Jahrgang 2006 Nummer 51

Die Krippe in der Pfarrkirche Hl. Kreuz

Ihren vollen Glanz entfaltet sie erst an Dreikönig

»Heuer ist sie besonders schön, unsere Krippe!«, kann man jedes Jahr wieder hören, wenn man sich nach der Mette in die Gruppe der Betrachter einreiht, und: »Wie er’s nur wieder geschafft hat, der Mesner, das viele frische Moos zu besorgen«.

Das frische, sattgrüne Moos ist schon wichtig für die weihnachtliche Stimmung und lässt die farbige Pracht der Figuren immer wieder neu erstrahlen. Mit dem Moos und dem Christbaum holen wir aus dem Wald die geheimnisvolle Stille der Natur in die Kirche, um das Wunder der Menschwerdung Gottes erahnen zu können.

Franz von Assisi war der erste, der im Jahre 1223 im Wald von Greccio das Weihnachtsgeschehen nachspielen ließ. Viel später haben sich Bildhauer und Schnitzer dem Thema gewidmet.

Die Künstlerin unserer Krippe, Frau Cäcilie Schmidt-Kramny (1915-1989) hat sich schon früh in ihrer Kindheit in Oberschlesien davon begeistern lassen. Wenn ihr Vater, Baumeister und Brunnenmacher, Ton anmalte, stibitzte sie etwas davon und formte Lämmer, Ochs und Esel. Der hl. Franz von Assisi war ihr Leben lang ihr Lieblingsheiliger und Vorbild, weil er die innige Verbindung von Glauben und Natur gepredigt und gelebt hat. So hat sie ihn auch in einer Bronzeplastik vor dem Pfarrheim dargestellt und in diesem Geist ihre Krippen geschaffen.

Zuerst in den 50er Jahren waren es Hauskrippen für wohlhabende Traunsteiner Familien. In den 60er Jahren entstanden ihre großen Krippen für die Kirchen Sprockhövel und Hl. Kreuz in Traunstein. Hier war es Pater Clemens Margreth, der die religiöse Ausdruckskraft ihrer Werke erkannte und schätzte. Vor über 40 Jahren, also 1965 gab er ihr den Auftrag für unsere Krippe. Wer ihn noch persönlich gekannt hat und in seinen besten Jahren predigen hörte, weiß, wie auch er das Erleben der Natur fast romantisch begeistert mit der Erfahrung des Glaubens verband.

Damit bewegte er sich nicht unbedingt im Zeitgeist der 60er Jahre. Religiöse Gefühle galten eher als altmodisch und rückständig. Religionskritik war angesagt. Nur was man mit der reinen Vernunft verstehen konnte, ließ man gelten. Ähnliche Strömungen hat es in der Kirche freilich immer gegeben. Zum Beispiel erließ im Jahr 1782, zur Zeit der Aufklärung, Erzbischof Colloredo für Salzburg ein Krippenverbot. Er wollte das religiöse Leben »von allen teils lächerlichen, teils ärgerlichen oder doch wenigstens unnötigen Dingen reinigen«.

Jetzt, Mitte der 60er Jahre wurden Fronleichnamsprozessionen nicht mehr abgehalten und selbst das traditionelle »Stille Nacht« war zu Weihnachten in den meisten Kirchen für ein paar Jahre nicht zu hören.

Genau in dieser Zeit sollte unsere Krippe entstehen, für die Bildhauerin damals keine leichte Aufgabe. Einerseits waren die Vorstellungen der Gläubigen von den traditionellen neapolitanischen und Oberammergauer Krippen geprägt – und Traditionen, besonders, wenn sie Gefühle beförderten, lehnte man weitgehend ab – andererseits waren nur wenige offen genug für neue Formen.

