Jahrgang 2021 Nummer 24

Die Glocken der Grassauer Kirche

Die Kirchenglocken mussten während des Krieges abgeliefert werden

Jubiläumsglocke.
Einzug der Glocken am 11. Mai 1926.
Weihe der Glocken durch Pfarrer Attenberger.
Aufzug der Glocken.
Anlieferung der Glocken nach langer Fahrt 1948.
Gedenktafel an der Kirche.

Der weit aufragende Glockenturm der Grassauer Kirche trug mit Sicherheit bereits im 11. oder 12. Jahrhundert eine Glocke, aber heute ist davon nichts Genaues mehr bekannt. Gleiches galt auch für die beiden später aufgehängten Glocken. Von ihrer Entstehung war nichts bekannt, bis sie im ersten Weltkrieg eingezogen wurden und eingeschmolzen werden sollten. Aus den Aufzeichnungen zu dieser Beschlagnahme geht hervor, dass es sich um Glocken aus dem 17. und 18. Jahrhundert handelte.

Die älteste war die Marienglocke. Sie wurde 1615 von der Gießerei Kaspar Schitz in München gegossen. Sie ist 100 cm hoch und wiegt 600 kg. Sie trägt die Inschrift 'HERR JESU – VERSCHONEN DICH DEIN VOLCH (VON) BESER LUFT BESTILENZ SCHAUER' – Herr Jesus, verschone dein Volk von böser Luft, Pestilenz, Schauer.

Die Zwölfuhr-Glocke wurde 1645 von Ernst in München gegossen. Sie ist fast 100 cm hoch und hat einen Durchmesser von 126 cm. Sie trägt die Inschrift 'Jesus Nazarenus Rex Judeorum, miserere nobis.'

1753 kam dann die Wetterglocke dazu, welche bei Johann Georg Elshinger in Salzburg gegossen wurde. Sie wiegt 180 kg und hat einen Durchmesser von 70 cm. Auf der Glocke ist folgende Inschrift zu lesen: 'A fulgure, grandine et a mals tempestate litera nos Domine Jesu Christe'. In Übersetzung: Vor Blitz, Schauer und Ungewitter verschone uns Herr Jesus Christ. Im Schild ist zu lesen: 'Durch Feir und Hitz bin ich geflossen. Johann Georg ELSHINGER hat mich zu Ehren Gottes gegossen. Salzburg 1753.'

Die Glocken wurden im 1. Weltkrieg zwar eingezogen aber glücklicherweise nicht eingeschmolzen. So kamen sie nach dem Ende des Krieges nach Grassau zurück.

Im Rahmen der Vorbereitungen zur Tausendjahrfeier in Grassau schlug 1925 die Kirchengemeinde Grassau vor, das Geläut um eine weitere Glocke zu ergänzen. Die Gemeinde unterstützte die Pfarrei durch einen Spendenaufruf und durch die Bereitschaft, sich selbst finanziell zu beteiligen.

AUFRUF!

Im Jahre 1926 ist geplant, den über 1000jährigen Bestand der Pfarrei Grassau mit besonderer kirchlicher Festlichkeit zu ehren. Würdig und feierlich wollen wir diesem Jahr das Gepräge der Erinnerung an früheste Zeiten geben und besonders unsere mehr als 1000 Jahre alte Pfarrkirche, als sichtbares übernommenes Wahrzeichen, für diese Feier vorbereiten und nach Möglichkeit ausgestalten.

Die Erinnerungsfeier selbst will der Gemeinderat vorerst dem weiteren Gedeihen überlassen; dagegen aber einem grossen Wunsch und allseitigem Verlangen der Angehörigen der Gemeinde nachkommen und die Beschaffung einer

neuen grossen Glocke,

um die es sich als erstes handelt, anstreben. – Die Beibringung der Gelder wird wohl die schwierigste und wichtigste Aufgabe sein. Die Gemeinde selbst gibt die Zusage, nach Möglichkeit hierin mitzuwirken; jedoch nur dann wird die Beschaffung möglich sein, wenn alle Kreise mithelfen und reichlich beisteuern.

