Jahrgang 2010 Nummer 29

Die ganze Welt für ein paar Groschen

100 Jahre alt und erstmals gründlich untersucht: der Altöttinger »Missions-Guckkasten«

Inserat August Fuhrmanns im Berliner »Echo« 1897: »Wer möchte viel Geld verdienen?«

Inserat August Fuhrmanns im Berliner »Echo« 1897: »Wer möchte viel Geld verdienen?«
»Kling« machte es. Und es ging weiter. Von der Fußwaschung zum »Hl. Abendmahle«. Zum Oberammergauer Passionsspiel radelten wir als Buben nach Altötting. Dort, wo heute die Städtische Galerie ist, stand damals noch der »Missions-Guckkasten« der Kapuziner. Man saß auf einem der 25 Hocker, stützte sich auf die lederbezogene Konsole, lugte durch die beiden Löcher im Holzkasten und war gespannt, wie es nach dem »Hl. Abendmahle« weiterging. Die stehenden, dreidimensionalen Bilder, die sich dem Auge boten, faszinierten. Vom Fernsehen unbeleckt, waren sie eine Steigerung der Dia-Schau in Erdkunde. Von Oberammergau ging es nach Marokko und – natürlich – in die Missionsländer. Was kostete damals die Welt? Nur ein Zehnerl! Machte es wieder »kling«, zeigte sich womöglich eine schöne Frau. Vergebliche Hoffnung. Der Guckkasten der braven Mönche Sankt war schließlich keine Peepshow.

Seit 1965 steht der Altöttinger »Missions-Guckkasten« im Münchner Stadtmuseum. Vor zwei Jahren hat man ihn gründlich restauriert. Nun ist er, was er schon in Altötting war: eine Attraktion, in der Ausstellung »Typisch München«. Besser: Typisch Altötting! Für Altötting war das Ding, das auf die Erfindung des gelernten Möbelschreiners und nachmaligen Medienwirtschaftlers August Fuhrmann zurückgeht, eine Sensation. Für die Wallfahrer Gelegenheit, einen Blick in die ganze Welt zu tun. Anfangs, 1913, war er gratis. Dann wurde um ein »Opferstockalmosen« gebeten. Niemand wollte das Fünferl geben. Also wurden 5 Pfennig Eintritt verlangt, später auf ein Zehnerl und nach dem Ersten Weltkrieg auf 20 Pfennig erhöht. Kinder zahlten die Hälfte. Ganze Schulklassen kamen und – staunten.

Das alles und mehr recherchierte erstmals ein Pensionist: Dr. Dieter Lorenz aus Hohenpeißenberg. Der Weltallmeteorologe, an Stereoskopie interessiert, kam bald auf die Kaiser-Panoramen, so genannt, weil der geschäftstüchtige Schlesier Unternehmer Fuhrmann sich der Gunst des Kaiserhauses versicherte, als er 1880 mit seinen hölzernen Rotunden begann. »Wer möchte viel Geld verdienen?«, schaltete er ein Inserat im Berliner »Echo« vom 9. Dezember 1897. Man verlange »Prospecte über weltberühmte Original-Kaiser-Panoramas, Stereoscopen-Apparate, Automaten, Kinetographen, Films, Nebelbilder, Graphophone…«

Fuhrmann betrieb 1907 247 Filialen in Europa, 162 davon in Deutschland. Er kaufte per Anzeige »stereoscope negatives and glass stereos«. Seine Bildschätze diversifizierten sich laufend. Motto: »Die ganze Welt ist mein Feld«. Lorenz: Es war typisch für einen »frühen Medienunternehmer, der nicht nur mit seinen Werbemethoden seiner Zeit voraus war«. In der »Altöttinger Zeitung« vom 10. 9. 1911 avisierte Elsa Engleder eine »Sehenswürdigkeit ersten Ranges«: In der Bahnhofstraße 5 sei für eine Woche ein »Kaiserpanorama« aufgestellt, das eine »hochinteressante Reise durch Palästina« böte. Der Standort war falsch gewählt, die Pilger übergingen auf dem Weg vom und zum Altöttinger Bahnhof die Novität. 1080 Mark zahlte das Kapuzinerkloster der Engleder für den Guckkasten. Zur Freude von Wallfahrern und Schulkindern. »Kling« machte es. Und es ging – nun ja, bis 1965 weiter. Mit klostereigenen Bilderserien über Rom, den Ätna-Ausbruch, die Hochzeit der Prinzessin Viktoria – und die Oberammergauer Passionsspiele.

Eine Bildserie hierzu ist – aus gegebenem Anlass – gerade im Panorama des Münchner Stadtmuseums eingelegt. Sie stammt aus dem Jahr 1890. Wer die ganze Geschichte bei Dieter Lorenz nachlesen will, greife zu seiner Publikation »Das Kaiser-Panorama. Ein Unternehmen des August Fuhrmann«, 60 bebilderte Seiten, 12,90 Euro, herausgegeben von Ulrich Pohlmann, München, Stadtmuseum, Sammlung Fotografie 2010.


Hans Gärtner



29/2010