Jahrgang 2010 Nummer 6

Die Heilige fürs Zahnweh

Am 9. Februar gedenkt man in Altbayern der Jungfrau und Märtyrin Apollonia





Hans Holbein d. Ä. hat sie vor 500 Jahren für den Hohenheimer Altar gemalt, Hans Multscher sie schon 50 Jahre früher als Holzstatue auf den Sterzinger Altar gestellt: Sankt Apollonia. Im Jahre 249, so weiß man, wurde die im Glauben an Jesus Christus standhafte, »schon ein wenig betagte« Jungfrau in Alexandria zur Märtyrin. Unbeirrt verweigerte sie ein Opfer in einem Götzentempel. Ausschlaggebend für die dem ältlichen Mädchen zuteil gewordene grausame Folter war ihr beherztes Lippenbekenntnis: »Solange ich in diesem gebrechlichen Leib lebe, werden mein Mund und meine Zunge ohne Unterlass den allmächtigen Gott loben und preisen«. Dafür stieß man ihr angeblich die Zähne aus, zerschmetterte ihr die Kinnlade und – so wollen es manche Quellen zusätzlich wissen – riss man ihr das Gebiss mit einer Zange aus.
Die Zange ist der Gottgeweihten geblieben. Seit sie abkonterfeit wird, fehlt sie nicht in einer ihrer Hände, und wer ihre Bilder (wie die hier gezeigte Gebetbucheinlage, gedruckt kurz vor 1900 in Mönchen-Gladbach bei B. Kühlen, rückseitig mit einer Kurzvita der Heiligen und einem Gebet) genau anschaut, sieht, dass sie einen ausgerissenen Stockzahn in der Beißzange hält. Kein Wunder, dass Apollonia als Helferin bei Zahnweh herhalten musste – und wem es ganz arg ängstigte vor einem Zahnarzt-Gang, der durfte sich schon immer vertrauensvoll an die Gute wenden. Irgendwie wird dieser leidenden Person beigesprungen sein – wenn selbiger auch das Bohren oder Ziehen oder gar eine Wurzelbehandlung nicht erspart geblieben ist. Wer Apollonias Beistand bereits spüren durfte, sollte ihr am 9. Februar, dem in Altbayern noch immer eingehaltenen Apollonia-Gedenktag, ein Kerzerl anzünden

Dr. Hans Gärtner



06/2010