Jahrgang 2002 Nummer 37

Die Schätze der Goldenen Horde

Aufstieg und Niedergang des Mongolenreiches

»Die Mongolen kommen!« Dieser Ruf versetzte in der Mitte des 13. Jahrhunderts ganz Europa in Angst und Schrecken. Das asiatische Reitervolk unter den Nachfolgern des legendären Dschingis Khan war bei seinem Feldzug nach Westen bis nach Polen und nach Ungarn vorgedrungen und stand nun unmittelbar an der Donau. Es schien nur noch eine Frage weniger Wochen zu sein, bis die gefürchteten Reiterheere die Donau überschritten und wie ein Heuschreckenschwarm das Heilige Römische Reich überzogen.

Kampfesmut, Kühnheit und Kriegsgeschick der mongolischen Krieger waren gefürchtet. In jährlich zwei exakt vorbereiteten Feldzügen wurden von ihnen sämtliche Mittel der Reiterei wie Flanken- und Zangenangriff, Einkesselung und verstellte Flucht angewendet, denen die durch die schwere Bewaffnung behinderten Berufsheere der Angegriffenen nicht gewachsen waren.

War es zunächst das freie Schlachtfeld, auf dem die Mongolen ihre Überlegenheit am besten ausspielten, so hatten sie sich mit der Zeit auch die Methoden der wirksamen Belagerung von Städten und den Gebrauch der Feuerwaffen angeeignet. Wenn es darum ging, befestigte Städte zu erobern, war ihnen jedes Mittel recht, ob Täuschung oder Überraschung, Verrat oder List.

Nicht zu unterschätzen war die psychologische Trumpfkarte, mit der die Mongolen arbeiteten. Der jeweilige Gegner sollte richtig in Panik versetzt werden durch gezielte Berichte über die furchtbaren Qualen, die auf ihn und die ganze Bevölkerung warteten. Milde oder Nachsicht gab es nicht. Das Gesetz der Steppe, aus der sie kamen, lautete lapidar: »Sieg oder Tod.« So wurden von ihnen ganze Städte ausgetilgt und riesige kulturelle und zivilisatorische Werte vernichtet.

Von einem persischen Chronisten wird folgender Befehl eines Mongolenfürsten überliefert: »Ich verbiete es, jemals ohne meinen ausdrücklichen Befehl gegen die Bewohner eines feindlichen Landes mit Schonung zu verfahren. Nur schwächliche Gemüter kennen Mitleid. In Wahrheit sind die Menschen immer nur durch Strenge zu bändigen. Ein besiegter Feind ist nie gezähmt – er wird den Sieger ein Leben lang hassen. Darum tötet sie alle! Wichtiger, als dass die Fremdvölker uns freiwillig entgegen kommen und sich ergeben, ist es, dass vor unseren Heeren der Schrecken lähmend einherwandelt. Schrecken und Angst bereiten dem Eroberer den Weg. Darum lautet mein Befehl: Verbreitet Schrecken!«

Die Stärke des mongolischen Heeres beruhte auf straffer militärischer Organisation und äußerster Strenge. Wer floh, wurde mit dem Tode bestraft, ebenso jeder, der nicht bereit war, seinen Kampfgenossen nachzufolgen, wenn sie sich ins Schlachtengewühl stürzten. Alle Männer vom 15. bis zum 70. Lebensjahr unterlagen der Wehrpflicht. In die vorderste Kampfreihe wurden Sklaven gestellt, die sich aus den Angehörigen besiegter Völker zusammensetzten. Das Schicksal dieser Männer war in jeder Hinsicht entsetzlich. Sie wurden wie Tiere gehalten. Wenn sie nicht auf jeden Wink parierten oder den kleinsten Fehler begingen, machte man sie mit brutalen Schlägen gefügig.

Ursprünglich lebten die Mongolen als Viehzüchter ohne festen Wohnsitz im Gebiet zwischen Altai, der Wüste Gobi und dem Baikalsee. Durch den Zusammenschluss mehrerer Stämme entstand das Großreich der Hunnen, das sich über Turkmenistan und über die weißrussische Steppe nach Europa verlagerte, wo im 5. Jahrhundert das Reich König Attilas entstand. Später errangen die Awaren Bedeutung; sie drangen ebenfalls nach Europa vor, ließen sich an der Donau und an der Theiß nieder, wo sie ein eigenes Reich errichteten, bis sie Anfang des 9. Jahrhunderts aus der Geschichte verschwanden.

