Jahrgang 2008 Nummer 30

Die Geschichte des Traunsteiner Friedhofs

Seit 100 Jahren gibt es den Waldfriedhof – Teil II

Die Auflassung des alten Friedhofes und die Umgestaltung des Areals zum Stadtpark mit Kriegergedächtnisanlage 1922 von der Ludwi

Die Auflassung des alten Friedhofes und die Umgestaltung des Areals zum Stadtpark mit Kriegergedächtnisanlage 1922 von der Ludwigstraße aus gesehen. Im Hintergrund erkennt man das markante Jugendstilhaus Bahnhofstraße 16.
Innenraum der nunmehrigen »Krieger-Gedächtniskirche« um 1925, daneben die Muttergottesstatue des rechten Seitenaltars, ein Relik

Innenraum der nunmehrigen »Krieger-Gedächtniskirche« um 1925, daneben die Muttergottesstatue des rechten Seitenaltars, ein Relikt der Ausstattung der Oswaldkirche vor dem Stadtbrand 1704, »mit neuem gesticktem Friedensmantel«, 1916.
Dr. Hans Grässel (1860-1939), Stadtbaudirektor in München und einer der renommiertesten Friedhofsarchitekten Deutschlands, konnt

Dr. Hans Grässel (1860-1939), Stadtbaudirektor in München und einer der renommiertesten Friedhofsarchitekten Deutschlands, konnte mit seinen Planungen in Traunstein nicht reüssieren. Seine Vorstellungen spiegeln sich jedoch zum Teil in der von Polz und Seehuber gemeinsam verwirklichten Anlage wider.
Den Helden ein würdiges Denkmal

Mit Schreiben vom 21. Dezember 1915 hatte Josef Angerer im Auftrag eines zu diesem Zweck gebildeten Arbeitsausschusses die Umgestaltung des alten Gottesackers und seiner Kirche zur Kriegergedächtnisanlage angeregt. Den »Helden aus dem Weltkrieg« sollte »ein würdiges Denkmal bereitet« werden. Nach einer umstrittenen, langwierigen Planungsphase kam 1921/22 diese Baumaßnahme zur Ausführung, der, abgesehen von der Westseite, die Arkaden – »städtebaulich zweifellos als bedauerlicher Eingriff zu werten« (Kasenbacher) – zum Opfer fielen. Am 26. November 1922 wurde die »Kriegergedächtniskirche« feierlich eingeweiht. Für die gesamte Anlage mit Ausnahme der Kirche selbst gewährte die Filialkirchenstiftung St. Georg und Katharina der Stadtgemeinde ein Erbbaurecht,(29) welches bis heute besteht.

Vorausgegangen war eine Klärung der Eigentumsfrage mit einem unerwarteten Ergebnis. Gemäß einer tabellarischen Aufstellung von 1901 war Eigentümerin und damit zuständig für den Unterhalt des alten Friedhofs die Gottesackerstiftung. Die Kirchenverwaltung beschloss und erhob die Grabstättengebühren und führte sie der Stiftungskasse zu. Auf dem Friedhof konnten Katholiken und Protestanten bestattet werden, sein Bezirk umfasste die Stadt Traunstein und die Gemeinde Au. Eine »Denkschrift der kathol. Kirchenverwaltung Traunstein betr. Eigentum an Grund & Boden des alten Gottesackers« vom 15. April 1918(30) begründete umfassend deren Besitzansprüche.

Demnach waren Friedhöfe bis in das 19. Jahrhundert hinein ausschließlich kirchlicher Natur, kommunale Begräbnisstätten hingegen vollkommen unbekannt. Die Stadt hatte aber den Grundstückstausch mit dem Pfleggericht 1639 einzig und allein unter dem Gesichtspunkt vollzogen, dort einen Friedhof anzulegen, der in der Folge als »res sacra« (= eine ausschließlich zu sakralen Zwecken benutzte Sache) und »accessori ecclesiae« (= Zubehör zur Kirche und darum Bestandteil des Kirchengutes) in »Eigentum, Verwaltung und Benützung der Kirche« stand. Stadtpfarrer Josef Dannegger fasste seine Ausführungen am 15. April 1918 wie folgt zusammen: »Der alte Friedhof in Traunstein war von Anfang an als res sacra Kircheneigentum. Die Kirchenstiftung hat sich immer im rechtlichen Besitze des Friedhofs gewußt, dieses Recht jederzeit behauptet, gewahrt und ausgeübt, dasselbe nie verloren noch aufgegeben. Die Stadtgemeinde hat dieses Eigentumsrecht der Kirchenstiftung oft ausdrücklich sowohl als stillschweigend anerkannt, also ist der Friedhof Eigentum der Kirchenstiftung.« Dieser sicherlich nicht unstrittigen Rechtsauffassung schloss sich die Stadt, mutmaßlich um des lieben Friedens willen, letztendlich an.

