Jahrgang 2010 Nummer 4

Die Hausordnung von Herzog Wilhelm V.

Sie gewährt interessante Einblicke in das private Leben am Münchner Hof

Herzog Wilhelm V., Stich aus dem Stadtarchiv München.

Herzog Wilhelm V., Stich aus dem Stadtarchiv München.
Herzogin Renate, die Gemahlin Wilhelms V., Gemälde auf der Burg Trausnitz in Landshut.

Herzogin Renate, die Gemahlin Wilhelms V., Gemälde auf der Burg Trausnitz in Landshut.
Wie verlief das private Leben eines bayerischen Herzogs, wie war sein Tagesablauf eingeteilt, welche dienstbaren Geister hatte er zur Seite und worin bestanden deren Aufgaben? Die Antwort auf solche und ähnliche Fragen sucht man in unseren Geschichtsbüchern vergeblich, ihr Augenmerk richtet sich in erster Linie auf die politischen Leistungen, auf kriegerische Auseinandersetzungen, siegreiche Schlachten und auf Gebietsgewinne der jeweiligen Herrscher.

So gesehen ist es ein ausgesprochener Glücksfall, dass sich in der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek ein Exemplar der Kammer- oder Hausordnung von Herzog Wilhelm V. erhalten hat, die von ihm im Jahre 1581, zwei Jahre nach Antritt seiner Regierung, erlassen wurde. Die Kammerordnung ist eine Art Dienstanweisung für das herzogliche Personal und erlaubt nicht nur einen Einblick in den Ablauf der Tagesgeschäfte, sondern lässt auch etwas von der patriarchalen Atmosphäre am Herzoghof in der Münchner Residenz spüren.

Der im Jahre 1548 in Landshut geborene Herzog Wilhelm V. war in den strengen Formen der jesuitischen Disziplin erzogen worden und kein Freund höfischer Prachtentfaltung. Die Führung der Staatsgeschäfte betrachtete er als eine ihm von Gott aufgetragene Pflicht, der er mit Ernst und Hingabe nachzukommen trachtete. »Außer der heiligen Katholischen und Apostolischen Römischen Religion gibt es keine Seligkeit und kein Heil«, lautete einer seiner Grundsätze. Nicht ohne Grund legte man ihm später den Beinamen »der Fromme« bei.

Seine Gattin Renate, eine Tochter Herzogs Franz von Lothringen, die ihm zehn Kinder schenkte, unterstützte ihn in seiner strenggläubigen Lebensführung. Kein Wunder, dass auch die für den Hausstand der Herzogfamilie maßgebliche Kammerordnung vom Geist der Frömmigkeit und von Respekt ohne Liebedienerei geprägt ist. Die Leitung des herzoglichen Hauswesens oblag dem Obrist Kämmerer, einer Persönlichkeit aus dem alten bayerischen Adel. Im Jahre 1581 war das Graf Otto Heinrich zu Schwarzenberg, Herr zu Hohen Landsberg. Der Obrist Kämmerer hatte stets bereit zu sein »und zu Unserer Reputation und Fürstlicher Würden alles zu tun ...« Er wurde unterstützt von mehreren Kammerdienern, dem Garderobier, dem Leibbarbier, dem Leinmedicus, den Kammertrabanten und den Edelknaben. Eine Reihe weiterer Personen stand dem Herzog für seine persönlichen Wünsche und für die täglichen Dienstleistungen zur Verfügung. »Diese sollen über alles, was im Hause geschieht und vor sich geht, still schweigen und bis zu ihrem Tode geheim halten«, heißt es gleich zu Anfang der Kammerordnung. »Außerdem haben sie sich allen Fürwitzes, Zanks und Streits zu enthalten, sollen weder Hoffahrt noch Stolz zeigen, sondern sich stets höflich, freundlich und gutwillig erweisen.«

Der Dienst begann im Sommer um sechs, im Winter um sieben Uhr, sofern aus besonderem Grund kein anderer Termin angesagt war. Außer der Hilfe beim An- und Auskleiden des Herzogs mussten die Kammerdiener auch andere kleine Arbeiten übernehmen. Auf Abruf hatten sie sich in den Vorzimmern aufzuhalten, die außer ihnen niemand betreten durfte. Sobald das Abendessen vorbei war, mussten sie sich bis zum Schlafengehen »zum Abziehen seiner Durchlaucht« bereit halten und diesen Zeitpunkt »nüchtern und in aller Ehrerbietung« abwarten. Diejenigen, die den Kammerschlüssel trugen, hatten den Zutritt zur inneren Herzoglichen Kammer genau zu überwachen, mussten den Schlüssel am Leib verwahren und durften ihn nur den Obrist Kämmerer aushändigen.

