Jahrgang 2001 Nummer 51

Die »Lebkuchen-Wiege« stand im Nürnberger Reichswald

Von Patriziern stammt das Rezept – Lobeshymnen für ein »edles Gebäck«

Nach vielen Ländern in der Welt sind in diesen Wochen wieder große und kleine Sendungen mit Nürnberger Lebkuchen unterwegs, um, wie seit Jahrhunderten, Weihnachtsgrüße von Land zu Land zu bringen und den Ruf der Heimatstadt Nürnberg in die fernsten Gegenden zu tragen.

Bei der Beliebtheit der Nürnberger Lebkuchen liegt es nahe, sich mit einigen Besonderheiten vertraut zu machen, zumal diese Spezialitäten aus mittelalterlicher Zeit auf die Gegenwart übernommen sind. Ein Rezept der Frau Ladisla Derer, die einem alten Patriziergeschlecht angehörte, verrät in einem im Nürnberger Gemanischen Museum verwahrten Pergament, wie besonders schmackhaft Lebkuchen gebacken werden können: »Nimm ein Pfund Zucker, ein Achterlein Honig, 4 Lot Zimmet, eineinhalb Muskaterimpf, 2 Lot Inquer, eineinhalb Quendlein Pfeffer, ein Diethäuflein Mehl und mach ein Lebküchlein 5 Lot schwer.«

Es gibt viele solche uralte Rezepte. Nirgends aber werden Lebkuchen hergestellt, die sich in Geschmack, Glanz und Haltbarkeit mit den Nürnberger Erzeugnissen messen können. Der berühmte Polyhistoriker Johann Christoph Wagenseil (1633 bis 1705), in Altdorf bei Nürnberg, spendete dem Gebäck den Lobeshymnus: Die Nürnberger Lebküchlein oder Pfefferküch-
lein, welche angenehm von Geschmack, eine rechte Magenstärkung und auch angenehm beim Trunke sind, haben anderwärts noch nie nachgemacht werden können, obgleich man dazu alle Nürnberger Werkzeuge und Zutaten verschrieben hat.« Nikolaus Schurz, welcher der gleichen Ansicht ist, schrieb 1673: »Die besten Lebkuchen kommen aus Nürnberg wegen des Wassers und der Luft allda, weshalb man sie sonst nirgends so gut machen kann.«

Nürnberger Wasser und Nürnberger Luft – daran aber allein liegt’s bestimmt nicht. Aber können muß man’s – das Lebkuchenmachen. Die Nürnberger stellten ihre Lebkuchenkunst und Spezialität so auch in den Dienst der reichsstädtischen Diplomatie, und verschenkten Sie bei Besuchen ihrer Vertreter im Ausland sowie an ausländische Besucher der alten Noris.

Als Herzog Albrecht von Preussen in Nürnberg weilte, gab man ihm zu Ehren ein großes Festmahl, bei dem auch Lebkuchen gereicht wurden. Der Herzog war von ihrem Geschmack so begeistert, daß er sich ständig Lebkuchen aus Nürnberg nach Königsberg nachschicken ließ.

Auch Kaiser Friedrich III. schätzte Nürnberger Lebkuchenerzeugnisse außerordentlich. Als er 1487 während der Kreuzwoche in Nürnberg weilte, ließ er 4000 kleine Lebkuchen mit seinem Bildnis backen und an die im Stadtgraben versammelten Buben und Mädchen verteilen – »Kaiserla« nannte man diese Lebküchlein.

Für die Nürnberger Lebkuchen existierte auch ein besonderer Beleg in Form einer aus dem Jahr 1280 stammenden Ausstellungsurkunde für einen »Butigler«, da heißt für den kaiserlichen Verwalter, dem die Aussicht über die in Nürnberg, Altdorf, Feucht, Neumarkt und allen zum Nürnberger Reichswald gehörigen Ortschaften wohnenden Zeidler – der veraltete Ausdruck für Bienenzüchter – oblag.

Diese Zeidler schnitten den Honig aus den ungezählten wilden Bienenstöcken: Imkerei und Bienenzucht im heutigen Sinn gab es damals noch nicht. Trotzdem darf man ohne besondere Übertreibung sagen, daß die Wiege der Nürnberger Lebkuchen im Reichswald stand.

Thomas Steinmann



51/2001