Zwischenzeitlich wurde die Kriegergedächtnisanlage mehrfach erweitert. 1935 gelangte das Raupenhelmdenkmal – es erinnert an die Gefallenen von 1870/71 – als Pendant zum Obelisken zur Aufstellung. In seiner ursprünglichen Fassung befand es sich, geschmückt mit einem Friedensengel,(31) an der Stelle des Bürgerbrunnens im südlichen Teil des Stadtparks. Der Anbau an der Westseite der Kirche, der die metallenen Bücher mit den Toten der Weltkriege schützt, erfolgte 1968. Kleinod der meist geschlossenen Kirche St. Georg und Katharina ist die gekleidete Marienstatue mit dem Jesuskind am rechten Seitenaltar, ein Relikt der Ausstattung der Stadtpfarrkirche St. Oswald vor dem Brand 1704.

Eine auch die Pietät berührende Frage

Bereits 1868 hatte man erstmals die Auslagerung des Friedhofes erwogen, »nachdem der bisherige Leichenacker besonders bei eintretenden Epidemien nicht mehr hinreichend erscheint, derselbe überdieß durch die nur in dieser Richtung einzig mögliche Ausdehnung der Stadt nach Westen zu sehr in die Nähe der Wohnungen kommt und hiedurch Gefahr für die Gesundheit der Einwohnerschaft entsteht.«(32) 20 Jahre später konkretisierte sich diese Absicht. Die Stadtväter begannen, nach geeigneten Grund-stücken Ausschau zu halten, wogegen die katholische Kirche klar und unmissverständlich Position bezog: Der »katholische Glaube und die hieraus entspringende Pietät erlauben die Verlegung eines Friedhofes nur im dringendsten Falle, der hier nicht gegeben erscheint. Die hiesige Bevölkerung ist daher, wenige Personen ausgenommen, entschieden gegen eine Verlegung […].« Stadtpfarrer und Dekan Heinrich Meixner(33) untermauerte seinen Widerspruch mit scheinbar schlüssigen Zahlen: 2067 Gräber stünden derzeit auf dem Gottesacker zur Verfügung, dazu kämen 689 Plätze in den Grabhallen der Arkaden, zusammen also 2756 Grabstellen, wovon derzeit 797 Plätze im Freien, einige davon 20 Jahre und länger, und 487 Grüfte offen wären.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten starben durchschnittlich, bei relativer Konstanz trotz steigender Bevölkerungszahlen, 85 Erwachsene und 74 Kinder pro Jahr. Eine Verwesungsdauer von 15 bzw. 6, im Mittel also circa 10 Jahre vorausgesetzt, wäre der vorhandene Platz ausreichend.

Weitere zehn Jahre mussten vergehen, bis die protokollierte Aussage des Totengräbers Einsiedel einen Gesinnungswandel andeutete; demnach konnte bei mehr als 200 Todesfällen jährlich weder die erforderliche Breite der Wege noch die gesetzliche Frist für die Neubelegung alter Gräber eingehalten werden. Immer öfter stieß man bei den Aushubarbeiten auf Überreste von Leichen, deren Verwesungsprozess nicht abgeschlossen war. Vor diesen Tatsachen, hervorgerufen durch einen rapiden Bevölkerungsanstieg auf circa 7500 Einwohner an der Wende zum 20. Jahrhundert, konnte die Kirche nicht länger die Augen verschließen. Und so war es Stadtpfarrer Ludwig Gruber(34) persönlich, der 1901 in einem Schreiben die Kommunalverwaltung aufforderte, rechtzeitig einen geeigneten Platz für einen neuen Friedhof ausfindig zu machen. »Dass aber hiezu, vielleicht unter Mitwirkung von etwas Romantik, um einen Waldfriedhof zu erhalten, ein vom Mittel der Stadt etwa 3 km entfernter Platz ausersehen worden ist, das will dem hochachtungsvollst unterfertigten Pfarramte weniger gefallen.«

