Jahrgang 2021 Nummer 27

Die Geschichte der Grassauer SPD

Offizielle Gründung der Partei am 3. Juli 1921

Nikolaus Noichl, »Wieser Nik«, gehörte zu den Mitbegründern der Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands noch vor dem ersten Weltkrieg. Das Bild entstand um 1910.
Georg Bosch (Aufnahme um 1918) wurde durch Losentscheid zum Bürgermeister ernannt.
Paul Seibold auf einer Aufnahme von 1955. Auch er soll bei der Gründung des ersten Ortsvereins mitgewirkt haben.

Die erste Ortsgruppe der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wurde in Grassau noch vor dem Ersten Weltkrieg von drei Bauern gegründet. Dies stellte Walter Reicherseder in seiner Arbeit zur Verfolgung während der Nazi-Zeit im Landkreis Traunstein(1) fest. Ähnliche Hinweise gab auch der spätere Grassauer Bürgermeister Jakob Häringer. Näheres wurde aber nicht bekannt. Lediglich Hias Klapf aus Grassau erläuterte in einem Interview 1985, dass nach seiner Erinnerung der Wieser Nik aus Viehhausen dabei war und auch die Familie Seibold durch den Steinmetz Paul Seibold vertreten war.

Während der Räterepublik wurde auch in Grassau ein Arbeiter- und Bauernrat gebildet, dem neben dem Gütler Georg Bosch, dem späteren Bürgermeister von Grassau, auch der Schuhmacher Kaspar Oelkuch sowie der Maurer Josef Weiss als aktive SPD-Mitglieder angehörten. Ob auch der Zimmererpolier Josef Noichl und der Holzarbeiter Sebastian Noichl der SPD angehörten, ist unklar, aber wahrscheinlich.

Bei den Wahlen zum Landtag am 12. Januar 1919 und zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 erzielte die SPD in Grassau jeweils 55% Stimmanteile. Dies zeigt die beherrschende politische Stellung am Ort.

Gemeinderatswahl 15. Juni 1919

Nach dem ersten Weltkrieg wurde trotz der herrschenden politischen Stimmung kein offizieller Ortsverein gegründet und auch keine SPD-Liste zu den Gemeinderatswahlen aufgestellt. Die bekannten SPD-Mitglieder traten unter der Bezeichnung Wahlvorschlag Grassau mit insgesamt 20 Kandidaten an.

Von den 635 abgegebenen Stimmen fielen auf sie 314 und auf den weiteren Wahlvorschlag, dem Bürgerlichen Bauern-Bund, 321 Stimmen. Jedem Wahlvorschlag wurden fünf Sitze zugeteilt. Vom Wahlvorschlag der Sozialdemokraten wurden Kaspar Ölkuch, Georg Bosch, Nikolaus Noichl, Josef Weiß und Georg Götz zu Gemeinderäten gewählt.

Bei der Bürgermeisterwahl standen sich Georg Bosch von der Sozialdemokratischen Mehrheitspartei und Josef Sichler vom Bauernbund gegenüber. Von den 635 abgegebenen Stimmen erhielt Josef Sichler 317 und Georg Bosch 313 Stimmen. Damit hatte keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erhalten und der Gemeinderat musste nun eine Entscheidung fällen. Die beiden Kandidaten enthielten sich bei der Abstimmung und so entfielen auf jeden von ihnen vier Stimmen. Beim daraufhin erforderlichen Losentscheid gewann Georg Bosch und wurde damit zum Bürgermeister benannt, während Josef Sichler in der anschließenden Abstimmung mit neun Stimmen zum 2. Bürgermeister gewählt wurde. Bei der gleichzeitig stattgefundenen Wahl zum Bezirkstag, vergleichbar mit dem heutigen Kreistag, errangen die Sozialdemokraten vier von 19 Sitzen. Aus Grassau wurde der Schuhmachermeister Kaspar Oelkuch für die SPD als einziger Vertreter seiner Gemeinde gewählt. Aus Rottau kam als ein Ersatzmann, der Hilfsarbeiter Karl Meilner.(2)

