Jahrgang 2005 Nummer 49

Die Ministerialen von Sondermoning

Das Gebiet ist uralter Siedlungsraum

Das Gebiet um Sondermoning ist uralter Siedlungsraum. Kelten und Römer hatten ihre Spuren hinterlassen. Urkundlich belegte Siedler, die namentlich bezeugt sind, erscheinen aber erst im 12. Jahrhundert, dann aber umso zahlreicher. Es ist ein großer Familienclan, der seinen Stammsitz in Sondermoning hatte und sich in den Urkunden nach diesem Ort nannte. In den Traditionsbüchern der Klöster Baumburg, Herrenchiemsee, Gars und sogar Diessen am Ammersee werden unter den Zeugen von Schenkungsurkunden mehrere Sondermoninger mit Namen aufgeführt. Wiederholt taucht einer der letzten Ministerialen, Otto von Sondermoning, im Salzburger Urkundenbuch als Zeuge auf. Auch im Güterverzeichnis der Grafen von Falkenstein (ehemalige Burg bei Flintsbach/Inn), die lange Jahre eine führende politische Rolle im Chiemgau spielten, waren sie bei Besitzübertragungen als Zeugen anwesend.

In den Urkunden aus dem 12. und 13. Jahrhundert werden die Sondermoninger als Ministeriale der Grafen von Kraiburg/Ortenburg, später der Grafen von Wasserburg bezeichnet. Der Begriff »Ministeriale« deutet darauf hin, dass sie als »Dienstmannen« zum Gefolge dieser mächtigen hoch-adeligen Grafen gehörten, ihnen zu Diensten, aber auch von ihnen abhängig waren. Mit Blick auf die mittelalterliche Gesellschaftsordnung galten sie als unfreie Gefolgsleute des Hochadels. Da sie aber als Verwalter und Krieger im Dienste von Grafen standen, hatten sie eine große Machtfülle in ihrem Zuständigkeitsbereich. Als »Dienstmannen« oder »Ministeriale« kümmerten sie sich in erster Linie um die Verwaltung der Güter ihres Dienstherren, des jeweiligen Grafen. Im Laufe der Zeit gelang es ihnen aber, durch Heirat in adelige Familien, selbst zu Adeligen werden.(1 )

Sie verfügten aber auch, wie wir aus Schenkungsurkunden wissen, über eigenen Besitz und weitere Güter, die sie als Lehen bewirtschafteten.

Die Sondermoninger Ministerialen und das Augustiner-Chorherrenstift Baumburg

Aus den Urkunden des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg(2) erhalten wir eine Fülle von Informationen über die Sondermoninger Ministerialen. Diesem Kloster scheinen sie besonders zugetan gewesen zu sein, da sie es mit Gütern und leibeigenen Leuten beschenkten. Dafür war nicht nur die Nähe des Klosters zu Sondermoning ausschlaggebend, sondern auch die Tatsache, dass ihre Dienstherren, die Grafen von Kraiburg/Ortenburg, die Vögte und Schirmherren dieses Klosters waren. Für Bildung und Erziehung ihrer Kinder stand ihnen die Klosterschule in Baumburg zur Verfügung, wie in einer Urkunde belegt ist.

Wie im Mittelalter üblich, erfahren wir in den Urkunden nur die Vornamen der Ministerialen. Erst der Zusatz »de Sundermaringen« oder »von Sondermoning« macht eine genaue Zuordnung möglich. Die Lebensdaten der in den Urkunden genannten Personen sind nur ansatzweise zu erfassen, da zwar bei der Abfassung der Urkunden Daten genannt werden oder sich aus dem Zusammenhang ermitteln lassen, aber daraus lassen sich nur selten Rückschlüsse auf die Lebensdauer der Zeugen machen.

Mitglieder des Familienclans

Zunächst kommt in den Zeugenlisten ein Brüderpaar vor:
Reginmar und Friedebert mit dem Zusatz »von Sondermoning«.
Reginmar hatte zwei Söhne: Engelbrecht, verheiratet mit Irmgard, und Sigiboto;
Friedebert (gestorben vor 1147) hatte mit seiner Frau Luidgard drei Söhne und eine Tochter: Gottschalk, Otto(I), Crafte und Mathilde.
Sohn Gottschalk wiederum hatte drei Söhne, nämlich Adalbert, Gerunc und Heinrich(I)
Sohn Otto(I), gelebt zwischen 1155 und 1175, hatte zwei Söhne, nämlich Heinrich(II) und Otto(II), nachgewiesen zwischen 1166 und 1234.

Darüber hinaus werden noch weitere Sondermoninger namentlich aufgeführt; sie sind aber hinsichtlich ihrer Abstammung nicht zuzuordnen. Ein Name aber fällt auf: Hartmann von Sondermoning, der zwischen 1126 und 1170 in Urkunden genannt wird, wobei nicht auszuschließen ist, dass es sich um zwei Mitglieder des Clans mit dem gleichen Namen handelt. Dieser Name ist ein Hinweis darauf, dass zwischen den Sondermoninger Ministerialen und den Nußdorfer Adeligen verwandtschaftliche Beziehungen bestanden, die auch durch die Besitzverhältnisse bestätigt werden.