Tatsächlich war der Magistrat in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen und hatte bereits eine aus seiner Sicht hervorragend geeignete Stelle ausfindig gemacht. »Bei der Wahl hiefür fiel dieselbe auf die südöstliche Ecke des Haidforstes, östlich der Staatsstraße nach Trostberg gelegen. Dadurch würden der Stadtgemeinde wegen Ankauf von Grundstücken keine Kosten erwachsen« – ein unschätzbarer Vorteil neben der günstigen Verkehrsanbindung mit einer Haltestelle der Lokalbahn Traunstein-Trostberg in unmittelbarer Nähe, der bestens geeigneten Beschaffenheit des Bodens sowie der zukünftigen Erweiterungsmöglichkeit. Auf diese, für damalige Maßstäbe weit außerhalb der Stadt gelegene Parzelle bezog sich die Kritik. Dieser trugen die Verantwortlichen, zumindest vordergründig, Rechnung. Man veranlasste Probegrabungen »nahe der Wegscheid« und »zwischen der Wasserburger Straße und Trostberger Bahn« (etwa im Bereich des nachmaligen Kasernengeländes), deren Ergebnis jedoch nicht befriedigte. Inwieweit das Engagement reichte und ob es mit ‚halbherzig’ richtig beschrieben ist, sei dahingestellt.

Jedenfalls war es ratsam, Auseinandersetzungen mit der mächtigen katholischen Kirche in Bayern nicht eskalieren zu lassen und bei gegensätzlichen Auffassungen taktisch klug vorzugehen. Wohin ein offener Konflikt mit den »Hütern des rechten Glaubens« führen konnte, sollte der Stadtmagistrat nur wenige Jahre später schmerzhaft zu spüren bekommen, als Stadtpfarrer und Geistlicher Rat Joseph Dannegger(35) mit Vehemenz gegen ein geplantes Krematorium sowie eine Urnenhalle zu Felde zog. Zum Widerstand gegen die »neuheidnische Feuerbestattung«, welche die katholische Kirche »unter der Strafe der Exkommunikation, das heißt Verweigerung der hl. Sterbesakramente und der kirchlichen Beisetzung« verbot, rief er die »christliche(n) Männer und Frauen aller Stände« auf und zwang den noch jugendlichen Bürgermeister Georg Vonficht(36) binnen kürzester Zeit, das aus damaliger Sicht ‚hypermoderne’ Projekt fallen zu lassen.

Sein erfahrener Vorgänger, Hofrat Joseph Ritter von Seuffert,(37) hatte hingegen sein Ziel mit Beharrlichkeit erreicht. Am 20. März 1902 wurde als Platz für den künftigen »Communalfriedhof« einstimmig »die städtische Waldfläche an der rechten Seite der Wasserburger Straße dahier, Plan-Nr. 979, Schneiderböden Abteilung 4«, angenommen.

Polz contra Seehuber

Und eine »Politik der ruhigen Hand« sollte auch weiterhin von Nöten sein, bis der Grundstein für einen neuen Friedhof gelegt werden konnte, dessen planerische Weitsicht erst heute, 100 Jahre später, richtig deutlich wird. »Die Verhandlungen über das […] auszuwählende Projekt zwischen Magistrat und Gemeindekollegium zogen sich bei den verschiedenen Anschauungen über vier Jahre hinaus […], wussten die Traunsteiner Nachrichten am 27. Februar 1908 ihren Lesern zu berichten. Was war geschehen?