Offizielle Gründung des SPD-Ortsvereins Grassau vor 100 Jahren

Erst am 3. Juli 1921 soll es zur offiziellen Gründung einer SPD-Ortsgruppe in Grassau gekommen sein. Dazu existieren keinerlei Unterlagen. Lediglich ein Artikel in der »Chiemgauer Volkswacht« berichtet von diesem Ereignis. Bei einer öffentlichen Versammlung der Sozialdemokratischen Partei in Grassau sprach Josef Wiendl, der Vorsitzende der Traunsteiner SPD, als Gastredner zum Thema »Sozialismus und Reaktion«. Er schloss mit einem Aufruf zu Gemeinsamkeit und Mitarbeit am Wiederaufbau des Landes. Über die Wirkung seines Auftritts berichtete die »Chiemgauer Volkswacht« am 5.7.1921: »Starker Beifall lohnte die Ausführungen des Referenten, der als Erfolg nebst der Gründung der Ortsgruppe Grassau, der gleich eine Anzahl Mitglieder beitraten, auch neue Abonnenten für die Chiemgauer Volkswacht gewinnen und eine Filiale der Krankenversicherung 'Solidarität' errichten konnte.«(3)

Danach wird nichts mehr über das Wirken der SPD in Grassau berichtet, lediglich über eine SPD-Versammlung am 6.12.1921 in Mietenkam, bei welcher der Traunsteiner SPDStadtrat Matthäus Haberlander als Redner auftrat. Die Veranstaltung war aber offensichtlich nicht von der Grassauer Ortsgruppe, sondern wahrscheinlich vom Kreisverband einberufen worden.

Nach der Gründung des Ortsvereins der SPD 1921 in Grassau wurden keine weiteren Aktivitäten der SPD am Ort bekannt. Bei den Gemeinderatswahlen wurden immer Gemeinschaftslisten aller Grassauer Gruppierungen aufgestellt. Auch Veranstaltungen der örtlichen SPD wurden nicht bekannt. Da alle Unterlagen der SPD aus der Zeit vor der Wiedergründung 1956 verschollen sind, ist weder bekannt, wie sich der Vorstand zusammensetzte, noch wie viele Mitglieder die SPD vor Ort zu dieser Zeit hatte. Bekannt ist lediglich, dass Georg Bosch als bekennender Sozialdemokrat weiterhin Bürgermeister blieb und dass sich vor Ort eine schlagkräftige Kommunistische Partei mit mehr als 30 Mitgliedern und auch eine Rote Hilfe mit mehr als 80 Aktiven als Konkurrenz zur SPD und der 'Solidarität' bildete. Die Stärke der Sozialdemokratie in Grassau beruhte auf der großen Anzahl an Arbeitern im Forst, in den Steinbrüchen des Ortes und der Umgebung sowie bei den Torfstechern. Dazu engagierten sich auch einige der Kleinbauern bei der SPD.

Am 7. Dezember 1924 fanden die nächsten Gemeinderatswahlen, diesmal zusammen mit den Reichstagswahlen statt. Es wurden keine Wahlvorschläge eingereicht. Georg Bosch erhielt aber dennoch 649 von 834 abgegebenen Stimmen und blieb damit Bürgermeister.

Auch im Jahre 1929 unterblieb eine Einreichung von Wahlvorschlägen. Als Gemeinderäte wurden Georg Noichl und Georg Bosch bestätigt. Georg Bosch wurde wiederum 1. Bürgermeister.

Absetzung des demokratisch gewählten Bürgermeisters

Nur kurze Zeit nach der Machtergreifung in Berlin am 30. Januar 1933 wurden auch im Landkreis die demokratisch gewählten Bürgermeister abgesetzt und vom Sonderkommissar beim Landratsamt durch kommissarische Bürgermeister ersetzt. So übernahm Raimund Dahlem in Grassau die Führung der Verwaltung.

