Jahrgang 2006 Nummer 20

Die Schifffahrt auf dem Chiemsee

Vom Einbaum zu den modernen Ausflugsschiffen

Die »Maximilian« versieht schon seit 1937 ihren Dienst am See. Sie wurde zwischenzeitlich modernisiert und 1994 mit einem 220 PS

Die »Maximilian« versieht schon seit 1937 ihren Dienst am See. Sie wurde zwischenzeitlich modernisiert und 1994 mit einem 220 PS Dieselmotor ausgestattet.
Die Anlegestelle der Herreninsel ist für die Abfertigung von zwei Schiffen vorgesehen.

Die Anlegestelle der Herreninsel ist für die Abfertigung von zwei Schiffen vorgesehen.
Das Fahrgastschiff »Josef« wurde 1991 in die Chiemseeflotte aufgenommen und wird von einem 571 PS starken Dieselmotor angetriebe

Das Fahrgastschiff »Josef« wurde 1991 in die Chiemseeflotte aufgenommen und wird von einem 571 PS starken Dieselmotor angetrieben.
Wer seinen Urlaub im Chiemgau verbringt oder wenigstens für einen Tag das Land um den Chiemsee als Ausflugsziel gewählt hat, wird immer auf den See bezogen sein. Der Chiemsee und die ihn umgebende Landschaft sind aus geologischer Sicht am Ende der Eiszeit gestaltet worden. Dabei schmolzen die Gletscher, die einst die Berge bedeckt hatten, und schoben mit ihren zu Tal gleitenden Gesteins- und Geröllmassen das Bett des Chiemsees aus. Wo härteres Gestein größeren Widerstand bot, blieben die drei Inseln stehen. Als die Schubkraft der Gletschermoräne allmählich nachließ, entstanden die kleinen Seen nördlich des Chiemsees zwischen Hemhofen und Eggstätt. Ursprünglich dehnte sich der Chiemsee bis an den Fuß der Chiemgauer Berge aus. Wo sich der See zurückzog, verblieben die Moore. So entstand eine ideale Ferienlandschaft, die von der Kulisse der Berge im Süden, dem See und den von Wiesen und Feldern gerahmten Vorland bestimmt wird.

Viele reizt der See zum Wandern auf schattigen Uferwegen, zum Eintauchen in das kühle Nass an heißen Sommertagen oder zu Bootsfahrten auf dem See. Wer am Heck eines der vielen Ausflugsschiffe stehend, den aufschäumenden Wellen nachschaut, kann sich ein wenig in den Gedanken vertiefen, wie der Mensch über die Urgewalt des Wassers Macht gewonnen hat. Schon seit Urzeiten hatten die Uferbewohner das Bestreben, den See zu beherrschen. Die ersten Einbäume bauten sie aus Baumstämmen und kleideten sie mit Baumrinden und Tierfellen aus, um damit zum Fischen auf den See hinauszufahren. Im Römermuseum in Seebruck sind Angelhaken aus Kupfer und Eisen, Harpunen und Netzsenker aus Stein ausgestellt, die die von den Booten ausgelegten Netze hielten. So finden wir schon die Römer als Fischer am Chiemsee. Schon vor den Römern waren die Kelten auf Einbäumen am See unterwegs. Darauf weist der Keltenwall im Süden der Herreninsel hin. Vielleicht suchten sie hier Schutz vor den Feinden, wofür die Insellage die ideale Voraussetzung bot.

