Jahrgang 2002 Nummer 2

Die Schriftstellerin Luise von Kobell

Sie war eine Chronistin des Münchner Gesellschaftslebens

Luise von Kobell

Luise von Kobell
Der Anteil der Frauen am literarischen Schaffen in München war fast das ganze 19. Jahrhundert hindurch vergleichsweise gering. Vermutlich hat es hier damals unter ihnen nicht weniger literarische Talente gegeben als anderswo. Aber sie glänzten nicht mit Büchern und Presseveröffentlichungen, sondern »in ihren Kreisen«. Weiter reichte meistens ihr Ehrgeiz nicht; denn mit wenigen Ausnahmen sahen sie in Ehe und Familie ihre Lebenserfüllung.

In den Salons und Zirkeln der Münchner »Gesellschaft« spielten die Frauen eine bedeutende Rolle. Man plauderte nicht nur gewandt und charmant miteinander, sondern wollte auch Anteil am geistigen und kulturellen Leben nehmen. Die Münchner Koryphäen der Wissenschaft hielten in diesen Kreisen Vorträge aus ihren Fachgebieten, man las mit verteilten Rollen Werke der Weltliteratur, aber auch Neuerscheinungen bedeutender Zeitgenossen und vielversprechender Talente. Wer wollte, konnte also durchaus »auf der Höhe der Zeit« sein. Die beste und in ihren Veröffentlichungen wohl auch unterhaltsamste Zeugin für diesen Sachverhalt war Luise von Kobell (1828-1901), die Tochter des berühmten Mineralogen und Mundartdichters Franz von Kobell (1803-1882) und Gattin des einflussreichen Staatsrates Johann August von Eisenhart (1826-1905), deren Todestag sich jetzt am 28. Dezember zum hundertsten Male jährte. In ihrem 1894 erschienenen Buch »unter den ersten vier Königen von Bayern« berichtete sie nicht nur über Zeitereignisse und private Schicksale, sondern vor allem auch über das höfische und gesellschaftliche Leben in München.

Luise von Kobell wurde am 13. Dezember 1828 in München als eine »doppelte« Kobell geboren, denn ihr Vater hatte seine Cousine Karoline geheiratet. Die drei Töchter aus dieser Ehe erhielten die damals für Mädchen bestmögliche Schulbildung. Die Teilnahme am geselligen Leben der Eltern weitete schon früh ihren geistigen Horizont und schärfte ihr Urteilsvermögen. Ihren späteren Ehemann Johann August von Eisenhart lernte Luise von Kobell bereits während seiner Zeit als Rechtspraktikant in München kennen, denn er wohnte mit seinen Eltern in der Münchner Karlstraße schräg gegenüber der Familie Kobell. Dieser hatte zuvor in München und in Heidelberg die Rechtswissenschaften studiert und während dieser Zeit auch den Dichter Joseph Victor von Scheffel kennengelernt, mit dem ihn eine bis zu Scheffels Tod dauernde Freundschaft verband. Johann August von Eisenhart war nicht nur ein Jurist mit großem Fach- und Allgemeinwissen, sondern auch vielseitig interessiert und ein geselliger Mensch. Die beiden Nachbarsfamilien in der Karlstraße hielten freundschaftlichen Kontakt zueinander und man traf sich bei vielen gesellschaftlichen Veranstaltungen. Die beiden jungen Leute lernten sich dabei immer besser kennen und schließlich heirateten Johann August von Eisenhart und Louise von Kobell am 14. September 1857. Die Trauung und die Hochzeitsfeier fanden nicht in München statt sondern in Miesbach, weil die Brautleute dem in solchen Fällen üblichen gesellschaftlichen Rummel entgehen wollten. Deshalb traten sie auch gleich am Tag nach der Trauung von Miesbach aus eine Hochzeitsreise »in das Gebirge« an.

Sicheren beruflichen Boden hatte Eisenhart bereits vor der Eheschließung erreicht, als er 1857 zum Assessor am Stadt- und Kreisgericht München ernannt wurde, von wo er 1859 in gleicher Eigenschaft an das oberbayerische Apellationsgericht in Freising überwechselte. Im Jahre 1862 kehrte Eisenhart mit seiner Familie – inzwischen waren die Tochter Helene und der Sohn Heinrich zur Welt gekommen – als Richter nach München zurück, nachdem das Freisinger Gericht dorthin verlegt worden war. Sein weiterer beruflicher Aufstieg ging sehr schnell vor sich: Eisenhart wurde zum Apellationsgerichtsrat ernannt und 1866 als juristischer Mitarbeiter in die königliche Kabinettskanzlei berufen. Am 1. Januar 1870 wurde er zum Ministerialrat befördert und gleichzeitig zum königlichen Kabinettsekretär ernannt.