Bei der Neubildung des Gemeinderats am 22. April 1933 verzichtete die SPD auf Vorschläge bei dieser undemokratischen Neubildung des Gemeinderats mitzumachen. Sie kam damit der offiziellen Entfernung der Sozialdemokraten aus den kommunalen Gremien in den folgenden Wochen zuvor. Schon zuvor waren die Kommunisten von einer möglichen Entsendung von Gemeindevertretern ausgeschlossen.

Mit Schreiben des Bezirksamts vom 23. September 1933 erging ein sogenannter SchutzHaft-Befehl gegen den vormaligen Bürgermeister Georg Bosch:

»Nr. 9447

Schutz – Haft – Befehl.

Der frühere Bürgermeister der Gemeinde Grassau, der Landwirt

Georg Bosch

erweist sich als erbitterter Feind der nationalen Regierung und ihrer Mitarbeiter, indem er gegen den nationalsozialistischen Gemeinderat von Grassau in böswilliger Weise hetzt und ihm Schwierigkeiten zu bereiten sucht, wo es möglich ist. Er behauptet vom gegenwärtigen Gemeinderat, dass dieser die Gemeinde schädige und sucht Unzufriedenheit und Missstimmung zu erregen. Er hat wiederholt in Gasthäusern nationalsozialistische Gemeinderatsmitglieder gröblich beleidigt und die Mitglieder der N.S.- Frauenschaft als Hitler-Pritschen bezeichnet.

In dieser hetzerischen Tätigkeit unterstützt ihn der Mechaniker

Franz Rutzmoser

von Grassau, der schon früher als wenig arbeitsam und gewalttätig bekannt war, seiner Gesinnung nach wie vor Kommunist sein dürfte und zweifellos ein Feind der gegenwärtigen Regierung ist. Auch er hat bei verschiedenen Gelegenheiten gegen den Gemeinderat gehetzt und dadurch dessen Arbeit im Sinne der nationalen Regierung zu erschweren gesucht.

Im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erscheint daher nicht nur die Strafanzeige gegen die beiden Genannten, sondern auch die Inschutzhaftnahme geboten.

Traunstein, den 23. September 1933

Bezirksamt.

J.V.«

Die so genannte Schutzhaft dauerte insgesamt drei Monate.

Ob auch weitere Sozialdemokraten in 'Schutzhaft' genommen wurden, ist nicht bekannt. Zumindest ist aber belegt, dass auch Freunde von Georg Bosch der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt waren. Ein Beispiel dafür ist der Gemeinderat Josef Schranzhofer, der kein Sozialdemokrat war. Er wurde mit Beschluss vom 1. August 1933 auf zehn Sitzungen vom Gemeinderat ausgeschlossen. »Anlass war verschiedenes Nachhängen an den früheren Bürgermeister, Marxisten Bosch…..«(4)

Leider ist aus der Nazizeit nicht überliefert, inwieweit die Mitglieder der örtlichen SPD weiterhin im Untergrund politisch aktiv waren oder welcher Verfolgung sie ausgesetzt waren.

Wiederbeginn nach 1945

Am 12. Mai 1945 wurde in Grassau eine Vorschlagsliste für eine neue Gemeindeverwaltung mit acht Personen erstellt zu denen mit Josef Nöhreiter, Bahnarbeiter in Grassau auch ein Sozialdemokrat gehörte. Bei einer Sitzung am 8. Juli 1945 wurde er aber weder eingeladen noch bei der nun erstellten Vorschlagsliste für den Gemeinderat berücksichtigt.

Am 6. September 1945 wurde mit einem Schreiben des Military Government, Detachement G-233, Landkreis Traunstein der Vorkriegsbürgermeister Georg Bosch offiziell zum Bürgermeister ernannt. Mit Schreiben vom 20. Dezember 1945 wurde eine Vorschlagsliste mit neun möglichen Mitgliedern des Gemeinderats an den Landrat eingereicht. Dazu gehörten aus der SPD fünf Personen (Josef Nöhreiter, Alois Niess, Josef Weiss, Georg Noichl und Georg Igl).

Am 28. Januar 1946 erging folgender Bescheid der Militärregierung:

»You are authorized to appoint the following persons as members of the Gemeinderat: Es wird Ihnen genehmigt, die folgenden Personen als Mitglieder des Gemeinderats zu ernennen.

