 in Kyoto) die würdevolle Vornehmheit der japanischen Kultur schlechthin. Der dem Deutschen Theatermuseum als Exponate-Lieferant und Referent zur Verfügung stehende Forscher, Archivar, Sammler, Restaurator und Verfertiger von No-Gewändern – zwischen 1993 und 2003 analysierte er an die 1500 No-Kostüme aus der Momoyama- und der Edo-Zeit – begann schon als Neunzehnjähriger, sich wissenschaftlich mit dieser uns Europäer gewiss exotisch anmutenden Materie zu beschäftigen. Er entstammt einer alten Weberei-Familie und verfolgt überhaupt keine kommerziellen Absichten mit seinen Arbeiten. Innerhalb seines Heimatlandes richtete er bereits 22, im Ausland zwölf Ausstellungen aus und veröffentlichte über den No-Schauspieler Noguchi Kanesuke ebenso wie über die japanischen Frauen im No-Theater. An den Gewändern interessieren ihn fünf verschiedene Aspekte: das Material (vor allem Seide) und ihre Gewinnung (Seidenraupenzucht), die Farben und ihre Zusammensetzung, die Struktur der Textilien, die Technik des Färbens und Webens und die verschiedenartigen Muster.

Sie sind es, die den Betrachter der außergewöhnlich prunkvollen Stücke besonders und vor allem nachhaltig beschäftigen: Blüten und Blumen, Ähren und Ranken, Weinlaub und Blattwerk, Räder, Blitze, Waben, Pfeile, Drachen, Flammen, stilisierte Wolken und Wellen. Diese ebenso episch breiten, oft geometrisch klaren, dann wieder verspielten Muster verweisen auf die Inhalte dessen, was der No-Schauspieler zu verkörpern hatte: eine aufgeregte, beruhigende, entflammte, niederträchtige, auftrumpfende, kämpfende, geheimnisumwitterte, lus-tige, komische Natur. Dem Zuschauer der No-Spiele wird durch die Gewandmusterung schon klar, worauf die eine und andere Figur – es spielten ja nur Männer, auch die Frauenrollen wurden von männlichen Spielern übernommen – hinaus wollte. Den westlichen Menschen, der sich in diese ihn vielleicht auf Anhieb seltsam anmutende, weil Versenken und Ruhe ausstrahlende Welt hinein begibt, wird vieles, was er in der Ausstellung selbst oder dann auch im empfehlenswerten Begleit-Katalog (29 an der Museums-kasse) erfährt, mit Staunen und Bewunderung erfüllen. Etwa die Tatsache, dass auch ein Gewand, das man während der Theateraufführung nicht sehen kann oder das nur ein ganz klein wenig hervorblitzt (der Schauspieler trug jeweils mehrere Gewänder übereinander), von bezaubernder Schönheit und exquisiter Stoffqualität sein musste. So sind sie eben, die Japaner – ein ehrliches und kontemplatives Volk, von dem wir Europäer nicht genug lernen können: Die kostbarsten Blüten haben versteckt zu bleiben. (Die Ausstellung »Gewänder und Masken des japanischen No-Theaters« wird noch bis 12. April 2004 gezeigt, und zwar täglich außer Montag von 10 bis 16 Uhr. Am Faschingssonntag und an beiden Osterfeiertagen geöffnet, Faschingsdienstag aber nur von 10 bis 12 Uhr, Karfreitag geschlossen. Führungen auf Anfrage: 089 / 21 06 91 – 0.)

HG



8/2004