Für die Familie Eisenreich brachte diese Ernennung den Umzug in eine Dienstwohnung in der königlichen Residenz mit sich. Luise von Eisenhart konnte fortan das Hofleben und das immer seltsamer werdende Verhalten des menschenscheuen Monarchen aus nächster Nähe beobachten. Unter König Ludwig II. war die Position des Kabinettsekretärs ebenso einflussreich wie nervenaufreibend. Dieser fungierte vor allem als Mittelsmann zwischen dem König und seinen Ministern, was viel Verhandlungsgeschick und Fingerspitzengefühl erforderte. Fünf Jahre hindurch gelang Eisenhart dieser Balanceakt zur vollen Zufriedenheit des Königs, der ihn deshalb zum Staatsrat ernannte. Doch dann wurde seine Arbeit immer mehr erschwert durch Ludwigs zunehmende Launenhaftigkeit und Weltentfremdung. Eisenhart versuchte nach aussen hin die Fassade königlicher »Normalität« aufrecht zu erhalten, doch allmählich resignierte er und bat im Frühjahr 1876 um seine Versetzung in ein anderes Amt. Doch der König lehnte sein Gesuch ab. Aber bereits am 12. Mai änderte er abrupt seine Meinung und unterschrieb den Entlassungsbrief, allerdings mit gleichzeitiger Ernennung Eisenharts zum Komtur des königlichen Verdienstordens vom heiligen Michael. Für Eisenhart waren damit die schwierigsten Jahre seiner Beamtenlaufbahn zu Ende. Als Staatsrat im Ministerialdienst konnte er fortan bis zum Ruhestand ohne Nervenverschleiß auf die Staatsgeschäfte Einfluss nehmen und sich in der Freizeit seiner Familie, dem Gesellschaftsleben und seinen musischen Neigungen widmen.

Trotz ihrer Enttäuschung über den abrupten Sinneswandel des Königs, den sie ebenso verehrte wie bedauerte, war Luise von Kobell wohl über diese Entwicklung erleichtert. Die Zeit der fast beständigen Nervenanspannung als »Mitleidende« an der Seite ihres Mannes war zu Ende und sie konnte nun unbeschwert ihre schriftstellerischen Pläne verwirklichen. Gedichte und kleinere Prosaarbeiten hatte sie ohne Veröffentlichungsabsicht schon seit ihrer Jugendzeit verfasst. Nun aber wagte sie den Schritt an die Öffentlichkeit. Als Mitarbeiterin zahlreicher Zeitungen und Zeitschriften, zum Beispiel »Allgemeine Zeitung«, »Über Land und Meer« und »Fliegende Blätter«, schrieb sie unter ihrem Mädchennamen Kurzgeschichten, »Kulturbilder« und Essays, vor allem auch biographischen Inhalts. Ihre Schaffenspalette reicht von Strandgechichten aus Urlaubstagen, die sie in dem Buch »Nordseebilder« veröffentlichte, bis zu Kurzbiographien, beispielsweise über Ignaz von Döllinger, und bis zu kunstgeschichtlichen Arbeiten. Für ihr Werk »Kunstvolle Miniaturen und Initialen aus Handschriften des 14. bis 16. Jahrhunderts« erhielt sie 1890 sogar die »Goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst«. Besonders intensiv widmete sich Luise von Kobell der Pflege des Werks ihres 1882 verstorbenen Vaters. Sie gab einige seiner späten Dichtungen posthum heraus, besorgte Neuauflagen seiner Bücher und schrieb über ihn die erste Biographie, das 1884 veröffentlichte Buch »Franz von Kobell – Eine Lebensskizze«.

Luise von Kobells Hauptwerk »Unter den ersten vier Königen von Bayern« erschien als Buch zwar erst 1894, doch es reichte in seinen Schilderungen nur bis zum Jahre 1876, als ihr Mann seinen Posten als königlicher Kabinettsekretär verlor. Über die Anfangsjahre des Königs berichtete sie darin nicht unkritisch aber unvoreingenommen und auch mit einer gewissen Sympathie. Vermutlich nahm sie für ihren Bericht das Jahr 1876 deshalb als Endpunkt, weil sie nicht in den Verdacht geraten wollte, die weitere Entwicklung aus einer gewissen persönlichen Enttäuschung oder Verärgerung heraus zu schildern. Ihr Buch ist eine interessante Mischung aus Autobiographie, Zeitchronik und Schilderungen aus dem Hof- und Gesellschaftsleben. Für die Zeit der beiden ersten Könige Maximilian I. Joseph und Ludwig I. konnte sie dabei auf mündliche und schriftliche Berichte ihres Vaters zurückgreifen. Für politische Details hat sich Luise von Kobell anscheinend nur mäßig interessiert. Doch gerade weil sie in ihrem Buch vor allem über den Münchner Alltag, über das gesellschaftliche Leben und über die mehr oder weniger privaten Vorgänge am Königshof berichtete, ist ihr Buch für die Geschichtsschreibung über Bayern im 19. Jahrhundert zu einer unentbehrlichen Dokumentarquelle geworden.

Luise von Kobell schrieb bis an ihr Lebensende unermüdlich weiter. Im Jahre 1896 veröffentlichte sie die Erzählung »Marie Alphonse«, 1897 den Biographienband »Münchener Portraits«, 1898 den Bildband »Ludwig II. und die Kunst«, 1899 das zeitgeschichtliche Werk »Ludwig II. und Bismarck im Jahre 1870« und schließlich 1900 die kulturgeschichtliche Darstellung »Farben und Feste im Altertum, Mittelalter, neuere und neueste Zeit«. Dann jedoch ging ihre Lebenskraft allmählich zu Ende. Luise von Eisenhart, starb am 28. Dezember 1901 und wurde auf dem Alten Südlichen Friedhof in München begraben.

AJW



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