Baumgartner Franz, Fuchs Sylvester, Huber Simon, Igl Georg, Irger Sebastian, Niess Alois, Nöhreiter Josef, Noichl Georg, Schwaiger Georg, Weiss Josef

CARL H. BISCHOFF

Major, AUS

Commanding«

Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen am 27. Januar 1946

Vorsitzender des Wahlausschusses und Gemeindewahlleiter wurde 1. Bürgermeister Georg Bosch als Gemeindewahlleiter. Vertreter des Wahlvorschlags der Sozialdemokratischen Partei war sein Sohn Georg Bosch jun, Grassau, Kucheln. Da weniger als vier Wahlvorschläge vorlagen und damit der Wahlausschuss aus weniger als fünf Personen bestand, wurde zudem Josef Aigner aus Grassau, ein Vertreter der SPD, als Beisitzer benannt.

Ein Protokoll der Aufstellungsversammlung der SPD in Grassau liegt nicht vor. Auch hatte sich zu dieser Zeit ein Ortsverein der SPD noch nicht offiziell gebildet. Auf dem Wahlvorschlag der SPD kandidierten insgesamt zehn Bürger. Es hatte kein Mitglied der SPD zum Bürgermeister kandidiert. Der Wahlvorschlag der SPD erhielt 229 von 896 gültigen Stimmen, dies entsprach 25,5%. Damit waren mit Georg Noichl und Georg Bosch jun. zwei Vertreter der SPD-Liste zu Gemeinderäten gewählt worden.

Auch bei der Gemeinderatswahl am 27. April 1948 stellte die örtliche SPD keinen Bürgermeisterkandidaten. Die Bürger hatten die Möglichkeit bis zu 16 Stimmen für die Kandidaten zum Gemeinderat abzugeben. Die SPD erhielt 2775 von insgesamt 20 931 gültigen Stimmen, also 13,26%. Die Mehrheit der Stimmen ging an die erstmals angetretenen drei unabhängigen Listen. Damit wurden als Vertreter der SPD Georg Bosch jun. und Georg Noichl gewählt. Georg Bosch jun. wurde auch zum Kreisrat gewählt. Damit begann er seinen über 30 Jahre andauernden Einsatz für den Landkreis und seine Gemeinde in diesem wichtigen Gremium.

Für die Gemeinderatswahlen am 30. März 1952 entschlossen sich die Mitglieder der SPD den amtierenden Bürgermeister Jakob Häringer bei den anstehenden Wahlen zu unterstützen. Zudem stellten sie eine Liste mit acht Kandidaten für den Gemeinderat auf. Insgesamt 34 anwesende SPD-Mitglieder unterstützten den Wahlvorschlag. Bei den Wahlen, bei der jeder Wähler 16 Stimmen hatte, erhielt die SPD 5698 von 20 767 Stimmen, das entspricht 27,44%. Damit hatten vier Kandidaten der SPD einen Sitz im 16-köpfigen Gemeinderat erhalten. Dies waren: Georg Bosch jun., Josef Weiss, Hans Kamml und Georg Aigner.

Am 19. Februar 1956 fand im Gasthof Weißbräu die Mitgliederund Parteianhänger-Versammlung der Sozialdemokratischen Partei statt. Es waren insgesamt 44 Wahlberechtigte SPD-Mitglieder anwesend. Dabei entschloss sich die örtliche SPD erneut, den amtierenden Bürgermeister zu unterstützen, auch wenn er nicht der SPD angehörte. Häringer wurde bei der Wahl am 18. März 1956 mit 70,76% der Stimmen wiedergewählt. Bei der Gemeinderatswahl erhielt die SPD 6780 von 22 480 gültigen Stimmen, also 30,16%. Die SPD stellte mit Georg Bosch, Hans Hornberger, Josef Schwaiger, Anton Seitz und Josef Baudrexler fünf Gemeinderäte.

