Jahrgang 2002 Nummer 9

Die Hügel sanft, der Gipfel himbeerfarben

Das Münchner Alpine Museum zeigt »Ansichten vom Berg«

Carl Ullrich: »Meine Überschreitung der Gletscher von Boissans und Tacconay...« Farblithografie. Veröffentlicht in Ignaz von Kür

Carl Ullrich: »Meine Überschreitung der Gletscher von Boissans und Tacconay...« Farblithografie. Veröffentlicht in Ignaz von Kürsinger, Franz Spitaler. Der Gross-Venediger... Innsbruck 1843.
Franz Pracher: »Spitze des Groß-Venedigers« (Lithografie, Radierung, 1843). Veröffentlicht in: Wilhelm Pitschner. der Mont-Blanc

Franz Pracher: »Spitze des Groß-Venedigers« (Lithografie, Radierung, 1843). Veröffentlicht in: Wilhelm Pitschner. der Mont-Blanc. Berlin 1860.
Was das trefflichste Foto nicht leistet, bietet die Grafik, ob Holzschnitt, Kupferstich, Radierung oder Lithografie – die von künstlerischer Hand gefertigte »Ansicht vom Berg« ist beredt. Sie erzählt eine Geschichte, halb wahr, halb erfunden. Sie gibt – meist in idealisierter, von der Bildkomposition diktierter Form – eine bestimmte Stimmung wieder: sanfte Ruhe, Beschaulichkeit, Seelenfrieden, glanzvolle Überhöhung des irdischen Daseins oder Zerrissenheit, Bedrohung, heraufziehendes Unheil.

Auf einer kolorierten Radierung (456 mal 325 Millimeter) des Johann Paul Franz Thelott, der sich an eine Naturzeichnung von August Franz Heinrich von Naumann hielt, gibt er den Badgasteiner Wasserfall wieder. 210 Jahre alt ist das im unteren Teil außerhalb des Bildrahmens französisch beschriftete und mittig von einem königlichen Wappen gezierte Blatt. Es wurde der »Sammlung der schönsten Prospecte des Landes Salzburg« entnommen, einer Bildserie, die von 1791 bis 1795 erschien und 28 kolorierte Radierungen enthielt, die auf Naumann zurückgehen. In Franz Martins »Kunstgeschichte von Salzburg« von 1925 werden August Heinrich von Naumanns Bilder als »schwach« eingestuft. Die Berge seien darauf »grässlich verzeichnet«, doch entbehrten sie keineswegs eines gewissen historischen Wertes. Gleichviel: Ein wild herabstürzender Wasserfall reißt ein paar Felsbrocken und Geröll mit sich, was für die Holzbrücke am rechten unteren Bildrand, über die ein junger Mann in Kniehosen einen störrischen Schimmel führt, gefährlich werden kann. Doch ansonsten: sommerlich-sonntägliche Friedlichkeit, saftig grüne, dünn mit Holzhäuschen siedelte Landschaft mit fichtenbestandenen Gebirgsblöcken, aus denen sich der »Badgasteiner Wasserfall« (so der Titel des Blattes herauszwängt. Im Zentrum: eine gut befestigte Holzbrücke, die sich über die schmalste Stelle der gischtenden Schlucht spannt. Spaziergänger passieren des Steg. »Kein topografisch genaues Porträt der örtlichen Gegebenheiten«, sondern »nur eine stilisierte Darstellung der Landschaft«, heißt es im Kommentar.

So verhält es sich weitgehend mit allen derzeit im Alpinen Museum München ausgestellten Drucken mit »Ansichten vom Berg«. Achtzig Exemplare wurden aus der museumseigenen Sammlung hervorgeholt und zum Betrachten aufgehängt. Unspektakulär ist die Hängung. Man rechnet mit dem sich in jedes Blatt, ungeachtet der Zeit, die dazu nötig ist, liebevoll versenkenden Beschauer. Den »Wandel eines Motivs in der Druckgrafik von Dürer bis Heckel« (so der Untertitel der Ausstellung) aufzuzeigen, war die Absicht. Vielleicht ist sie manchem, der ein Blatt ums andere besieht, durchaus gleichgültig. Er hat es mit einem Schatz schönster grafischer Arbeiten vom Ende des 15. bis herauf in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zu tun und genießt ein stets wechselndes Panorama der sanften Hügel und beschneiten Achttausender, deren Gipfel schon einmal, wie im Fall des Montblanc, himbeerfarben leuchten können. Carl Ullrichs Farblithographie »Die Calotte des Mont-Blanc...« gehört in die Gruppe »Illustrationen in Sachbuch, Führer und Reiseliteratur«; ist sie doch Wilhelm Pitschners Montblanc-Atlas (Berlin, 1860) entnommen. Hier darf der nackte Fels, die geradezu arktisch anmutende Eiskraterlandschaft, zu Lehr- und Anschauungszwecken idealistisch und realistisch zugleich gestaltet, dominieren.