Die Gründung der Klöster Herren- und Frauenchiemsee durch den bayerischen Herzog Tassilo III. 765 bzw. 766 setzte voraus, dass die Inseln mit Booten erreichbar waren. Die Abwehr feindlicher Angriffe durch die Insellage galt es zum ersten Mal zu erproben, als 905 die Hunnen plündernd und mordend übers Land zogen. Es ist gut nachvollziehbar, dass die Angreifer auf ihren Booten abgewehrt werden konnten. Die Chronik weiß zu berichten, dass sich das Kloster Frauenchiemsee im 30jährigen Krieg erfolgreich feindlicher Angriffe vom See her erwehren konnte. Im 19. Jahrhundert taucht in der Chiemseeschifffahrt zum ersten Mal ein neuer Bootstyp auf, der wohl nicht seiner Geschwindigkeit wegen als »Chiemseerenner« bezeichnet wurde. Die Boote waren »aus schweren Holzbohlen gezimmert, bis zu 20 Meter lang und 4,50 Meter breit. Acht Ruderer waren nötig, um das Boot fortzubewegen.« Durch die Verbindung mehrerer Boote entstanden »Frachtschiffe mit einer Nutzfläche bis zu 200 Quadratmetern.« Übrigens hat noch im Jahre 1951 das Kloster Frauenchiemsee einen »Klosterrenner« bauen lassen, mit dem durch Ruderkraft Lasten zur Insel befördert werden konnten. Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Beginn der heute noch den Tourismus beherrschenden Schifffahrt am Chiemsee zu verzeichnen. Pionier des Unternehmens war der Zimmerermeister Wolfgang Schmid aus Grassau, der 1843 »die Bewilligung zum Betrieb der Dampfschifffahrt auf dem Chiemsee«, ausgestellt vom königlichen Landgericht in Trostberg, erhalten hat. Das erste von Wolfgang Schmid gebaute, seetüchtige Dampfschiff war mit Schaufelrädern ausgerüstet, die von einer Dampfmaschine angetrieben wurden.

Am 5. Mai 1845 legte das Schiff auf seiner Probefahrt, von Feldwies kommend, am Klostersteg der Fraueninsel an. In der Genehmigung wurde der Betreiber zur Einhaltung eines Fahrplans verpflichtet, so dass schon seit dieser Zeit von einer Passagierschifffahrt auf dem Chiemsee gesprochen werden kann. Ein langes Leben war diesem ersten Fahrgastverkehr auf dem See allerdings nicht beschieden. Technische Probleme und nicht mehr finanzierbare Betriebskosten waren ursächlich für die wahrscheinlich um 1847 erfolgte Einstellung der Schifffahrt auf dem See.

Der zweite Name, der mit der Chiemseeschifffahrt in Verbindung steht, ist der von Joseph Feßler, der in München das Handwerk eines Kupferschmiedes betrieb und 1844 die Kesselanlage für das erste, von Wolfgang Schmid erbaute Chiemsee- Dampfboot gefertigt hatte. 1848 erhielt Joseph Feßler die Bewilligung zur Fortsetzung der Dampfschifffahrt auf dem Chiemsee. Mit dieser Betriebserlaubnis konnte Joseph Feßler auch das von Wolfgang Schmid gebaute Holzschiff übernehmen und es mit einer voll funktionsfähigen Dampfkesselanlage ausstatten. Am 14. Juli 1849 stach das neue Dampfschiff von Joseph Feßler in See.

Das erste Dampfschiff aus Eisen, das von den Maffeiwerken in München gebaut und mit der Kesselanlage aus dem alten Schiff ausgestattet worden war, lief am 14. Mai 1859 vom Stapel. Die nunmehr von Ludwig Feßler, dem Sohn von Joseph Feßler, weiter betriebene Dampfschifffahrt war nicht frei von Krisen. Die 1866 eröffnete Eisenbahnlinie von München nach Salzburg mit einem Bahnhof in Prien brachte nicht den erwarteten touristischen Aufschwung. Im Gegenteil: Die Eisenbahn erwies sich als Konkurrenz für den Schiffsverkehr. Zu wenig Touristen nutzten wohl auch wegen der großen Entfernung zur Schiffsanlege den Halt der Bahn in Prien zu einem Ausflug am See. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Tourismus unserer Vorstellung auch in bescheidenem Umfang keine Rede sein konnte. Die Alpen waren nicht erschlossen. Sie galten als unwirtlich, gefährlich und von bösen Geistern bewohnt.

Niemand fuhr zu dieser Zeit an den Chiemsee, um am See oder in den Bergen zu wandern. Die Schifffahrt am See hatte zwar die Beförderung von Personen und Gütern zum Ziel, war aber nicht für Ausflugsfahrten eingerichtet. Das änderte sich erst, als König Ludwig II. auf der Herreninsel 1878 sein Schloss bauen ließ. Zum Transport des umfangreichen Baumaterials wurde ein von der Firma Maffei in München gebauter Schleppdampfer eingesetzt.

Es ist wohl eine Ironie der Geschichte, dass der König, der sich von seinen Staatsgeschäften weitgehend zurückgezogen hatte und für seine Residenzen die totale Einsamkeit bevorzugte, gerade durch den Bau seines Schlosses auf der Herreninsel den Grundstein für den bis heute ungebrochenen Tourismus am Chiemsee gelegt hat. Während noch Ludwig II. dem Schiffsunternehmer Ludwig Feßler eine stattliche Geldentschädigung dafür geboten hatte, dass er den Schiffsverkehr am See während seiner Anwesenheit auf der Insel ruhen ließ, gab der Nachfolger Ludwigs II. Prinzregent Luitpold 1886 das Schloss für die Besichtigung durch die Öffentlichkeit frei.