Offizielle Wieder-Gründung des SPD Ortsvereins im Herbst 1956

Hatte sich die Sozialdemokratie schon gleich nach dem Krieg in den Städten aus dem verbliebenen Lager des Widerstandes wieder gesammelt, so begann sich allenthalben auch auf dem Land der sozialdemokratische Gedanke allmählich wieder zu regen, zu festigen und zu verbreiten, wie es sich in den vielen SPD-Listen bei den Kommunalwahlen zeigte. Es wurde versucht, langsam eine schlagkräftige Organisation auch im ländlichen Bereich aufzubauen und Ortsvereine zu gründen. So auch in Grassau, als sich im Herbst 1956 im Gasthof 'Hochgern' oder 'Mauthäusl' wie es damals genannt wurde, ein Häuflein Gleichgesinnter versammelte. Es waren dies, um nur einige zu nennen: Georg Bosch (im folgenden nicht mehr jun. genannt), Hans Hornberger sen., Hans Wimmer, Max Hogger, Josef Baudrexler, Toni Seitz, Mathias Egart, Hans Kamml und andere mehr.

Obwohl in Grassau damals schon – so geht es aus dem Protokoll des Wahlvorschlags für die Gemeinderatswahl 1952 hervor – die SPD mindestens 34 Mitglieder hatte, war man doch noch nicht örtlich organisiert. Man traf sich mit dem gemeinsamen Ziel, einen SPD-Ortsverein zu gründen, um damit auf die Entwicklung der sich im Aufbruch befindlichen Gemeinde verstärkt Einfluss nehmen zu können und dabei sozialdemokratisches Gedankengut einzubringen. Mit Georg Bosch als 1. Vorsitzendem und Hans Hornberger sen. entstand ein Ortsverein, der diese Ziele bis heute erfolgreich verfolgt. Als Kassier unterstützte Max Hogger diese Entwicklung über viele Jahre tatkräftig.

Bis zum Jahre 1971 liegen keine Aufzeichnungen über die parteiinternen Wahlen vor. Die Veranstaltungen beschränkten sich auf Wahlversammlungen und Treffen zu örtlichen Problemstellungen. Hans Hornberger sen. folgte dabei Georg Bosch als Vorsitzender des SPD Ortsvereins. Am 23. Januar 1975 wurde der langjährige SPD-Vorsitzende Georg Bosch zum Grassauer Ehrenbürger ernannt.

Am 20. Juni 1979 folgte als Ortsvereinsvorsitzender Dr. Hartmut Buchner nach, der bis 1987 dieses Amt ausfüllte. In einem der ersten Beschlüsse unter der neuen Vorstandschaft beschloss der Grassauer SPD-Ortsverein, dass ein umgehender Ausstieg aus der Atomenergie angestrebt werden solle. Dazu beschloss der Ortsverein auch, den maschinellen Torfabbau in der Kendlmühlfilzn zu stoppen und das ganze Gebiet unter einen abgestuften Schutz zu stellen, bei Wahrung der kleinbäuerlichen Torfstiche im Interesse des Eigenbedarfs. Im Herbst 1979 erschien dann die erste Ausgabe der Ortsvereinszeitung der Grassauer SPD 'Links der Ache'. Die Redaktion setzte sich aus Alice Pape (heute Gruß), Rudi Klingler und Frank Vogel zusammen.

Im Marktgemeinderat mit 20 Mitgliedern war die SPD durchgehend mit fünf bis sieben Gemeinderäten vertreten und stellte teilweise auch die stärkste Fraktion.

Bei einer Mitgliederversammlung im Februar 1981 standen bereits die hohen Grundstückspreise und damit die Schwierigkeiten für Einheimische günstiges Wohneigentum zu erwerben im Vordergrund und andererseits schon damals die Probleme der Schwerbehinderten im Ort. So sollte umgehend der Eingangsbereich zum Rathaus behindertengerecht gestaltet werden und bei allen späteren Baumaßnahmen die Bedürfnisse der Behinderten beachtet werden. Dazu versprachen die Marktgemeinderäte, sich für das Gewerbegebiet im Osten der Gemeinde und auch für einen Jugendtreff aktiv einzusetzen.