Frau Schmidt-Kramny hatte ihr Handwerk an den Kunstakademien in Weimar, Prag und München gelernt. Einige Jahre war sie Meisterschülerin bei Professor Thorak, einem persönlichen Freund Adolf Hitlers, der am Schloßsee bei Hemhof seinen Landsitz hatte. Bald nach dem Studium hatte sie dessen Stil des nationalen Realismus verlassen und ihren eigenen Weg eingeschlagen. Sie arbeitete zwar weiterhin gegenständlich, versuchte aber durch Vereinfachung, also durch eine gewisse Abstraktion, dem Wesentlichen zum Durchbruch zu verhelfen.

Zweifellos gelang ihr das auch bei unserer Krippe. Alles Unnötige wird weggelassen, Formen und Farben dezent gehalten, damit die Ruhe spürbar werden kann, die Voraussetzung ist für die Meditation des großen Geheimnisses der Menschwerdung Gottes. Der Künstlerin ging es um eine wesentliche religiöse und theologische Aussage, in deren Dienst sie ihre Arbeit stellte und der sie alles umterordnete: Immer sind wir Menschen unterwegs auf der Suche nach Geborgenheit, Frieden und Glück. Ans Ziel kommen wir erst, wenn wir wie die Hirten und Könige den Erlöser selbst finden, den Immanuel – Gott mit uns –, den Gott der Liebe auf dem Schoß Mariens.

Deshalb achtete die Künstlerin immer streng darauf, dass die Figuren nicht willkürlich oder rein dekorativ verteilt werden, sondern miteinander einen Zug hin zum Zentrum der Krippe bilden. Zuerst sind es die Hirten, die von zwei Seiten heranziehen. An Dreikönig wird umgestellt. Dann kommen die Hirten nur noch von links und die Könige von rechts. In der Mitte muss viel Platz frei bleiben, damit dem Betrachter der Blick auf das Ziel nicht verstellt wird und er sich selbst in den Zug einreihen kann. Dieser Idee muss dann allerdings die eine oder andere Figur Platz machen. Die Künstlerin hatte nie den Ehrgeiz, alle 70 Figuren gleichzeitig auf den 15 qm unterzubringen.

Bis zum Ende ihres Lebens 1989 ließ sie es sich nicht nehmen, ihr Werk selbst aufzustellen, sobald die Firma Helminger Unterbau und Kulissen aufgebaut hatte. In den ersten Jahren mussten Obstkisten als Basis für die bergige Voralpenlandschaft des Chiemgaus herhalten, bis die Erfindung des Styropor die Arbeit erleichterte.

Es war nie einfach Helfer zu finden, die alles benötigte Material aus dem tiefen Keller des Pfarrhauses hoch schleppten und die Figuren einzeln von den Schränken der Empore herunterholten. Keramik ist sehr empfindlich und eine kleine Unachtsamkeit kann großen Schaden verursachen.

In ihren letzten Jahren fiel es der Künstlerin immer schwerer hochzuklettern, um die Figuren in die richtige Position zu bringen, aber als aktives Mitglied der Pfarrei betrachtete sie es als ihre adventliche Aufgabe.

Wenn nach vielen Arbeitstagen das Gröbste geschafft war und sie den Verkündigungsengel aufhängen und die Musikanten um den Stall grupieren konnte, lebte sie richtig auf. Dann erzähte sie ihren Kindern und Angehörigen, die ihr die Figuren hinaufreichten, gern von ihrer Arbeit. Man spürte ihr religiöses Engagement und ihre innere Beziehung zu jeder der einzelnen Figuren. Diese fingen auf einmal an lebendig zu werden, wenn sie berichtete, dass sie besonderen Wert auf das Modellieren der Gesichter legte und die meiste Zeit dafür verwendete. Lebendig werden mehrere Figuren auch, wenn man weiß, wer Modell gestanden hat. Es waren u. a. Nachbarskinder, natürlich auch die eigenen kinder, Pater Margreth, der Auftraggeber und Stadtpfarrer von Hl. Kreuz, der ein Lamm herbeiträgt, der inzischen heiliggesprochene Pater Pio, der Bauer, bei dem die Familie nach dem Krieg ihre Milch geholt hatte oder der Missionsbischof aus Indien, der in den frühen 60er Jahren Traunstein besucht und durch seine große Gestalt und stattliche Erscheinung Aufsehen erregt hatte.
Alle Figuren scheinen beseelt zu sein. Durch die Innerlichkeit ihrer Haltung und Gesichtszüge strahlen sie Ruhe aus. Sie lassen etwas von dem Glück erahnen, das Gott den Menschen schenken will. Die Hirten sind in gedämpften Farben gefasst, damit der Blick auf die Mutter mit dem Kind auf ihrem Schoß gelenkt wird. Das transparente Rot des Kleides, Symbol für Freude und Liebe, rückt sie ins Zentrum.