Der Stadtmagistrat hatte als vom Bürgermeister geführte Verwaltungsbehörde zunächst den Traunsteiner Zimmermeister Josef Seehuber(38) mit der Anfertigung von Plänen beauftragt. Sein Projekt, dem östlichen Friedhof in München nachempfunden, wurde von der Regierung als unpassend für den ausgewiesenen Bauplatz, gegen den ansonsten in technischer Hinsicht keinerlei Bedenken bestanden, abgelehnt: »[…] es liegt hier eben eine Aufgabe vor, welche nur von einem Mann mit höherer architektonischer Ausbildung und künstlerischer Begabung befriedigend gelöst werden kann […].« Der Empfehlung, einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, kam man seitens der Stadt nicht nach und forderte stattdessen am 2. Juli 1903 erneut Seehuber und zusätzlich Sebastian Polz,(39) den man getrost als »Traunsteiner Stararchitekten« des frühen 20. Jahrhunderts bezeichnen darf, auf, (neue) Skizzenpläne vorzulegen. Am 4. Januar 1904 akzeptierte der Magistrat das »in praktischer als in ästhetischer Hinsicht […] befriedigend(e)« Polzsche Projekt, doch die Gemeindebevollmächtigten als gewählte Vertretung der Bürgerschaft verweigerten ihre Zustimmung. Josef Seehuber, der selbst diesem Gremium angehörte und zudem eine maßgebende Persönlichkeit der Traunsteiner Honoratiorengesellschaft war, hatte seine Truppen augenscheinlich gesammelt.

Der Konflikt zwischen den beiden Organen der Stadtverfassung, angereichert durch gelegentliche Stellungnahmen der Rechtsaufsicht und der katholischen Kirchenverwaltung, war in vollem Gang, zahlreiche Sitzungen mit wechselseitig ablehnenden Beschlüssen die Folge. Ein Versuch, mit einem dritten Entwurf, eingereicht von Stadtbaumeister Robert Joas,(40) einen Kompromiss zu erzielen, scheiterte beinahe kläglich. Um dem unwürdigen Hin und Her ein Ende zu bereiten, sah sich der Magistrat letztendlich doch veranlasst bzw. gezwungen, fachlichen Rat von außerhalb einzuholen. Die Wahl fiel auf den Münchner Stadtbaurat Dr. Hans Grässel,(41) einen der bedeutendsten Friedhofsarchitekten Deutschlands. Zu seinen zahlreichen Werken zählen neben dem neuen Israelitischen Friedhof der West-, Ost-, Nord- und Waldfriedhof in München; die letzte Ruhestätte im niederbayerischen Deggendorf verdient als Heimatstadt des Verfassers die besondere Ehre, als ein Beispiel von vielen außerhalb der Landeshauptstadt genannt zu werden.

Mögen die Pläne ihren und der Stadtvertretung Beifall finden

Der Hilferuf erging am 17. Oktober 1905, am 14. Februar 1906 legte Grässel seine Pläne samt Kostenberechnung vor, verbunden mit einer eindeutigen Meinungsäußerung: »Unbedingt notwendig ist aber hiezu, daß auch die Detailpläne von mir entworfen werden und daß die Aufstellung des Kostenvoranschlags sowie die Ausführung des Neubaus und der Friedhofsanlage unter meiner Oberleitung erfolgt.« Selbstbewusstsein, erwachsen aus Kompetenz – dies überzeugte das Gemeindekollegium, am 13. März 1906 mit 16 gegen 10 Stimmen den Magistrat zu ermächtigen, den Auftrag an Polz zu vergeben! Dessen Planung käme »bedeutend billiger zu stehen […] als das Grässelsche Projekt«, zudem wäre damit »ein einheimischer Architekt« berücksichtigt. Tags darauf vollzog der Magistrat diesen Beschluss, dem Baurat Grässel wurde zugleich der »verbindlichste Dank für seine großen Bemühungen« ausgesprochen, die man, seiner Forderung entsprechend, klaglos mit der nicht unbedeutenden Summe von knapp 2000 Mark entlohnte.