Der bedeutendste Sondermoninger Ministeriale war Otto (II), der Sohn Ottos (I), aus dem Familienclan des Friedebert. Er war ein namhafter Gefolgsmann der Grafen von Wasserburg und bildete den am weitest östlich gelegenen Außenposten dieser Grafschaft. Er hatte auch enge Beziehungen zu den Nußdorfer Adeligen, war sogar deren Besitznachfolger und verwaltete die Armenstiftung, die »Nußdorfer Spend«.

Urkundlich belegter Besitz an Gütern und Untertanen

Der Stammsitz der Ministerialen war das Dorf Sondermoning, allerdings befand sich ihr Wohnsitz nicht auf dem östlich gelegenen Kaiserberg, sondern in der Dorfmitte bei der Kirche. Das Schloss Neuamerang wurde erst im 15. Jahrhundert von den Amerangern erbaut.

Im Mittelalter war es Ministerialen untersagt, eigene Burgen zu bauen, damit ihre Macht und ihr Einfluss nicht zu groß wurde. Wenn sie wie die Sondermoninger weit entfernt von ihren Oberherren, den Grafen, lebten, dann war ihr Wohnsitz in einem Meierhof, der als Verwaltungszentrum diente. Die Ministerialen, die aus mehreren Familien bestehen konnten, wohnten in diesem Großhof im Zentrum des Dorfes. Um ihn gruppierten sich mehrere kleinere Höfe, die von abhängigen Bauern bewirtschaftet wurden und die einen Großteil ihrer landwirtschaftlichen Erträge an den Meierhof abliefern mussten, der wiederum die Hofgesellschaft des Grafen zu versorgen hatte. In Sondermoning gibt es zudem eine besondere Eigenart: Der Meierhof und die Kirche standen eng nebeneinander. Diese Tatsache liefert uns einen Hinweis darauf, dass es sich ursprünglich um eine Eigenkirche oder Laienkirche gehandelt haben muss. Das bedeutet, dass der Besitzer des Meierhofes seine eigene Kirche erbaute oder ein vorhandenes Gebäude umwidmete und mit einem von ihm ernannten und versorgten Priester besetzte. Denn vor allem in echten alten Siedlungsorten, namentlich in ing-Orten, darf man Eigenkirchen annehmen(3). Bei der Sondermoninger Kirche fällt ferner auf, dass sie nicht wie sonst üblich nach Osten, d. h. nach Jerusalem und der aufgehenden Sonne entgegen ausgerichtet ist, sondern eher nach Süden. Besonders bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass an der Wand im Nordwesten auf Höhe der Empore eine Nische ausgespart ist, die man als Türöffnung interpretieren kann, denn Meierhof und Eigenkirche waren oft durch einen eigenen Eingang verbunden(4). Das massive Kirchengebäude mit den meterdicken Mauern könnte auch als Zufluchtsort in unruhigen Zeiten gedient haben, wobei der Eingang nicht unten, sondern aus Gründen der Sicherheit erhöht angebracht war.

Von diesem ursprünglichen Gebäude, das möglicherweise ein mittelalterlicher, burgartiger Wohnturm war, stammen nur die Rückwand und die Seitenwände (ohne Anbau) und das kleine romanische Fenster über dem Eingang(5). Beim Umbau Ende des 15. Jahrhunderts wurde das Gebäude durch den Anbau des Altarraums und des Seitenschiffes sowie durch die Errichtung des Kreuzrippengewölbes wesentlich verändert.

Der Meierhof, heute der Hof des Großfreimeier, als Sitz der Ministerialen, war ursprünglich ein sehr großer Hof, den man als Urmeier bezeichnen kann. Im Laufe des Mittelalters wurde er in verschiedene Höfe aufgeteilt. Davon zeugen die Hofnamen mit der Nachsilbe »meier: Kleinfreimeier, ursprünglich neben dem Großfreimeierhof, Kirchmeier, Neumeier, Hintermeier und Winkelmeier.

Aus den Besitzverhältnissen zur Zeit der Ameranger lässt sich schließen, dass auch Laimgrub zum Besitzstand der Sondermoninger Ministerialen gehörte. Denn in den Herrschaften der Ministerialen wurzeln die späteren weltlichen Hofmarken(6). Auch im nahegelegenen Nußdorf verfügten die Sondermoninger zur Zeit Hartmanns II über einen Hof. Um 1166/70 schenkte Gottschalk von Sondermoning ein Gut in Nußdorf an das Kloster Baumburg, wobei sein Bruder Otto (I) als Vermittler auftrat.(7)

Im Jahre 1230 wurde Otto (II) sogar als Besitzer des verödeten Gutes Nußdorf, des ehemaligen Edelsitzes, bezeichnet. Es scheint, dass nach dem Aussterben der Nußdorfer Adelsfamilie um 1200 der Besitz an die Sondermoninger Ministerialen übergegangen war, was auf verwandtschaftliche Beziehungen hindeutet.