Anders als in herkömmlichen Darstellungen ist Josef ein junger Mann. Er steht zurück im Bewusstsein der bescheidenen Aufgabe, die Familie schützen und ernähren zu müssen.

Niemand wagt, die Schwelle des Stalles zu überschreiten und das Mysterium der Menschwerdung zu stören.
Der Stall wird zum Tabernakel.

Die einfältigsten der Tiere, Ochs und Esel, stehen am nächsten. Sie geben die nötige Geborgenheit und Wärme, nachdem sich die Menschen kalt gezeigt und das Heilige Paar von der Türe gewiesen haben. Draußen vor dem Stall fallen Elefant und Schafe auf die Knie vor dem Messias; denn er ist gekommen, die gesamte Schöpfung zu erlösen, die der Mensch zu zerstören droht, wenn er sich anmaßt, zu ihren innersten Geheimnissen vorzudringen. Nur Glaube und Vertrauen eröffnen die Chance, sich dem Mysterium der Menschwerdung zu nähern. Daher stehen auch die Kinder ganz nahe.

Die einfachen Hirten dürfen als erste ihre Geschenke bringen. Mit ihren Gaben, sei es ein Lamm oder ein Krug mit Milch, schenken sie sich selbst. Der Betrachter mag sich in der einen oder anderen Figur wiedererkennen – vielleicht im verlorenen Sohn, der auszog, um im Luxus der Welt sein Glück zu suchen, und nach bitteren Erfahrungen wieder Vergebung und Geborgenheit im Vaterhaus findet.

Ein anderes neutestamentliches Symbol für das leidvolle Unterwegs-Sein des Menschen ist die Szene mit den Füchsen: Jesus beklagt vor seiner Passion, dass selbst die Füchse ihre Höhlen hätten, aber der Menschensohn keinen Platz habe, wohin er sein Haupt legen könnte.

Einige Hirten halten noch Ausschau nach dem Erlöser, andere scheinen gerade angekommen zu sein oder stehen wie gebannt vor Staunen und Bewunderung.

Die Krippe von Hl. Kreuz entfaltet ihren vollen Glanz erst an Dreikönig. Mit Pferden, Elefanten und Kamelen unterbricht der Zug der Könige in orientalischer Pracht und Geschäftigkeit die weihnachtliche Stille.

Als erster kniet jedoch, die Krone auf dem Haupt, der blonde König aus dem Abendland vor dem Kinde nieder. Der Scheich aus dem Süden hebt die Hände in mystischer Verzückung empor, während sich der schwarze Herrscher, der wohl dem fernen Orient zuzuordnen ist, geschmeidig wie ein Panther nähert. Er wird von drei Kindern begleitet, die ganz unterschieliche Charaktere verkörpern.

Die Heiden am Lagerfeuer stehen noch abseits und sinnen nach über das Geschehen, das auch sie betrifft: Der Erlöser ist zu allen Menschen gekommen.

Wer sich für die Betrachtung Zeit nimmt, sich in den Zug der Könige und Hirten einreiht, mit den Kindern mitträumt und mit den Musikanten mitfeiert, wird seine Sorgen wenigstens für ein paar Minuten vergessen können. Gleichzeitig begibt er sich in erlauchte Gesellschaft. Selbst Papst Benedikt XVI. ist, als er noch Erzbischof von München und Freising und später Kardinal in Rom war mit Bruder und Schwester vor unserer Krippe in Hl. Kreuz gesehen worden.

Artur Frison



51/2006