Dass Grässels gegenüber dem »verehrten Herrn Hofrat« geäußerte Hoffnung, seine Pläne mögen »ihren und der Stadtvertretung Beifall finden«, nicht in Erfüllung ging, lag nicht allein an den höheren Kosten oder an provinzieller Wagenburgmentalität. (»Nemt’s blos koan aus Minga!«) Die Kommunalwahl im Dezember 1905 hatte eine entscheidende Verschiebung der Gewichte ergeben: Josef Seehuber war in den Magistrat aufgerückt, Sebastian Polz gehörte nun selbst zu den Gemeindebevollmächtigten – und einem neuen Kollegen konnte man doch schlecht in den Rücken fallen. Fazit: Polz fertigte die Pläne und Seehuber als nunmehriges Mitglied der Kommunalverwaltung erhielt die Bauleitung für die gesamte Anlage, selbstverständlich unter der strikten Voraussetzung, dass die Polzschen Vorgaben »im Wesentlichen maßgebend sind und bleiben«; der gordische Knoten war nicht durchschlagen, sondern elegant gelöst worden.

Lediglich Hans Grässel war, wen wundert’s, mit dieser Lösung weniger einverstanden. Nicht genug damit, dass man sein »ausgezeichnetes Projekt« abgelehnt hatte und dass der Magistrat von München als sein Arbeitgeber die Hilfestellung »als freundschaftliche Auskunft« einstufte und ihn zur Rückerstattung seines Honorars aufforderte (was Grässel als ein Mann von Ehre und Welt abzüglich seiner Spesen klaglos und unverzüglich tat). »Die ganze Situierung des Baues, die Anpassung an die schiefwinklig verlaufende Straße, die Massengliederung und Raumverteilung« hatte man, so sah es zumindest die Fachwelt(42) und so sah er es sicher auch selbst, seinen Planungen entnommen, ohne dass dies zum Beispiel bei der Vorstellung des Neubaus in der Süddeutschen Bauzeitung(43) Erwähnung gefunden hätte.

»Im übrigen drang man aber so wenig in die Grässelschen Ideen ein, daß man bei der Ausführung des Friedhofes ganze vorhandene Waldbestände ausrodete, anstatt sie zu benützen. Daß das ausgeführte Gebäude und seine Räume jeglicher feineren Verhältnisse und der Stimmung entbehren, mag als ein neuer Beweis dessen gelten, wie sehr es auf künstlerische Arbeit ankommt, wenn derartige Aufgaben gelöst werden.«(44)

Letzterer Feststellung kann, bei allem Verständnis für die Frustration des Fachmanns, nicht beigepflichtet werden. Ein »Eigentor«, dies darf man hingegen mit Fug und Recht behaupten, hatte man sich in Bezug auf die Kosten geschossen. Auf 73 000 Mark hatte die grobe Schätzung Grässels gelautet, Sebastian Polz war mit lediglich 60 000 Mark eingestiegen, die sich aber schon im Vorfeld, bedingt durch Verbesserungen und Sonderwünsche, etwas erhöht hatten. »Kolossal überschrittene Voranschläge« wurden am 20. Februar 1907 konstatiert; die Baukosten waren bis zu diesem Zeitpunkt stufenweise von 78 000 über 90 000, 97 000 auf 152 000 Mark angewachsen. Das diesbezügliche Verhalten des Baumeisters Polz wurde seitens der Verantwortlichen zwar als »unkorrekt gegenüber den beiden städtischen Kollegien und deshalb auch gegenüber der Bürgerschaft bezeichnet«, letztendlich aber mit spürbarer Resignation hingenommen. Die Schlussabrechnung schließlich summierte die Gesamtkosten auf 171 249,29 Mark, nicht eingerechnet die veranschlagten 12 000 Mark für den Grund, der ja der Kommune selbst gehört hatte.

»In herrlicher ländlicher Gegend«

– so entnehmen wir der Rede des Bürgermeisters anlässlich der Eröffnung am 11. Juli 1908 – war trotz aller Misstöne der neue Friedhof entstanden, eine Einschätzung, der man auch nach 100 Jahren noch uneingeschränkt beipflichten kann. Ritter von Seuffert leitete seine Ausführungen mit folgenden bemerkenswerten, dem Anlass gerecht werdenden Worten ein: »Wenn in den verflossenen Jahren öfters die städt. Kollegien sich vereinigten, um zu gemeindlichen Schöpfungen den Schlußstein zu legen, so geschah es in froher Stimmung. Galt es ja wie bei Eröffnung von Lehranstalten und Instituten für die Jugend, für kommende Generationen, denen das volle Leben erst erblühen soll, eine Heimstätte zu schaffen, galt es ja Einrichtungen von hoher sanitärer Bedeutung zu vollenden, dazu bestimmt, die Gesundheit der Einwohnerschaft zu fördern und deren Leben zu verlängern, bestimmt für das Gedeihen und Emporblühen unserer lieben Stadt Traunstein. Heute aber übergeben wir in ernster Stimmung eine gemeindliche Einrichtung ihrem Zwecke, die dazu ausersehen ist, der Bürger- und Einwohnerschaft Traunsteins, der derzeit lebenden wie der künftigen, eine Stätte zu bieten, wenn sie nach Mühen und Sorgen, Kämpfen und Erfolgen der jüngeren Welt wieder Platz schaffend, einstens zur ewigen Ruhe heimgeht. […]«