1982 stand ein mögliches Altenheim im Kurgarten und auch ein gemeindeeigenes Vereinshaus mit Veranstaltungssaal im Mittelpunkt der Diskussion innerhalb der Grassauer SPD. Beide Einrichtungen wurden als wichtige Bereicherung des Orts betrachtet.

Überlagert wurde die gemeindliche Arbeit insbesondere durch die Gefährdung der Arbeitsplätze bei Gorenje. Leider sei es der Gemeinde über viele Jahre trotz der Forderungen der örtlichen SPD seit 1960 nicht gelungen, weitere Firmen neben dem Monopolbetrieb Körting anzusiedeln, betonten Dr. Hartmut Buchner und Hans Hornberger bei einer Sondersitzung der SPD Grassau.

Mit Beginn des Jahres 1985 nahm sich der OV Grassau auch verstärkt der Verhinderung weiterer Zweitwohnungen und auch der Einführung der Zweitwohnungssteuer an.

Für die Bürgermeisterwahlen am 4. Mai 1986 wählte die Grassauer SPD einstimmig Raimund Schupfner als Kandidaten in das Amt des Bürgermeisters. Bei einer Wahlbeteiligung von 68,7% wurden insgesamt 2691 gültige Stimmen abgegeben, von denen Raimund Schupfner 1374 Stimmen, also 51,06% erhielt. Damit war Raimund Schupfner zum ersten Bürgermeister gewählt. Dem bisherigen Bürgermeister Konrad Strehhuber von der CSU fehlten 57 Stimmen, um seine Amtszeit fortzusetzen. Aber gerade in Rottau war es Schupfner gelungen mit Unterstützung der freien politischen Gruppen einen Vorsprung von 69 Stimmen zu erzielen. Am 18. September 1987 wurde der Vorstand der Grassauer SPD gewählt. Dabei gab Dr. Hartmut Buchner nach acht Jahren erfolgreichen Wirkens sein Amt ab.

Die Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen am 18. März 1990 erbrachten ein überragendes Ergebnis für den Kandidaten der SPD. Mit 71,18% der Stimmen wurde Raimund Schupfner wiedergewählt. Im Marktgemeinderat stellte die SPD sieben Räte: Hans Hornberger jun., Rudi Jantke, Hartmut Buchner, Lydia Fink, Xaver Schreiner, Stefan Kattari, und Olaf Gruß. Hans Hornberger sen. gab nach 34 Jahren seinen Sitz im Marktgemeinderat auf. Bei den Vorstandswahlen 1991 rückte erstmals Rudi Jantke in den engeren Vorstand auf. Beim Kommunalpolitischen Aschermittwoch am 24. Februar 1993 standen im Mittelpunkt die Themen Veranstaltungssaal, Modernisierung des Klärwerks und die zukünftige Ortsentwicklung im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms. In den folgenden Monaten engagierte sich der Ortsverein unter anderem auch gegen die Ansiedlung eines großen Schweinemastbetriebs zwischen Grassau und Pettendorf. Am 28. April 1994 wurde Hans Hornberger sen. die Ehrenbürgerschaft wegen seiner vielen Verdienste um seine Heimatgemeinde verliehen.

Auf Vorschlag der örtlichen SPD und Antrag der Fraktion beschloss der Marktgemeinderat in den folgenden Jahren jeweils 10% der Konzessionsabgabe, in etwa 30 000 DM, für energiesparende Maßnahmen und Nutzung regenerativer Energiequellen bereitzustellen.

Bei den am 10. März 1996 durchgeführten Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen entfielen von den insgesamt 3140 gültigen Stimmen auf den Kandidaten der SPD, Raimund Schupfner, 1819 gültige Stimmen. Damit wurde er erneut zum ersten Bürgermeister gewählt. Die SPD errang mit Hans Hornberger jun., Rudi Jantke, Katharina Heuberger, Stefan Kattari, Richard Schreiner und Olaf Gruß sechs Sitze im Marktgemeinderat. Dabei war Katharina Heuberger mit 19 Jahren eine der jüngsten Gemeinderätinnen in ganz Bayern und auch die jüngste je in Grassau gewählte Volksvertreterin. Sie wurde auch zur Jugendreferentin ernannt. Weitere Referenten aus der SPD-Fraktion waren: Olaf Gruß Umweltreferent und Rudi Jantke Sportreferent.

