Jahrgang 2008 Nummer 6

Die Ottheinrich-Bibel ist jetzt komplett in Bayern

Alle 8 Bände befinden sich nach einer Odyssee in der Bayerischen Staatsbibliothek

Auch die Faksimile-Ausgabe nur mit Handschuhen anfassen: Ottheinrich-Bibel-Expertin Brigitte Gullath (BSB)

Auch die Faksimile-Ausgabe nur mit Handschuhen anfassen: Ottheinrich-Bibel-Expertin Brigitte Gullath (BSB)
Ottheinrich? War das nicht der büchernärrische, reformationsfreudige Graf, der mit seinem Bruder Philipp 1505 das Fürstentum Pfalz-Neuburg erbte und drei Jahre vor seinem Tod, 1556, die Pfalz als Kurfürst regierte? Der Vater der berühmten Bibliotheca Palatina, der das Heidelberger Schloss erweiterte? Längst wird ein handgeschriebenes und handgemaltes Neues Testament nach ihm benannt, die Ottheinrich-Bibel. Zählte zu den Top Ten seiner nachmals umfangreichen Bücherkollektion. Acht Bände zählte diese (ursprünglich einbändige) Bibel. Drei besitzt die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) seit 1950. Fünf fehlten ihr noch zu ihrem Glück. Nun sind diese – nach langer Odyssee und mit größten finanziellen Anstrengungen – auch noch aufgetrieben worden, um sie der BSB zum Jubiläums-Präsent zu machen: 450 Jahre ist Bayerns »Schatzhaus des Wissens« bekanntlich heuer alt.

Eigentlich war es Ludwig VII., der später der Bärtige hieß, ab 1413 das Teilherzogtum Bayern-Ingolstadt besaß und 1447 in Burghausen starb, der 1430 die später so genannte »Ottheinrich-Bibel« in Auftrag gegeben hatte – als erste illustrierte Übersetzung eines Neues Testaments in Deutschland. Doch das Werk blieb unvollendet. Mit Blatt 62 war Schluss. Warum, weiß bis dato niemand. Auch Ludwigs Grabmal ist ein Torso geblieben. Doch wurde das Stückwerk von Bibel seltsamerweise noch zu Lebzeiten seines Auftraggebers gebunden. Vielleicht deshalb, dass Ludwig, den sein eigener Sohn gefangen genommen hatte, den von ihm hochgeschätzten Codex mit nach Burghausen hatte nehmen können, in den Knast.

Ein Wittelsbacher war es dann, dem nach mehrfachem Besitzerwechsel dieser Codex anheim fiel, Ruprecht, Ottheinrichs Vater. Ruprechts kunstsinniger Nachkomme engagierte den Maler Mathis Gerung aus Lauingen, der das Werk vollends ausstatten sollte. Das lässt sich gut nachweisen – anhand von zwei erhaltenen Verträgen, aber auch durch das eingesetzte Ottheinrich-Wappen. 1532 ist Gerung mit seiner Arbeit fertig geworden, für die er zwei Jahre gebraucht hatte, um die 29 vorhandenen um 117 neue Bilder zu ergänzen. Dabei guckte er sich Illustrationsart und Motive bei Burgkmair, Cranach, Dürer und Schäufelein ab. Vielleicht nahm Ottheinrich die nun noch wertvoller gewordene Heilige Schrift 1544 mit ins Heidelberger Exil – der Bankrott hatte ihn aus seinem Neuburger Fürstentum getrieben. Der Verfrachtung nach Rom entriet die Bibel. Sie wurde aber im 30jährigen Krieg Beutegut des Herzogs Wilhelm von Sachsen-Weimar, kam 1640 nach Gotha und blieb dort 300 Jahre. Kein Wunder, dass Insider bald von der »Gothaer Bibel« sprachen.

Weshalb Mitte des 19. Jahrhunderts der dickleibige Band in 8 Teile zerlegt wurde, bleibt rätselhaft. 1936 tauschte das Kurpfälzische Museum Heidelberg die Bände 3 bis 6 und 8 ein. Die drei restlichen Bände gelangten nach Coburg und wurden 1950 der BSB verkauft. Gotha behielt die leere Einbandhülle zurück. Was Bayern nun – mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung zahlreicher privater und öffentlicher Institutionen und Stiftungen – für seine Staatsbibliothek erwerben konnte, sind eben diese fünf »Heidelberger Bände«. Sie machen unser aller Glück vollkommen, nicht nur das der BSB. Der Freistaat kann sich rühmen, in letzter Minute das Ottheinrichs-Gut aus einer Sotheby’s-Auktion Ende 2007 herausgenommen und es seiner Staatsbibliothek zur Verwahrung übergeben zu haben. Und zur weiteren Erforschung. Viele Fragen sind noch ungeklärt – angefangen von der Entstehung, die man in Regensburg vermutet, bis hin zu den Details der Handschrift, ihrer Provenienz, Text- und Bildausstattung und Bearbeitung. Maßgeblich für den Erwerb war das Entgegenkommen des »Herzoglich Sachsen Coburg und Gotha’schen Hauses«. Aber auch der Einsatz des Wissenschaftsministeriums mit Thomas Goppel an der Spitze. Bei der festlichen Präsentation in der BSB in Anwesenheit von Vertretern des Bundeskulturministeriums, der Kulturstiftung der Länder und des BSB-Generaldirektors konnte Goppel mit Recht sagen: »Wir in Bayern träumen nicht nur von einem umfassenden Kulturverständnis, wir tun auch etwas dafür«.

Das »Bavaricum allerersten Ranges«, wie BSB-Chef Rolf Griebel die nun vollständige Ottheinrich-Bibel bezeichnete, wird der Öffentlichkeit in Schatzkammerausstellung im Rahmen der laufenden Jubiläums-Aktivitäten vom 10. Juli 2008 an gezeigt. Zur Schau erscheint ein Katalog, der soeben erarbeitet wird. Sie geht 2009 weiter ins Bibelhaus in Frankfurt am Main und ins Deutsche Historische Museum in Berlin, 2010 voraussichtlich nach Gotha und Bamberg.

Hans Gärtner



6/2008