Um dem nun einsetzenden, verstärkten Besucherstrom gerecht zu werden, bestellte Ludwig Feßler bei der Fabrik Maffei in München den Raddampfer Luitpold, der nun seit 1887 den See befuhr. Auf dem Schiff fanden bis zu 500 Passagiere Platz. Das Schiff war bis zum Jahr 1969 83 Jahre im Einsatz. 1887 ließ Ludwig Feßler vom Bahnhof in Prien bis zur Schiffsanlegestelle am See eine Dampftrambahn bauen, die bis heute in Betrieb ist und sich als echte Touristenattraktion erwiesen hat. Die Chiemseeschifffahrt wird noch heute von der privaten Ludwig Feßler KG betrieben. In Notfällen ist für die ständigen Bewohner der beiden Inseln auch nachts ein Transport zum Festland gewährleistet. Zur Zeit verfügt die Chiemseeflotte über 14 Fahrgastschiffe. Längst haben leistungsstarke Dieselmotoren mit mehreren hundert PS die alten Dampfmaschinen abgelöst. Auf dem modernen Schiff Ludwig Feßler finden bis zu 700 Fahrgäste Platz. Der Raddampfer wird von zwei MAN Dieselmotoren mit je 276 PS angetrieben.

Ein Feriengast sollte sich das Erlebnis einer großen Rundfahrt auf dem Chiemsee nicht entgehen lassen. Eine Unterbrechung der Fahrt zum Besuch einer der beiden Inseln bietet auf der Fraueninsel eine Begegnung mit uralter Klostertradition oder die Möglichkeit, die Herreninsel auf einsamen Spazierwegen zu durchstreifen. Freilich kann man auf der Herreninsel auch König Ludwig II. einen Besuch abstatten. Dass er schon gestorben ist, ist dabei ohne Belang. In der Einrichtung des Schlosses ist noch vieles zu bestaunen, was den König in seinen Träumen bewegt hat. Von der Fraueninsel aus hat das Schiff auf seiner Fahrt nach Chieming und Seebruck die größte Entfernung zurückzulegen. Hier wird die Weite des Sees spürbar, der im Süden vom Hochgern und von der Kampenwand eingerahmt wird. Natürlich ist eine Ausflugsfahrt im Sommer, wenn die Sonne vom blauen Himmel lacht, von besonderem Reiz. Wenn die Sonnenstrahlen im Gegenlicht funkelnde Sterne auf die Wellen zaubern, zeigt sich der See von seiner schönsten Seite. Aber nicht immer scheint die Sonne über dem See. Oft verdunkeln Wolken den Himmel. Wegen der nahen Berge brechen nur allzu oft Fallwinde über den See herein, die Fischer und Segler gefährlich werden können. Blinklichter am Ufer warnen vor der Gefahr, aber nicht immer mit Erfolg. Die Votivbilder in den Chiemgauer Kirchen und die vielen Grabinschriften erinnern an die Opfer, die der See für sich behalten hat. Und doch war es seit der Zeit, als Fischer in urzeitlichen Einbäumen den See befuhren bis zu den Seglern unserer Tage eine Herausforderung, Sturm und Wetter zu trotzen und durch Mut und Geschicklichkeit Wind und Wellen zu bezwingen.

Der Segler, der in seinem Boot die Segel nach dem Wind ausrichtet, um das Boot über die Wellen gleiten zu lassen, fühlt sich eins mit dem See und dem Wind. Das Gefühl, den Naturgewalten ausgeliefert zu sein und die Macht, sie doch zu beherrschen, mag über den rein sportlichen Aspekt des Segelns hinaus auch zum Nachdenken Anlass geben. Von Urzeiten an, als die Menschen auf ihren Einbäumen auf den See hinausfuhren, bis zum Ausflugsverkehr auf den modernen Ausflugsschiffen ist der Chiemsee Mittelpunkt einer Landschaft, die bis heute einen idealen Lebensraum geboten hat.

Dieter Dörfler

Quelle: Arno Berleb »Die Schifffahrt am Chiemsee«



20/2006