Die Fraktion wählte Rudi Jantke zu ihrem Sprecher und Hans Hornberger zu seinem Stellvertreter. In den folgenden Monaten standen im Mittelpunkt der politischen Arbeit der SPD die Ortssanierung im Rahmen der Städtebauförderung, die Ausweisung des Wasserschutzgebietes zur Sicherung der Grassauer Trinkwasserversorgung und der Start des Agenda 21 - Prozesses. Vorausschauend beschloss die Gemeinde auf Antrag der SPD ein Programm zu Förderung von Energiesparmaßnahmen. Damit sollten sowohl Maßnahmen zur Wärmedämmung als auch solche zur Warmwasseraufbereitung und Stromgewinnung aus Sonnenenergie gefördert werden. Gerade ein Luftkurort, wie Grassau, so der Antrag, müsse alle Anstrengungen unternehmen, um auf diesem Wege auch die Belastung der Atmosphäre einzudämmen.

Das Jahr 2001 war geprägt von den Vorbereitungen für die Kommunalwahlen im folgenden Jahr. Nachdem Bürgermeister Raimund Schupfner angekündigt hatte, nicht mehr für das Amt zu kandidieren, erklärte sich Rudi Jantke zu einer Kandidatur bereit. In der Aufstellungsversammlung wurde er einstimmig von der Grassauer SPD zu ihrem Bürgermeisterkandidaten gewählt. Am 3. März 2002 konnte Rudi Jantke bei der Bürgermeisterwahl 1724 gültige Stimmen für sich verzeichnen und gewann diese somit mit 58,26%. In den Gemeinderat schafften es sechs SPD-Mitglieder: Hans Hornberger jun., Richard Schreiner, Olaf Gruß, Herbert Gschöderer, Petra Plötz und Susi Speckbacher.

Die Fraktion wählte Richard Schreiner zu ihrem Sprecher und Hans Hornberger zu seinem Stellvertreter. In der konstituierenden Marktgemeinderatssitzung wurden Susi Speckbacher zur Jugendreferentin und Herbert Gschöderer zum Sportreferenten gewählt.

Das Jahr 2003 wurde durch die fortschreitende Ortssanierung geprägt aber auch durch die sich abzeichnende Möglichkeit, den Reifinger Weiher durch Erweiterung zu einem attraktiven Badesee für die Grassauer Familien und Gäste zu entwickeln. Die angespannte wirtschaftliche Situation mit sinkenden Steuereinnahmen und gestiegenen Umlagen führte dazu, dass sich auch die örtliche SPD dazu entschloss den Bau der dringend erforderlichen Räume für die Musikschule zu verschieben.

2007 stand schon ganz im Zeichen der im darauffolgenden Jahr anstehenden Kommunalwahlen. Mit dem Beginn des Biomassehofs wurde der Einstieg in ein energetisch autarkes Achental gemacht. Die Fertigstellung des Reifinger Weihers näherte sich dem Ende. Zudem zeichnete sich eine Verkaufslösung für den Gasthof zur Post ab mit gleichzeitiger Verwirklichung von neuen Räumen für die Bücherei und den Trachtenverein im 1. Stock des Anwesens und Sicherung des kleinen Saals.

Neuwahlen am 20. September 2007

Nach 20 Jahren als SPD-Vorsitzender trat Xaver Schreiner nicht mehr für dieses Amt an. Unter der Leitung von Kreisvorsitzenden Dirk Reichenau wurde einstimmig Dieter Hahn zum 1. Vorsitzenden der Grassauer SPD und damit zum Nachfolger von Xaver Schreiner gewählt, zu seinen Stellvertretern Rudi Jantke und Xaver Schreiner. Schriftführerin wurde erneut Heidi Fink, Schatzmeisterin Sabine Klouceck, Pressereferent Olaf Gruß.