Denn Graf Konrad von Wasserburg, dessen Dienstmann Otto (II) war, übergab ihm das Gut Sondermoning, für das er Zins hätte zahlen müssen, als volles Eigentum. Dafür trat dieser das verödete Nußdorfer Gut an das Benediktinerstift St. Peter in Salzburg ab. Dieses musste Otto neben einer Entschädigung zum Vogt über das Nußdorfer Gut ernennen(8). Damit war er zum Schutzherrn und Richter über die Bewohner des Nußdorfer Gutes eingesetzt geworden, was ihm Einfluss und Einnahmen sicherte.

Von einem weiteren Besitztum erfahren wir aus einer Schenkungsurkunde aus der Zeit um 1126/34. Engelbert von Sondermoning, damals noch Ministeriale des Markgrafen Engelbert (III) von Kraiburg-Ortenburg schenkte an das Kloster Baumburg ein Gut in Günzelham bei Trostberg.(9)

Sein Onkel Friedebert tat es ihm gleich und schenkte auch sein Gut in Günzelham an das Kloster Baumburg.(10)

Während diese Schenkungen an das Kloster Baumburg zum Seelenheil der Familienangehörigen gedacht waren – die Klosterpatres sollten für sie beten und Messen lesen - , hatte die folgende Schenkung eine genaue Zielangabe.

Um 1126/42 vermachte Luidgard, die Witwe des Friedebert von Sondermoning, dem Kloster Baumburg ihr Gut Regilberg bei Mittersill, nahe Zell am See, damit ihr Sohn Crafte in das Stift aufgenommen und nach den Regeln des Hl. Augustinus erzogen würde.

Es ist bekannt, dass Baumburg über eine Klosterschule verfügte und der Besuch in den meisten Fällen nur den Kindern möglich war, deren Eltern über Eigentum verfügten, das sie verschenken konnten.

Zwei weitere Schenkungen des Engelbert von Sondermoning aus der Zeit um 1166/70 an das Kloster Baumburg sind noch überliefert(11). Hierbei handelte es sich um Personenschenkungen, also Hörige oder Leibeigene, die genau so verschenkt werden konnten wie Güter. Es werden sogar ihre Namen genannt.

Ende der Sondermoninger Ministerialen

Im Jahr 1234 wird Otto (II) zum letzten mal als Zeuge im Gefolge des Grafen Konrad von Wasserburg genannt(12). Möglicherweise ist Otto (II) als Ministeriale in die Auseinandersetzungen, die Graf Konrad mit den bayerischen Herzögen hatte, hineingezogen worden und seines Besitzes verlustig gegangen. Als es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Graf Konrad und dem bayerischen Herzog kam, wurde Wasserburg 1247 erobert, der gesamte Besitz des Grafen eingezogen und er selbst des Landes verwiesen.

Es fällt auf, dass die Ameranger bereits Anfang um 1300 im Besitz von Sondermoning und Laimgrub waren. Sie hatten sich aus dem Einflussbereich der Grafen von Wasserburg heraushalten und ihre Selbstständigkeit bewahren können(13). Der Zusammenbruch der Wasserburger Herrschaft war ein günstiger Zeitpunkt, um eigene Interessenssphären ausdehnen zu können, zumal die öffentliche Ordnung in der Mitte des 13. Jahrhunderts durch kriegerische Auseinandersetzungen in höchster Gefahr war.

Die Ameranger verlegten um 1400 ihren Wohnsitz aus der Dorfmitte auf den Kaiserberg im Osten von Sondermoning, wo sie ein Schloss erbauten. Später wurde auch ihr Meierhof dort errichtet.

JI

Quellennachweis:
1: Karl Bosl, Artikel »Ministerialität« im Sachwörterbuch zur deutschen Geschichte, S. 738 ff
2: Martin Johann Walko, Die Traditionen des Augustiner-Chorherrenstifts Baumburg an der Alz, Quellen und Erörterungen zur bayerischen Geschichte, Neue Folge/Band XLIV/1(kurz: Baumburg)
3: Romuald Bauerreis, Kirchengeschichte Bayerns, I. Band, 1974, S. 87
4: Wie Fußnote 3
5: Gottfried Weber, Die Romanik in Oberbayern, 1985, S. 69
6: Tertulina Burkhard; Landgerichte Wasserburg und Kling, Historischer Atlas von Bayern, Teil Altbayern, I/15, S. 102
7: Baumburg Nr. 242, S. 261
8: Willibald Hauthaler, Franz Martin, Salzburger Urkundenbuch, Bd. III, Nr. 845, S. 380 (SUB)
9: Baumburg Nr. 83, S. 98
10: Baumburg Nr. 103, S. 118
11: Baumburg Nr. 326, S. 330 und 327, S. 331
12: SUB III Nr. 904, S. 453
13: Wie Fußnote 6, S. 100



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