Der wichtigste Mongolenherrscher und einer der größten Eroberer der Weltgeschichte ist Temudschin, genannt Dschingis Khan (1155-1227). Nach der Vorherrschaft verschiedener Nomadenstämme vereinte er die mongolischen, türkischen und tatarischen Gruppen und wurde zum Begründer des mongolischen Weltreichs. Seine Heere eroberten Peking, weite Teile Nordchinas, Korea und Südrussland. Dschingis Khans politischen Vorstellungen waren sehr einfach: Die Nomadenvölker sollten in der Steppe bleiben, von den Besiegten Tribut eintreiben und sie in Schach halten.

Nach seinem Tod vollendenten seine Söhne die Unterwerfung Nordchinas und Persiens. Den Titel »Großer Khan« erhielt sein Sohn Ügedei. Dessen zwei Söhne unterwarfen die Bulgaren, eroberten Kiew und drangen in Polen und in die Walachei ein. Sie waren es, die im Jahre 1241 knapp davor standen, die Donau zu überschreiten und in das deutsche Reich einzufallen.

Aber da trat ein überraschendes Ereignis ein, dem das Abendland seine Rettung in höchster Not verdankte. Der Große Khan Ügedei starb plötzlich und unerwartet – und die mongolischen Reiterheere zogen sich zurück.

Dschingis Khans Enkel Batu Khan überrannte zwischen 1237 und 1240 ganz Russland und gründete das Reich der »Goldenen Horde«. Es umfasste Sibirien westlich des Irtysch, eine Reihe russischer Fürstentümer und das Land der Wolgabulgaren. Mit dem Übertritt der Mongolen zum Islam in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts ordnete sich das Reich der Goldenen Horde, das seine militärische und wirtschaftliche Macht dem Durchgangshandel von Ostasien in den Mittelmeerraum verdankte, dem islamischen Kulturkreis ein, ohne sich jedoch von anderen kulturellen Einflüssen abzuschließen. Es lag im Interesse der Herrscher, ursprüngliche Traditionen der unterworfenen Völker aufrecht zu erhalten, um die ethnische Vielfalt besser regieren zu können. So war das Kunst- und Geistesleben der Goldenen Horde vom Ineinandergreifen zweier Welten geprägt: eine islamisiert-städtische Lebensweise verschmolz mit den Überlieferungen der nomadischen Steppenvölker und in den städtischen Zentren entwickelte sich ein einzigartiger Kunststil.

Mit dem Übergang vom Leben in der Steppe ohne feste Wohnsitze zum sesshaften Stadtleben nahm die mongolische Führungsschicht einen verfeinerten Lebensstil an und legte in ihrem Alltagsleben Wert auf kostbaren Schmuck, prunkvolle Waffen und künstlerisch gestaltete Gebrauchsgegenstände. Handwerker und Künstler aus den verschiedensten Völkern arbeiteten an den mongolischen Fürs-tenhöfen und verschmolzen in ihren Arbeiten die Stilrichtungen aus der Türkei, Russland, Byzanz, China, dem Iran und der Mongolei.

In der Kunsthalle der Stadt Leoben in der Steiermark wird bis 3. November bei der Ausstellung »Das Erbe des Dschingis Khan« eine Auswahl aus dem Kunstschaffen der Goldenen Horde gezeigt; die meisten Stücke sind Leihgaben der Eremitage in St. Petersburg. Phantasievoll gestaltete Gürtel, Pokale und Pferdeharnische dienten der mongolischen Elite als Symbole der Überlegenheit ihrer Herkunft. Die prächtige Ausführung ihrer Waffen dokumentiert aber auch die Bedeutung, die sie den Grundlagen ihrer Macht beimaßen. Dazu kommen Meis-terwerke aus den Werkstätten von Genua oder Venedig, die vom regen Handel mit den führenden Zentren Europas der damaligen Zeit zeugen.

Doch eine lange Dauer war dem Reich der Goldenen Horde nicht beschieden. Innere Zwistigkeiten und der Ausbruch von Bürgerkriegen untergruben die Grundlagen des Staates, das erstarkte Russland strebte erfolgreich danach, das mongolische Joch abzuschütteln. Vorübergehend gelang es Timur Lenk noch einmal, ein zweites Mongolenreich aufzurichten, doch mit seinem Tod im Jahre 1405 endete der Versuch. Auch verschiedene kleinere Nachfolgestaaten konnten sich nicht behaupten. Soweit die Mongolen nicht in den eroberten Völkern aufgingen, zogen sie sich in ihr Kernland zurück. Heute leben in der Mongolischen Republik (Hauptstadt Ulan Bator) und in der zu China gehörenden Inneren Mongolei noch insgesamt etwa drei Millionen Mongolen.

JB



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