Dürer und Hollar, Merian und Birmann, Wolf Koch und Pezolt, Stange, Somony, Sieck, Bauriedl, Kanoldt und Heckel – die unterschiedlichsten Namen aus der Druckgrafik tauchen in dieser Ausstellung auf und faszinieren jeder auf seine spezifische Art. Hans Brunners bekannte Farblithografie zur »Sage vom Untersberg bei Salzburg« (1847) nimmt den Betrachter ihrer opulenten Phantastik auf andere Weise ein als etwa Francis Jukes’ »The Cascade of Pichoux« (um 1800), ein Kupferstich nach George Barrett, der ein Stück »Switzerland« vollkommen romantisiert. Gustav Wilhelm Kraus ist mit der (hand?)kolorierten Lithografie »Garmisch und Partenkirchen« (circa 1836), Franz Hanfstaengl mit dem Blatt »1848« (vor 1868) vertreten: vor hochalpinem Panorama felsiges Gipfelplateau »eines Bergs, auf dem kurz zuvor ein nur verlöschendes Feuer entzündet worden war. Auf der Erhebung sind fünf junge Männer in Tracht gruppiert, von denen einer – prominent akzentuiert – ein schwarz-rot-goldenes Banner mit Eichenkranz hält und hutschwendend die aufgehende Sonne begrüßt«.

Politik und Zeitgeschehen sind eher die Seltenheit auf den gezeigten »Ansichten vom Berg«. Es überwiegt die dekorative, vom Gebirge geradezu gekrönte, oft auch symbolisch »überhöhte« Landschaft, die durchaus Bezug nimmt auf vordergründig Dargestelltes (Albrecht Dürers »Heimsuchung«, um 1504). Der »heilige Berg« kommt leider ohne Beispiele etwa der enorm frappierenden Meteora-Felsen (Nordgriechenland) aus, auch wenn diese Gruppe einen Lebschée mit »Andechs« (1832) aufweist. Der christlichen Ikonografie gleich die Mythologie anzuhängen, erscheint nicht unbedingt logisch. Höhle und durchbrochener Fels nehmen mit ihrer Wildheit (Joseph Andreas Manz: »La Grotte d’Orliero«, um 1800), Veduten wegen ihrer versuchten Wirklichkeitstreue gefangen. (Beispiel: Michael Wolgemut/Wilhelm Pleydenwurffs »Salzburga«-Holzschnitt aus der lateinischen Ausgabe der Schedelschen Weltchronik, erschienen 1493 bei Anton Koberger in Nürnberg: die erste Salzburg-Darstellung schlechthin, zusammen mit dem Blatt »Tanz um das goldene Kalb« aus nämlichem Werk die ältesten Beispiele der Ausstellung.)

Von da ist es schon ein weiter Weg bis herauf ins 20. Jahrhundert, vertreten durch Otto Bauriedl, Rudolf Sieck (»Vorfrühling im Chiemgau«, Farbaquatinta-Radierung, 1914), Werner Schön, Alexander Kanoldt (»Alpspitze«, Lithografie, 1932), Erich Heckel. Sein »Berghang am See«, eine signierte Lithografie (der 15. von insgesamt 35 Abzügen) des Jahres 1965, konzentriert sich ganz auf das Motiv, das im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht: den Berg an sich. Der Katalog mutmaßt, dass es sich um eine Ansicht ungefähr 30 Kilometer südlich des Bodensees (Walsee mit Churfirstengruppen-Ausschnitt) handelt. Heckel, ein Künstler der »Brücke«-Gilde (1905 bis 1913), war vielleicht von einer erlebten Gebirgslandschaft so begeistert, dass er sie – aus dem Kopf – bildhaft gestaltete, ohne dabei an naturalistische Präzision zu denken. Grafiken sind Bilder, keine fotografischen Wiedergaben. Diese Grund-Erkenntnis ist auf alle zu besichtigenden »Ansichten vom Berg« anwendbar.

Der Katalog, ein ausgezeichnetes Werk, das manche Grafik sogar farbgetreu wiedergibt und alle Arbeiten hervorragend kommentiert, wurde von Robert Stalla herausgegeben. Der Kunsthistoriker an der LMU München erarbeitete innerhalb zweier Hauptseminare die Ausstellung mit seinen Studierenden. »Ziel des Projektes war es, originale Kunstwerke aus dem noch weitgehend unbearbeiteten und in der Öffentlichkeit wenig bekannten Grafikbestand wissenschaftlich zu untersuchen und zu diskutieren«, schreibt LMU-Rektor Andreas Heldrich im Vorwort und unterstreicht das – dem Betrachter gottlob nicht störende, ihn eher sanft leitende – akademische Anliegen, das dieser Ausstellung zu Grunde liegt. Sie geht von München, wo sie noch bis zum 31. März 2002 gezeigt wird, ans Landesmuseum für Kärnten in Klagenfurt (21. Juli bis 31. November 2002), dann ins Schloss Spiez am Thuner See (Schweiz), bis sie im Frühjahr 2004 noch einmal im Städtischen Museum Rosenheim Besuchern offen steht.

HG



9/2002