»Der Zutritt in unsere innere Kammer hat bedächtig und bescheidentlich zu erfolgen«, schärft der Text den Bediensteten ein, »besonders dann, wenn wir uns im Gebet befinden oder wenn unsere Gemahlin oder wenn Geheime Ratspersonen bei uns sind. Sollte es unbedingt nötig sein, dann ist zumindest vor dem Eintreten an die Türe zu klopfen.«

Jeden Morgen wurde der Herzog vom Kämmerer durch Klopfen an die Schlafzimmertüre geweckt. Dann brachte der älteste Kammerdiener die Pantoffeln, der Obrist Kämmerer einen Pelzmantel. Beide begleiteten den Herzog zum Abtritt. Bei Dunkelheit trug der Diener ein Licht voran, nur der Obrist Kämmerer blieb bei Seiner Durchlaucht. Nach der Rückkehr ließ sich der Herzog in einen Sessel nieder und der Obrist Kämmerer reichte den Kamm, »damit wir uns selbst das Haar und den Bart kämmen«.

Vom Kammerdiener nahm der Obrist Kämmerer das Hemd, den Brustfleck und ein gestricktes Hemd, ein Kammerdiener brachte die leinenen Socken und die Hosen zum Anlegen. Durchlaucht erhob sich vom Sessel, der Obrist Kämmerer half ihm das Wams anlegen, während der Garderobier das Nachthemd an sich nahm und zusammenfaltete. Inzwischen hielt der Garderobier den Leibrock, das Seitengewehr und den Überrock bereit und überreichte Stück für Stück »mit gebührender Reverenz« dem Obrist Kämmerer. Das Zubettgehen vollzog sich in umgekehrter Reihenfolge. Grundsätzlich schlief der Herzog nicht allein. »Ist unsere geliebte Gemahlin nicht bei uns, soll der Obrist Kämmerer in unserer Kammer schlafen«, bestimmt die Kammerordnung.

Natürlich war auch der Tischdienst genau geregelt. Wenn der Herzog das Mittagsmahl nur in seiner Kammer zu sich nahm, brachte der Obrist Silber-Kämmerer das Geschirr, die Kammerdiener deckten den Tisch und legten das Essgeschirr bereit. Nach dem Hauptgang trugen Garderobier und Leibbarbier den Kuchen auf, der älteste Kammerdiener reichte dem Herzog den Wein. Vor und nach dem Essen hatte der Schenk eine Kanne mit Wasser und das dazugehörige Becken zum Reinigen der Hände bereitzuhalten. Bei allen Mahlzeiten musste der Leibmedicus zugegen sein, auch auf Reisen, um notfalls helfend eingreifen zu können.

Für die Kleidung des Herzogs gab es ein eigenes Inventarverzeichnis, das der Gardarobier verwaltete. Nur er und sein Helfer waren befugt, die Kleiderkammer zu betreten. Von abgelegten Kleidungsstücken durfte nichts ohne ausdrückliche Erlaubnis ausgesondert werden.

Eine Vertrauensstellung hatte auch der Leibbarbier inne, der für das Haareschneiden, Aderlassen und Rasieren sowie das Baden und Fußwaschen zuständig war. Dafür musste er immer für Handseife, Puder, Pomade und sonstige Körperpflegemittel besorgt sein. Um seinen Herrn nicht in Gefahr zu bringen, war es ihm bei schwerer Strafe verboten, ein Pesthaus zu betreten oder sich einer sonstigen Ansteckungsgefahr auszusetzen.

Der Dienst in der herzoglichen Hofkammer ist ein ausgesprochener Ehrendienst, betont die Kammerordnung. Das kam dadurch zum Ausdruck, dass die Kammerdiener bei öffentlichen Anlässen, bei Prozessionen, Hochzeiten und anderen Festlichkeiten immer die erste Stelle hinter den Geheimen Räten und Offizieren einnahmen und auch sonst verschiedene Bevorzugungen genossen.

Julius Bittmann



04/2010