Jahrgang 2005 Nummer 12

Die »größte Dame der Welt« stammte aus Tirol

Maria Fassnauer aus dem Ridnauntal wurde als Schaunummer vermarktet

Auf einer Postkarte war Mariedl mit ihrer Schwester Rosa dargestellt (um 1910).

Auf einer Postkarte war Mariedl mit ihrer Schwester Rosa dargestellt (um 1910).
Thomas Hasler vom Grundnerhof in Gmund bei Tegernsee war mit seiner Körperlänge von 235 Zentimeter nicht nur der größte Bayer, sondern der größte Deutsche und ist als solcher in das Guiness-Buch der Rekorde eingegangen. Er wog 155 Kilogramm und ist im Jahre 1876 im Alter von nur 25 Jahren gestorben.

Noch fünf Zentimeter größer und mit 200 Kilogramm Körpergewicht wesentlich schwerer war Maria Fassnauer, genannt Mariedl, aus dem Ridnauntal. Die größte Tirolerin, die von 1879 bis 1917 lebte, gilt Statistiken zufolge als »größtes Weib, das je gelebt hat«. Auf dem Gebiet des Riesenwuchses sind demnach die Tiroler den Bayern eindeutig überlegen.

Mariedl wurde auf Volksfesten und Jahrmärkten von einem geschäftstüchtigen Agenten gegen entsprechendes Eintrittsgeld einem staunenden Publikum vorgeführt. In Wien, Berlin und London hatte sie sogar die Ehre, vor gekrönten Monarchen aufzutreten und bewundert zu werden.

Ein zeitgenössisches Werbeblatt beschreibt Mariedl als »nicht lang und schlank, wie die meisten Großgewachsenen, sondern als wohl gebaut und gut proportioniert«. Ihr Fingerring war so groß, dass man eine Zweimarkmünze durchstecken konnte, sie hatte Schuhgröße 68 und Handschuhgröße 16. Dass Mariedl bei ihrem Körpervolumen »immer Appetit hatte«, wie der Prospekt hervorhebt, ist verständlich. Schon zum Frühstück verspeiste sie für gewöhnlich 18 Eier, ein Dutzend Semmeln, einen Teller mit Schinken und trank drei Kannen Kaffee. Als Nachtisch folgte noch eine große Schüssel Kompott.

Am heimatlichen Bauernhof in Ridnaun war Mariedl eine geschätzte Hilfe, denn sie arbeitete für drei Dienstmägde, ob beim Heumachen, beim Melken oder sonstigen Tätigkeiten.

Mariedls enorme Größe hatte sicher eine genetische Ursache, denn angeblich war schon ihr Urgroßvater auf über zwei Meter Körperlänge gekommen. Dabei hatte sich Mariedl bis zu ihrem dritten Lebensjahr ganz normal entwickelt und war von anderen Kleinkindern nicht zu unterscheiden gewesen. Dann setzte das aussergewöhnliche Längenwachstum ein und kam erst zum Stillstand, als sie 16 Jahre alt war.

Die »größte Dame der Welt« war über ihre Abnormität alles andere als glücklich, ebenso wenig über das Spektakel, das ihr Agent bei den Tourneen mit ihr veranstaltete. Aber sie brauchte Geld, ihre armen Eltern waren nicht in der Lage, ihre aus der Art geschlagene Tochter mit ihrem riesigen Nahrungsbedarf zu unterhalten. Bei den Demonstrationen war immer auch ihre jüngere Schwester Rosa mit von der Partie. Sie musste als Beweis dafür dienen, dass Mariedls Angehörige ganz normal gewachsen waren. Ein passender Ehemann für die Riesin fand sich nicht, was einleuchten dürfte.

Im Vergleich zu ihrem bayerischen Riesen-Kollegen Thomas Hasler war der Maria Fassnauer ein langes Leben beschieden; im 38. Lebensjahr ist sie in ihrer Tiroler Heimat an Herzversagen gestorben.

JB



12/2005