Dem Festakt am Samstag hatte sich am Montag noch ein Tag der offenen Tür angeschlossen. »In unserem alten Friedhof ist Hans Distl, genannt Borstenhans, bürgerl. Bindermeister, am 11. Mai 1639 als Erster begraben worden, was heute noch eine Gedenktafel an der Gottesackerkirche ausweist. Wer wird wohl der erste in unserem neuen Friedhof sein?« So beschloss das Traunsteiner Wochenblatt seine Berichterstattung.(45) Wenige Tage später sollte diese Frage auf tragische Weise beantwortet werden. Genau eine Woche nach der offiziellen Einweihung, am 18. Juli, beschritt den letzten Weg Max Bornschein, der Sohn des königlichen Landgerichtssekretärs Maximilian Bornschein und seiner Frau Therese, dem das Schicksal lediglich sechs Tage auf Erden vergönnt hatte. Ein in den 30er Jahren geschaffener, 2006 letztmals restaurierter Stein gedenkt seiner bis auf den heutigen Tag.

6,28 Tagwerk, davon 5,28 für das Gräberfeld, rund 20 000 qm, standen ab 1908 für Begräbnisse zur Verfügung, im Gegensatz zu den nur 2,5 Tagwerk gleich 8500 qm, die der alte Friedhof ausgewiesen hatte. Bis zum 50-jährigen Jubiläum folgten mehrere Erweiterungen, die beiden maßgeblichen 1945, als 8000 qm angegliedert wurden, und 1957/58, als man noch einmal 6200 qm Wald rodete. Etwa 15 000 Menschen, so das Traunsteiner Wochenblatt am 2. Juli 1958, waren bislang hier zu Grabe getragen worden.

»Der Waldfriedhof Traunstein gilt in seiner Anlage […] als vorbildlich. Die Stadtväter schufen mit ihm vor einem halben Jahrhundert ein Werk, das nicht nur der Allgemeinheit dient, sondern darüber hinaus eine würdige Stätte für die Verstorbenen unserer Stadt darstellt.«(46) Weitere 50 Jahre sind vergangen, ohne dass dieses treffende Schlusswort seine Gültigkeit verloren hätte.