Wir richten daher alle Gemeindeangehörigen die grosse Bitte: »diese ehrende und bleibende Sache tatkräftigst und mit offener Hand zu unterstützen.«

Wie die Stimmung des Gemeinderates selbst schon ausdrückt, besteht bereits die grösste Sympathie dieses Werk wirklich und bedeutend zu fördern.

Die Zeichnung der Spenden kann erfolgen im Laufe der Woche vom 19. - 26. Juli, anschliessend ist die Einzahlung zu betätigen. Im Hinblick auf die schlechte Geldbeschaffungsmöglichkeit kann als Erleichterung für die Spender, eine Hälfte der gezeichneten Summe bis ein Jahr gestundet werden. Dieses bitte ich bei der Zeichnung zu vermerken. Weiteren besonderen Wünschen soll gerne nachgekommen werden.

Wir sind überzeugt von dem grossen Verständnis Aller und damit vom Gelingen dieser grossen Sache. Im Turm der Pfarrkirche sind bereits die Schallöffnungen, die vor 200 Jahren zugemauert worden sind, wieder freigemacht und somit der Platz für die neue Glocke geschaffen.

Und diese neue Glocke wird bei der 1000jährigen Erinnerungsfeier das erstemal über unserem Gau ertönen und denen, die sie geschaffen, Dank und Befriedigung zurufen!

Grassau, den 16. Juli 1925

DER GEMEINDERAT GRASSAU

Bürgermeister Bosch

Dazu musste auch der entsprechende Glockenstuhl errichtet werden. Diese Arbeit übernahm der Baumeister Mathias Hörterer, der gleichzeitig auch Kirchenpfleger war. Nach seinen Plänen entstand dieses Werk, welches dann die schwere Glocke und eine kleinere mit 5,5 Zentnern aufnehmen konnte.

Die große Glocke wurde in der Glockengießerei Hahn in Landshut gegossen und hatte einen Durchmesser von 126 cm sowie ein Gewicht von 50 ¼ Zentnern. Sie kostete insgesamt 8959 Mark. Dazu kamen noch die Kosten für den Glockenstuhl von 1230 Mark, eine recht hohe Summe für die örtliche Bevölkerung und die Gemeinde in der damaligen Zeit.

Die große Glocke trug die Aufschrift: Gestiftet von der Pfarrei Grassau zur Feier ihres tausendjährigen Bestandes 1926.

Am 11. Mai 1926 wurden die Glocken unter großer Anteilnahme durch die Bevölkerung auf einem großen, festlich geschmückten Lastwagen angeliefert. Der Festzug zog sich vom Ortseingang bei Kucheln vorbei am Weißbräu und Hansbäck. Der ganze Ort war mit Girlanden und Fahnen dem Feste entsprechend geschmückt. Alle örtlichen Vereine mit ihren Fahnenabordnungen und vielen Mitgliedern nahmen an diesem Festtag teil. Der Empfang erfolgte dann vor der Kirche. Der Kirchplatz war voller festlich gekleideter Bürger. Dort wurden die Glocken durch Pfarrer Georg Peter Attenberger geweiht und von Hand mit einem langen Seil den Kirchturm hinaufgezogen.

Die Glocken konnten leider nicht lange an ihrem angestammten Platz verbleiben. Im zweiten Weltkrieg 1942 wurden alle Glocken beschlagnahmt und sollten eingeschmolzen werden. Nach dem zweiten Weltkrieg stellte sich aber heraus, dass die zwei ältesten Glocken nicht eingeschmolzen worden waren.

Nach langen Recherchen durch Pfarrer Hausladen konnten die zwei ältesten Glocken auf einem sogenannten Glockenfriedhof in Hamburg ausfindig gemacht werden. Zu Beginn des Jahres 1948 wurden sie dann nach Würzburg verschifft. Darüber berichtete die örtliche Presse:

08. Februar 1948: Verschiffung von zwei Glocken vom Hamburger 'Glockenfriedhof' nach Grassau.

Die Grassauer Kirchenglocken mussten während des Krieges abgeliefert werden. Dazu gehörte die Jubiläumsglocke, die anlässlich des 1000-jährigen Kirchenjubiläums 1926 angeschafft worden war, und eine andere Glocke aus dem Jahr 1925. Diese beiden Glocken waren umgehend eingeschmolzen worden. Die beiden anderen kulturgeschichtlich wertvollen Glocken lagerten dagegen im Hamburger 'Glockenfriedhof' und wurden bereits nach Würzburg verschifft, von wo aus sie mit der Bahn nach Grassau gebracht werden sollen. Es handelte sich um die drittgrößte Glocke, die Marienglocke, im Gewicht von 600 kg, die 1615 in München gegossen wurde, und die kleinste der ehemals 4 Glocken, die mit dem Bild des hl. Rupert versehene Wetterglocke, die einer Salzburger Gießhütte vom Jahre 1753 entstammte und 180 kg wiegt.

19. Mai 1948

Die beiden auf dem Hamburger 'Glockenfriedhof' aufgefundenen Glocken wurden abends in festlichem Zug von Kucheln aus auf prächtig geschmückten Wagen ins Dorf gefahren.

»Die neuhergestellten, prächtigen Ledergeschirre des Gespanns (Ein Meisterwerk des Marquartsteiner Sattlermeisters Mittermayer) wurden viel bewundert. Die Schuljugend, die Frauen und Mädchen in ihrer malerischen Tracht, die Vereine mit Fahnen, der Kirchenchor und die Musikkapelle Grassau begleiteten mit der Geistlichkeit die Glocken bei ihrer Heimkehr nach Grassau. Auf einem vor dem Kirchenportal errichteten Podium trugen Buben und Mädchen Gedichte vor. Anschließend sprach Pfarrer Hausladen von dem Schicksal der Grassauer Kirchenglocken und deren Sinn und Aufgabe für den christlichen Menschen. Beethovens Hymnus »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre«, gesungen vom Kirchenchor mit Musikbegleitung, gaben der Feier, an die sich ein Gottesdienst anschloß, einen würdigen Rahmen.« (Südost-Kurier vom 26. Mai 1948). Beim Aufziehen der Glocken riss das Turmseil und die größere der Glocken stürzte herab. Durch das tags vorher vor dem Portal aufgebaute Podium wurde der Aufprall vermindert und ein Zerspringen der Glocke verhindert. Mit einem Drahtseil wurde die unbeschädigte Glocke danach auf den Turm gezogen.

Es dauerte dann noch bis 1961, ehe das Geläut im Grassauer Kirchturm wieder vervollständigt werden konnte. Beim 125-jährigen Gründungsfest des Kriegervereins stiftete dieser einen Ersatz für die zwei eingeschmolzenen Glocken. Die Kirchenverwaltung nahm die Stiftung dankend an. Für insgesamt 15 000 DM für beide Glocken wurden sie in der Glockengießerei Johann Hahn in Landshut gegossen. Zur Glockenguss-Endprobe fuhr der Vereinsvorstand zusammen mit Vertretern der Gemeinde im Juni 1961 nach Landshut.

Gleichzeitig wurde auch eine Läutmaschine zum Preis von 2000 DM installiert. Diese Kosten übernahm die Kirchenverwaltung.

Im Rahmen der Festwoche des Soldaten- und Kriegervereins Grassau fand am 17. Juni 1961 die feierliche Weihe der beiden neu gegossenen Glocken durch Pfarrer Michael Hausladen statt.

An der Kirche weist eine kleine Gedenktafel auf die Stiftung der Glocke hin. Die Tafel trägt folgende Inschrift:

Der Soldaten- und Kriegerverein

Grassau

Gründungsjahr 1838

Hat im Jahre des 1963 anläßlich des 125-jährigen Bestehens, zum Gedenken an alle Gefallenen der letzten Kriege die große Glocke als Gedächtnisglocke gestiftet. Sie soll an Festtagen, am Donnerstagabend am Jahrtag des Vereines und bei Beerdigungen von Kriegsteilnehmern geläutet werden.

 

Olaf Gruß

 

Literatur: Konrad Strehhuber, Thomas Färbinger, Gerold Stiegler (2016): Die Geschichte der Marktgemeinde Grassau – Kirchengeschichte von Grassau und Rottau – 10. Band der Grassauer Chronik.

24/2021