Wenige Monate später, bei den Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen am 2. März 2008, entfielen von den insgesamt 2775 gültigen Stimmen auf Rudi Jantke 2315 gültige Stimmen. Er wurde mit 83,42% erneut zum ersten Bürgermeister gewählt. Die SPD errang im Gemeinderat sieben Sitze: Rudi Jantke, Xaver Schreiner, Hans Hornberger, Susanne Speckbacher, Olaf Gruß, Herbert Gschöderer und Mechtild Faller-Obermeier. Mit Christiane Lindlacher, Susanne Speckbacher und Mechtild FallerObermeier gehörten erstmals drei Frauen der SPD-Fraktion an. In der konstituierenden Sitzung des Marktgemeinderats wurden Susanne Speckbacher wieder zur Jugendreferentin und Christiane Lindlacher zur Sportreferentin gewählt.

Die Sanierung der Bahnhofstraße im Rahmen des Städtebauförderungsprogramms vom SchwaigerEck bis zur Aichstraße stellte 2009 den letzten Schritt der Ortskernsanierung dar. Dazu wurden auch noch die Maßnahmen zur Ortsgestaltung um die Kirchen in Rottau und Mietenkam planerisch in Angriff genommen. Mit der Eröffnung des Biomassehofs in Grassau wurde der erste Schritt zur angestrebten energetischen Unabhängigkeit des Achentals gemacht. Dann sollte mit dem Bau eines Biomasseheizwerks und dem Ausbau eines Fernwärmenetz der wichtige nächste Schritt in Angriff genommen werden.

Auch bei den Bürgermeister- und Gemeinderatswahlen am 16. März 2014 wurde der SPD-Amtsinhaber Rudi Jantke mit 79,86% der Stimmen in seinem Amt bestätigt. Bei derGemeinderatswahl erreichte die SPD die meisten Stimmen und erhielt sechs Sitze, ebensoviele wie die CSU. Olaf Gruß wurde zum Fraktionsvorsitzenden bestimmt. Im Vorstand folgte 2015 der 23-jährige Julian Denk dem bisherigen Vorsitzenden Dr. Dieter Hahn nach. Zu Denks gleichberechtigten Stellvertretern wählten die Ortsvereins-Mitglieder die Marktgemeinderätin Marina Gasteiger sowie Bürgermeister Rudi Jantke. Dieter Hahn blieb dem Vorstand in neuer Funktion als Schriftführer erhalten. Sabine Jantke wurde als Kassiererin bestätigt. Neu in den Vorstand rückt Stefan Kattari als Pressereferent auf. Er löste Olaf Gruß ab, der das Amt 35 Jahre lang innegehabt hatte. 2017 musste Denk aus beruflichen Gründen sein Amt aufgeben. Ihm folgte Tobias Gasteiger nach. Seine Stellvertreter wurden Rudi Jantke, Marina Gasteiger und Julian Denk. Stefan Kattari wurde von der Fraktion zu ihrem Sprecher bestimmt.

2019 entschloss sich Rudi Jantke, 2020 nicht mehr für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Der SPD Ortsverein Grassau wählte seinen Fraktionsvorsitzenden Stefan Kattari zum Kandidaten für dieses Amt. Dieser konnte sich in einer Stichwahl am 26. Februar 2020 mit 66,11% der abgegebenen gültigen Stimmen gegen seinen Gegenkandidaten durchsetzen und wurde neuer Bürgermeister in Grassau.

 

Olaf Gruß

 

Anmerkungen:

(1) Verfolgung und Widerstand in der NS-Zeit im Landkreis Traunstein 1933 - 1945 – Dokumentation und Ausstellung des Kreisjugendrings Traunstein 1994, Herausgeber Kreisjugendring Traunstein, Seite 49.

(2) Nach der offiziellen Bekanntmachung der Wahlergebnisse vom 23. Juni 1919.

(3) Chiemgauer Volkswacht vom 5.7.1921 StATS Dok. 115.

(4) Aus einem Schreiben vom 29. Mai 1934 vom Bürgermeister Dasch an die Kreisleitung der NSDAP Traunstein

 

27/2021