Franz Haselbeck


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 29/2008

Anmerkungen:
(29) Stadtarchiv Traunstein, Sitzungsprotokoll des Stadtratskollegiums vom 21. Oktober 1924.
(30) Wie Anm. 23.
(31) Der Friedensengel, auch als »Viktoria« bezeichnet, fiel nicht, wie bislang angenommen, Anfang der 1940er Jahre den Metallsammlungen des Dritten Reichs zum Opfer, sondern wurde gemäß eines zwar datierten, ansonsten aber nicht näher zuordenbaren Zeitungsberichts (in: Stadtarchiv Traunstein, DOK 176) nach mehrfachem Sturmschaden bereits 1935 durch den heutigen Raupenhelm – Entwurf und Ausführung: Kassian Weinmann, Traunstein – ersetzt.
(32) Die folgenden Ausführungen zum Bau des Waldfriedhofes wurden, falls nicht anders vermerkt, erarbeitet aus den Akten des Stadtarchivs Traunstein: 554/0-2/1 Verlegung des städtischen Friedhofes 1869–1904 u. 554/0-2/2 Errichtung eines neuen Kommunalfriedhofes 1889–1907. Das Zitat entstammt einem Schreiben des Bezirksamts Traunstein an den Stadtmagistrat vom 14. Juli 1869.
(33) Heinrich Meixner, geboren am 27. Mai 1829 in München, verstorben am 12. Mai 1903 in Sparz, 1884 bis 1898 Stadtpfarrer von Traunstein.
(34) Ludwig Gruber, geboren am 28. Februar 1845 in Reichertshofen bei Ingolstadt, verstorben am 23. November 1901 in Haidhausen, 1898 bis 1901 Stadtpfarrer von Traunstein.
(35) Joseph Dannegger, geboren am 10. Januar 1859 in Freising, verstorben am 5. August 1924 in Traunstein, 1911 bis 1921 Stadtpfarrer von Traunstein.
(36) Dr. Georg Vonficht, geboren am 21. März 1882 in Ingolstadt, verstorben am 3. Dezember 1964 in Tegernsee, rechtskundiger Bürgermeister 1909 bis 1935, Ehrenbürger der Stadt Traunstein.
(37) Joseph Ritter von Seuffert, geboren am 30. Mai 1849 in Bamberg, verstorben am 11. Februar 1914 in Traunstein, rechtskundiger Bürgermeister 1878 bis 1909.
(38) Josef Seehuber, 1864–1928, Zimmermeister, Gemeindebevollmächtigter und ab 1905 Magistratsrat der Stadt Traunstein.
(39) Sebastian Polz geboren am 23. September 1860 in Siegsdorf, verstorben am 11. November 1943 in Traunstein, Baumeister und Architekt, arbeitete oft mit seinem Bruder Josef (geb. 1864, später nach München verzogen) als Techniker zusammen. Auf Planungen der Gebrüder Polz gehen u.a. viele der ab ca. 1890 entstandenen (Jugendstil-)Villen in den westlichen Außenbezirken der Stadt zurück. Ihr Gesamtwerk würde eine eigenständige wissenschaftliche Aufarbeitung rechtfertigen.
(40) Robert Joas, geboren am 29. Dezember 1876 in Augsburg, Stadtbaumeister von 1904 bis 1907, anschließend nach München verzogen.
(41) Dr. Hans Grässel, geboren am 8. August 1860 in Rehau, verstorben am 10. od. 11. März 1939 in München, ab 1900 Stadtbaurat am Stadtbauamt München, von 1920 bis 1928 Stadtbaudirektor, 1912 bis 1930 zudem Dozent an der Technischen Hochschule München. Er war ein auch überregional bedeutender Architekt, der neben zahlreichen Friedhöfen auch viele öffentliche Gebäude plante; u.a. fertigte er schon 1914 Entwürfe für den Bau einer ersten U-Bahn in München! Grässel, Mitglied der Akademie für bildende Künste, Träger des Ordens Pour le Mérite und weitere Auszeichnungen, wurde in einem Sondergrab des zu seinen Werken gehörenden alten Teils des Münchner Waldfriedhofs, wo auch ein Weg nach ihm benannt ist, gegenüber der Aussegnungshalle beigesetzt. Nina A. KRIEG: »Schon Ordnung ist Schönheit.« Hans Grässels Münchner Friedhofsarchitektur (1894–1929), ein »deutsches« Modell? (= Miscellanea Bavarica Monacensia, 136), München (Stadtarchiv) 1990.
(42) Heinrich STEINBACH, Hans Grässel. Gemeindliche Friedhofbauten und deren Einrichtung, in: Der Profanbau, Leipzig 22/1913, S. 661–680, bes. ab S. 678. Der Verfasser dankt Herrn Helmut Kölbl, Traunstein, für diesen und den nachfolgenden freundl. Literaturhinweis.
(43) Süddeutsche Bauzeitung, XIX. Jahrgang, Nr. 32 v. 7. August 1909, S. 249–251.
(44) Wie Anm. 42.
(45) Traunsteiner Wochenblatt, 54. Jahrgang, Nr. 84 v. 14. u. Nr. 85 v. 16. Juli 1908; darin ist u.a. auch die eingangs dieses Kapitels zitierte Rede Bürgermeister Seufferts im Wortlaut abgedruckt.
(46) Traunsteiner Wochenblatt, 104. Jahrgang, Nr. 104 v. 2. Juli 1958.



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